Montag, 11. Mai 2015

Maxwell R. Bennett/Peter M.S. Hacker, Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften, Darmstadt 3/2015 (2003)

(Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 585 Seiten mit einem Vorwort von Annemarie Gethmann-Siefert, brosch., 49,90 €)

1. Zusammenfassung
2. Fachsprachliche und nichtfachsprachliche Begriffe
3. Denken und Sprechen
4. Phänomenologie und Sprachanalytik
5. Bindungsproblem (Gestaltwahrnehmung)
6. Innen-Außen-Differenz als Kryptokartesianismus
7. Qualia, Seele und das Arrangieren von Dingen
8. Gibt es Willensakte?
9. sprachanalytischer Reduktionismus

Bennett/Hacker unterscheiden zwischen einem ‚ontologischen‘ und einem ‚erklärenden‘ Reduktionismus. (Vgl. Bennett/Hacker 3/2015, S.481) Der ontologische Reduktionismus setzt das Sein eines Menschen mit dem „Verhalten einer Menge von Nervenzellen“ (ebenda) gleich, der erklärende Reduktionismus führt es auf das Verhalten von Nervenzellen zurück. Beides läuft also auf denselben „mereologischen Fehlschluss“ hinaus: auf die Verwechslung des Ganzen mit einem seiner Teile, dem Gehirn. (Vgl. Bennett/Hacker 3/2015, S.94)

„Im weitesten Sinne“, so Bennett/Hacker, besteht der Reduktionismus in der „Suche nach einer einzelnen einheitsstiftenden Erklärung eines Phänomens von bestimmter Art“: „Genauer betrachtet bemüht sich der Wissenschafts-Reduktionismus um die vollständige Erklärung der Natur und des Verhaltens von deren Bestandteilen (her).“ (Bennett/Hacker 3/2015, S.483)

Damit ist eigentlich schon alles gesagt, und es hätte kaum der Mühe bedurft, an dieser Stelle noch einmal darauf einzugehen, wenn Bennett/Hacker sich nicht selbst nach ihrer eigenen Definition eines solchen Reduktionismusses schuldig gemacht hätten. Durch die Zerlegung von Wahrnehmungserlebnissen in Wahrnehmungen und Empfindungen haben sie die elementare „Teileinheit“ des Bewußtseins, wie sich Wygotski ausdrücken würde (vgl. meinen Post vom 22.03.2015), noch einmal in weitere Bestandteile zerlegt. Elementare Teileinheiten stehen bei Wygotski immer für ein Ganzes, das von diesen Teileinheiten her erklärt oder wenigsten beschrieben werden kann. Zerlegt man diese Teileinheiten noch einmal in weitere Bestandteile, so verlieren sie ihre Erklärungskraft für das Ganze, für das sie stehen. Beim Bewußtsein bestehen diese elementaren Teileinheiten in den Phänomenen. Wollen wir verstehen, was es mit einem Phänomen auf sich hat, müssen wir uns ihm mit unserer vollen Aufmerksamkeit zuwenden, und zu beidem, also zu unserer Aufmerksamkeit wie auch zu dem Phänomen selbst, gehören zusammen mit den Sinnen und ihren Wahrnehmungen auch Empfindungen und Gefühle.

Wenn ich also einen roten Apfel oder eine rote Geranie sehe, so habe ich es hier mit einem Ganzen aus Wahrnehmungen und Empfindungen zu tun. Um diesem Phänomen gerecht zu werden, muß ich in beide Richtungen blicken: Richtung Empfindungen und Gefühle, und dann verwende ich vorwiegend Metaphern; und Richtung Gegenstand, und dann verwende ich vorwiegend Begriffe. Nur beide Blickrichtungen ergeben das Ganze eines roten Apfels oder einer roten Geranie.

Für Bennett/Hacker hingegen zählt nur eine Blickrichtung, die in der begrifflichen Analyse des Wahrnehmungserlebnisses besteht: „Erstens müssen wir zwischen der Beschreibung der relevanten Erfahrung und der Beschreibung des Objekts der Erfahrung unterscheiden. Zweitens müssen wir zwischen der Beschreibung des Objekts der Erfahrung und der Beschreibung der Eigenschaften oder Qualitäten des Objekts der Erfahrung unterscheiden. Daher müssen wir drittens zwischen der Beschreibung der Erfahrung und der Beschreibung der Qualitäten der Erfahrung unterscheiden.“ (Bennett/Hacker 3/2015, S.387)

Wir haben es also mit lauter Zerlegungen der Wahrnehmungsphänomene in ihre Bestandteile zu tun. Ich bestreite nicht, daß diese Zerlegungen einen kritischen Wert haben und dazu beitragen, verworrene Wahrnehmungserlebnisse zu klären. Dabei darf aber nicht aus den Augen verloren werden, daß das Ganze eines Wahrnehmungserlebnisses, einschließlich aller Empfindungen und Gefühle, zur Person gehört, die Bennett/Hacker zufolge aus sprachanalytischer Sicht das eigentliche Wahrnehmungs- und Handlungssubjekt bildet. Jede Unterscheidung von Wahrnehmungserlebnissen (Phänomenen) nach ihren Bestandteilen beinhaltet deshalb auch eine Zerlegung der Person in ihre Bestandteile und stellt deshalb nach Bennett/Hackers eigenen Worten einen Reduktionismus dar.

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