Dienstag, 23. Juni 2015

Papst Franziskus, Die Enzyklika „LAUDATO SI’“ von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus, Freiburg/Basel/Wien 2015

(Herder, karton. 14,99 €, 268 S.)

1. Adresse: Wer gemeint ist
2. Technokratisches Paradigma
3. Transdisziplinarität
4. Körperleib und Positionalität
5. Wortfeld der Gabe

Die Menschheit hat sich weit von ihrem ursprünglichen Naturverhältnis entfernt, das Franziskus zufolge darin bestanden hatte „zu empfangen, was die Wirklichkeit der Natur von sich aus anbietet, gleichsam die Hand reichend“. (Vgl. Laudato si’, S.116) Ein solches Naturverhältnis beinhaltet eine vorwiegend phänomenologische Einstellung zur Wirklichkeit. Von dieser Einstellung ist auch in der gegenwärtigen, auf Technologie ausgerichteten Wissenschaft nichts mehr zu finden: „Jetzt hingegen ist das Interesse darauf ausgerichtet, alles, was irgend möglich ist, aus den Dingen zu gewinnen durch den Eingriff des Menschen, der dazu neigt, die Wirklichkeit dessen, was er vor sich hat, zu ignorieren oder zu vergessen.“ (Ebenda)

Wir brauchen deshalb einen „neuen Menschen“ (Laudato si’, S.128) und eine neue Wissenschaft, eine Wissenschaft, die diesem neuen Menschen und seiner Verantwortung gerecht wird und nicht innerdisziplinär auf eine vermeintliche  Unabhängigkeit der Forschung pocht, die es längst nicht mehr gibt, oder die interdisziplinär auf technologische Großprojekte, vom human genom bis zum human brain, fixiert ist. Es muß vielmehr ein neues, transdisziplinär ausgerichtetes Bündnis zwischen Natur- und Geisteswissenschaften geben: „Eine Wissenschaft, die angeblich Lösungen für die großen Belange anbietet, müsste notwendigerweise alles aufgreifen, was die Erkenntnis in anderen Wissensbereichen hervorgebracht hat, einschließlich der Philosophie und der Sozialethik.“ (Laudato si’, S.121)

Transdisziplinär nenne ich dieses neue, von Franziskus angesprochene Wissenschaftsverständnis, weil diese Wissenschaft über ihre disziplinären Grenzen einer „wissenschaftlich-technischen Sprache“ hinaus „in einen Dialog mit der Sprache des Volkes“ eintreten muß. (Vgl. Laudato si’, S.143) Für diesen transdisziplinären Charakter steht auch der von Franziskus verwendete Begriff der „Kulturökologie“. (Vgl. Laudato si’, S.143ff.) Er gibt der Wissenschaft wieder einen humanen, die Disziplinenvielfalt integrierenden Sinn: „Doch zugleich wird die dringende Notwendigkeit des Humanismus aktuell, der von sich aus die verschiedenen Wissensgebiete – auch das wirtschaftliche – zusammenführt, um eine umfassendere wie integrierendere Perspektive zu erhalten.“ (Laudato si’, S.151)

Es ist allererst diese transdisziplinäre Orientierung am menschlichen Wohl, die die verschiedenen Disziplinen  daran hindert, sich „in die Grenzen ihrer eigenen Sprache zurückzuziehen“. Sie sprengt die „Abschottung“ und die „Verabsolutierung des eigenen Wissens“ auf und ermöglicht so den wahren interdisziplinären „Dialog unter den Wissenschaften selbst“. (Vgl. Laudato si’, S.205)

Wir haben es also mit einem zweifachen Dialog zu tun: der Wissenschaften untereinander und der Wissenschaften mit der Lebenswelt, aus der sie letztlich selbst hervorgegangen sind. Ihre transdisziplinäre Verantwortung besteht darin, sich diesem Dialog ohne Vorbehalt zu öffnen. ‚Ohne Vorbehalt‘ meint nicht zuletzt auch: ohne methodischen Vorbehalt. Es gibt kein methodisches Paradigma, auch nicht das naturwissenschaftliche, das die Wahrheit für sich gepachtet hätte.

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