Donnerstag, 25. Juni 2015

Papst Franziskus, Die Enzyklika „LAUDATO SI’“ von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus, Freiburg/Basel/Wien 2015

(Herder, karton. 14,99 €, 268 S.)

1. Adresse: Wer gemeint ist
2. Technokratisches Paradigma
3. Transdisziplinarität
4. Körperleib und Positionalität
5. Wortfeld der Gabe

Die verschiedenen gesellschaftlichen Konzepte, die in unserer Generation zur Entscheidung anstehen, gruppieren sich im Wesentlichen um zwei Wortfelder: um das Wortfeld der „Rendite“, wie es Franziskus nennt, bzw. des Profits und um das Wortfeld der Gabe. Das Wortfeld der Gabe wurde insbesondere von dem Ethnologen Marcel Mauss (1872-1950) untersucht. In der Enzyklika von Franziskus umfaßt es die religiöse und spirituelle Dimension eines Zukunftsbezugs, der an die Stelle der bisherigen nur an kurzfristigen Gewinnen orientierten Wirtschaftsform treten soll.

Von ‚Rendite‘ und ‚Profit‘ ist immer auch gerne im Zusammenhang von Verantwortung für die Zukunft und für die Sicherung des Wohlstands der nachfolgenden Generationen die Rede. Als Zerrbild einer solchen Zukunftsvorsorge wird dann immer auf die drohende Arbeitslosigkeit mit allen ihren Folgen für den sozialen Zusammenhang einer Gesellschaft oder auf die Finanzierbarkeit der Renten verwiesen. Daß aber die Arbeitslosigkeit gerade auch wegen eines technologisch abgesicherten permanenten Wirtschaftswachstums letztlich unvermeidbar ist, deutet Franziskus dort an, wo er sich um den „Wert der Arbeit“ (Laudato si’, S.133) sorgt: „Man darf nicht danach trachten, dass der technologische Fortschritt immer mehr die menschliche Arbeit verdränge, womit die Menschheit sich selbst schädigen würde. Die Arbeit ist eine Notwendigkeit, sie ist Teil des Sinns des Lebens auf dieser Erde, Weg der Reifung, der menschlichen Entwicklung und der persönlichen Verwirklichung.“ (Laudato si’, S.137)

Technologisch läuft alles auf eine Abschaffung der Arbeit, wie wir sie bisher kannten, hinaus. Umso dringender ist es also, sich grundlegend neu über den Sinn der Arbeit zu verständigen. Es bleibt sonst nur eine Alternative, die uns Christina von Braun in ihrem Buch „Der Preis des Geldes“ (2012) vor Augen hält: das Geld, das sich seinen Wert nicht mehr über die menschliche Arbeitsleistung errechnen kann, weil diese weitgehend durch Roboter ersetzt werden wird, wird ihn sich durch eine zunehmende Zahl von Opfern beglaubigen lassen, denen es den Zugang zum technologisch ermöglichten Wohlstand verwehrt. (Vgl. meinen Post vom 15.12.2012) Was das bedeutet, können wir aktuell an den Bankautomaten in Griechenland beobachten.

Aber das fortgesetzte Wirtschaftswachstum schafft nicht nur die Arbeit ab, – und ineins damit die ökonomische Grundlage der Profitbildung. Es beinhaltet auch eine „ständige Beschleunigung“ (Laudato si’, S.31) der menschlichen Lebensrhythmen: „Innerhalb des Schemas der Rendite ist kein Platz für Gedanken an die Rhythmen der Natur, an ihre Zeiten des Verfalls und der Regenerierung und an die Kompliziertheit der Ökosysteme, die durch das menschliche Eingreifen gravierend verändert werden können.“ (Laudato si’, S.195)

Um dem damit einhergehenden Raubbau an menschlichen und natürlichen Ressourcen etwas entgegenzusetzen, haben Umweltschützer den Begriff der „Nachhaltigkeit“ aus der Forstwirtschaft übernommen. In der Forstwirtschaft war es darum gegangen, ein Gleichgewicht zwischen dem Ressourcenverbrauch, also dem Holzbedarf der Prä-Kohle-Ära, und dem Erhalt und der Pflege des vorhandenen Waldbestands herzustellen. Dieses Gleichgewicht wurde als „Nachhaltigkeit“ bezeichnet. Aber die rendite-orientierten Apologeten von ‚Wachstum gleich Wohlstand‘ übernahmen dreisterweise diesen Begriff und sprechen nun nicht etwa von einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, sondern von einem nachhaltigen Wachstum! – Kein Wachstum, egal auf welche Weise wir es auch immer etikettieren mögen, wird aber jemals so etwas wie ein Gleichgewicht ermöglichen!

An dieser Stelle bringt Franziskus den Sachverhalt erfreulich klar auf den Punkt: „In diesem Rahmen pflegt sich die Rede vom nachhaltigen Wachstum in eine ablenkende und rechtfertigende Gegenrede zu verwandeln, die Werte der ökologischen Überlegung in Anspruch nimmt und in die Logik des Finanzwesens und der Technokratie eingliedert, und die soziale wie umweltbezogene Verantwortlichkeit der Unternehmen wird dann gewöhnlich auf eine Reihe von Aktionen zur Verbraucherforschung und Image-Pflege reduziert.“ (Laudato si’, S.199)

Wir dürfen uns deshalb von der Vermischung der Wortfelder, von ‚Profit‘ und ‚Gabe‘, nicht irre machen lassen. Wer immer behauptet, das eine mit dem anderen verbinden zu können, versucht nur sein Interesse am ungebremsten ‚Weiter so‘ zu camouflieren.

Mit ‚Gabe‘ ist eine nicht an Profit orientierte Form des Umgangs des Menschen mit sich und mit seiner natürlichen Umwelt gemeint. Dieser Umgang basiert auf der Einsicht, daß wir die Güter, die uns am Leben erhalten, einschließlich unser Leben selbst, nicht ‚gemacht‘ haben, sondern sie wurden uns ‚gegeben‘. Friedrich Schleiermacher (1768-1834) meinte wohl so etwas, als er die Religion als das Bewußtsein der schlechthinnigen Abhängigkeit beschrieb. Dieses Bewußtsein kann man tatsächlich auch als Gottesverhältnis auslegen: „Die Zerstörung der menschlichen Umwelt ist etwas sehr Ernstes, denn Gott vertraute dem Menschen nicht nur die Welt an, sondern sein Leben selbst ist ein Geschenk, das vor verschiedenen Formen des Niedergangs geschützt werden muss.“ (Laudato si’, S.18)

Diese Vorstellung von ‚Gütern‘, die keine ‚Waren‘ sind, liegt auch der Vorstellung eines Umgangs mit ihnen (und mit den Menschen) zugrunde, der auf einer Solidarität beruht, die keine Gegenleistung erwartet. Ein solches Umgangsverhältnis bestimmt auch das Generationenverhältnis, und zwar insbesondere im Sinne einer Verantwortung der aktuellen Generationen für die Zukunft der noch ungeborenen Generationen: „Ohne eine Solidarität zwischen den Generationen kann von nachhaltiger Entwicklung keine Rede mehr sein. Wenn wir an die Situation denken, in der der Planet den kommenden Generationen hinterlassen wird, treten wir in eine andere Logik ein, in die des freien Geschenks, das wir empfangen und weitergeben.“ (Laudato si’, S.167)

In Bezug auf die noch ungeborenen Generationen kann für uns heute Lebenden natürlich von keiner Gegenleistung die Rede sein. Wir persönlich haben in dieser Hinsicht nichts davon, wenn wir unseren Lebensstil ändern, abgesehen vom Gedanken des „innere(n) Friede(ns)“, den wir möglicherweise finden können, wenn wir unsere eigenen, oftmals nur eingebildeten und durch Konsum und Werbung suggerierten Bedürfnisse beschränken. (Vgl. Laudato si’, S.227)

Auch hier geht es letztlich um die Entscheidung jedes Einzelnen, unabhängig von einer entsprechenden staatlichen Gesetzgebung und von internationalen Vereinbarungen zum Klimaschutz. Sich durch den Gedanken einer Gabe, der Unverfügbarkeit des Lebens auf diesem Planeten, in der eigenen Bedürfnisorientierung einschränken zu lassen, hat tatsächlich etwas zutiefst Religiöses, gleichgültig ob wir diesen Gedanken mit einem Gottesverhältnis verbinden oder nicht.

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