Donnerstag, 9. Juli 2015

John Freely, Aristoteles in Oxford. Wie das finstere Mittelalter die moderne Wissenschaft begründete, Stuttgart 2014 (2012)

(G. Cotta’sche Buchhandlung, gebunden, 395 S., 24,95 €)

1. Kontinuität
2. Diskontinuität

Ähnlich wie schon in „Platon in Bagdad“ (2009/2012) versucht John Freely in seinem mir vorliegenden Buch „Aristoteles in Oxford“ (2012/2014) zu belegen, daß es in der Wissenschaft weder Revolutionen noch Abbrüche in der Wissensentwicklung gegeben hat. Liegt der Schwerpunkt des ersten Buches im islamisch-arabischen Raum, so liegt er in „Aristoteles in Oxford“ im christlichen Mittelalter. Die deutschen Buchtitel könnten dem Leser Anlaß zu der Vermutung geben, daß wir es bei den beiden Büchern auch mit verschiedenen Schwerpunkten in der Denkform, rational-idealistisch bei Platon und rational-empirisch bei Aristoteles, zu tun haben. Aber in „Aristoteles in Oxford“ geht Freely nur marginal auf diese Differenz zwischen Platon und Aristoteles ein; eine eingehendere Erörterung fehlt, und sie prägt auch nicht den systematischen Aufbau des Buches. In den englischen Orginalbuchtiteln tauchen die Namen von Platon und Aristoteles nicht auf.

Dennoch hält Freely fest, daß es eine unterschiedliche Akzentuierung in der antiken und in der mittelalterlichen Wissenschaftsentwicklung gibt: „So war die europäische Wissenschaft von Anfang an eher praktisch-empirisch ausgerichtet, im Gegensatz zum eher abstrakten Wesen der griechischen und islamischen Wissenschaft.“ (Freely 2014, S.10) – Diese Differenz ist bei Freely aber, wie aus dem Zitat hervorgeht, eine historische und geht nicht von einzelnen Persönlichkeiten wie Platon und Aristoteles aus. Darauf wird im nächsten Post noch zurückzukommen sein.

Freelys Kontinuitätsthese richtet sich vor allem auf die Wissensentwicklung, weniger auf das Methodische. Im Vordergrund stehen vor allem Beobachtungen an und Berechnungen von Himmelsereignissen (Astronomie), Bewegungsphänomenen, Licht- und Klangphänomenen (Regenbogen, Musik) und Überlegungen zu Kausalzusammenhängen (Formen der Verursachung und der Hervorbringung von Ereignissen und Objekten). Diese Problemzusammenhänge bestimmten die Aufmerksamkeit der antiken und mittelalterlichen Forscher und Denker, gleichgültig unter welchen historischen und kulturellen Bedingungen sie lebten: in der heidnischen griechisch-römischen Antike oder im christlichen Mittelalter. Weder der Brand der Bibliothek von Alexandria, Freely zufolge um 415 n.Chr. (vgl. Freely 2014, S.14), noch das danach folgende ‚finstere‘ Mittelalter des sechsten und siebten Jhdts. bedeuteten Freely zufolge eine nennenswerte Zäsur in der Wissensentwicklung. Zwar gingen mit dem „Brand der Bibliothek von Alexandria“ „über 1000 Jahre griechische Literatur, Geschichte und Wissenschaft verloren“ (vgl. Freely 2014, S.15) und das „klassische Wissen im nachfolgenden frühen Mittelalter (hinterließ) nur ein schwaches Licht“ (vgl. Freely 2014, S.47), „(d)och einige Klassiker der griechischen Philosophie und Wissenschaft sind uns – dank eines feinen Ariadnefadens von Alexandria über das mittelalterliche Byzanz und die islamische Welt – überliefert worden, im letzteren Fall durch Übersetzungen vom Griechischen ins Aramäische, Persische, Arabische und schließlich ins Lateinische“ (vgl. Freely 2014, S.10).

In der Zwischenzeit nach dem Untergang Roms hielten sich Reste des antiken Wissens und der antiken Bildung an den Rändern Westeuropas in irischen und schottischen Klöstern, gelangten von dort aus zurück nach Zentraleuropa und lösten schließlich die karolingische Renaissance (achtes und neuntes Jhdt.) aus. (Vgl. Freely 2014, S.10 und S.66ff.) Der karolingischen Renaissance folgten noch zwei weitere Renaissancen, die alle durch die Wiederentdeckung und das Wiederaufgreifen griechischer und römischer Literatur gekennzeichnet waren. So gab es eine „Renaissance des 12. Jahrhunderts“, die der italienischen Renaissance des 15. Jhdts voranging und anders als die italienische von Beginn an eine gesamteuropäische Bewegung bildete:
„Bei Haskins heißt es: ‚Anders als die karolingische Renaissance ging die Wiederbelebung im 12. Jahrhundert nicht von einem bestimmten Fürstenhof oder einer Dynastie aus und anders als die italienische Renaissance war sie in ihren Anfängen nicht auf eine einzelne Nation beschränkt. ...Wie die italienische Strömung 300 Jahre später bezog die Renaissance des 12. Jahrhunderts ihre Inspiration vor allem aus zwei Quellen: Beide beruhten auf Wissen und Ideen, die im lateinischen Abendland bereits vorhanden waren, sowie auf den Einfluss der neuen Lehren aus dem Orient. Doch während bei der Renaissance des 15. Jahrhunderts der Schwerpunkt auf der Literatur lag, konzentrierte sich die Bewegung im 12. Jahrhundert auf die Philosophie und Wissenschaft.‘“ (Freely 2014, S.111f.)
Immer also bauten die jeweiligen Forschritte im Wissen auf schon vorhandenem Wissen auf. Fortschritt ging niemals mit einem Wissensumsturz einher und setzte niemals einen kulturellen und erkenntnistheoretischen Nullpunkt, von dem aus radikal neu begonnen worden wäre. Auch die sogenannte kopernikanische Revolution bedeutet keinen solchen radikalen Neuanfang: „Sicher hat Kuhns These („Die kopernikanische Revolution“ (1962) – DZ) etwas für sich, doch wie Crombie in seinem Buch Medieval and Early Modern Science (1952) über Kopernikus festhielt: ‚Er ist das beste Beispiel für jemanden, der die Wissenschaft revolutionierte, indem er altbekannte Tatsachen auf völlig neue Weise interpretierte.‘ Gemeint sind damit alle Theorien und Forschungsergebnisse, die Kopernikus von seinen Vorläufern im mittelalterlichen Europa und im antiken Griechenland übernahm.“ (Freely 2014, S.9)

Selbst Isaac Newton, der als der Begründer der neuzeitlichen Wissenschaft gilt, wertete sein eigenes Wirken nur als ein Anschließen an und Aufbauen auf schon vorhandenem Wissen: „In einem Brief an Hooke zollte Newton seinen Vorgängern Anerkennung, als er schrieb: ‚Wenn ich weiter geblickt habe (als Descartes), so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe.‘“ (Freely 2014, S.361)

Freely macht seine Kontinuitätsthese auch ganz persönlich an seinem eigenen wissenschaftlichen Werdegang fest und zeichnet die Kontinuität der wissenschaftlichen Entwicklung als eine ununterbrochene Linie von Lehrer-Schüler-Beziehungen nach: „Mit Hilfe einer Website für Genealogie in den mathematisch-physikalischen Disziplinen konnte ich meinen wissenschaftlichen Stammbaum von Bruder Bullen (Freelys Physikprofessor am Iona Collage im US-Bundesstaat New York – DZ), Blackett, Rutherford und Thomason in ununterbrochener Linie zurückverfolgen, über Newton, Leibniz, Galilei und Kopernikus bis zu den ersten Griechen, die an italienischen Universitäten studiert hatten. So gelangte ich bis zu Georgios Gemistos Plethon, der sein Studium an der Universität von Konstantinopel um 1375 beendet hatte: Er brachte das griechische Wissen nach Italien und löste damit letztendlich die italienische Renaissance aus.“ (Freely 2014, S.8)

Zu dieser unmittelbaren Kontinuitätserfahrung in der persönlichen Begegnung mit Forschern und Denkern, die auch das Fundament der ersten abendländischen Universitäten bildete, als „‚universitas societas magistrorum discipulorumque“, als Gemeinsaft von Lehrenden und Lernenden, die vor allem durch Gleichzeitigkeit geprägt ist, kommt noch die ganz einsame und intensive Begegnung des Lesers der antiken griechischen Schriften hinzu, mit der Jahrhunderte und Jahrtausende des Denkens und Forschens überbrückt werden konnte. Die ‚unmittelbare‘ Begegnung mit längst verstorbenen Persönlichkeiten wie Platon und Aristoteles war über das Abschreiben und Übersetzen von Manuskripten vermittelt. Die mittelalterlichen Forscher waren immer zugleich auch Übersetzer und Abschreiber von Handschriften. (Vgl.u.a. Freely 2014, S.109) Wenn ich an meine eigene Praxis des eigenhändigen Abschreibens und Exzerpierens von Zitaten denke, die für mich eine erweiterte Form der Lektüre bildet, kann ich mich gut in diese mittelalterlichen, bei Tages- oder bei Kerzenlicht über die klassischen Texte gebeugten Denker und Forscher hineinversetzen: im Anfertigen von Handschriften verleibten sie sich das antike Wissen ein, sie innervierten es regelrecht, und es arbeitete so in ihnen weiter und führte sie zu neuen Einsichten und Erkenntnissen, so daß sie sich tatsächlich als Zwerge empfanden, sitzend auf den Schultern von Riesen.

Das ist, finde ich, ein schönes Bild für eine Form des Wissens und Denkens, das nur zu einem kleinen Teil rational und kontrolliert ist und zu einem wesentlich größeren Teil aus einem lange vorbereiteten, vorbewußten Untergrund hervordringt. Letztlich zeigt Freely mit seinem Buch „Aristoteles in Oxford“ vor allem eins: die abendländische Wissenstradition beruht auf einer unfaßlichen, tief gegründeten, intuitiven Praxis des stetig erneuerten Anschließens an schon vorhandenes Wissen.

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