Donnerstag, 4. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

2. Bewußtseinstheorien
3. Metaphern
4. Differenz von Innen und Außen

Die Differenz zwischen Innen und Außen bildet Jaynes zufolge ein unverzichtbares Moment eines jeden Bewußtseins. Mit dem Verlust dieser Differenz geht beim modernen, mit subjektivem Bewußtsein ausgestatteten Menschen eine schwere Geisteskrankheit einher: „Und wenn es (das Ich-Bewußtsein – DZ) dann, wie das in der Schizophrenie geschieht, zu schwinden und der Raum, in dem es zu Hause ist, einzustürzen beginnt – was für eine grauenhafte Erfahrung muß das sein!“ (Jaynes 1993, S.510)

Der Schizophrene befindet sich in derselben psychischen Verfassung wie der bikamerale Mensch. Er unterscheidet sich von diesem nur dadurch, daß er in einer Kultur lebt, die dieser psychischen Verfassung keine Anerkennung gewährt: „Im Ergebnis ist der Schizophrene eine schutzlos ihrer Umwelt preisgegebene Psyche, ein Lakai der Götter in einer entgötterten Welt.“ (Jaynes 1993, S.528)

So wichtig also die Konstitution eines Innenraums ist, eines Raums, in dem sich ein „Analogon unserer selbst“, ein ‚Ich‘ herausbilden kann (vgl. Jaynes 1993, S.510), so sehr betont Jaynes demgegenüber aber auch, daß wir es hier nicht mit einem realen physischen Ort, einem im Körper lokalisierbaren physiologischen „Gewebe“ (Jaynes 1993, S.61) zu tun haben: „Tatsächlich hat das Bewußtsein überhaupt keinen Ort außer dem, den wir ihm in unserer Vorstellung zuweisen.“ (S.62f.) – Das Bewußtsein entsteht allererst durch metaphorische Projektion. (Vgl. meinen gestrigen Post)

Die durch metaphorische Projektion auf den psychischen Innenraum übertragenen Raumeigenschaften (vgl. Jaynes 1993, S.74) verwandeln sich in eine Reihe von psychologischen Prädikaten. Die fundamentalste Eigenschaft, aus der sich die meisten anderen Prädikate ergeben, besteht in der Innenräumlichkeit selbst, die Jaynes auch als „Spatialisierung“ der menschlichen Psyche bezeichnet: „Eben dieser metaphorische ‚innere‘ Raum ist es, in den wir bei der Introspektion ... hineinblicken und den wir dabei fortwährend neu erzeugen und mit jedem Ding und jeder Relation, die wir neu ‚ins‘ Bewußtseins aufnehmen, ‚erweitern‘.“ (Jaynes 1993, S.79) – Der mit subjektivem Bewußtsein ausgestattete moderne Mensch setzt Jaynes zufolge „diese ‚Räume‘“ „umstandslos“ voraus: „Sie gehören zum ‚Bewußtsein haben‘ (im eigenen Fall) und zum (fraglos unterstellten) ‚Fremdbewußtsein‘ einfach mit dazu.“ (Jaynes 1993, S.80)

Unmittelbar verbunden mit dieser räumlichen Spatialisierung ist auch eine Spatialisierung der Zeit, die wir nach räumlichen Mustern strukturieren: „Es ist unmöglich – absolut unmöglich –, sich die Zeit vorzustellen, ohne sie zu verräumlichen.“ (Jaynes 1993, S.80) – Ohne Konstitution eines inneren psychischen Raums gibt es also kein Vorher und Nachher, keine Vergangenheit und keine Zukunft und keine Gegenwart.

Ebenfalls unmittelbar mit der Spatialisierung hängt die Möglichkeit eines „Ich (qua Analogon)“ zusammen, „das sich in unserer ‚Vorstellung‘ stellvertretend ‚frei bewegen‘ und dabei ‚tun‘ kann, was wir realiter nicht tun.“ (Jaynes 1993, S.83) – Während das analogische Ich also einen stellvertretend handelnden Agenten bzw. neudeutsch ein ‚Avatar‘ unseres Bewußtseins bildet, unterscheidet Jaynes davon noch ein „Ich (qua Metapher)“. (Vgl. ebenda) Damit ist im Unterschied zum Agenten eine Art Beobachtungs-Ich gemeint, über das wir reflektieren und urteilen können. Es ist eher ein Gegenstand von Meditationen als ein Subjekt von Handlungen.

Ein weiteres unmittelbar aus der Spatialisierung unserer Psyche hervorgehendes Moment des Bewußtseins bildet Jaynes zufolge die „Narrativierung“. Damit ist das gemeint, was die heutigen Psychologen als autobiographisches Ich bezeichnen: „Der Dieb narrativiert sein Handeln in einen Kausalzusammenhang mit der Armut, der Künstler mit der Schönheit, der Wissenschaftler mit der Wahrheit, wobei Ursache und Zweck unauflöslich mit eingeflochten sind in die Spatialisierung des Verhaltens im Bewußtsein.“ (Jaynes 1993, S.84)

Alle diese Merkmale des Bewußtseins hängen mit seiner Innenräumlichkeit zusammen und gehen mit deren Auflösung verloren: „Mit der Auflösung des ‚Ich‘-qua-Analogon und seines Seelenraums wird das Narrativieren zu einer Unmöglichkeit. Es ist, als ob alles, was im Zustand der Normalität narrativiert wurde, in Assoziationen auseinanderfalle, die wohl von irgendeiner allgemeinen Sache beherrscht sein können, jedoch in keinerlei Beziehung zu einem einheitsstiftenden begriffenen Zweck oder Ziel stehen, wie es bei der normalen Narrativierung der Fall ist.“ (Jaynes 1993, S.516)

Die anderen „Eigenschaften des Bewußtseins“ (Jaynes 1993, S.79), die Jaynes aufzählt, sind eigentlich seiner eigenen Definition nach keine Eigenschaften des Bewußtseins, sondern gehören auch zum bewußtlosen Verhaltensrepertoire von Tieren und des bikameralen Menschen. Bei diesen ‚Bewußtseinseigenschaften‘ handelt es sich um die Fähigkeit zur „Exzerpierung“ und zur „Kompatibilisierung“.

Mit der etwas umständlichen Formulierung „Exzerpierung“ ist letztlich nichts anderes gemeint als die Fähigkeit der Gestaltwahrnehmung, zu den wahrgenommenen sichtbaren Teilen eines Gegenstands die nichtsichtbaren Rückseiten dieses Gegenstands hinzuwahrzunehmen. Wir sehen die Dinge immer als Ganzes und nicht als Fragmente, weil wir in der Lage sind, die Teile stellvertretend für das Ganze zu nehmen: „Aus dem Ensemble der möglichen ‚Hinsichten‘ – der ‚Aspekte‘ einer Sache, die ipso facto Teilaspekte sind – greifen wir ein Stück heraus, ein ‚Exzerpt‘, das unser Wissen vom Ganzen in sich verkörpert.“ (Jaynes 1993, S.81)

Mit „Kompatibilisierung“ ist gemeint, daß wir unsere Wahrnehmungen den Kontexten und Situationen anpassen, in denen wir sie wahrnehmen. Wir können dieselben Gegenstände, Landschaften und Personen unter den verschiedensten Umständen und zu den verschiedensten Zeiten als dieselben wiedererkennen: „Das reale Urbild jenes Bewußtseinsmerkmals ist das schlichte Wiedererkennen, bei dem ein maßvoll mehrdeutiges Wahrnehmungsobjekt einem zuvor erworbenen Schema angeglichen wird ...“ (Jaynes 1993, S.85)

Exzerpierung und Kompatibilisierung bilden zugleich Momente der Narrativierung. Die narrativierende Sinnstiftung, mit der wir Handlungsverläufe nach Szenenabfolgen gliedern, entspricht der Gestaltwahrnehmung und bildet gewissermaßen das psychische Analogon zur physischen Außenwelt: „Die Kompatibilisierung setzt Einzelelemente zur Einheit eines Bewußtseinsgegenstands zusammen, genauso wie die Narrativierung Einzelelemente zur Einheit einer Geschichte zusammensetzt.“ (Jaynes 1993, S.85)

Aus der Narrativierung gehen letztlich alle Kulturleistungen hervor. Im Grunde sind sämtliche Kulturleistungen nichts anderes als Narrativierungen, und sie erhalten durch die Narrativierung zugleich immer schon eine normative Komponente: „Meine Vermutung geht dahin, daß die Narrativierung aus dem Bedürfnis entstand, die Ergebnisse zurückliegender politischer Entwicklungen zu normieren: Das Epos stattet den Bericht von den Ereignissen mit der normativen Kraft des Kodex aus.“ (Jaynes 1993, S.269)

Das normierende Potential der Narrativierung ist im Sicherheitsbedürfnis des subjektiven Bewußtseins begründet, das ein fortgesetztes Bestreben nach Selbstvergewisserung nach sich zieht. Deshalb ist die Lage des Schizophrenen, der der „Quellen der Sicherheit und der Narrativierungsfähigkeit beraubt“ ist und „von Halluzinationen heimgesucht“ wird, „die von den Menschen in seiner Umgebung als illegitim und irreal verworfen werden“ (vgl. Jaynes 1993, S.527), in einer auf subjektivem Bewußtsein basierenden Kultur so desolat. Er lebt einfach in der falschen Kultur und in der falschen Zeit.

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