Freitag, 5. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

5. Bikamerale Kulturen
6. Stimmverlust
7. Hiatus
8. Körperleib

Der von Jaynes geprägte Begriff der bikameralen Psyche verweist auf die beiden Gehirnhälften, die die biologische Grundlage einer „Zwei-Kammer-Psyche“ bilden. Der mit so einer Psyche ausgestattete bikamerale Mensch hat kein eigenes Bewußtsein von sich und seiner Welt und läßt sich stattdessen von in der Regel aus seiner rechten Gehirnhälfte stammenden, vom wiederum in der Regel in der linken Gehirnhälfte befindlichen Wernicke-Zentrum verbalisierten ‚Stimmen‘ leiten: „Wollen, Planung und Handlungsanstoß kommen ohne irgendwelches Bewußtsein zustande und werden sodann dem Individuum fix und fertig in seiner vertrauten Sprache ‚mitgeteilt‘, manchmal allein in einem Stimmphänomen. Das Individuum gehorcht diesen Stimmen, weil es nicht ‚sieht‘, was es von sich aus tun könnte.“ (Jaynes 1993, S.98)

Die ‚Stimmen‘, die die bikameralen Menschen hören, sind für sie physisch so präsent und real wie die Stimmen ihrer realen Zeitgenossen. Sie erscheinen entweder bloß als unkörperliche Gehörshalluzinationen oder gemeinsam mit visuellen Halluzinationen entweder in Form von verstorbenen Verwandten oder in Gestalt männlicher oder weiblicher Götter. Solche individuellen Halluzinationen wurden auch in Form von Statuetten oder lebensgroßen oder überlebensgroßen Statuen der öffentlichen Anbetung durch eine Gemeinschaft zugänglich gemacht. Dabei war das „Standbild“ der Gott selbst und nicht einfach nur eine Abbildung von ihm. (Vgl. Jaynes 1993, S.221) Das unterscheidet die bikamerale Kultur des Neolithikums von der Übergangszeit zwischen dem vorletzten und dem letzten vorchristlichen Jahrtausend, wo solche Statuen und Altäre zunehmend zu „Halluzinationshilfen“ wurden, weil die Götter immer schweigsamer wurden und nicht mehr ohne weiteres von sich aus sprachen. (Vgl. Jaynes 1993, S.205)

Auslöser für die ‚Stimmen‘ war Streß. Der bikamerale Mensch war ein ‚Gewohnheitstier‘, dessen Leben nach festgelegten Mustern und Ritualen verlief. Sobald Störungen in seinem Lebensablauf auftraten, meldeten sich die Stimmen, die ihm sagten, was er jetzt zu tun habe: „Der einzig erforderliche Streß war der, der auftritt, wenn irgend etwas hinzutretend Neuartiges an einer Situation eine Verhaltensänderung notwendig macht. Alles, womit nicht auf habitueller Basis fertig zu werden war, jeder Konflikt zwischen Leistungsanforderung und Erschöpfungsgrad, zwischen Angriffs- und Fluchtmeldung, jede Wahl, wem man gehorchen und was man tun sollte, kurzum alles, was irgendeine Entscheidung erforderte, reichte aus, um eine Gehörshalluzination zu bewirken.“ (Jaynes 1993, S.120)

Durch das einfache Aufwachsen in einer bikameralen Kultur hatte sich in jedem Menschen auf individuell ontogenetischer Ebene ein reicher Erfahrungsschatz an Praktiken angesammelt, die es ihm ermöglichten, Problemsituationen zu bewältigen. Dieser Erfahrungsschatz, dieses lebensweltliche Wissen hatte (und hat auch heute noch) seinen Sitz in der rechten Gehirnhälfte, das Jaynes zufolge für Gestaltwahrnehmung und Sinnzusammenhänge zuständig ist. Auch heute noch liegt Jaynes zufolge eine „der heute residual noch verbliebenen Funktionen der rechten Hemisphäre im Organisatorischen ..., in der taxonomischen Gliederung der innerhalb einer Kultur anfallenden Erfahrungen und ihrer Integration zu einer figuralen Ganzheit, die dem Individuum ‚sagt‘, was es zu tun hat.“ (Jaynes 1993, S.149)

Die ‚Stimmen‘ des bikameralen Menschen sind mit erzieherischer Autorität ausgestattet: „Die Götter, so habe ich an früherer Stelle noch ein bißchen spekulativ gesagt, waren Amalgame aus erzieherischen Erfahrungen, Mischprodukte aus sämtlichen Befehlen, die dem Individuum je erteilt worden waren.“ (Jaynes 1993, S.136)

In diesem Sinne heißt ‚hören‘ beim bikameralen Menschen so viel wie ‚gehorchen‘. Die Autorität dieser Stimmen ist um so größer, als sie ohne Zwischenraum – es sei denn einem halluzinierten Zwischenraum – ertönen. Noch für uns heutige, moderne Menschen gehen die Worte unserer Mitmenschen uns um so mehr ‚unter die Haut‘, je geringer der Abstand des Sprechers zu uns ist. Wird ein Sicherheitsabstand überschritten, fühlen wir uns durch die Worte eines leibhaftigen Sprechers regelrecht bedroht. Um wieviel mehr, so Jaynes, muß die Gewalt von Worten empfunden worden sein, wo es wie bei den halluzinierten Stimmen keinerlei „räumliche(n) Fixpunkt“ gibt, „von dem die Stimme ausgeht: eine Stimme, der man nicht ausweichen, zu der man nicht auf Distanz gehen kann, die einem so nahe ist, ‚als wär’s ein Stück von mir‘, nämlich vom eigenen Ich ...“ (Vgl. Jaynes 1993, S.126) – „(D)ie Stimme hören“, bringt Jaynes die Befindlichkeit des bikameralen Menschen auf den Punkt, „hieß ihr gehorchen“, (Vgl. Jaynes 1993, S.127)

Ein eigentliches Zeiterleben im heutigen Sinne gab es Jaynes zufolge für den bikameralen Menschen nicht. Er lebte vom Aufstehen bis zum Schlafengehen in einem „Globalsystem anhaltender Stimulierungswiderspiele“ (vgl. Jaynes 1993, S.110): „Das Wissen des bikameralen Menschen war Verhaltenswissen, ein Reagieren auf die Hinweisreize zum Aufstehen und Schlafengehen, für die Aussaat und für die Ernte: Hinweisreize, die so wichtig waren, daß sie – wie etwa in Stonehenge – zum Gegenstand kultischer Verehrung gemacht wurden und wahrscheinlich an und für sich schon halluzinogen wirkten. Für die Angehörigen einer Kultur, in der die Achtsamkeit auf derlei Hinweisreize von einem anderen Zeitgefühl abgelöst wurde, bedeutet die krankheitsbedingte Einbuße jenes Schemas der räumlichen Aufeinanderfolge soviel wie in eine mehr oder weniger zeitgemäße Welt hineinversetzt zu werden.“ (Jaynes 1993, S.515) – In einer ‚zeitgemäßen‘ Welt, also in unserer heutigen, würden diese bikameralen Menschen wahrscheinlich auf Schizophrenie diagnostiziert.

Die bikamerale Psyche war Jaynes zufolge eine Reaktion auf die zunehmende kulturelle Komplexität des Neolithikums mit seinen ersten durch die Landwirtschaft ermöglichten städtischen Zivilisationen: „Zivilisation ist die Kunst des menschlichen Zusammenlebens in Städten von solcher Größe, daß nicht mehr jeder jeden kennt. ... Wir haben die Hypothese aufgestellt, daß es die bikamerale Psyche war, die die sozialorganisatorischen Rahmenbedingungen dafür schuf.“ (Jaynes 1993, S.185)

Es waren Jaynes zufolge die ‚Stimmen‘, die dazu beitrugen, daß die Menschen im Rahmen einer immer komplexer werdenden Arbeitsteilung bei der Stange gehalten wurden und nicht einfach bei ersten Ermüdungserscheinungen den Krempel hinschmissen, um sich irgendwo in den Schatten zu legen und sich ein Nickerchen zu gönnen. Wenn etwa ein bikameraler Mensch von seinem Clanchef die Aufgabe erhielt, ein Fischwehr anzulegen – und der Clanchef darüberhinaus selbst einen Bestandteil der inneren Stimmen dieses bikameralen Menschen bildete –, so begleitete ihn diese Stimme bei der Arbeit und drangsalierte ihn solange, bis er seine Arbeit erledigt hatte: „Ein Mensch des mittleren Pleistozäns würde sofort wieder vergessen haben, was er da zu tun im Begriff war. Doch der sprechende Mensch hätte seine Sprache, ihn daran zu erinnern: entweder indem er sich selbst das Kommando wiederholt – was einen Typ des Wollens voraussetzt, zu dem er meiner Meinung nach seinerzeit noch nicht in der Lage war – oder aber, wie es wahrscheinlich ist, vermittels wiederholter ‚innerer‘ Sprachhalluzination, die ihm sagt, was zu tun ist.“ (Jaynes 1993, S.169)

Diese Funktionsbestimmung der göttlichen Stimmen erinnert an die Zweitpersonalität, die Tomasello einer bestimmten Phase der Sprachevolution zuordnet. (Vgl. meine Posts vom 29.10. und vom 02.11.2014) Der Frühmensch vor etwa 400.000 Jahren organisierte Tomasello zufolge die  arbeitsteiligen Tätigkeiten bei der Großwildjagd über Ich-Du-Interaktionen, die noch frei waren von der dritte-Person-Perspektive einer komplexeren Sozialordnung. Ganz ähnlich haben wir es bei der bikameralen Psyche nicht etwa mit einer auf das individuelle Bewußtsein gerichteten komplexen sozialen Hierarchie zu tun, sondern mit vielen verschiedenen Ich-Du-Interaktionen zwischen dem bikameralen Menschen und seinen Göttern.

Diese Götter waren durchaus hierarchisch komplex organisiert. Es gab komplizierte Systeme von Privatgöttern bis hinauf zu kollektiven höherrangigen Gottheiten, die auch öffentlich in zentralen Gotteshäusern zur Schau gestellt wurden. (Vgl. Jaynes 1993, 226f. und S.255) Diese Gottheiten bildeten aber gegenüber dem bikameralen Menschen keine die Ich-Du-Perspektive überschreitende dritte Perspektive. Der bikamerale Mensch bedurfte dieser dritten Perspektive nicht, um in der sozialen Gemeinschaft zu funktionieren. Er mußte weder gesellschaftlich noch staatlich kontrolliert und beaufsichtigt werden. Es gab keine Polizei. (Vgl. Jaynes 1993, S.248) Polizei und staatliche Kontrolle gab es erst, als die bikamerale Kultur zusammenzubrechen begann: „In der bikameralen Epoche war die bikamerale Psyche die soziale Kontrolle – und nicht Schrecken oder Unterdrückung oder auch nur Gesetz und Recht. ... weil der bikamerale Mensch keinen inneren Raum hatte, in dem er hätte privat, also ‚für sich‘ sein können, und kein Analogon namens ‚Ich‘ ... Die Binnenbeziehungen in einem bikameral verfaßten Staatsgebilde waren daher höchstwahrscheinlich friedlicher und freundschaftlicher als in jeder anderen Zivilisation seither.“ (Jaynes 1993, S.252)

Deshalb ist Jaynes’ Vergleich der göttlichen Stimmen mit Freuds Überich irreführend. (Vgl. Jaynes 1993, S.97) Jenseits des Ich-Du zwischen dem bikameralen Menschen und seinen Göttern gab es keine dritte Perspektive bzw. kein Überich, dem er sich hätte unterwerfen müssen, weil er einfach keine Vorstellung davon hatte, was es überhaupt hätte bedeuten können, sich seinen Göttern zu widersetzen. Der bikamerale Mensch lebte mit seinen Mitmenschen und mit seinen Göttern in genau der moralfreien dyadischen Zweitpersonalität, wie sie Michael Tomasello dem Frühmenschen zuordnet.

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