Sonntag, 25. Oktober 2015

Axel Meyer, Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer, München 2015

(C.Bertelsmann, 416 S., gebunden, 19,99 €)

2. Methode I: Genauigkeit
3. Methode II: Polemik
4. Methode III: Korrelation
5. Geschlecht (Sex)
6. Intelligenz
7. Sinn des Lebens
8. Genom und Gehirn

Als ich in meinem letzten Post ausführlicher auf Axel Meyers Verwendung des Begriffs „biochemische Basis“ einging, war es mir nicht um ‚Haarspalterei‘ gegangen. Ich hatte nicht unnötigerweise eine präzisere Definition eines Begriffs erzwingen wollen, wo sein ungenauer Gebrauch im Textzusammenhang durchaus hinreichend verständlich und deshalb nicht weiter klärungsbedürftig ist. Wenn Meyer die DNS bzw. die DNA als „biochemische Basis der Vererbung“ bezeichnet, kann man ihn durchaus dahingehend verstehen, daß das DNS-Molekül insofern die Basis biochemischer Prozesse der Zelle bildet, als die Zelle die ‚Informationen‘ der DNS ‚ausliest‘ und in Proteine umsetzt.

Man kann dem Autor an dieser Stelle also zugute halten, daß er sich aus Sparsamkeitsgründen ungenau ausdrückt. Diese Sparsamkeitsgründe gelten für jeden Autor, ob es sich dabei nun um fiction, science oder science fiction handelt: kein Autor der Welt kann seineTexte so ausformulieren, daß sie in allen Passagen der Forderung äußerster Genauigkeit genügen. Entweder müßte man diese Texte dann gleich durch mathematische Formeln ersetzen, oder die Argumentation bzw. der Erzählzusammenhang müßte in allen Details bis ‚Adam und Eva‘ zurückverfolgt werden, – ein Ding der Unmöglichkeit. Es sei denn, man macht es wie Euklid und schreibt ein Buch, das nur aus Definitionen und Formeln besteht.

Auch Axel Meyer weiß es besser, als aus der von mir aufgegriffenen Textstelle hervorgeht. An vielen anderen Textstellen weist Meyer ausdrücklich auf den Größenunterschied zwischen Samen- und Eizelle und auf die Kosten hin, die damit für jede Frau einhergehen: „Größere Eizellen bedeuten, dass Weibchen von Anfang an mehr in den Nachwuchs investieren als Männchen. Größere Geschlechtszellen zu produzieren kostet Nahrung und Zeit, die der weibliche Organismus für andere Dinge hätte aufwenden können.“ (Meyer 2015, S.85f.) – Das hat, so Meyer, „Unterschiede() in Verhalten, Aussehen und evolutionären Strategien der beiden Geschlechter“ zur Folge. (Vgl. Meyer 2015, S.85)

Ich habe Axel Meyer an dieser Stelle dennoch genau genommen, weil ich daran demonstrieren wollte, daß keine wissenschaftliche Disziplin, auch keine naturwissenschaftliche, dem selbstgestellten Postulat durchgängiger systematischer Genauigkeit entsprechen kann. Zumindestens dann nicht, wenn sie sich sprachlicher Mittel der Darstellung bedient. So steht z.B. im Zentrum der Wirtschaftswissenschaften das Geld, und obwohl diese geisteswissenschaftliche Disziplin es so gern den Naturwissenschaften gleichtun möchte und sich einen eigenen Nobelpreis gönnt, gibt es bis heute keine intradisziplinär anerkannte Definition für diesen Begriff. Selbst die Mathematik mit ihren Formeln funktioniert nur in einem Umfeld alltagssprachlicher Kommunikation; wobei ich mir nicht sicher bin, ob das auch für die Quantentheorie und für die Relativitätstheorie gilt. Aber selbst Einstein, glaubt man seiner Selbstdarstellung, bevorzugte das Denken in Bildern bzw. Metaphern. Die mathematischen Formeln ergaben sich immer erst hinterher aus diesen Denkprozessen.

Jede wissenschaftliche Disziplin hat in ihrem Kernbereich einige präzise definierte Begriffe, die ein System ergeben. Aber dieses Begriffssystem hat unscharfe Ränder. Es fasert aus, und die verschiedenen Fäden reichen in andere Disziplinen hinein und verbinden sich dort mit anderen, ebenfalls an den Rändern unscharfen Systematiken. Interdisziplinarität beruht nicht einfach im Austausch von Begriffen, denn Begriffe, die in einem disziplinären Bereich präzise definiert sind, werden durch Übertragung in andere Bereiche unscharf: sie werden zu Metaphern. Interdisziplinarität beruht also letztlich auf dem Austausch von Metaphern.

Axel Meyer ist Genetiker und Evolutionsbiologe. Er nimmt es immer dann besonders genau, wenn es um Gene geht. Sein Buch ist äußerst instruktiv, wenn man wissen will, was Gene sind und wie Vererbung funktioniert. In diesem Zusammenhang haben wir es bei Meyers Buch, so weit ich es beurteilen kann, mit einem wirklich lesenswerten, äußerst informativen Grundlagenwerk zur Evolutionsbiologie zu tun. Das heißt aber auch, daß Meyer an Aktivitäten auf Zellebene weniger interessiert ist. An dieser Stelle erlaubt er sich dann immer wieder Ungenauigkeiten. Das ist eben nicht sein Metier. Er ist kein Reproduktionsmediziner. Und selbst Reproduktionsmediziner neigen dazu, durch den unreflektierten (ungenauen) Gebrauch von Begriffen wie ‚Fortpflanzung‘, ‚Befruchtung‘, ‚Zeugungsakt‘ etc. die reproduktiven Aktivitäten der mütterlichen Eizelle unterzubewerten.

Ungenauigkeiten dieser Art unterlaufen Axel Meyer zuhauf. So widmet er z.B. ein Kapitel den „Kuckuckskindern“. (Vgl. Meyer 2015, S.205f.) Es gibt kaum einen anderen Begriff, der ungenauer und sachlich falscher ist. (Vgl. hierzu den Reproduktionsblog von Georg Reischel) Der Kuckuck legt seine Eier in ein fremdes Nest, um seine Jungen von fremden Vogeleltern aufziehen zu lassen. Im menschlichen Fall aber ist das ‚Nest‘ die Mutter selbst. Sie zieht ihr eigenes Kind auf. Es ist kein Kuckuckskind. Vielmehr ist der Vater eine Art ‚Kuckucksvater‘, weil die Mutter ihn glauben läßt, es sei sein Kind.

Ist das vielleicht wieder eine unnötige Präzisierung? Weiß denn nicht ohnehin jeder Leser, was hier gemeint ist? Keineswegs: am Begriff des Kuckuckskindes hängt ein ganzer „Rattenschwanz“, wie Axel Meyer sich ausdrücken würde (vgl. Meyer 2015, S.85 und S.202), an gesellschaftlichen, politischen und historischen Konsequenzen, denen der Biologe mit seiner Expertise allein dadurch Plausibilität verleiht, daß auch er den ‚Begriff‘ des Kuckuckskindes verwendet. Da sollte man es schon etwas genauer nehmen.

Ein anderes Beispiel betrifft nochmal das Verhältnis von Samenzelle und Eizelle. Wie wir gesehen haben, weiß Axel Meyer sehr wohl, was es mit dem Größenunterschied zwischen den beiden Keimzellen auf sich hat. Dennoch spricht er davon, daß beim Geschlechtsakt Samenzelle und Eizelle miteinander verschmelzen: „Der menschliche Körper entsteht aus der Verschmelzung von je einem Chromosomensatz der Mutter und einem des Vaters in Gestalt der Eizelle und der Samenzelle. Die aus der Vereinigung dieser beiden Geschlechtszellen resultierende befruchtete Eizelle nennt man Zygote – die als erste Zelle eines neuen Körpers wieder einen doppelten Satz Chromosomen hat.“ (Meyer 2015, S.25)

In diesem Zitat erlaubt sich Meyer gleich drei Ungenauigkeiten: erstens spricht er von einer ‚Verschmelzung‘ zweier Chromosomensätze; zweitens setzt er diese Chromosomensätze mit den Keimzellen gleich, also männlicher Chromosomensatz gleich Samenzelle und weiblicher Chromosomensatz gleich Eizelle; und drittens geht Axel Meyer zufolge die „erste Zelle eines neuen Körpers“, die Zygote, aus einem Befruchtungsakt hervor. Alles das sind hochproblematische Begrifflichkeiten mit einem hohen metaphorischen Gehalt.

Der Begriff „Verschmelzung“ paßt weder auf die beiden Keimzellen bei ihrer Vereinigung, noch auf die Vereinigung der beiden haploiden Chromosomensätze, der Karyogamie, die in einem wohlgeordneten Aneinanderlagern dieser Chromosomensätze besteht. Die Eizelle ‚weiß‘ immer sehr genau, was gerade passiert, da sie das Spermium phagozytiert, d.h. aktiv aufnimmt, bearbeitet und integriert. Allenfalls kann man die männliche Samenzelle mit ihrem Chromosomensatz gleichsetzen, denn der Zellcharakter des Spermiums ist aufs Äußerste reduziert. Dennoch liefert auch das Spermium etwas mehr als nur den haploiden Chromosomensatz. Und das weiß Meyer auch. Dennoch verzichtet er darauf, den genauen Ablauf der Vereinigung beider Zellen und der Vereinigung der haploiden Chromosomensätze präzise zu beschreiben, und er spricht stattdessen lieber von ‚Verschmelzung‘, ein Begriff, der dem unbefangenen Leser einen Fifty-Fifty-Anteil beider Geschlechter an der Produktion der neuen Eizelle suggeriert. (Mein Dank an Georg Reischel für die Formulierungshilfe)

Dabei legt Meyer selbst sehr viel Wert auf Genauigkeit. Er rühmt sich und seine naturwissenschaftliche Disziplin geradezu damit, daß sie es immer genau nimmt und sich nicht mit irgendwelchen „Geschichtchen“ zufrieden gibt, „deren wissenschaftlicher Wert gegen null geht“. (Vgl. Meyer 2015, S.339) „Narrative“, so Meyer, können „nicht die Wirklichkeit abbilden“. Nur „empirisch gesicherte und experimentell überprüfte Aussagen“ können „brauchbare Informationen“ enthalten, „aus denen sich Zusammenhänge erkennen und Vorhersagen ableiten lassen.“ (Vgl. Meyer 2015, S.340)

Seine Abneigung gegen die Genderstudies begründet Meyer unter anderem damit, daß sie den Geschlechtsunterschied ausschließlich kulturell definieren. Sie leugnen den ‚Sex‘, also die biologische Grundlage des Geschlechtsunterschieds. (Vgl. Meyer 2015, S.292) Inzwischen, so Meyer, haben sogar Naturwissenschaftler begonnen, den Begriff ‚Gender‘ dem Begriff ‚Sex‘ vorzuziehen. Das führt, wie Meyer sich beklagt, zu ‚Ungenauigkeiten‘: „Eine Analyse ... der wissenschaftlichen Literatur() zeigt, dass der zunehmende Trend, auch in den Naturwissenschaften den Begriff ‚Gender‘ zu benutzen – ursprünglich wohl als Sympathiebekundung für feministische Ziele –, eher dazu führte, dass zulasten von Eindeutigkeit ungenauer formuliert wurde. ... Dieser bedauerliche Trend in den Naturwissenschaften, das klarer definierte ‚Sex‘ gegen ‚Gender‘ auszutauschen, hat zur Folge, dass das Wort ‚Gender‘, das bis 1965 kaum noch in Gebrauch war, nun auch in den Naturwissenschaften fast so häufig wie das Wort ‚Sex‘ benutzt wird ... . Es ist schlicht falsch, bei einem Fisch beispielsweise von ‚Gender‘ zu sprechen, kommt aber leider immer häufiger vor.“ (Meyer 2015, S.196)

Axel Meyer hebt also immer wieder hervor, wie wichtig es sei, sprachlich genau zu sein. Letztlich besteht das Anliegen seines Buches genau darin. Tatsächlich nimmt er selbst es aber immer wieder gar nicht so genau. Allein schon das Wort „Kuckuckskinder“ erzählt „Geschichtchen“. Das Wort „Befruchtung“ erzählt „Geschichtchen“. Axel Meyer erzählt andauernd „Geschichtchen“, allein durch die ungenaue Verwendung von Begriffen. Das macht seine Behauptung, dem Leser das „biologische() Wissen“ – „das übrigens auch für gesellschaftlich-politische Themen relevant ist“, wie Meyer hervorhebt – „aus einer unvoreingenommenen wissenschaftlichen Sichtweise“ nahebringen zu wollen (vgl. Meyer 2015, S.16), unglaubhaft.

Überhaupt ist meiner Erfahrung nach immer dann Vorsicht angebracht, wenn sich jemand selbst Unvoreingenommenheit attestiert und sich demonstrativ von all den politischen Ideologien freispricht, die er seinen Gegnern unterstellt.

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