Montag, 17. August 2015

Michael Pauen/Harald Welzer, Autonomie. Eine Verteidigung, Frankfurt a.M. 2015

(S. Fischer Verlag, gebunden, 328 S., 19,99 €)

1. Zusammenfassung
2. Experimente I: Meßkriterien
3. Experimente II: Design
4. Experimente III: Kasuistik
5. Differenz von Innen und Außen
6. Spielräume
7. Vorschläge zur Verteidigung der Autonomie

Die eigentliche Gefährdung der Autonomie, gegen die sie verteidigt werden muß, sehen Pauen/Welzer nicht darin, „dass fanatisierte Sicherheitsbeamte im Auftrag von Regierungen Gesetze brechen, Menschen abhören und ihre Daten sammeln, um ihren präventiven Sicherheits- und Machtphantasien zu huldigen“. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.281) Für weit bedenklicher halten sie die soziale Veränderung, „die durch die Bereitstellung, Erfassung und Algorithmisierung aller Daten geschieht, die unser privates Leben betreffen“. (Ebenda)

Die damit einhergehende Aufhebung des Privatraums bedroht die Individuen und ihre Autonomie unmittelbar, weil sie nicht von außen durch eindringende Geheimpolizisten bedroht wird, sondern sich von innen durch die eigene freiwillige Teilhabe einfach auflöst. Pauen/Welzer sprechen von einem „Quartett“ von Argumenten, dem sich in der Gesellschaft regelmäßig die Türen für die neuen Technologien öffnen: „Komfort, Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz“ (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.S.255) – Letztlich sind es vor allem Sicherheit und Komfort, für die wir unsere Freiheit bereitwillig beschränken lassen, und mit Blick auf das autonom fahrende Google-Auto fragen Pauen/Welzer provokativ: „... ist das Leben noch nicht bequem genug?“ (Pauen/Welzer 2015, S.275)

Pauen/Welzer stellen eine Liste von elf Verteidigungsregeln zusammen, die uns dabei helfen sollen, unsere Autonomie zu schützen. Diese Regeln stehen aber zur Disposition. Die Leser sind dazu aufgefordert, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen und die Regeln zu verändern, zu ergänzen oder zu reduzieren, so wie sie es selbst für sinnvoll halten: „Wenn Sie alle diese Regeln unwidersprochen beherzigen, könnte Sie das in Verdacht bringen, konformistisch zu sein. Streichen Sie also diejenigen, bei denen Sie skeptisch sind, und fügen Sie andere hinzu.“ (Pauen/Welzer 2015, S.285f.)

Ich finde Pauen/Welzers Regeln sehr hilfreich und anregend, über die Praxis der eigenen Lebensführung nachzudenken. Ich werde sie hier deshalb in der Form vorstellen, wie sie Pauen/Welzer verfaßt haben, und ich werde sie dann anschließend, entsprechend ihrer Aufforderung, modifizieren und ergänzen. Ich ziehe es allerdings vor, nicht von ‚Regeln‘, sondern von ‚Vorschlägen‘ zu sprechen.

Zunächst also Pauen/Welzer:
„Nr.1: Verkaufen Sie niemals persönliche Souveränität für monetäre Vorteile.“ (Pauen/Welzer 2015, S.282)
„Nr.2: Folgen Sie nie Politikerinnen und Politikern, die Ihnen mehr Sicherheit auf Kosten von Freiheit versprechen.“ (Pauen/Welzer 2015, S.282)
„Nr.3: Üben Sie digitale Askese, wo immer es geht.“ (Pauen/Welzer 2015, S.283)
„Nr.4: Soziale Netzwerke ... sind keine sozialen Netzwerke, sondern Produktionsstätten von informativer Macht über Sie. ... überlegen Sie sich gut, was Sie dort veröffentlichen – es sind nicht nur Ihre Freunde, die mitlesen.“ (Pauen/Welzer 2015, S.283)
„Nr.5: Glauben Sie niemals, dass der annoncierte Vorteil einer technischen Innovation ein Vorteil für Sie ist.“ (Pauen/Welzer 2015, S.283)
„Nr.6: Don‘t believe the hype.“ (Pauen/Welzer 2015, S.284)
„Nr.7: Treten Sie für Ihr eigenes Urteil ein.“ (Pauen/Welzer 2015, S.284)
„Nr.8: Suchen Sie bei der Urteilsbildung systematisch nicht nach mit Ihren übereinstimmenden, sondern abweichenden Auffassungen.“ (Pauen/Welzer 2015, S.284)
„Nr.9: Artikulieren Sie Ihren politischen Anspruch auf Selbstbestimmung.“ (Pauen/Welzer 2015, S.284)
„Nr.10: Es geht um etwas. Nämlich um das Eintreten für eine Gesellschaftsform, die garantiert, dass man für sie eintreten kann.“ (Pauen/Welzer 2015, S.285)
„... Nr.11: Demokratie bedarf der ständigen Übung in Autonomie.“ (Pauen/Welzer 2015, S.285f.)

Vorschlag Nr.1 ergänzen Pauen/Welzer mit dem Hinweis auf „Versicherungsmathematiker“, die uns vorrechnen, daß uns Versicherungspolicen günstiger kommen, wenn wir unsere Gesundheit rund um die Uhr überwachen lassen. Vorschlag Nr.2 ergänzen Pauen/Welzer mit dem Hinweis auf das „egoistische() Interesse“ von Unternehmen und Behörden, denen es keineswegs um unsere Sicherheit und unsere Freiheit geht, sondern um die Manipulation unserer Bedürfnisse, die ihnen um so besser gelingt, je mehr Daten sie von uns zur Verfügung haben. Vorschlag Nr.3 ergänzen Pauen/Welzer mit dem Hinweis darauf, daß wir beim Verzicht auf online-shopping Arbeitsplätze erhalten und Mobilität und Verpackungsmüll reduzieren. Vorschlag Nr.4 steht für sich. Vorschlag Nr.5 ergänzen Pauen/Welzer mit dem Hinweis, daß unsere Handlungsspielräume durch Technologien, die für uns Entscheidungen treffen, indem sie z.B. die Milch bestellen, systematisch eingeschränkt werden: „In diesem Zusammenhang ist es übrigens sinnvoll, sich daran zu erinnern, wie viele Fehler und Defekte an Geräten, Programmen, Dienstleistungen Sie schon erlebt haben. Das erste Tesla-Auto ist schon von chinesischen Studenten gehackt worden, und man kann das mit Ihrem smarten Home ganz genauso machen.“ (Pauen/Welzer 2015, S.283f.)

Vorschlag Nr.6 ergänzen Pauen/Welzer mit dem Hinweis, daß wir uns darin üben sollen, selber zu denken, anstatt zu denken, was die anderen denken. Mit Hinweis auf die Rekursivität (Tomasello) möchte ich diese Ergänzung aber noch einmal dahingehend modifizieren, daß es darum geht, selber zu denken auf der Basis dessen, was andere denken. Vorschlag Nr.7 ergänzen Pauen/Welzer mit dem Hinweis, daß es „hilfreich“ sei, sich seinen Freundeskreis heterogen zusammenzustellen, denn die Wahrscheinlichkeit, „zu autonomen Urteilen (zu) kommen“, sinkt mit der „Homogenität der Meinungen“. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.284) Vorschlag Nr.8 ergänzen Pauen/Welzer mit dem Hinweis, daß es sinnvoll sei, Expertenmeinungen zu mißtrauen – ein Vorschlag den ich hier noch einmal extra unterstreichen (bzw. fett drucken) möchte –, weil nämlich Experten durch ihre Expertise in ihren „Denkmöglichkeiten“ eingeschränkt sind. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.284f.) – Wir haben es bei der ‚Expertise‘ also wieder mit einem Wort mit Doppelaspektivität zu tun. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum Pauen/Welzer an anderer Stelle meinen, daß man generell der Erfahrung, auch der eigenen, mißtrauen müsse. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.170f.) Das halte ich allerdings für weit übers Ziel hinausgeschossen.

Vorschlag Nr.9 ergänzen Pauen/Welzer mit dem Hinweis, daß sich niemand anderes für unser Recht auf Selbstbestimmung einsetzt, auch nicht die von uns gewählten Politiker. Die Vorschläge Nr.10 und Nr.11 stehen für sich.

In der folgenden Graphik stelle ich meine Alternativvorschläge vor.




Zunächst einmal finde ich, daß man Pauen/Welzers elf Vorschläge auf sechs reduzieren kann. Pauen/Welzers Vorschlag Nr.4 bildet nur eine weitere Erläuterung zu Nr.3, und ihre Vorschläge Nr.6, 8 und 10 liefern ebenfalls keine neuen Aspekte, sondern bilden nur weitere Erläuterungen zu Vorschlag Nr.7.

Vorschlag Nr.11 wird in meiner neuen Zählung zu Nr.6, und ich möchte das Wort ‚Autonomie‘ durch ‚Achtsamkeit‘ ersetzen. Das Wort ‚Autonomie‘ ist mir zu ambivalent und zu leicht mit ‚Konformität‘ zu verwechseln. Es ist zu leicht mißbrauchbar für Demagogie. ‚Achtsamkeit‘ ist wiederum nicht mit ‚Wachsamkeit‘ zu verwechseln. Dabei handelt es sich wiederum um ein demagogisch mißbrauchbares Wort. Auch der Überwachungsstaat ist gerne ‚wachsam‘. Mit ‚Achtsamkeit‘ ist eine meditative Bewußtseinshaltung angesprochen, die unverzichtbar für eigenständiges Denken ist.

Vorschlag Nr.7 zur Abschaffung des Bargeldes bildet bei Pauen/Welzer einen Bestandteil ihres Vorschlags Nr.8. Ich finde aber, er hat es verdient, als eigenständiger Vorschlag aufgeführt zu werden. Im Zuge der ‚Reformen‘ in Griechenland (die, wen wundert’s?, dazu dienen sollen, das Wirtschaftswachstum anzuregen) wird übrigens derzeit geprüft, ob man per Gesetz festlegen kann, daß das Abwickeln von Geschäften nur noch bargeldlos stattfinden darf, um so zu verhindern, daß die Mehrwertsteuer umgangen wird.

Vorschlag Nr.8 ist mein eigener Vorschlag. Ich unterscheide zwischen Müllproduzenten und Verbrauchern. Das Wort ‚Verbraucher‘ ist bei mir eindeutig positiv konnotiert. Wenn wir nämlich die Dinge, die wir brauchen, verbrauchen, erweisen wir ihnen Respekt. Wir lassen den Gebrauchsgegenständen alle Zeit, die ihnen zukommt, denn jeder Gebrauchsgegenstand hat seine Zeit. Wir werfen ihn nicht einfach weg, wenn wir ihn nicht mehr ‚leiden‘ können, weil er möglicherweise in unseren Augen unansehnlich geworden ist, während er aber durchaus noch brauchbar ist. Und wenn er schadhaft geworden ist, werden wir ihn reparieren, wenn das noch möglich ist.
Ich kann mich an eine Szene aus meiner Kindheit erinnern, die irgendwie auch ein Klischee bildet, so daß ich mir gar nicht so sicher bin, ob es sich wirklich um meine persönliche Erinnerung handelt. Meine Eltern und ich gingen über einen Markt. An einem Stand wurden Brieftaschen angeboten. Meine Mutter wollte meinem Vater eine neue Brieftasche aussuchen, aber mein Vater wollte auf seine alte, gleichermaßen vernutzte wie vertraute, ans Herz gewachsene Brieftasche nicht verzichten und weigerte sich, eine neue zu kaufen: „Die alte ist noch völlig in Ordnung“, verteidigte er sich. Meine Mutter wurde ärgerlich und schimpfte: „Also das gibts doch nicht! Dieser Mann will einfach nicht seine schäbige Brieftasche wegwerfen!“
Es gibt das Argument, daß ein solches Verhalten unserer Wirtschaft schaden würde, weil sie dann nicht mehr wachsen könne. – Gut so!

Außerdem hat dieses Verbraucherverhalten einen positiven Einfluß auf unsere Demokratie. In einem Gespräch über das Buch von Pauen/Welzer meinte mein Gesprächspartner, meine Kritik an der Gesellschaft sei viel zu theoretisch und unkonkret. Er meinte, ich solle mir vorstellen, ich sei die Bundeskanzlerin und müsse Entscheidungen treffen, wohin die Reise gehen solle. Dazu müsse ich ein Konzept haben, eine konkrete Utopie, um zu wissen, wie die politischen Maßnahmen aussehen sollen, um sie umzusetzen.

Aber ich lehne das ab. Ich will keine politische Macht haben und über das Leben vieler Millionen Menschen hinweg entscheiden. Ich setze auf den Effekt der Gruppenintelligenz, von der in den vorangegangenen Posts schon die Rede gewesen ist. (Vgl. meinen Post vom 16.08.2015) ‚Intelligent‘ bzw. ‚effizient‘ sind Gruppen und Gesellschaften immer dann, wenn sie dem eigenständigen Denken der Individuen Raum geben. Die Basis dieser gesellschaftlichen Intelligenz bildet aber das Verbraucherverhalten, also Menschen, die zur Achtsamkeit fähig sind. Das heißt, sie müssen in der Lage sein, ihre eigenen Bedürfnisse selbst zu erkennen und sich nicht manipulieren zu lassen. Was dabei herauskommt, ist, so hoffe ich, allemal intelligenter als jede politische Utopie jemals sein wird.

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