Sonntag, 16. August 2015

Michael Pauen/Harald Welzer, Autonomie. Eine Verteidigung, Frankfurt a.M. 2015

(S. Fischer Verlag, gebunden, 328 S., 19,99 €)

1. Zusammenfassung
2. Experimente I: Meßkriterien
3. Experimente II: Design
4. Experimente III: Kasuistik
5. Differenz von Innen und Außen
6. Spielräume
7. Vorschläge zur Verteidigung der Autonomie

Wenn es etwas gibt, das autonomes Verhalten mit großer Wahrscheinlichkeit von vornherein verhindert, dann sind das Gruppendynamiken. Damit es zwischen unterschiedlichen Menschen zu einer Gruppendynamik kommt, müssen sie keine besondere Beziehung zueinander haben, und eine Wir-Gruppe kann z.B. einfach dadurch entstehen, daß sie durch Zufall oder durch Anweisung (etwa eines Spielleiters oder Experimentators) willkürlich zu verschiedenen Gruppen zusammengestellt werden. So wurden in einem Experiment von Henry Tajfel Versuchspersonen, die „untereinander keinerlei Kontakt hatten“ und „sich den jeweiligen Gruppen nur abstrakt zuordnen konnten“, Gruppen von „Klee-Liebhabern“, „Kandinsky-Liebhabern“ und einer gemischten Gruppe zugeordnet. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.122) Sie sollten nach einem festgelegten „Verteilungsschlüssel“ diesen Gruppen Geldbeträge zuweisen. Natürlich häuften sich die Geldbeträge schließlich „jeweils auf dem Konto der Gruppe, der die Versuchspersonen sich zugehörig fühlte“: „Dieses Bild zeigte sich sogar dann, wenn die Gruppen nicht nach vermeintlichen ästhetischen Vorlieben, sondern nach Münzwurf eingeteilt wurden() – woraus man den einfachen Schluss ziehen kann, dass Menschen schon dann als Gruppenmitglieder handeln, wenn sie sich als Mitglieder von Gruppen wahrnehmen.“ (Pauen/Welzer 2015, S.122f.)

Pauen/Welzer machen vor allem Rückkopplungsprozesse für das Entstehen von Gruppendynamiken verantwortlich: „Wenn sie auftreten, dann bleibt es nicht dabei, dass ich mich den Regeln einer Gruppe anpasse, vielmehr führt meine Anpassung dazu, dass sich die Regeln der Gruppe ändern, was zu weiteren Anpassungsprozessen bei mir und den anderen Gruppenmitgliedern führt, die dann wiederum die Gruppenregeln verändern etc. Hierdurch können Kettenreaktionen entstehen, die von den Beteiligten nur noch schwer zu kontrollieren sind, zumal sie oft unbewusst geschehen.“ (Pauen/Welzer 2015, S.45)

Als Beispiel für eine solche Gruppendynamik führen Pauen/Welzer das Stanford-Prison-Experiment an, in dem Versuchspersonen in die Gruppen ‚Gefangene‘ und ‚Wärter‘ eingeteilt wurden: „Dort führten anfänglich kleine Grenzverletzungen durch Gefängniswärter, verstärkt durch die Gegenreaktionen der Gefangenen, zu einer allmählichen Veränderung der Spielregeln, bis die Wärter die Gefangenen schließlich in dramatischer Weise misshandelten.“ (Pauen/Welzer 2015, S.45f.) – Übrigens gerieten auch die Versuchsleiter in die hypnotische Dynamik dieses außer Kontrolle geratenen Experiments und beteiligten sich an der Mißhandlung der ‚Gefangenen‘. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.143) Das ‚Experiment‘ endete erst, als eine von außen hinzukommende Doktorandin intervenierte.

Wir haben es bei diesen Gruppendynamiken nicht mit Schwarmphänomenen zu tun, wie wir sie aus der Komplexitätsforschung kennen. (Vgl. meine Posts vom 02.08. bis zum 05.08.2011 und vom 13.08. bis zum 31.08.2011) Schwärme funktionieren nach einfachen, unveränderlichen Regeln bzw. Algorithmen, und sie eskalieren deshalb nicht. Die von Pauen/Welzer beschriebenen Gruppendynamiken hingegen führen aufgrund der beschriebenen Rückkopplung zur Veränderung und sogar außer-Kraft-Setzung von Regeln. Die Grundlage dafür ist paradoxerweise genau jener Hang zum ‚Konformismus‘, den Tomasello als Rekursivität beschreibt. (Vgl. meinen Post vom 25.04.2010) Der rekursive Mechanismus besteht in der wechselseitigen Zuschreibung von kommunikativen Absichten: „Ich weiß, daß Du weißt, daß ich weiß ...“ usw. – Oder anders formuliert: „Ich weiß, was Du beabsichtigst!“

In der letzten Formulierungsform steckt schon eine leichte Drohung. „Ich weiß, was Du beabsichtigst!“ ist ungefähr dasselbe, wie wenn Sherlock Holmes alias Benedikt Cumberbatch den Freund der Braut von John Watson darauf hinweist, daß er, also Sherlock, ein hochfunktionaler Soziopath sei, und er, also wiederum Sherlock, dessen Telephonnummer kenne. Diese Art von Rekursivität setzt das ursprüngliche Kommunikationsmotiv, das Tomasello zufolge im wechselseitigen Vertrauen darauf besteht, daß der jeweils Andere einem helfen und nicht schaden will, außer Kraft. In seinem letzten Buch zur „Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ (2014) weist Tomasello allerdings darauf hin, daß dieses wechselseitige Vertrauen auf Gruppenmitglieder beschränkt ist und daß wir dazu neigen, Mitgliedern einer Fremdgruppe zu mißtrauen. (Vgl. meinen Post vom 04.11.2014)

Jedenfalls entsteht die verhängnisvolle Gruppendynamik im Stanford-Prison-Experiment aufgrund von durch wechselseitiges Mißtrauen ausgelösten, bestehende Regeln außer Kraft setzenden Rückkopplungsprozessen, die die von Tomasello beschriebene gutartige Rekursivität, die bestehende Regeln stützt und nicht gefährdet, in eine bösartige Rekursivität verwandeln: „Ich weiß, daß Du zwar das Eine sagst, daß Du aber etwas Anderes meinst und daß Du mir und meiner Gruppe in Wirklichkeit schaden willst!“

Gruppendynamiken lassen sich verblüffend einfach außer Kraft setzen, wie Pauen/Welzer am Beispiel des Bystander-Phänomens beschreiben, das darin besteht, daß bei einem Unfall oder bei einem Gewaltkonflikt die umherstehenden Passanten nur zuschauen, anstatt einzugreifen und Hilfe zu leisten. Das Bystander-Phänomen mag sicher oft genug auf reine Schaulust zurückzuführen sein. Darüber hinaus verlassen sich diese Passanten aber auch darauf, daß irgendeiner unter den anderen Zuschauern ist, der kompetenter ist als man selbst, und so greift man nicht ein, aus Sorge, den Schaden noch zu vergrößern: „An dieser Stelle braucht es die eine Person, die aus der Gruppe ausschert und den Konformitätsbann löst.“ (Pauen/Welzer 2015, S.148)

Pauen/Welzer deuten den gruppenbannlösenden Effekt des eingreifenden Passanten dahingehend, daß der Passant die Situation verändert. Das gleichförmige Verhalten der Zuschauergruppe wird mit dem tatkräftigen Eingreifen einer schon aus diesem Grund Zielstrebigkeit und Autorität ausstrahlenden Einzelperson konfrontiert, was die Zuschauer zur bewußten Entscheidung zwingt, sich diesem Beispiel zu verweigern oder mitzumachen. Das Verhalten des Einzelnen eröffnet also den Zuschauern einen Verhaltensspielraum, den sie vorher nicht wahrgenommen hatten: „Auf der Ebene von historischen Fallbeschreibungen und Experimenten stellt es sich also so dar, dass Autonomie nur dann verhaltenswirksam wird, wenn der Freiheitsspielraum der gegebenen Situation das zulässt.“ (Puen/Welzer 2015, S.148)

Was das Erleben und Wahrnehmen von Handlungsspielräumen bedeutet, zeigen auch die Milgram-Experimente, in denen die Bereitschaft von Menschen untersucht wurde, sich einer Autorität zu unterwerfen und Mitmenschen zu foltern. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.133ff.) Die Autorität bestand in einem Versuchsleiter, der den Probanden erklärte, daß sie im Rahmen eines Lernexperiments einem anderen Probanden, der aber tatsächlich nur ein Schauspieler war, Stromstöße versetzen sollten, um seine Lernerfolge beim Lösen von Aufgaben zu erhöhen. Die Stromstöße waren unterschiedlich stark, von harmlos bis tödlich, aber tatsächlich waren sie nicht echt.

Die Experimente fanden unter unterschiedlichen Bedingungen statt. Wenn die Probanden vom Schauspieler durch ein Fenster getrennt waren und keinen direkten Blickkontakt zu ihm hatten, gingen 65% der Probanden so weit, daß sie auf Anweisung des Versuchsleiters dem Schauspieler durch die fingierten Stromstöße Schaden zufügten: „Das heißt, sie verabreichten dem ‚Schüler‘ (scheinbar) auch die höchste Dosis von 450 Volt, obwohl dieser zu diesem Zeitpunkt schon keinen Laut mehr von sich gab, nachdem er zwischenzeitlich gejammert, geschrien und um den Abbruch des Experiments gefleht hatte.“ (Pauen/Welzer 2015, S.135)

Allerdings wiesen viele der Probanden den Versuchsleiter auf die gesundheitlichen Konsequenzen ihres Handelns für den Schüler hin. Letztlich beugten sie sich aber der Autorität des unmittelbar anwesenden Versuchsleiters, der schließlich, so die Annahme der Probanden, für das Gelingen des Experiments verantwortlich war.

Sobald aber die Situation verändert war, etwa wenn sich der ‚Schüler‘ nicht in einem andern Raum, sondern im selben Raum wie der Proband und der Versuchsleiter befand oder wenn den Probanden erlaubt war, zum Experiment einen Freund mitzubringen, so führte die Anwesenheit des ‚Schülers‘ oder des Freundes dazu, daß die Zahl der Probanden, die sich der Autorität des Versuchsleiters beugten, erheblich reduzierte. Im Fall der physischen Anwesenheit des gefolterten ‚Schülers‘ reduzierte sich der Prozentsatz der Gehorsamen auf bis zu 30%, und im Fall der Anwesenheit eines Bekannten reduzierte sich der Prozentsatz der Gehorsamen auf bis zu 15%. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.136f.)

Auch hier interpretieren Pauen/Welzer die unterschiedlichen Ergebnisse damit, daß die Anwesenheit eines Dritten die Probanden aus dem Bann der Autorität des Versuchsleiters löste und es ihnen ermöglichte, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie erhöhte den Handlungsspielraum der Probanden. Die ‚soziale Nähe‘ des gefolterten Schülers steht für die Macht  der „Zweitpersonalität“, wie ich sie im letzten Post geschrieben habe. Die Ich-Du-Beziehung zum Schüler konkurriert mit der Ich-Du-Beziehung zum Versuchsleiter. Als der ‚Schüler‘ sich in einem anderen Raum befand, war er nur ‚Er‘ am Rande der Ich-Du-Beziehung des Probanden zum Versuchsleiter. In dem Moment, als er sich im selben Raum befindet, kann sein ‚Du‘ mit dem ‚Du‘ des Versuchsleiters um die Aufmerksamkeit des Probanden konkurrieren.

Ganz ähnlich erhöht die Anwesenheit des Freundes den Handlungsspielraum des Probanden. Der Effekt ist sogar noch größer als im Falle der Anwesenheit des ‚Schülers‘, denn mit dem Freund kann der Proband eine Gruppe bilden. Er kann auf seine Unterstützung rechnen, wenn er sich den Befehlen des Versuchsleiters widersetzt.

Autonomie und die Wahrnehmung von Handlungsspielräumen hängen also eng zusammen. Handlungsspielräume sind aber immer in gesellschaflichen Zusammenhängen mit ihren arbeitsteiligen Funktionen und Rollen am größten, weil sie den Menschen Gelegenheit geben, viele verschiedene Rollen einzunehmen und zwischen ihnen zu wechseln. Helmuth Plessner unterscheidet zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft dahingehend, daß wir in der Gemeinschaft, etwa in der Familie, auf eine bestimmte Rolle festgelegt sind. In der Gesellschaft aber haben wir die Möglichkeit, uns auszuprobieren, indem wir verschiedene Rollen übernehmen, ohne daß wir uns mit einer dieser Rollen identifizieren müssen. (Vgl. meine Posts vom 14.11. bis zum 17.11.2010)

Ganz ähnlich argumentieren Pauen/Welzer, wenn sie auf die Totalität einer Kameradschaftsgruppe verweisen: „Im Unterschied zum zivilen Alltag, in dem man ja sehr unterschiedliche Rollen zu spielen hat und entsprechend zwischen verschiedenen Gruppenzugehörigkeiten wechselt – etwa wenn man von der Arbeit nach Hause zur Familie geht und abends in den Sportverein –, ist man im Krieg monosozial auf die Kameradengruppe beschränkt. Wahrnehmungen und Deutungen relativieren sich nicht durch Rollenwechsel, sondern verstärken sich dadurch, dass jeder in der Gruppe denselben Erfahrungs- und Kommunikationsraum teilt.“ (Pauen/Welzer 2015, S.123f.)

In der Kameradschaftsgruppe kann die Rekursivität im Umgang mit anderen Menschen eine unheilvolle Dynamik entfalten. In einer freien Gesellschaft hingegen entfaltet sie ein freies Spiel zum Nutzen aller, einfach weil jeder darauf vertraut, daß die anderen einem nicht schaden wollen. Erst auf dieser Grundlage kann so etwas wie Gruppenintelligenz entstehen, denn jetzt können „Gruppenentscheidungen von der Autonomie der beteiligten Individuen profitieren“. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.174f.)

Das ist der Grund, warum freie, demokratisch verfaßte Gesellschaften tendenziell ‚effizienter‘ sind als nationalistische, von diktatorischer Zustimmungsneurose geprägte Gesellschaften.

Die Einsicht in die Produktivität individueller Urteilskraft hat sich inzwischen auch in der Organisationspsychologie durchgesetzt: „In der Organisationspsychologie finde(t) sich daher eine Fülle von Hinweisen, wie Gruppendenken vermieden werden kann – zum Beispiel, indem Hinweise auf Fehler prämiert und nicht negativ betrachtet werden, indem auch unwahrscheinliche Handlungsfolgen angesprochen werden sollen, eine Kultur der Aufmerksamkeit oder Achtsamkeit (‚mindfulness‘) gepflegt werden soll, Gruppen heterogen und mit flachen Hierarchien zusammengesetzt werden und die Kategorie der ‚Erfahrung‘ einen geringen Stellenwert hat.()“ (Pauen/Welzer 2015, S.170f.)

Es irritiert mich allerdings ein wenig an diesem Zitat, daß es produktiv sein soll, wenn Erfahrung „einen geringen Stellenwert“ hat. Individueller Verstand ist nun mal ohne Erfahrung nicht zu haben. Die Erfahrung bildet geradezu eine conditio sine qua non für einen selbstbestimmten, autonomen Verstandesgebrauch. Letztlich haben wir es hier wieder mit einer Doppelaspektivität zu tun; denn daß Erfahrung andererseits auch zur Vereinseitigung und Verknöcherung des individuellen Verstandes führen kann, bildet wiederum nur die andere Seite desselben Phänomens. Hier gilt wieder: kein wirkliches Denken ohne Achtsamkeit!

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