Mittwoch, 24. Juni 2015

Papst Franziskus, Die Enzyklika „LAUDATO SI’“ von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus, Freiburg/Basel/Wien 2015

(Herder, karton. 14,99 €, 268 S.)

1. Adresse: Wer gemeint ist
2. Technokratisches Paradigma
3. Transdisziplinarität
4. Körperleib und Positionalität
5. Wortfeld der Gabe

Wenn Franziskus in seiner Enzyklika dem technokratischen Paradigma vorwirft, „dem Menschen jeglichen besonderen Wert abzusprechen“ (Laudato si’, S.128) und überhaupt den „Eigenwert“ der planetaren Ressourcen zu ignorieren (vgl. Laudato si’, S.30, 45, 80f., 128, 211), muß die Lösung des Problems in einer neuen „Kultur der Achtsamkeit“ liegen (vgl. Laudato si’, S.232). Dazu wiederum bedarf es eines „neuen Menschen“. (Vgl. Laudato si’, S.128) Um die Kontur dieses neuen Menschen sichtbar zu machen, bedarf es einer „angemessene(n) Anthropologie“. (Vgl. ebenda) Und um diesen neuen Menschen möglich zu machen, bedarf es einer Erziehung zur Ästhetik und Spiritualität. (Vgl. Laudato si’, S.212-218)

Was den letzten Punkt betrifft, so ergibt sich der ästhetische und spirituelle Schwerpunkt dieser „Umwelterziehung“ aus der erwähnten Notwendigkeit der Achtsamkeit gegenüber dem über eine bloße Profitorientierung hinausgehenden Eigenwert der Schöpfung: „Auf die Schönheit zu achten und sie zu lieben hilft uns, aus dem utilitaristischen Pragmatismus herauszukommen. Wenn jemand nicht lernt innezuhalten, um das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, ist es nicht verwunderlich, dass sich für ihn alles in einen Gegenstand verwandelt, den er gebrauchen oder skrupellos missbrauchen kann.“ (Laudato si’, S.218)

Zur ästhetischen Sensibilisierung des Menschen muß Franziskus zufolge noch eine spiritelle Motivation hinzukommen, „(d)enn es wird nicht möglich sein, sich für große Dinge zu engagieren allein mit Lehren, ohne eine ‚Mystik‘, die uns beseelt, ohne ‚innere Beweggründe, die das persönliche und gemeinschaftliche Handeln anspornen, motivieren, ermutigen und ihm Sinn verleihen‘.“ (Vgl. Laudato si’, S.219)

Franziskus umreißt hier eine Erziehungs- und Entwicklungsperspektive auf einen neuen Menschen hin, die, wie ich finde, dem Problemzusammenhang durchaus entspricht. Aber das damit verbundene anthropologische Konzept überzeugt mich weniger. Dabei geht es um fundamentale Fragen, die mit Begriffen wie ‚Freiheit‘ und ‚Verantwortung‘ zusammenhängen. Schon daß Franziskus dem technokratischen Paradigma einen „fehlgeleitete(n) Anthropozentrismus“ (Laudato si’, S.131) vorwirft, zeigt eine gewisse begriffliche Oberflächlichkeit in seiner Argumentation. Insbesondere die Naturwissenschaftler halten sich etwas darauf zugute, nicht nur auf die Hypothese ‚Gott‘, sondern auch auf die Hypothese ‚Mensch‘ verzichten zu können. Wo aber der Mensch nicht mehr im Zentrum der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit steht, kann man wohl kaum von einem Anthropozentrismus und auch nicht von einem ‚fehlgeleiteten‘ Anthropozentrismus sprechen.

Franziskus scheint es letztlich vor allem darum zu gehen, seine eigene katholische Perspektive auf den Menschen dadurch aufzuwerten, daß sie, angeblich im Unterschied zur modernen Wissenschaft, eben nicht anthropozentrisch ist. Das zeigt sich auch in seiner Distanzierung gegenüber einer Romantik der Naturverherrlichung, die er als einen „als ökologische Schönheit getarnte(n) romantische(n) Individualismus“ und als ein „stickiges Eingeschlossensein in der Immanenz“ beschreibt. (Vgl. Laudato si’, S.130)

Sowohl ‚Freiheit‘ wie auch ‚Verantwortung‘ des Menschen werden Franziskus zufolge erst durch eine außerweltliche Positionierung des Menschen möglich. Das Zentrum seines Handelns soll nicht in ihm selbst bzw. in seiner Weltlichkeit begründet sein, sondern in seinem Gottesverhältnis: „Wenn der Mensch sich selbst ins Zentrum stellt, gibt er am Ende seinen durch die Umstände bedingten Vorteilen absoluten Vorrang, und alles Übrige wird relativ.“ (Laudato si’, S.131)

Aber die Distanzierung zur ‚Romantik‘ ist wohlfeil. Alles was angeblich irrational ist, wird immer wieder gerne als Romantik denunziert. Gerade Franziskus müßte etwas sensibler für die Tatsache sein, daß auch die Romantik durch eine eigene, ernstzunehmende Spiritualität geprägt ist. Sich davon zu distanzieren, schadet dem eigenen Anspruch darauf, Spiritualität als ein notwendiges Moment des neuen Menschen in Betracht zu ziehen.

Letztlich beinhaltet seine eigene ‚Anthropologie‘ einen theologisch verbrämten Anthropozentrismus, denn jedes Gottesverhältnis ist immer allererst ein Verhältnis des Menschen zu sich selbst. Überhaupt läßt sich kaum eine Anthropologie ohne ‚Anthropozentrismus‘ denken. Es kommt dabei vor allem auf die Art und Weise an, in der wir das Verhältnis des Menschen zu sich und zur Welt bestimmen. Die Vorgaben, die Franziskus in dieser Hinsicht macht, weisen durchaus in die richtige Richtung. Es geht hier ganz wesentlich um Immanenz und Transzendenz des Menschen – oder mit Plessner: es geht um eine Verhältnisbestimmung des Menschen als Zentrum und Peripherie.

Plessner beschreibt das Selbst- und Weltverhältnis des Menschen als ‚Körperleib‘. Auch Franziskus entwickelt in seiner Enzyklika eine entsprechende anthropologische Bestimmung des Menschen: „Auf dieser Linie muss man anerkennen, dass unser Körper uns in eine direkte Beziehung zu der Umwelt und den anderen Lebewesen stellt.“ (Laudato si’, S.163f.)

Franziskus gibt dieser körperleiblichen Bestimmung des Menschen sogar eine planetarische Perspektive: „Wir vergessen, dass wir selber Erde sind (vgl. Gen 2,7). Unser eigener Körper ist aus den Elementen des Planeten gebildet; seine Luft ist es, die uns den Atem gibt, und sein Wasser belebt und erquickt uns.“ (Laudato si’, S.16) – Diese bemerkenswerte körperleibliche Verbindung des Menschen mit seinem Planeten liefert ein gewichtiges spirituelles Argument gegen das Geoengineering, das in der Konsequenz auf die Verwandlung der Erde in einen Cyborg hinausläuft. Diese Textstelle gehört zu den wirklichen starken, beeindruckenden Argumenten der Enzyklika.

Aber zum Körperleib, wie ihn Plessner konzipiert, gehört eben auch seine exzentrische Positionalität, also die Gleichzeitigkeit von Zentrum und Peripherie, von in der Welt und der Welt gegenüber: „Als Ich, das die volle Rückwendung des lebendigen Systems zu sich ermöglicht, steht der Mensch nicht mehr im Hier-Jetzt, sondern ‚hinter‘ ihm, hinter sich selbst, ortlos, im Nichts geht er im Nichts auf, im raumzeithaften Nirgendwo-Nirgendwann.“ (Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie, Berlin/New York 1975 (1928), S.292)

Dieses ‚Ich‘ kennt keine Authentizität. Es ist von einem heillosen ‚Bruch‘ durchzogen, „so daß niemand von sich selber weiß, ob er es noch ist, der weint und lacht, denkt und Entschlüsse faßt, oder dieses von ihm schon abgespaltene Selbst, der Andere in ihm, sein Gegenbild und vielleicht sein Gegenpol.“ (Vgl. Plessner 1975/1928, S.298f.)

An dieser Stelle unterscheiden sich die Anthropologien von Franziskus und von Plessner. Was bei Plessner ein anthropologisches Fundamentum bildet, ist bei Franziskus lediglich die Folge eines Sündenfalls, der die „Beziehung“ des Menschen „zu Gott, zum Nächsten und zur Erde“ zerbrechen ließ: „Dieser Bruch ist die Sünde.“ (Laudato si’, S.77) – Aber, so Franziskus, dieser Bruch ist heilbar.

Anders als Plessner hält Franziskus Authentizität deshalb für möglich. Die Umwelterziehung soll nicht nur zu einer neuen Bedürfnislosigkeit (‚geistige Armut‘ im Sinn des Franziskus von Assisi) des Menschen beitragen, sondern das Ergebnis dieser Erziehung, der „neue Mensch“, soll durch einen „authentisch“ gelebten, „innere(n) Friede(n)“ gekennzeichnet sein. (Vgl. Laudato si’, S.227)

Das zeigt sich auch am christlichen Begriff des Bösen, der eigentlich eher eine Mythologie ist als ein Begriff. Da der Mensch von Gott geschaffen ist, muß er gut sein, und ‚das Böse‘ muß anderweitig verkörpert von außen in die Welt gekommen sein. Dem Menschen hingegen ist durch Gott von vornherein eine „notwendige Beziehung“ zu dem „moralischen Gesetz“ als „seine eigene Natur“ eingeschrieben. (Vgl. Laudato si’, S.163) Deshalb können sich die Menschen „für das Gute entscheiden und sich bessern, über alle geistigen und sozialen Konditionierungen hinweg“: „Diese Fähigkeit ist es ja, der Gott von der Tiefe des menschlichen Herzens aus fortwährend Antrieb verleiht.“ (Laudato si’, S.210)

Bei Plessner gibt es hingegen kein Böses als solches, sondern nur mehr oder weniger richtige und falsche Entscheidungen, die wir auf der Grundlage unserer körperleiblichen Situiertheit treffen müssen. Hier stellt sich die Frage, welche der beiden Anthropologien die Situation des Menschen auf seinem von ihm selbst bedrohten Planeten angemessener beschreibt. Spiritualität ermöglichen beide Konzepte. Sie ist nicht von einem Gott abhängig, denn sonst gäbe es keinen Buddhismus. Das ist allerdings eine Frage, die jeder Mensch für sich selbst beantworten muß.

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