„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Samstag, 1. August 2015

Formen des kollektiven Unbewußten

Wenn ich in diesem Blogpost von Formen des kollektiven Unbewußten spreche, so will ich nicht auf C.G. Jungs Archetypen hinaus. Es geht mir nicht um strukturell und symbolisch geronnene Ausdrucksformen menschheitlicher Urerfahrungen. Vielmehr geht es mir um eine spezifische Form des Unbewußten, die uns prinzipiell entgeht; eine verborgene Form, die sich unserer Aufmerksamkeit prinzipiell entzieht. Ich unterscheide dieses Unbewußte deshalb vom Unter-Bewußten, das nur zeitweise unbewußt ist und jederzeit zur Oberfläche unseres Bewußtseins aufsteigen und unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. (Vgl. meinen Post vom 20.04.2012) Auch Jungs Archetypen würde ich zu diesem Unterbewußten zählen.

Die Seinsweise des Unbewußten besteht in dem, was die Phänomenologen als ‚Vollzug‘ bezeichnen, also als etwas, das ‚mit‘ uns geschieht, ohne daß wir ‚dabei‘ sind. Einschlafen und Aufwachen bilden solche Vollzüge. (Vgl. meinen Post vom 10.01.2012) Wenn ich also in diesem Post von Formen des kollektiven Unbewußten spreche, meine ich damit Bewußtseinsprozesse, die die andere Seite unseres Bewußtseins bilden, die Rückseite des Spiegels. Sobald wir sie in den Blick zu nehmen versuchen, lösen sie sich auf, so wie rätselhafte Schemen im Nebel beim genaueren Hinsehen zu einem Baumstumpf oder einem Strauch werden.

Von dieser Seinsart ist auch die Seele. Plessner bezeichnet die Seele als ein noli me tangere, als ein Geschöpf der Nacht, das vor dem Tageslicht zurückschreckt. (Vgl. meinen Post vom 14.11.2010) Zugleich ist diese ‚Seele‘ durch das unaufgebbare Bedürfnis getrieben, sich zu ‚zeigen‘ und einen adäquaten individuellen Ausdruck zu finden, und so zu verstehen, wer und was sie ist. Die ‚Seele‘ ist also eine Verhaltensweise auf der Grenze zwischen sich Zeigen und sich Verbergen; eine vom Bedürfnis nach Licht angetriebene Dunkelheit.

Beides möchte ich in diesem Blogpost aufeinander beziehen: das kollektive Unbewußte und die individuelle Seele. Die Seele ist in dieser Hinsicht nichts anderes als dieses kollektive Unbewußte in seinen verschiedenen Formen, das seine Energie aus dem menschlichen Körper bezieht. Es muß durch den individuellen menschlichen Körper hindurch, um sich als reales Verhalten auswirken und seine kollektiven sozialen Funktionen entfalten zu können. Der menschliche Körper ist aber keine bloße Marionette dunkler Triebe. Als Körperleib bildet er zugleich deren Grenze, und diese zeigt sich als ‚Seele‘. Anstatt die kollektiven Energien ungehindert durch uns hindurchfließen zu lassen, verwandeln wir sie in das seelische Bedürfnis, wir selbst zu sein. ‚Seele‘ meint u.a. also das Unvermögen des kollektiven Unbewußten, sich ungebrochen und rücksichtslos durchzusetzen; mit einer Ausnahme, auf die ich zum Schluß nochmal zu sprechen kommen werde.

Mit diesem Post schließe ich insbesondere an einem Blogpost zu „Lebenswelt und unsichtbare Hand“ an, in dem es um verschiedene Erscheinungsweisen des kollektiven Unbewußten geht. (Vgl. meinen Post vom 05.12.2012) Im aktuellen Post geht es mir vor allem darum, mir selbst und meinen Lesern nochmal einen Überblick über diese verschiedenen Erscheinungsweisen zu verschaffen.


In der Graphik habe ich insgesamt acht (bzw. neun) Formen des kollektiven Unbewußten zusammengestellt, wie ich sie schon mal an anderer Stelle in diesem Blog diskutiert habe, und ich habe versucht, sie auf vier Achsen zu zusammengehörigen Paaren zu ordnen. Außerdem habe ich eine Reihe von Wissensgebieten aufgeführt, die sich mit einzelnen oder mehreren Formen dieses kollektiven Unbewußten befassen: von der Informationstheorie und Kybernetik über die Ökonomie und Soziologie bis hin zur Komplexitätsforschung, der Religionswissenschaft und der Psychologie. Mit dieser Aufzählung verbinde ich allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Alle diese Wissensgebiete, und noch einige mehr, könnte man auch als Teile einer sie umfassenden mentalen Anthropologie verstehen.

Die Lebenswelt bestimmt unser individuelles Denken und Handeln, ohne daß wir uns dessen bewußt sind. In schriftlosen Kulturen sind die Menschen nicht in der Lage, sich außerhalb ihrer Lebenswelt zu stellen. Nur über die Begegnung mit Fremden kann ihnen die eigene Lebensform zweifelhaft und fragwürdig werden. Jan Assmann bezeichnet die unbezweifelbare Gültigkeit mündlicher Kulturen als „unsichtbare Religion“: die Gültigkeit einer durch Mündlichkeit geprägten Lebenswelt liegt also noch jenseits von sichtbaren, bewußt praktizierten Riten und Kulten. (Vgl. meinen Post vom 05.02.2011) Hans Blumenberg beschreibt dasselbe Phänomen als ‚Mythos‘. (Vgl. meinen Post vom 07.08.2010) Der Mythos ist nicht nur selbst unhinterfragbar, er hat selbst auch einen aktiven Anteil an der Unbefragbarkeit mündlicher Kulturen, weil er den Anschein erweckt, alle möglichen Fragen immer schon beantwortet zu haben.

Die Erfindung der Schrift beendet diese Form der immer schon und bis auf weiteres fungierenden Lebensweltlichkeit. In der Folge einer fortgeschrittenen Schriftkultur und eine allgemeinen Alphabetisierung verwandelt sich die Lebenswelt in einen Strukturalismus. Infrastrukturen beginnen das Leben des Menschen zu kybernetisieren.

Martin Heidegger bezeichnet die Vermischung von Lebenswelt und Technik als „Gestell“. (Vgl. meinen Post vom 23.04.2013) Das Wort bildet letztlich eine Verdeutschung des lateinischen Wortes ‚structura‘. Dazu paßt das Wort ‚Infra-Struktur‘, das zeigt, wie alle technischen Strukturen zugleich auch Lenkungsstrukturen sind: sie lenken bzw. steuern unser tägliches Leben, ohne daß wir uns noch dessen bewußt sind, oder ohne daß wir es, wenn wir es denn wollten, überhaupt nachvollziehen könnten. Infra-Struktur ist ein kybernetischer Begriff, und er verweist auf das kybernetische Wesen der Lebenswelt. Eugene Thacker unterscheidet zwischen statischen und lebendigen Netzwerken. (Vgl. meinen Post vom 14.08.2011) Die Infrastruktur bildet als statisches Netzwerk die materielle Basis von lebendigen Netzwerken.

Zum kybernetischen Aspekt der technischen Lebenswelt gehört auch der Begriff „Big Data“. (Vgl. meinen Post vom 27.07.2014) „Big Data“ steht für die Möglichkeit, das Verhalten jedes einzelnen Menschen durch das Sammeln und Auswerten von möglichst vielen Daten vorherzusagen und zu steuern. Die Vorstellung von der Macht der großen Zahlen hat ihren Vorläufer in der „unsichtbaren Hand“ von Adam Smith. Smith, der im 18. Jhdt. lebte, verband damit die Vorstellung, daß jeder Mensch seinen eigenen egoistischen Interessen folgen könne und dabei letztlich, aufs Ganze gesehen, trotzdem etwas Gutes für die Gesellschaft herauskomme. Man müsse dabei nur den Gesetzen des Marktes, der „unsichtbaren Hand“ eben, vertrauen.

Die Gesetze des Marktes werden aber vor allem durch das Geld bestimmt. Insofern besteht die unsichtbare Hand im Kaufen und Verkaufen, also im Geld. Christina von Braun bezeichnet die Vorstellung, daß es beim Kaufen und Verkaufen um Angebot und Nachfrage gehe, als Illusion, als „Schleier des Geldes“. (Vgl. meinen Post vom 05.12.2012) Im Kapitalismus geht es nicht um die Bedürfnisse der Menschen, sondern um das Bedürfnis des Geldes, sich zu verwerten, also Mehrwert zu bilden. Insofern tritt an die Stelle der menschlichen Seele das Geld. Das darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Geld auch als Seelenersatz noch in dieser seelischen Entfremdungsform vom seelischen Bedürfnis nach individuellem Ausdruck profitiert.

Wenn es um Effekte der großen Zahlen geht, dürfen wir die Schwarmintelligenz nicht vergessen. (Vgl. meine Posts vom 13.08. bis 31.08.2011) Nach einfachen und wenigen Regeln gesteuerte Schwarmdynamiken können komplexe Aufgaben bewältigen und lösen helfen und so den Eindruck von Intelligenz erzeugen. Auch das Geld und seine Selbstverwertungsdynamik bilden so eine Schwarmintelligenz. Allerdings nimmt sich der einzelne Konsument beim Kaufakt nicht als Bestandteil einer Masse wahr. Das trägt zu der Illusion bei, Shopping bilde eine Form der individuellen Selbstverwirklichung.

Alle bewußtseinsfähigen Lebensformen werden in dem Moment, in dem sie Teil eines Schwarms werden, unfähig, ihre eigene, individuelle Intelligenz zu gebrauchen. Der Schwarm bricht ihre individuelle Intelligenz auf einen simplen Algorithmus herunter. (Ein Algorithmus übrigens, dem die Schlußregel fehlt!) Jedes individuelle Verhalten würde den Schwarm nicht einfach behindern, sondern unmöglich machen.

Echte Gruppenintelligenz hinwiederum kann es aber immer nur dort geben, wo die Gruppe das individuelle Denken ihrer Gruppenmitglieder respektiert. (Vgl. meinen Post vom 04.08.2011) Beim Menschen spricht man nicht vom ‚Schwarm‘, sondern von der ‚Masse‘ und vom Massenverhalten. Wo Menschen in der Masse aufgehen, tritt an die Stelle des Körperleibs ein Massenkörper ohne Grenze nach außen. Die ‚Sprache‘ reduziert sich auf das Reagieren auf Signale. Wo Menschen zur Masse verschmelzen, kommunizieren sie nicht mehr mit Hilfe von Worten und Argumenten, sondern mit Hilfe von Parolen, deren Wirksamkeit um so größer ist, je mehr gleichlautende Phrasen lautstark unverändert wiederholt werden.

Ähnlich wie das Geld ersetzt die Masse die individuelle Seele. Aber anders als beim Geld verzichtet der Mensch in der Masse auch noch auf die Illusion, in ihr seinen individuellen Ausdruck finden zu können. An die Stelle des Ausdrucks tritt der Rausch. Deshalb bildet die amorphe, gestaltlose Masse eine Form des kollektiven Unbewußten, die sich ungebrochen durch das Individuum hindurch durchsetzt und die individuelle Seele, die ja vor allem aus einem Verhalten an der Grenze zwischen Innen und Außen besteht, vollständig verdrängt. Sie bildet die Ausnahme, auf die ich weiter oben schon hingewiesen hatte.

Der Zombie bildet die Zeitgeist-Ikone für den seelenlosen Menschen in der Masse. Seine Beliebtheit rührt daher, daß wir uns in seinem Spiegelbild wiedererkennen. Er ist gleichsam das von Günther Anders und von Friedrich Kittler beschriebene Phantom, das aus der Leinwand heraustritt und von unseren Körpern Besitz ergreift. Denn anders als Kittler meinte, verschwindet nicht der reale Mensch in der Multimedia, sondern die Multimedia tritt auf die Straßen und Plätze hinaus und leitet die Menschen, den Blick fest auf ihre Smartphones gerichtet, die Ohren verkabelt und verstöpselt, durch eine Welt, die ähnlich wie der Schwarm keine Grenze nach außen kennt.

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Kommentare:

  1. "‚Seele‘ meint u.a. also das Unvermögen des kollektiven Unbewußten, sich ungebrochen und rücksichtslos durchzusetzen; " - finde ich eine recht interessante Definition des Seelischen, praktisch als was Widerständiges.
    Ich würde aber nicht von Intelligenz beim Schwarm oder bei der Gruppe sprechen, sondern diese Bezeichnung dann eher in Klammer setzen, entsprechend deiner eigenen Einschränkungen im Text.

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  2. Eigentlich müßte ich immer, wenn ich das Wort ‚Intelligenz‘ verwende, es in Klammern setzen, weil es eine Meßbarkeit suggeriert, die die Vorstellung einer unterschiedlichen Intelligenzverteilung unter den Menschen beinhaltet. Diese Vorstellung lehne ich ab. Jeder Mensch, der seinen eigenen Verstand gebraucht, befindet sich auf dem gleichen Niveau. Keiner ist mehr oder weniger intelligent. Aber wie das so ist, wenn man kommuniziert: auf manche Wörter kann man manchmal einfach nicht verzichten, und sie kümmern sich nicht um begriffliche Vorbehalte.
    Aber das Wort ‚Schwarmintelligenz‘ ist natürlich ein Widerspruch in sich: ein Oxymoron (ich liebe dieses Wort ;-)).

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