Sonntag, 7. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

5. Bikamerale Kulturen
6. Stimmverlust
7. Hiatus
8. Körperleib

Der bikamerale Mensch war Jaynes zufolge ein ‚Gewohnheitstier‘, das in einem „Globalsystem anhaltender Stimulierungswiderspiele zwischen den Polen ‚gefährlich‘ und ‚sicher‘, ‚angenehm‘ und ‚unangenehm‘“ lebte. (Vgl. Jaynes 1993, S.110) Seine Lebensgrundlage bildete also der Reflexbogen und deshalb entsprach er perfekt dem behavioristischen Weltbild. Jaynes zitiert ein dazu passendes sumerisches Sprichwort: „Handle unverzüglich, mach deinem Gott Vergnügen.“ – Und er kommentiert es wie folgt: „Denke nicht nach: laß keinen Zeit-Raum sein zwischen dem Hören deiner bikameralen Stimme und der Ausführung dessen, was sie dich tun heißt.“ (Vgl. Jaynes 1993, S.251)

Das ‚Denken‘ des bikameralen Menschen läuft also auf einer anderen, vorbewußten Ebene ab. Es entspricht dem, was Antonio Damasio „rasche Kognition“ nennt. (Vgl. Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, Berlin 5/2007, S.V) Bei Schizophrenen findet sich das in der Klage wieder, daß sie keine Zeit zum eigenen Denken finden, weil ihnen etwas in ihrem Inneren immer zuvorkommt: „Es ist nichts Ungewöhnliches, Patienten in bestimmten Stadien der Krankheit darüber klagen zu hören, daß die Stimmen ihre Gedanken aussprechen, bevor sie selber Zeit gehabt hätten, sie zu denken.“ (Jaynes 1993, S.504)

Es liegt also nahe, daß das, was wir bewußtes Denken nennen, ein eher mühsames und vergleichsweise ‚langweiliges‘ Geschäft ist, ein ‚Nachdenken‘ im Sinne eines unseren vorbewußten Denkprozessen Hinterher-Denkens. Das bewußte Denken bedarf der Unterbrechung des Reflexbogens, um seine Chance zu erhalten, des „Hiatus“, wie Plessner das nennt. (Vgl. meinen Post vom 24.10.2010) Jaynes spricht von der „profanisierenden Pause“ und meint mit Profanisierung wahrscheinlich das Verstummen der göttlichen Stimmen, das es dem subjektiven Bewußtsein erlaubt, selbst zu Wort zu kommen. (Vgl. Jaynes 1993, S.251) Diese ‚Pause‘ braucht aber einen „wirksame(n) Schutzschild“, der sie vor Ablenkung durch das umweltliche „Globalsystem anhaltender Stimulierungswiderspiele“ bewahrt. Mit anderen Worten: es bedarf „eines Analog-Raums mit einer Komponente namens ‚Ich‘“. (Vgl. ebenda)

Dabei kehrt Jaynes die Genese von Ich und Fremd-Ich um. In der Husserlschen Phänomenologie war immer die Fremdpsyche das Problem: woher weiß ich, daß der andere Mensch mir gegenüber ebenfalls ein Bewußtsein hat wie ich? In der bikameralen Welt konnten sich die Menschen schon deshalb diese Frage nicht stellen, weil es zu ihrer Welt zumeist keine Außenperspektive gab, was übrigens der Husserlschen Definition der Lebenswelt entspricht. Erst über den Handel in der Begegnung mit fremden Menschen konnte das Problem bewußt werden, daß die fremden Menschen die gleiche Welt ‚mit anderen Augen‘ sahen.

An dieser Stelle greift Jaynes zu einem verblüffenden Argument: nicht ich selbst bin mir von vornherein meiner selbst gewiß und übertrage diese Selbstgewißheit auf das fremde Bewußtsein. Es ist vielmehr umgekehrt: weil ich sehe, daß der fremde Mensch die gleiche Welt anders wahrnimmt als ich, muß er ein inneres Erleben haben, das sich von meiner Wahrnehmung unterscheidet: „Es wäre also möglich, daß der Einzelmensch, bevor er zu seinem eigenen inneren Selbst kam, dieses zuerst unbewußt in anderen Menschen, vor allem in Fremden, als die Ursache ihres andersartigen und bestürzenden Verhaltens voraussetzte. Mit anderen Worten: Die philosophische Tradition, für die die Erkenntnis des Fremdpsychischen in einer Logik des Schließens von der eigenen Subjektivität auf die Subjektivität anderer gründet, stellt die tatsächlichen Verhältnisse auf den Kopf.“ (Jaynes 1993, S.267)

Wir entdecken also unser eigenes Bewußtsein in dem Moment, wo es sich am Bewußtsein des fremden Menschen ‚bricht‘; wo also unsere Wahrnehmungsroutinen durch die Begegnung mit fremden Menschen aufgebrochen werden. Auch das wäre ein Hiatus im Plessnerschen Sinne.

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