Freitag, 14. August 2015

Michael Pauen/Harald Welzer, Autonomie. Eine Verteidigung, Frankfurt a.M. 2015

(S. Fischer Verlag, gebunden, 328 S., 19,99 €)

1. Zusammenfassung
2. Experimente I: Meßkriterien
3. Experimente II: Design
4. Experimente III: Kasuistik
5. Differenz von Innen und Außen
6. Spielräume
7. Vorschläge zur Verteidigung der Autonomie

Bei der Kasuistik handelt es sich zwar nicht um Experimente im engeren Sinne, aber doch um eine Forschungsmethode. (Vgl. meine Posts vom 07.09. bis zum 10.09.2013) Die Kasuistik besteht aus Fallstudien, in denen anekdotische, historische Vorkommnisse oder literarische Beispielserzählungen analysiert werden. Die Stärke von Fallstudien besteht in ihrer lebensweltlichen Nähe zu unseren eigenen Erfahrungen, und jeder ist aufgefordert, diese Erfahrungen mit diesen Fallstudien zu vergleichen und so deren Plausibilität zu prüfen. So kommen Phänomene und Aspekte von Phänomenen in den Blick, die, gerade weil sie nicht reproduzierbar sind, in den kontrollierten Experimenten im Labor prinzipiell nicht berücksichtigt werden können.

Michael Pauens und Harald Welzers Buch ist voller historischer Fallstudien, und genau darin besteht auch die Stärke ihres Buches. Gleich die ersten Sätze in der Einleitung beginnen mit der Fallbeschreibung einer jungen deutschen Schülerin (Sarah O.), die als Salafistin nach Syrien in den Dschihad zieht. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.7). Es folgt die Fallbeschreibung der Erzieherin Ines K., die kurzentschlossen einem dreijährigen Jungen in einen Schacht hinterherspringt, dessen Boden sie nicht sehen kann. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.7f.) Beide überleben: der Junge, weil die Erzieherin ihn zwei Stunden über Wasser hält. Es folgen weitere Fallbeispiele von Menschen, die sich bei der Flüchtlingshilfe auf dem Mittelmeer engagieren (vgl. Pauen/Welzer 2015, S.8f.), und einem Schuhfabrikanten, der in seinem eigenen Unternehmen das niedrigste Gehalt bezieht (vgl. Pauen/Welzer 2015, S.9f.) – Alle diese Fallbeispiele füllen, wie eingangs erwähnt, die ersten Seiten der Einleitung, und Pauen/Welzer gehen in der Folge immer wieder auf sie ein, um zu klären, was Autonomie möglicherweise ist.

An späterer Stelle folgt eine Fallstudie zu einem deutschen Reservepolizeibataillon, das den Befehl erhält, polnische Juden gefangenzunehmen und zu erschießen (vgl. Pauen/Welzer 2015, S.115ff.) – ein geradezu klassisches Beispiel, um mit seiner Hilfe zwischen Autonomie und Konformität zu differenzieren, denn der Kommandeur stellt seinen Männern die Entscheidung frei, ob sie sich an dieser Aktion beteiligen wollen oder nicht. Von den 500 Angehörigen des Bataillons treten nur 11 aus der Reihe. Pauen/Welzer kommen bei dieser Fallstudie auf nachvollziehbare und überzeugende Weise zu dem Ergebnis, daß für die Entscheidung, mitzumachen oder aus der Reihe zu treten, „persönliche Motive wie Mut, Hass, Gewaltbereitschaft, Anbiederung etc. offensichtlich genauso wenig eine Rolle (spielen) wie persönliche Eigenschaften“. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.122)

Weitere Fallbeschreibungen handeln von dem Ortskommandanten von Przemysl, Major Martin Liedtke, und seinem Adjutanten Hauptmann Dr. Albert Battel, die etwa 330 Juden davor bewahren, in das Vernichtungslager Belzec abtransportiert zu werden (vgl. Pauen/Welzer 2015, S.178ff.); von der Witwe, die zwei jüdische Flüchtlinge in ihre Wohnung aufnimmt und deren Sohn, Soldat an der Front, bei seinem Heimaturlaub die Flüchtlinge, begeistert von der Initiative seiner Mutter, willkommen heißt (vgl. Pauen/Welzer 2015, S.184f.); vom Konzentrationslagerkommandanten Erwin Dodd, der mit hohem persönlichem Risiko ‚seine‘ Juden mit lebensnotwendiger Kleidung, Nahrung und Gesundheitsfürsorge ausstattet (vgl. Pauen/Welzer 2015, S.188ff.), wobei seine ‚Helferkarriere‘ belegt, wie eine einmal getroffene Entscheidung zu einer zunehmenden ‚Radikalisierung‘ der Helferpersönlichkeit führt. die immer waghalsigere Maßnahmen ergreift, um ihre humanen Ziele durchzusetzen; vom Beamten Jankowski, der Reisepässe fälscht, um Juden bei der Flucht zu helfen (vgl. Pauen/Welzer 2015, S.189f.) usw.

Pauen/Welzer ziehen aus ihren Fallstudien den Schluß, daß es vor allem zwei Momente sind, die aus normalen Menschen Helfer und Lebensretter machen: die persönliche Nähe zu den Hilfsbedürftigen, etwa weil sie sie aus der Nachbarschaft oder aus dem Berufsleben kennen, oder die persönliche Ansprache durch die Hilfsbedürftigen, die sie schlicht und einfach um Hilfe bitten. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.178, 188f.) Hinzu kommen günstige Kontextbedingungen, die die Hilfe ermöglichen, etwa indem die Helfer über eine eigene Wohnung verfügen und, im günstigsten Fall, wenn die anderen Hausbewohner stillschweigend über den unsichtbaren ‚Gast‘ hinwegsehen, als wäre er nicht da. Oder wie beim Beamten Jankowski: hätte er nicht die Befugnis gehabt, Reisepässe auszustellen, hätte er auch nicht helfen können. Die Freude des Soldaten auf Heimaturlaub über die Initiative seiner Mutter hatte die Risikobereitschaft seiner Mutter zur Voraussetzung; nur so konnte er seinen Teil zur Rettung der Flüchtlinge beitragen. Und umgekehrt hatte die Hilfsbereitschaft der Witwe den Wunsch ihres Sohnes zur Voraussetzung, etwas zur Rettung jüdischer Flüchtlinge beitragen zu können. Pauen/Welzer resümieren, daß in diesen „Fällen ... die Verfolgten geradezu Gelegenheiten (offerieren), um abweichendes Verhalten an den Tag zu legen“: „Ohne diese Gelegenheiten wären Frau Lange und ihr Sohn ebenso wie Herr Jankowski wahrscheinlich niemals zu einer Widerstandshandlung veranlasst gewesen.“ (Pauen/Welzer 2015, S.185)

Zum Schluß möchte ich nochmal auf Pauen/Welzers Fallbeschreibung zu der Erzieherin Ina K. zurückkommen. Bei ihrem Versuch zu klären, was Autonomie ist bzw. woran sie zu erkennen ist, verweisen die Autoren auf die Möglichkeit, Gründe für das eigene Verhalten zu liefern. Nur wer sein Verhalten begründen kann, wird auch in der Lage sein, Alternativen abzuwägen und unter Umständen anders zu handeln. „Halten wir also fest, dass alle die Handlungen selbstbestimmt sind, die auf meine eigenen Wünsche und Überzeugungen zurückgehen. Das wiederum sind die Überzeugungen, die meiner Kontrolle unterliegen, so dass ich sie gegebenenfalls aufgeben kann.“ (Pauen/Welzer 2015, S.24)

So versuchen Pauen/Welzer auch das Verhalten der Erzieherin zunächst dadurch zu erklären, daß sie ihr Verhalten auf ihre Überzeugungen zurückführen. Demnach müßte Ina K. sich ihrer guten Gründe bewußt gewesen sein, als sie dem Kind in den 25 Meter tiefen Schacht hinterhersprang. Hätte sie sich aber vorher diese guten Gründe bewußt zu machen versucht, wäre sie gar nicht erst gesprungen. Dann weisen Pauen/Welzer selbst noch einmal darauf hin, daß die Erzieherin ihr eigenes Verhalten im nachhinein als „sozial selbstverständliches, konformes Verhalten“ beschreibt (Pauen/Welzer 2015, S.10), d.h. ihr fehlen genau diese guten Gründe, denen Pauen/Welzer eine so wichtige Rolle bei der Bestimmung von Autonomie zuschreiben.

Später weisen die Autoren selbst ausdrücklich darauf hin, daß man sich nicht einfach „entschließen“ kann, also aus wohlüberlegten Gründen „autonom zu handeln“. (Vgl Pauen/Welzer 2015, .S.168) Auch wenn Ina K. ihre Gründe im Nachhinein benannt hätte (etwa wenn man ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen hätte und sie dazu veranlaßt gewesen wäre, eine Dankesrede zu halten), hätte das nichts an der Spontaneität ihres Sprungs geändert: Sie ist nicht aus irgendwelchen gut begründeten Überzeugungen gesprungen, sondern aus ‚Selbstverständlichkeit‘. (Vgl. Pauen/Welzer 2015, S.8) Und die ‚Gelegenheitsstruktur‘ bildete ein Ausflug des Kindergartens in einem Bergwerk. Wenn sie im vorhinein abstrakt über die Möglichkeit eines solchen Verhaltens nachgedacht oder mit anderen darüber gesprochen hätte, hätte sie wahrscheinlich nicht gewußt, wie sie sich in einem solchen Fall verhalten würde.

‚Selbstverständlich‘, also aus sich selbst verständlich, ist aber alles, was nicht eigens begründet werden muß. Es war vielmehr die Situation, wie Pauen/Welzer selbst an anderer Stelle festhalten, die sie zur ‚Lebensretterin‘ und ‚Heldin‘ gemacht hat.

Die besondere Qualität einer Kasuistik, von Fallstudien, wie sie Pauen/Welzer in ihrem Buch präsentieren, besteht darin, daß sie besonders gut dazu geeignet sind, Begriffe zu klären, die einen Doppelaspekt beinhalten, wie die Autonomie, die oft von Konformität nicht unterschieden werden kann.

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