Samstag, 15. August 2015

Michael Pauen/Harald Welzer, Autonomie. Eine Verteidigung, Frankfurt a.M. 2015

(S. Fischer Verlag, gebunden, 328 S., 19,99 €)

1. Zusammenfassung
2. Experimente I: Meßkriterien
3. Experimente II: Design
4. Experimente III: Kasuistik
5. Differenz von Innen und Außen
6. Spielräume
7. Vorschläge zur Verteidigung der Autonomie

Pauen/Welzer führen die psychischen und kulturhistorischen Möglichkeitsbedingungen von Autonomie auf das Vorhandensein eines geschützten Raums zurück, „in dem sich individuelle Besonderheiten und Möglichkeiten entwickeln können“. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.14) Damit weisen sie auf einen bewußtseinsphilosophischen Zusammenhang hin, den Helmuth Plessner als Differenz von Innen und Außen beschreibt, eine Differenz, die der Doppelaspektivität von Begriffen wie ‚Autonomie‘, ‚Freiheit‘, ‚Verantwortung‘ etc. zugrundeliegt.

Plessner beschreibt die Seinsweise des Menschen als ein Schwanken zwischen innerer Selbstbehauptung und dem Streben nach äußerer Anerkennung, zu dem wir uns aber exzentrisch positionieren können. Plessner zufolge ist diese exzentrische Positionalität psychophysisch neutral gegenüber den sich wechselseitig aufhebenden Perspektiven von Innen und Außen: „Ihm (dem Menschen – DZ) ist der Umschlag vom Sein innerhalb des eigenen Leibes zum Sein außerhalb des Leibes ein unaufhebbarer Doppelaspekt der Existenz, ein wirklicher Bruch seiner Natur. Er lebt diesseits und jenseits des Bruches, als Seele und als Körper und als die psychophysisch neutrale Einheit dieser Sphären.“ (Plessner, „Stufen des Organischen“ (1975/1928), S.292; vgl. auch meinen Post vom 31.12.2010) – Ich werde darauf in diesem Post später nochmal zurückkommen.

Pauen/Welzer bezeichnen die „Privatheit“ von „Rückzugsräume(n)“, „in denen individuelle Unterschiede zu Bewusstsein kommen oder überhaupt erst entstehen können“, als eine historische Errungenschaft des Zivilisationsprozesses, der „über mehrere Jahrhunderte“ reicht und „bis heute unabgeschlossen“ ist. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.39) Ohne diesen Privatraum, im Sinn einer subjektiven Innerlichkeit wie auch im Sinne einer eigenen Wohnung oder wenigstens eines eigenen Betts, das für viele Menschen erst in den letzten hundert bis zweihundert Jahren zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, wäre so etwas wie ein „autobiographisches Selbst“ überhaupt nicht denkbar. Daß wir uns selbst also als eine über Jahrzehnte gewachsene Persönlichkeit wahrnehmen, mit ihrer eigenen Geschichte und ihrem eigenen Schicksal, bildet deshalb keineswegs eine „anthropologische Konstante“, wie Pauen/Welzer festhalten. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.60f.)

Deshalb ist dieser staatlich geschützte Privatraum auch jederzeit durch neue politische und gesellschaftliche Entwicklungen gefährdet. Die Gefahr geht Pauen/Welzer zufolge nicht von den offensichtlichen Diktaturen mit ihrer für alle sichtbar brutalen Polizeigewalt aus, die, wie im Nationalsozialismus, die privaten Rückzugsräume weitgehend unangetastet lassen. Die eigentliche Gefahr geht von den digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien aus, über die wir alle freiwillig unsere Daten preisgeben, ohne daß irgendwelche Geheimagenten unsere Wohnungen verwanzen müssen: „In Zeiten von Facebook, Google und NSA gibt es nichts Privates und daher keine Möglichkeit zur Konspiration mehr. Heute weiß man alles über alle, die jemals als juristische Personen, als Konsumenten, als Nutzer von Kommunikationsmitteln in Erscheinung getreten sind.“ (Pauen/Welzer 2015, S.222)

Die neuen Technologien unterlaufen also jene fundamentale Differenz zwischen innen und außen, die es dem modernen Menschen ermöglicht hat, sich zu einem autonomen Individuum zu entwickeln.

Wir haben es aber bei dieser Differenz nicht nur mit einer kulturhistorischen Errungenschaft der letzten zweihundert Jahre zu tun, mit einer Leistung der bürgerlichen Gesellschaft, für die das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit konstitutiv ist. Die Entwicklungslinie reicht weiter zurück, als Pauen/Welzer zugeben wollen. Letztlich haben wir es eben doch auch, vielleicht nicht gerade mit einer anthropologischen Konstante, aber doch mit einem anthropologischen Thema zu tun. Das deutet sich bei Pauen/Welzer dort an, wo sie feststellen, daß „ein gewisses Maß an Konformismus“ unverzichtbar ist, wenn sich Gesellschaften bilden können sollen, deren Zahl mehr als ein paar hundert oder tausend Individuen umfaßt. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.43)

 Mit „Konformismus“ ist hier nichts anderes gemeint als die Fähigkeit der Menschen, sich wechselseitig in den jeweils Anderen hineinzuversetzen: Rekursivität. Pauen/Welzer gehen sogar so weit, die Menschen als „konstitutiv kooperative Lebewesen“ zu bezeichnen: „Die Sozialanthropologie, die neurowissenschaftliche Entwicklungsbiologie und die Sozialpsychologie legen hiervon vielfältig Zeugnis ab.“ Pauen/Welzer 2015, S.265)

Wir bewegen uns hier also im Bereich anthropologischer Grundlagenreflexionen, und das Thema führt geradewegs zu Michael Tomasello und seinen „Wagenhebereffekt“, auf den sich Pauen/Welzer jetzt explizit beziehen; und sie fahren fort: „Ein gewisses Maß an Konformismus ist also schon dadurch gegeben, dass wir in jenes Wissens- und Verhaltensuniversum eintreten, das durch unsere Vorfahren und Mitmenschen geschaffen worden ist. Ein vollständig autonomes Subjekt stünde in diesem Sinn auf verlorenem Posten, müsste es doch seine Welt praktisch aufs Neue erfinden.“ (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.266f.)

Wir haben uns nur scheinbar von unserem Thema, der Differenz von Innen und Außen, entfernt. Tatsächlich geht es hier bei der gesellschaftspolitischen Notwendigkeit des Privaten als Rückzugsraum nämlich nicht um eine relativ späte Errungenschaft bürgerlicher Gesellschaften, sondern um die anthropologische Bedeutung von ‚sozialer Nähe‘ bzw. mit Pauen/Welzer: es geht um die „Intimität privater Beziehungen“ (Pauen/Welzer 2015, S.198), die wir nicht mit der Gesellschaft gleichsetzen dürfen.

Tomasello unterscheidet zwischen zwei grundlegenden Formen des Sozialen: der „Zweitpersonalität“ und der über die normative Funktion einer dritten Sozialperspektive konstituierten ‚Gesellschaft‘. (Vgl. meine Posts vom 29.10 und vom 02.11.2014) Die Zweitpersonalität reicht dabei evolutionsbiologisch weit zurück, nach Tomasellos Schätzung etwa 400.000 Jahre. Sie bildet seiner Ansicht nach die ursprünglichste Sozialperspektive von Frühmenschen wie dem homo heidelbergensis, und sie ist heute noch fundamental für die Entwicklung kleiner Kinder. Nicht zuletzt wirkt sie sich überall dort aus, wo in Not geratene Menschen andere Menschen um Hilfe bitten, wie es die Fallstudien in Pauen/Welzers Buch zeigen: „Juden, die untergetaucht waren, um einer Deportation zu entgehen, oder die von einem Transport geflohen sind, befanden sich oft in einer so verzweifelten Lage, dass sie sich entschließen mussten, einfach jemanden anzusprechen und um Hilfe zu bitten, um etwas zu essen oder um einen Unterschlupf für eine Nacht. In einer neuen Studie zum Hilfeverhalten, die erstmals ein Verfahren der Netzwerkanalyse verwendet hat,() konnte gezeigt werden, dass der Anstoß für Hilfeleistungen mehrheitlich von Verfolgten ausging – was wiederum darauf verweist, dass es für Mitglieder von Mehrheitsbevölkerungen keineswegs selbstverständlich ist, die Notlagen von Angehörigen von Minderheiten wahrzunehmen.“ (Pauen/Welzer 2015, S.188f.)

Die wirklich interessante und hochspannende Frage, die sich aus diesem Zitat ergibt, ist, wieso die „Mitglieder von Mehrheitsbevölkerungen“, obwohl ihnen doch die verzweifelte Lage der Juden in Nazi-Deutschland nicht völlig unbekannt gewesen sein dürfte, erst halfen, als sie von ihnen um Hilfe gebeten wurden. Es mag sicher zum Teil daran liegen, daß sie bislang keine Gelegenheit zum Helfen gehabt hatten. Aber oft genug wird es wohl auch einfach daran gelegen haben, daß ihnen die Bittsteller gegenüberstanden und sie sich dem ‚Du‘ dieses Gegenübers nicht entziehen konnten. Das ‚Ich‘ des Helfers versetzte sich in das Innere des Bittstellers, und plötzlich war alles andere außen.

Tomasellos Zweitpersonalität bildet auch den Grundgedanken in Martin Bubers Dialogphilosophie. Bei Martin Buber bildet die Ich-Du-Perspektivität eine grundlegende Sozialperspektive, an der sich alle anderen Sozialperspektiven begrenzen müssen. Das ‚Du‘ ist nicht einfach nur ein ‚Du‘, sondern wesentlich ein anderes ‚Ich‘ wie ich selbst. Das ‚Du‘ ist nur als dieses andere ‚Ich‘ ein ‚Du‘. In allen anderen Sozialperspektiven, im männlichen ‚Er‘ und im weiblichen ‚Sie‘, im ‚Wir‘ der Eigengruppe und im ‚Ihr‘ der Fremdgruppe geht das ‚Ich‘ verloren. Es spielt in diesen Sozialperspektiven keine Rolle. Dem ‚Du‘ gegenüber bin ich aber als Ich-Selbst auf ganz spezifische Weise angesprochen. Es entsteht eine spezifische Verpflichtung, die mich aus allen anderen sozialen Verpflichtungen herauslöst. Wo mich jemand um Hilfe bittet, kann ich nicht mehr ohne weiteres Nein! sagen. Wenn ich es dennoch tue, kostet es mich Überwindung.

Mit Kant gehen Pauen/Welzer übrigens nicht besonders freundlich um, wie ich finde. Bei ihnen spielt er nur die Rolle eines Vorläufers der heutigen Autonomievorstellungen. Kant treibe, so Pauen/Welzer, „die Emanzipation von sozialen und religiösen Konventionen voran, gleichzeitig grenzt er aber individuelle Merkmale als Bestandteile von Autonomie aus: Wer sich von seinen persönlichen Wünschen und Überzeugungen leiten lässt, der handelt in Kants Augen heteronom.“ (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.15) Pauen/Welzer schließen daraus, daß Kant die „Perspektive des leidenden Individuums“ ausblendet. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.89)

Tatsächlich aber hatte Kant einfach schon um die Doppelaspektivität des Autonomiebegriffs gewußt, weshalb er beide Möglichkeiten, Autonomie zu verorten, entweder im Inneren der eigenen Wünsche und Begierden oder im Äußeren sozialer und religiöser Konventionen, ablehnte. Kant versuchte die Moral von solchen doppelaspektiven Zweideutigkeitein zu befreien und den Menschen als moralisches Subjekt exzentrisch zu positionieren. Insofern ist er der Vorläufer von Plessners exzentrischer Positionalität.

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