Dienstag, 2. Juni 2015

Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtseins, Reinbek bei Hamburg 1993 (1976)

(Einführung: Das Problem des Bewußtseins (S.9-30) – Erstes Buch: Bewußtsein, Geist, Gehirn und Seele (S.33-182) – Zweites Buch: Das Beweismaterial der Geschichte (S.185-381) – Drittes Buch: Gegenwart: Relikte der bikameralen Psyche in der modernen Welt (S.385-546))

2. Bewußtseinstheorien
3. Metaphern
4. Differenz von Innen und Außen

Wenn Julian Jaynes den Bewußtseinsbegriff auf das bewußte Sein verengt und damit alles Vorbewußte und Unterbewußte ausschließt (vgl. Jaynes 1993, S.35), so nicht nur deshalb, um seine zentrale These zu stützen, daß es eine Phase der Kulturentwicklung gegeben hat, in der sich der Mensch seiner selbst und seiner Welt nicht bewußt gewesen war (vgl. Jaynes 1993, S.64, 109f.). Diese enge Definition liefert zugleich auch hilfreiche Argumente gegen bestimmte wissenschaftliche Richtungen, wie etwa der Behaviorismus und die Neurowissenschaften, die es sich zu ihrer vornehmsten Aufgabe gemacht haben, das Bewußtsein auf Physiologie zurückzuführen. Jaynes outet sich übrigens in diesem Zusammenhang selbst als ehemaligen Behavioristen. (Vgl. Jaynes 1993, S.26)

Jaynes widerlegt der Reihe nach die verschiedenen Bewußtseinstheorien, die sich einzelne Aspekte des Bewußtseins aus dem menschlichen Verhaltensspektrum herausfischen, um sie physiologisch zu lokalisieren. Diese Bewußtseinstheorien verstehen das Bewußtsein als retikuläres Aktivierungssystem (vgl. Jaynes 1993, S.27ff.), als Gedächtnis (vgl. Jaynes 1993, S.40ff.), als Lernen (vgl. Jaynes 1993, S.46ff.) und als Denken (vgl. Jaynes 1993, S.51ff.).

Das retikuläre Aktivierungssystem galt Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre, als Jaynes sein Buch schrieb, in den Neurowissenschaften als der aussichtsreichste Kandidat für den Sitz des Bewußtseins: „Die Funktion der Formatio retikularis ist die eines unspezifischen Aktivierungssystems: Sie wirkt hemmend und erregend auf einzelne Nervenschaltkreise und steuert damit den Wachheitszustand des Individuums, was die Pioniere ihrer Erforschung veranlaßte, sie als ‚Wachhirn‘ zu bezeichnen.()“ (Jaynes 1993, S.28)

Jaynes wendet gegen diese neurowissenschaftliche Manie, Bewußtseinsphänomene auf Nervenfunktionen zurückzuführen, ein, daß alle scheinbar neurowissenschaftlich begründeten ‚Erkenntnisse‘ nur Ableitungen von Beobachtungen des menschlichen Verhaltens bilden. Tatsächlich müsse man allererst den Begriff des Bewußtseins klären, bevor neurowissenschaftliche Studien irgendeinen Sinn machen: „Wir müssen zunächst ganz oben beginnen, nämlich mit einem Begriff vom Bewußtsein, einem Begriff von Introspektion, der Selbstbeobachtung.“ (Jaynes 1993, S.30) – Vergleichbare Ermahnungen, die die neurowissenschaftlichen Aktivitäten bis heute begleiten, wurden, wie wir inzwischen wissen, von den betreffenden Forschern immer konsequent ignoriert. (Vgl. meinen Post vom 03.05.2015)

Dem Versuch, das Bewußtsein als Gedächtnisspeicher zu verstehen, hält Jaynes entgegen, daß das Gedächtnis ganz und gar nicht vom Bewußtsein kontrolliert wird: „Ich schätze, Sie werden staunen, wie wenig Sie sich von jenen vermeintlichen Bildern, die Sie aus soviel vorangegangenem aufmerksamem Erleben aufgespeichert haben, bewußt vergegenwärtigen können.“ (Jaynes 1993, S.41)

Oft wird dabei Gedächtnis mit Wiedererkennen gleichgesetzt. Nur weil wir problemlos schon bekannte Gesichter, Gegenstände und Situationen wiedererkennen können, heißt das noch lange nicht, daß das Gedächtnis unserer Kontrolle unterliegt: „Dies ist der – für Psychologen altvertraute – Unterschied zwischen Wiedererkennen und Erinnerung. Was Sie erinnern, das heißt bewußt ins Gedächtnis zurückrufen können, ist nur ein Fingerhut voll im Vergleich zu dem gewaltigen Ozean Ihres faktischen Wissens.“ (Jaynes 1993, S.41)

Der Aspekt des ‚Wiedererkennens‘ verweist übrigens auf eine Bewußtseinsfunktion – denn ich will hier weiterhin von ‚Bewußtsein‘ sprechen, auch wenn Jaynes diesen Aspekt aus dem Bewußtsein ausgliedert –, die ich im Rahmen dieses Blogs immer als Gestaltwahrnehmung bezeichne. Darauf werde ich gleich nochmal zu sprechen kommen.

Jaynes wendet sich auch gegen Versuche, das Bewußtsein als Lernen zu definieren. Das ist ein Verhaltensbereich, dem vor allem der Behaviorismus seine Aufmerksamkeit gewidmet hatte, – und auch heute noch widmet. Es ist erstaunlich, wie hartnäckig wissenschaftliche Ideologien überdauern können; ein Beleg dafür, wie wenig es der vielgerühmten scientific community gelingt, offensichtlich falsche Theorien aus ihrem ‚Wissensbestand‘ auszusortieren. ‚Lernen‘ wird dabei, so Jaynes, in drei verschiedene Typen untergegliedert: in „Signallernen“ (vgl .Jaynes 1993, S.46f.), in das Lernen von Geschicklichkeiten (vgl .Jaynes 1993, S.47ff.) und in das Erlernen von Verhaltensweisen und Gewohnheiten (operante Konditionierung (vgl .Jaynes 1993, S.49ff.)). Bei allen diesen Formen des Lernens weist Jaynes nach, daß hier der hauptsächliche Anteil des Lernprozesses außerhalb des Bewußtseins verläuft, ja, daß das Bewußtsein beim Lernen sogar hinderlich wirken kann: „Lassen Sie das Lernen geschehen, ohne sich seiner übermäßig bewußt zu sein, dann verläuft alles glatter und wirkungsvoller.“ (Jaynes 1993, S.49)

Dem letzten Zitat schließt sich eine interessante Bemerkung an. Jaynes konstatiert nüchtern, daß das unbewußte Lernen „manchmal sogar zu wirkungsvoll“ sei: „Denn bei komplizierteren Geschicklichkeiten wie dem Schreibmaschineschreiben kann man sich beispielsweise angewöhnen, ständig ‚dei‘ statt ‚die‘ zu tippen.“ (Jaynes 1993, 48) – Diese Bemerkung ist deshalb so interessant, weil wir schon bei John Locke gesehen haben, wieviel Wert er auf das Spaßlernen gelegt hatte. (Vgl. meinen Post vom 16.03.2012) Wenn das Kind beim Lernen Spaß hat, merkt es nicht, was der Pädagoge für Absichten mit ihm verfolgt. Sobald es nämlich merkt, so Locke, daß es das, was es gerne tut, lernen soll, wird es das nicht mehr tun wollen. Der Spaß ist vorbei. Mit anderen Worten: das Bewußtsein kommt ihm in die Quere.

Dasselbe gilt Jaynes zufolge auch für das Lernen als Problemlösen, also für eine scheinbar höchst kognitive Bewußtseinsleistung. Jaynes ist tatsächlich der Meinung, daß das Bewußtsein zum Denken nicht nötig sei. Und er hat gute Gründe für diese Ansicht. Diese Gründe liefert ihm die Gestaltwahrnehmung, wobei sich Jaynes insbesondere auf die sogenannte „Würzburger Schule“ zu Beginn des 20.Jhdts. beruft. (Vgl. Jaynes 1993, S.52f.) Eins ihrer Experimente zur Urteilsfindung besteht darin, daß Probanden zwei unterschiedlich schwere Gegenstände vorgelegt bekommen und sie entscheiden müssen, welcher der schwerere ist. Die Experimentatoren erhofften sich von ihren Experimenten, den Moment dingfest machen zu können, an dem die Probanden sich bewußt für einen der beiden Gegenstände entscheiden, also ein bewußtes Urteil fällen: „Die Versuchsperson wurde aufgefordert, zwei vor ihr stehende Gewichte emporzuheben und das schwerere von beiden vor den Versuchsleiter zu stellen, der ihr gegenüber saß. Und es war sowohl für den Versuchsleiter selbst als auch für seine hochgradig geschulten Versuchspersonen, die allesamt in der Selbstbeobachtung geübte Psychologen waren, eine verblüffende Entdeckung, daß der Prozeß des Urteilens als solcher nie bewußt war.“ (Jaynes 1993, S.53) – Anstatt durch Denken zu einem Urteil zu gelangen, wird den Probanden das Ergebnis „einfach fix und fertig irgendwoher aus dem Nervensystem“ geliefert. (Vgl. Jaynes 1993, S.52)

Jaynes verweist noch auf ein anderes Phänomen, das die Grenzen der Sprache betrifft, die aufgrund der engen Verknüpfung zwischen Sprache und Denken bei Jaynes zugleich Grenzen des Bewußtseins bilden. Dabei geht es um Vorgänge im Bereich der Gestaltwahrnehmung, die ich in diesem Blog immer auch gerne als Bildwahrnehmung bezeichne, die sich nur schwer und meist unzulänglich in Worte übersetzen lassen: „Schließlich fassen wir bei der Selbstbeobachtung immerzu etwas in Hunderte von Wörtern, was sich innerhalb weniger Sekunden zuträgt. (Was für eine erstaunliche Tatsache dies doch ist!)“ (Jaynes 1993, S.53)

Jaynes’ Anmerkung, daß wir es hier mit einer ‚erstaunlichen Tatsache‘ zu tun haben, möchte ich selbst gerne noch einmal mit dem Hinweis ergänzen, daß auch diese „Hunderte von Wörtern“ nur dann die inneren Vorgänge adäquat erfassen, wenn sie selbst wiederum ein sprachliches ‚Bild‘ ergeben, nämlich eine Metapher, die allein das Schwebende, Uneindeutige der inneren Vorgänge einzufangen vermag. Sonst reichen auch unendlich viele Wörter nicht aus.

Es gibt also ein Denken außerhalb des Bewußtseins; was natürlich nur dann gilt, wenn man Bewußtsein von vornherein auf bewußtes Sein einschränkt. Jaynes kommt zu der Feststellung, daß Bewußtsein für Denken und für das, was er als „natürliche Vernunft“ bezeichnet, nicht nötig ist. (Vgl. Jaynes 1993, S.57) Die natürliche Vernunft entspricht jenem Phänomen, das die Phänomenologen als „Lebenswelt“ bezeichnen. Aus ihr erhalten wir die Intuitionen für unser bewußtes Denken. Meistens ist dann der Großteil der Denkarbeit schon erledigt. Die Logik, mit der wir unser Denken begründen, wird immer erst im nachhinein angewandt: „Die Logik ist die Wissenschaft von der Begründung jener Schlüsse, zu denen wir mit Hilfe unserer natürlichen Vernunft gelangt sind, Meine These ist, daß das Bewußtsein für die natürliche Vernunfttätigkeit nicht benötigt wird. Der eigentliche Grund, warum wir die Logik überhaupt benötigen, ist der, daß das Schließen meistenteils ganz und gar nicht bewußt geschieht.“ (Janes 1993, S.57)

Mit Hilfe der Logik machen wir uns also die Gründe bewußt, die unseren Intuitionen schon zugrundelagen, bevor wir bewußt zu denken begannen. Bleibt nur noch zu ergänzen, daß es sich hier um den Sachverhalt handelt, den ich in diesem Blog immer als Verhältnis von Naivität und Kritik bezeichne.

Wozu also überhaupt noch Bewußtsein? Eine wichtige Funktion des Bewußtseins macht Jaynes am Begriff der „Struktion“ fest. Mit ihrer Hilfe steuern wir das automatische Denken, das sich unserer bewußten Kontrolle entzieht. Sie ist die bewußte Voraussetzung dafür, daß sich ein vorbewußtes Denken überhaupt vollziehen kann. Sie bildet eine Phase der bewußten Entscheidung, die noch vor dem eigentlichen Denkprozeß liegt: „Für diese Phase möchte ich die Bezeichnung ‚Struktion‘ einführen, die die Bedeutung sowohl von ‚Instruktion‘ als auch von ‚Konstruktion‘ in sich vereinen soll.() ... Wenn ich mir vornehme, an eine Eiche im Sommer zu denken, so ist dies eine Struktion, und was ich ‚denken an‘ nenne, ist im Grunde genommen eine Kette von Bildassoziationen, die aus einem unbekannten Meer an die Küste meines Bewußtseins gespült werden ...“ (Jaynes 1993, S.55)

‚Struktionen‘ gibt es in vielerlei Zusammenhängen. Wenn ein Leistungssportler sich auf einen Wettkampf vorbereitet, so visualisiert er vorher alle Bewegungsabläufe, um sich ‚mental‘ auf das Sportereignis einzustellen. Bobfahrer durchlaufen z.B. ‚in Gedanken‘ alle Aspekte der Bobbahn, die sie später hinuntersausen werden. Später, wenn sie in ihrem Schlitten sitzen, dürfen sie dann keinen bewußten Gedanken mehr an ihre Aufgabe verschwenden. Das würde die automatisierten Abläufe behindern oder sogar zum Sturz führen. Oder wir können beim Einschlafen unsere Gedanken bewußt auf bestimmte Momente des Tages fokussieren und auf diese Weise beeinflussen, was wir im Schlaf träumen werden. – Die Struktionen unseres Bewußtseins sind an die Stelle dessen getreten, was einmal die Götterstimmen geleistet haben. Nur in umgekehrter Richtung.

Und das gilt tatsächlich auch fürs Denken! Von mir selbst kann ich nur sagen: wenn ich beim Denken ins Stocken gerate und nicht mehr weiter weiß, ist es das Beste, mit dem ‚Denken‘ aufzuhören – nämlich mit dem bewußten Denken – und stattdessen irgendetwas anderes zu tun. Früher habe ich immer gerne gebügelt oder abgewaschen. Heute habe ich eine Spülmaschine, und ich trage keine Kleider mehr, die ich bügeln müßte. Es ist völlig egal, was man macht. Mir kommen einige meiner besten Ideen beim Fahrradfahren. Irgendetwas denkt weiter, wenn wir aufhören zu denken.

Dieses Weiterdenken in uns bildet tatsächlich ein „unbekanntes Meer“, aus dem die Eingebungen an die Küste unseres Bewußtseins gespült werden, wie Jaynes schreibt. Und natürlich handelt es sich dabei um eine Metapher, um ein sprachliches Bild, das die inneren Vorgänge besser beschreibt als es „Hunderte von Wörtern“ könnten.

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