Samstag, 31. Oktober 2015

Axel Meyer, Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer, München 2015

(C.Bertelsmann, 416 S., gebunden, 19,99 €)

2. Methode I: Genauigkeit
3. Methode II: Polemik
4. Methode III: Korrelation
5. Geschlecht (Sex)
6. Intelligenz
7. Sinn des Lebens
8. Genom und Gehirn

Axel Meyer verbindet einen hohen Wahrheitsanspruch mit seiner fachlichen Expertise als Evolutionsbiologe: „Die Wahrheit muss nicht politisch korrekt sein. Denn auch unbequeme oder unangenehme wissenschaftliche Ergebnisse müssen akzeptiert werden als das, was sie sind – Erkenntnisse, die nach bestem Wissen die Natur, auch die menschliche, erklären.“ (Meyer 2015, S.16)

Wenn Meyer in den Begriff der ‚Natur‘ auch die menschliche Natur miteinbezieht, müssen wir davon ausgehen, daß er nicht nur die biologische Natur des Menschen meint, sondern die Erklärungskraft der (natur-) wissenschaftlichen Erkenntnisse auch auf den Sinn der menschlichen Existenz bezieht. Die biologische Entwicklungsebene bildet deshalb nicht eine Ebene für sich, sondern umfaßt auch die kulturelle und die individuelle Dimension der menschlichen Entwicklung, wie im folgenden Zitat deutlich wird: „Auf den höheren Ebenen biologischer Komplexität, die über Gene, Hormone und Epigenetik hinausgehen, kommen dann neurologische und psychologische Aspekte hinzu, wie Genderidentität, sexuelle Orientierung – das eigentliche Sexualverhalten – sowie die wohl kulturell am stärksten beeinflusste Ebene, die Geschlechterrollen.“ (Meyer 2015, S.192)

Die Ebenen der kulturellen und der individuellen Entwicklung bilden also keine Ebenen für sich, mit einer je eigenen Logik, sondern stellen Meyer zufolge lediglich komplexere, aber immer noch biologische Erweiterungen der biologischen Ebene dar.

Worin besteht demnach der Sinn des Lebens auf der untersten, fundamental-biologischen Ebene? – Axel Meyer: „Die Durchmischung von genetischem Material und die Erzeugung neuer Kombinationen von Genen in einem Individuum – das ist die ultimative Aufgabe von und der Grund für Sex schlechthin. ... Banal und biologisch ausgedrückt ist dies der Sinn des Lebens, die Logik der Evolution.“ (Meyer 2015, S.84)

Mit anderen Worten: Der Sinn des Lebens besteht darin, daß das Leben das ist, was es ist. Das klingt verdächtig nach Tautologie. Ganz ähnlich heißt es an einer anderen Stelle: „Es geht hier nicht darum, eine philosophische Diskussion über den Sinn des Lebens zu beginnen. Aus biologischer Sicht es er klar und lapidar: essen, überleben, sich fortpflanzen und evolutionär möglichst fit zu sein – will heißen: möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen.“ (Meyer 2015, S.99)

Philosophie hilft uns also, wenn ich Axel Meyer richtig verstehe, nicht weiter. Frans de Waal, ebenfalls Biologie, sieht das ganz anders und spricht von einer Kluft zwischen Sein und Sollen. (Vgl. meinen Post vom 12.10.2015) Beim Sinnbegriff haben wir es mit einem ähnlichen Problem wie beim Moralbegriff zu tun. Beim Moralbegriff stellt sich aufgrund der Differenz zwischen Sein und Sollen nicht nur die Frage, wie aus einem Sein ein Sollen, sondern auch wie aus einem Sollen ein Wollen (Sein) werden kann. Beim Sinnbegriff haben wir es in analoger Weise mit einer Differenz zwischen Sein und Zweckbestimmung (Sollen) zu tun, und mit der Frage, wie aus einem Wollen ein Sollen werden kann, also mit der Frage, welches Wollen unter den vielen Wünschbarkeiten und Launen des Augenblicks sich durchhält und uns dazu befähigt, unser Leben zu führen. Es ist also die Biologie – und nicht die Philosophie –, die uns hier nicht weiterhilft.

Auch Axel Meyer erkennt die Dürftigkeit seiner biologischen Sinnbestimmung, und er versucht, sie etwas aufzupäppeln: „Die Erkenntnis der nur vorübergehenden Existenz unseres Körpers als Vehikel unserer Gene und als provisorische und flüchtige Ansammlung von Sternenstaub sollte uns mit Achtung und Respekt für die Kontinuität des Lebens auf diesem Planeten erfüllen. Deshalb sollte jedes Mitglied der Art Homo sapiens sich dazu angehalten sehen, mit unserem Planeten sorgsam umzugehen.“ (Meyer 2015, S.100)

Das ist eine wirklich schöne, zu Herzen gehende Sinnbestimmung, zu der Meyer hier findet. Ich denke, daß viele Menschen ihr zustimmen können. Aber was an dieser Sinnbestimmung ist eigentlich der spezifischen Expertise des Evolutionsbiologen Axel Meyer zu verdanken? Abgesehen von dem Hinweis auf den Körper „als Vehikel unserer Gene“? Der Hinweis auf die Gene soll letztlich nur vertuschen, daß wir es hier mit einer ganz persönlichen Stellungnahme des Autor zu tun haben, die ihre kulturellen und individuellen Hintergründe hat, die durchaus respektabel sind, aber eben nicht biologisch sind!

Biologisch gesehen ist es doch wohl eher so, daß jede Art, angefangen von Viren und Bakterien über Parasiten bis hin zum Menschen, sich vor allem fortpflanzen will und auf dem Weg dorthin natürlich auch ‚essen‘ und ‚trinken‘ muß. Und das geht irgendwie immer auch auf Kosten der anderen Arten und letztlich, wie beim Menschen, auf Kosten des Planeten. Natürlich kann man hier eine ökologische Perspektive einnehmen und diese mit dem Hinweis verbinden, daß der Egoismus der ‚Gene‘, also der Art, sich letztlich wieder gegen die Gene selbst wenden muß, wenn sie sich auf Kosten aller anderen rücksichtslos zu vermehren trachten. Wir hätten es also hier wieder mit der biologischen Notwendigkeit einer begrenzten Fortpflanzung zu tun. Daraus ergibt sich dann aber weniger eine Antwort auf die Frage nach dem (biologischen) Sinn des Lebens als einem Wollen, als vielmehr eine Antwort auf die Frage nach der Moral als einem Sollen.

Das ist die Frage, die sich de Waal stellt. Axel Meyer hingegen dringt bis zu diesen Differenzierungen gar nicht weiter vor. Er springt einfach von der biologischen Ebene der Fortpflanzung direkt zu seinem „ganz persönlichen Sinn des Lebens“, der Bewahrung des „Planeten mit all seinen Arten und Lebensräumen“ (vgl. Meyer 2015, S.100), und er glaubt, damit erweise sich seine evolutionsbiologische Kompetenz.

Es fällt mir leicht, seiner persönlichen Stellungnahme zum Sinn des Lebens zuzustimmen. Aber es fällt mir schwer, seine diesbezügliche Autorität anzuerkennen. Meine Zustimmung zu dieser Sinnbestimmung wird von keiner anderen Autorität als derjenigen getragen, die in meiner eigenen Person begründet ist.

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