Sonntag, 11. Oktober 2015

Frans de Waal, Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote, Stuttgart 2015 (2013)

(Klett-Cotta, 365 S., gebunden, 24,95 €)

1. Methode I
2. Methode II
3. Monopole
4. Emotion und Kognition
5. Empathie und Altruismus
6. Gut, Böse und die Natur des Menschen
7. Moralität
8. Sex

In einer gewissen Hinsicht gleichen sich die verschiedenen wissenschaftspolitischen Positionen zum Menschen: die behavioristische Position, die den Menschen auf das Verhalten eines Reiz-Reaktionsautomaten reduziert und Willensfreiheit leugnet (vgl. meinen Post vom 07.10.2015; vgl. auch de Waal 2015, S.187), die evolutionsbiologische Position, die alles menschliche Verhalten auf die egoistischen Gene zurückzuführen versucht (vgl. de Waal 2015, S.66), und die Position von de Waal, der sogar den anderen Menschenaffen und darüberhinaus auch allen Säugetieren Emotionen zugesteht, die unser Verhalten nicht wie Instinkte programmieren, sondern Entscheidungsalternativen eröffnen (vgl. meinen Post vom 09.10.2015; vgl. auch de Waal 2015, S.207f.). Alle drei – vielleicht noch am wenigsten die Behavioristen – versuchen, das Gute wie das Böse in der Natur des Menschen zu verorten.

De Waal wendet sich zwar an verschiedenen Stellen dezidiert gegen den Versuch, das Verhalten des Menschen auf die Gene zurückzuführen (vgl.u.a. de Waal 2015, S.51), aber insgesamt argumentiert er hier keineswegs stimmig. Wie wir im nächsten Post noch sehen werden, vertritt de Waal einen „Bottom-up-Ansatz“ der menschlichen Moralität, d.h. er will die Moralität von ‚unten‘, von der Biologie her erklären. Darauf werde ich im nächsten Post zurückkommen. Für jetzt soll der Hinweis genügen, daß dieser Ansatz eine molekular-genetische Sicht auf Moralität begünstigt.

Das zeigt sich auch an seiner Wortwahl. Insgesamt changiert de Waal zwischen richtig/falsch- und gut/böse-Formulierungen. Aber auch dort, wo er von „Richtig und Falsch“ spricht, dringt immer wieder eine statische Auffassung von moralischen Werten durch. So heißt es z.B. an einer Stelle, daß „moralische Emotionen“ etwas mit „‚Richtig‘ und ‚Falsch‘ auf einer abstrakteren Ebene“ zu tun hätten: „Erst wenn wir beurteilen, wie jeder unter bestimmten Umständen behandelt werden sollte, sprechen wir von moralischen Urteilen.“ (De Waal 2015, S.238)

Diesen Satz könnte man tatsächlich auch im formalistischen Sinne eines Immanuel Kant verstehen: unabhängig von bestimmten Inhalten wird das Handeln nur nach formalen Prinzipien beurteilt. Das meint de Waal aber definitiv nicht. Wenn es darum geht, „wie jeder unter bestimmten Umständen behandelt werden sollte“, denkt er vor allem an die das Verhalten jedes Menschen bestimmenden, biologisch verankerten Bedürfnisse: „Das moralische Gesetz wird nicht von außen aufgestülpt oder aus irgendwelchen gut durchdachten Prinzipien abgeleitet. Vielmehr entspricht es tief verwurzelten Werten, die schon immer vorhanden waren. Der grundlegendste dieser Werte leitet sich von der Aufrechterhaltung des Gruppenlebens ab.“ (De Waal 2015, S.306)

Eine solche statische Sicht auf die Moralität des Menschen macht jedes ‚Richtig‘ und jedes ‚Falsch‘ eines bestimmten Verhaltens automatisch zum Unterschied von ‚Gut‘ und ‚Böse‘ der menschlichen Natur: „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ist der Mensch von Natur aus gut, obschon fähig zu Bösem, oder er ist von Natur aus böse, aber fähig zu Gutem. Ich bin ein Verfechter der ersten Option, aber die Literatur hebt fast ausschließlich die andere hervor.“ (De Waal 2015, S.58)

Der Unterschied, daß die einen von der prinzipiellen Bösartigkeit der menschlichen Natur überzeugt sind und die anderen für die prinzipielle Gutartigkeit der menschlichen Natur eintreten, ist, was die genetische Disposition des Menschen betrifft, irrelevant. De Waal relativiert seine Position zwar dahingehend, daß die Gutartigkeit der menschlichen und der Säugetiernatur den Menschen nicht determiniert, sondern nur die Neigung des Menschen begünstigt, gut zu sein: „Die Natur hat es durchweg so eingerichtet, dass die Dinge, die wir tun müssen, Freude bereiten.“ (De Waal 2015, S.75)

Diese differenzierte Sicht auf die Natur des Menschen hindert ihn aber nicht daran, immer wieder Mutmaßungen über die evolutionsbiologischen Selektionsmechanismen zu äußern, die seiner Ansicht nach zur weitgehenden Bevorzugung altruistischer Impulse geführt haben. Den Ursprung der spezifisch menschlichen Moralität sieht de Waal in den vielen Jahrzehntausenden, in denen Wildbeutergesellschaften entsprechende prosoziale Neigungen begünstigt haben:
„Natürlich denken Jäger und Sammler nicht an die menschliche Genetik, aber indem sie Individuen, die gegen zu viele wichtige Regeln verstoßen haben, ächten oder töten, entfernen sie deren Gene aus dem Genpool. Boehm beschreibt, wie brutale Kriminelle und gefährliche Abweichler von einem ausgewählten Mitglied der Gemeinschaft eliminiert werden dürfen, welches stellvertretend für alle anderen einen Pfeil in das Herz des Missetäters schießt. Da solche moralisch motivierten Hinrichtungen über Jahrmillionen hinweg systematisch durchgeführt wurden, muss die Zahl der Hitzköpfe, Psychopathen, Betrüger und Vergewaltiger zusammen mit den Genen, die für ihr Verhalten verantwortlich sind, abgenommen haben.“ (De Waal 2015, S.240)
Letztlich läuft de Waals Darstellung also sogar auf eine evolutionsbiologische Rechtfertigung der Todesstrafe hinaus.

De Waals Sicht auf das biologisch verwurzelte moralisch Gute verleitet ihn dazu, das ‚Böse‘, also die Schattenseiten des Menschlichen, als Abnormität und als Abweichung zu verniedlichen. Nur an wenigen Stellen wird ein Seitenblick auf die Abgründe des Menschlichen geworfen, wenn de Waal z.B. darauf verweist, daß Empathie auch ein Mittel der Folter sein kann: „Ironischerweise erfordert selbst Folter Empathie, denn das gezielte Zufügen von Schmerzen setzt voraus, dass man weiß, was schmerzhaft ist.“ (De Waal 2015, S.184)

Hier müßte sich direkt die Frage nach den Möglichkeitsbedingungen von Folter anschließen, und der Blick müßte sich dann auf das Verhalten des Menschen in der Gruppe und in der Gesellschaft richten. Die Gesellschaft wird von de Waal ausschließlich als ein moralischer Qualitätssprung nach vorne definiert, im Sinne einer höheren Ebene der Menschlichkeit. Der „Gemeinschaftssinn“ bildet de Waal zufolge einen „gewaltige(n) Qualitätssprung“, der auf „Harmonie innerhalb der größeren Gemeinschaft“ hinziele. (Vgl. de Waal 2015, S.234) Ich bin dagegen davon überzeugt, daß Gesellschaften immer auch verhängnisvolle Gruppendynamiken innewohnen, die den Menschen nicht nur sozialisieren, sondern auch seiner Individualität berauben und kollektivieren können.

Jean-Jacques Rousseau hatte hier eine viel differenziertere Sicht auf die Natur des Menschen. Zwar unterschied er auch zwischen ‚gut‘ und ‚böse‘, aber nicht im moralischen Sinne, sondern gerade auch im biologischen Sinne, wie auch de Waal. Allerdings führte er die Gutartigkeit nicht auf bestimmte, allen Menschen gemeinsame biologische Grund-‚Werte‘ zurück, sondern er ging von einer Verhältnisbestimmung des Menschen zu seinen Bedürfnissen aus, gleichgültig, welcher Art sie auch immer sein mögen. Alles kommt Rousseau zufolge darauf an, ob wir als Individuen in der Lage sind, unsere Bedürfnisse selbst zu befriedigen, oder ob wir dazu die Hilfe der Anderen brauchen. Im letzten Falle werden wir abhängig von der Hilfe Anderer sein. Insbesondere in der konkurrenzorientierten bürgerlichen Gesellschaft wird das immer die Gefahr beinhalten, daß wir uns als Individuen korrumpieren lassen und uns Bedürfnisse aneignen, die nicht unsere eigenen sind.

Wie problematisch auch immer diese Sichtweise auf die Gesellschaft sein mag – Plessner und Wilhelm von Humboldt haben hier eine andere Sichtweise (vgl.u.a. meine Posts vom 25.08. und vom 04.09.2013) –, so hat sie doch den Vorzug einer wesentlich nüchterneren Betrachtungsweise zur Natur des Menschen. So neigt Rousseau z.B. ganz und gar nicht dazu, die ‚Natur‘ der Kinder zu idealisieren; anders als de Waal: „Kinder sind von Natur aus moralisch und profitieren enorm von ihrer biologischen Grundausstattung.“ (De Waal 2015, S.213f.)

Was de Waal meint, wenn er von der „biologischen Grundausstattung“ von Kindern spricht, ist klar: deren Fähigkeit zu spontanem Mitleid. Auch Rousseau anerkannte diese Fähigkeit als ein Mittel der Moralerziehung. Zugleich aber war er ganz und gar nicht der Meinung, daß Kinder in irgendeiner Weise moralisch denken und handeln. Kinder sind Rousseau zufolge keine kleinen Erwachsenen. Die Denkweise der Erwachsenen, und dazu gehört auch die Moralität, ist ihnen fremd. So viele Beispiele es für spontanes Mitleid bei Kindern gibt, so viele Beispiele gibt es auch für spontane Grausamkeit. Und bei beidem fühlen sich Kinder gleich gut, denn anders als Erwachsene handeln Kinder immer in Übereinstimmung mit ihren jeweils vorherrschenden Emotionen.

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