Dienstag, 9. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

9. Verhältnis von Denken und Intuition

Julian Jaynes setzt die bikamerale Psyche und das subjektive Bewußtsein in ein sich wechselseitig ausschließendes Voraussetzungsverhältnis zueinander: entweder spricht die rechte Gehirnhälfte über das Wernicke-Zentrum der linken Gehirnhälfte, und dann schweigt das Bewußtsein, oder das subjektive Bewußtsein kommt zu Wort, und dann schweigen die rechtsseitigen ‚Stimmen‘. Darüberhinaus ist ein wesentliches Kennzeichen dieser Stimmen der bedingungslose Gehorsam des bikameralen Menschen, und „(m)it dem Bewußtseinserwerb haben wir eine einfachere, bedingungslosere Methode der Verhaltenskontrolle, wie sie für die bikamerale Psyche charakteristisch war, aufgegeben.“ (Vgl. Jaynes 1993, S.491)

Dieser mit Aktivitäten der rechten Hemisphäre einhergehende Bewußtseinsverlust bildet auch ein Moment einiger Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt: der Besessenheit, die Jaynes zufolge mit der „Auslöschung des gewöhnlichen Bewußtseins“ einhergeht, und der Schizophrenie, die mit der  „Aufweichung der ... Bewußtseinsstruktur“ und dem „Verlust der Fähigkeit des Narrativierens“ verbunden ist. (Vgl. Jaynes 1993, S.414 und S.499) Allerdings wissen Besessene aufgrund des Bewußtseinsverlustes nicht, was sie im Zustand der Besessenheit gesagt oder getan haben. Die Helden der Ilias hingegen vergaßen nicht, was die Götter ihnen mitgeteilt hatten. (Vgl. Jaynes 1993, S.415)

Dabei sollten Besessenheit und Schizophrenie nicht miteinander verwechselt werden. So unterscheidet sich die Besessenheit als eine mediale Form des Sprechens mit ‚fremder Stimme‘ von den Stimmphänomenen der bikameralen Psyche: „Nirgendwo in der ‚Ilias‘ oder der ‚Odyssee‘ oder sonst einer frühgeschichtlichen Dichtung findet sich auch nur der leisteste Hinweis auf Besessenheit oder sonst etwas dergleichen. Während des eigentlich bikameralen Zeitalters kommt es niemals vor, daß ein ‚Gott‘ durch den Mund eines Menschen spricht. Dagegen ist diese Erscheinung allen Anzeichen nach bis um 400 v.Chr. genauso selbstverständlich geworden, wie es heute etwa Kirchenbauten sind: Nicht nur in den zahlreichen öffentlichen Orakeln, sondern auch in einzelnen Privatleuten ist sie über ganz Griechenland verbreitet.“ (Jaynes 1993, S.413)

Im Unterschied zur Besessenheit sind es Jaynes zufolge deshalb vor allem die „Symptome der vollausgebildeten Schizophrenie“, die „auf einzigartige Weise mit der Beschreibung der bikameralen Psyche übereinstimmen“. (Vgl. Jaynes 1993, S.499)

Das Symptom eines mit Aktivitäten der rechten Hemisphäre einhergehenden weitgehenden Bewußtseinsverlusts könnte den Eindruck erwecken, daß wir in dieser Hemisphäre auch die neurophysiologische Grundlage der Schwarmintelligenz zu suchen haben. (Vgl. meine Posts vom 13.08. bis 31.08.2011) Aber aus Jaynes’ Ausführungen zu Untersuchungen an Split-Brain-Patienten geht hervor, daß es noch tiefer liegende Gehirnbereiche gibt, zu denen beide Gehirnhälften gleichermaßen auch nach einer Kommissurotomie nach wie vor gemeinsam Zugang haben: das limbische System und das Stammhirn. (Vgl. Jaynes 1993, S.147) Ich vermute, daß die bikamerale Psyche nichts mit Schwarmintelligenz zu tun hat und daß die Schwarmintelligenz, mit Frans de Waal gesprochen, als eine Form des „Synchronismus“ und der „Gefühlsansteckung“ neurologisch eher diesem limbischen System zuzuordnen ist. (Vgl. hierzu meinen Post vom 17.05.2011)

Auch bei bikameralen ‚Relikten‘ wie Dichtung und Musik gehen Jaynes zufolge aktiv-kreative und rezeptiv-passive Höchstleistungen von Autoren, Komponisten und Publikum aus einem rauschähnlichen, bewußtseinsverminderten Zustand hervor. So war die Dichtung ursprünglich vor allem eine Art Gesang in Form gebundener Rede (Rhythmik, Reimformen etc.). (Vgl. Jaynes 1993, S.440) Das verlieh der Poesie „Ton und Tonart des Autoritativen“: „Die Poesie befahl, wo die Prosa nur bitten konnte.“ (Jaynes 1993, S.440) – Die Musik, die von vornherein auf das Gehör gerichtet war, bewirkte und bewirkt heute noch eine Form der Aufmerksamkeitsbindung, die dem Gehorsam des bikameralen Menschen gegenüber seinen ‚Stimmen‘ gleicht. Außerdem „hören und verstehen“ wir, so Jaynes, die Musik „mit der rechten Hemisphäre“: „Dieser Befund spricht ausdrücklich für die Möglichkeit, daß die Organisation des Gehirns zum Zeitpunkt der Geburt es dazu disponiert, Reizungen im rechtsseitigen Gegenstück zum Wernicke-Zentrum, das heißt musikalischen Eindrücken, zu ‚gehorchen‘ und sich nicht von ihnen ablenken zu lassen – genau wie nach unserer früheren Feststellung der bikamerale Mensch den Halluzinationen aus diesem Bereich gehorchen mußte.“ (Jaynes 1993, S.447f.)

Jaynes’ Darstellungen zum sich gegenseitig hemmenden bis sich gegenseitig ausschließendem Verhältnis von linker und rechter Hemisphäre sind mir für meinen Geschmack zu radikal-negativ. Es fehlt mir der positive Hinweis auf eine Balance zwischen den Hemisphären, im Sinne eines ausgeglichenen Verhältnisses von Naivität und Kritik. Mit ‚Naivität‘ meine ich die Offenheit für Intuitionen und ‚Bauchgefühle‘ aller Art, eine Form der Achtsamkeit, wie sie Plessner mit Nietzsche auch als „zweite Naivität“ beschrieben hat. (Vgl. meine Posts vom 28.10., 17.11. und vom 07.12.2010). Diese zweite Naivität bildet genau diese Balance aus Naivität und Kritik, in der sich das individuelle Bewußtsein seine Intuitionen und Gedanken geben läßt, ohne daß sie ihm aufgezwungen werden, wie es Schizophrenie-Patienten erleben: „Manche Kranken erklären, sie bekämen zum Selberdenken überhaupt keine Chance mehr; stets würde das Denken ihnen abgenommen und die Gedanken ihnen gegeben.“ (Jaynes 1993, S.504)

Anders als der an Schizophrenie erkrankte Mensch hat der mit einem individuellen subjektiven Bewußtsein ausgestattete Mensch alle Zeit der Welt, sich seinen Gedanken zuzuwenden und sie zu denken, wie und wann sie ihm auch immer gerade einfallen mögen. Für ihn gilt nicht, was ein sumerisches Sprichwort dem bikameralen Menschen rät: „Handle unverzüglich, mach deinem Gott Vergnügen.“ (Jaynes 1993, S.251)

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