Samstag, 28. März 2015

Lew Semjonowitsch Wygotski, Denken und Sprechen. Mit einer Einleitung von Thomas Luckmann, Stuttgart 1964/1969 (1934)

1. Prolog: Tomasello und Rousseau
2. Zusammenfassung
3. Experimentelle Methode
4. Innerer Dialog und Egozentrismus
5. Strukturen der Verallgemeinerung
6. Folien und Meridiane
7. Rekursivität?
8. Wortbedeutung
– als Assoziationismus
– als Einheit
9. Situationsbegriff
10. Subjekte und Prädikate
11. Gesetz der Bewußtwerdung

Die Wortbedeutung bildet Wygotski zufolge die fundamentale „Teileinheit“ der Sprache, und nicht die Phoneme und Buchstaben einer molekularistisch ausgerichteten Sprachpsychologie und Linguistik. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.11, 14, 292) Die Wortbedeutung bildet eine Einheit aus dem gesprochenen Wort und dem dazugehörigen Gedanken, denn schon das Aussprechen eines Wortes verallgemeinert den Gegenstand, auf den es sich bezieht, zu einer Vorstellung, die viele Gegenstände der gleichen Art zu einem Gedanken zusammenfaßt: „Folglich stellt die Wortbedeutung in ihrer Verallgemeinerung einen Denkakt im eigentlichen Sinne des Wortes dar. Doch gleichzeitig ist die Bedeutung ein integrierender Teil des Wortes als solchen, sie gehört in gleichem Maße zum Sprach- wie zum Denkbereich.“ (Wygotski 1964/1969, S.11)

Zugleich treffen im gesprochenen Wort die beiden phylogenetisch zunächst getrennten Entwicklungslinien des Denkens und Sprechens zu einem sprachlichen Denken zusammen; Entwicklungslinien, die Wygotski hinsichtlich des Denkens am Werkzeuggebrauch der Menschenaffen (vgl. Wygotski 1964/1969, S.95, 153f.) und hinsichtlich des Sprechens an der Expression von Affekten, die sich im ganzen Tierreich finden, festmacht (vgl. Wygotski 1964/1969, S.85f.). Insofern bildet das Wort eine Einheit aus „affektiven und intellektuellen Prozesse(n)“. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.15) Diese Art der Expression ist noch nicht über die von Plessner beschriebene Differenz von Innen und Außen, von Sagen und Meinen vermittelt, die spezifisch menschlich ist.

Ungeachtet dessen, daß Wygotski Bedeutung als Verallgemeinerung faßt und auch die Referentialität, also den Wort-Gegenstand- bzw. den Wort-Vorstellung-Bezug der Wortbedeutung ins Zentrum seiner Untersuchungen stellt, gibt es doch verschiedene Stellen in seinem Buch, wo er diesen kognitiven, ausschließlich die Intellektualität des sprachlichen Denkens hervorhebenden Fokus durch Überlegungen zum Gestaltcharakter der Wortbedeutung ergänzt. Im letzten Kapitel seines Buches, „Gedanke und Wort“ (Wygotski 1964/1969, S.291-357), geht es sogar ausschließlich um diesen Gestaltcharakter.

Im Zentrum steht dabei wieder eine Metapher, die sich sehr von der zentralen Meridianmetapher des vorangegangenen Kapitels unterscheidet. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.266ff.) Bei dieser neuen Metapher handelt es sich um die „Regenwolke“, die für das vorsprachliche ‚Denken‘ steht, aus dem die einzelnen Wörter wie Regentropfen herausfallen. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.54) Der Regen bildet also gewissermaßen die Artikulation einer „hängenden Regenwolke“.

Diese Metapher hat sich schon an anderen, vorangegangenen Stellen angedeutet, wo Wygotski darauf hinweist, daß wir Wörter nicht nur ‚äußern‘, also mit der Richtung nach außen aussprechen, sondern beim Zuhören auch in uns aufnehmen, also mit der Richtung nach innen. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.313f.) Für diese Richtung verwendet Wygotski das Bild der „Verdampfung“: „Hier aber handelt es sich um einen entgegengesetzt verlaufenden Prozeß, der von außen nach innen verläuft, eine ‚Verdampfung‘ der Sprache in den Gedanken.“ (Wygotski 1964/1969, S.313)

Es ist bezeichnend, daß sich die „Redaktion“ dazu genötigt sieht, anzumerken, daß der Autor hier nur die „qualitative Veränderung des sprachlichen Prozesses beim Denkakt“ meint, nicht aber das „Verschwinden des Wortes“. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.314, Anm.1) Tatsächlich ist nämlich genau das gemeint, wie die Metapher von der Regenwolke und den Regentropfen zeigt. Wir haben es bei dieser Metapher mit einem Kreislauf der Verdampfung von Wasser zu Nebel und Wolken und des anschließenden Abregnens des Wasserdampfes zu tun, Tropfen, die dann wieder aufs Neue verdampft werden.

Mit dieser Metapher schließt Wygotski sehr schön an die von ihm beschriebene Entwicklung des Sprechens beim kleinen Kind an. Wygotski verweist darauf, „daß das erste Wort des Kindes seiner Bedeutung nach einen ganzen Einwortsatz darstellt“. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.302) Der Einwortsatz des Kindes am Anfang seiner Sprachentwicklung drückt in komprimierter Form eine ganze „Reihe einzelner, miteinander verbundener Wortbedeutungen“ aus, die das Kind erst allmählich mit zunehmender Sprachbeherrschung zu gliedern und zu artikulieren versteht. Wygotski hält fest: „Die semantische Seite der Sprache geht in ihrer Entwicklung vom Ganzen zum Teil, vom Satz zum Wort, die äußere Seite der Sprache dagegen vom Teil zum Ganzen, vom Wort zum Satz.“ (Wygotski 1964/1969, S.302) – Vom „Satz zum Wort“ meint übrigens vom Einwortsatz zum einzelnen Wort.

Wir haben es hier eindeutig mit einer gestalttheoretischen Beschreibung des Sprechenlernens zu tun: das Ganze, von dem hier die Rede ist, bildet keine allgemeine, systematisch gegliederte Struktur, sondern ein „vages und ungegliedertes Ganzes“: „Das Kind wählt das sprachliche Gewand für seinen Gedanken gleichsam nach Maß. In dem Maße, wie sich das Denken des Kindes gliedert und zum Aufbau aus einzelnen Teilen übergeht, geht das Kind auch von den Teilen zum gegliederten Ganzen über. Und umgekehrt – in dem Maße, wie das Kind in der Sprache von den Teilen zum gegliederten Ganzen im Satz übergeht, kann es auch im Denken vom ungegliederten Ganzen zu den Teilen übergehen. ... Der sprachliche Aufbau ist keine einfache Widerspiegelung des Gedankenaufbaus. Die Sprache ist nicht Ausdruck eines fertigen Gedankens.“ (Wygotski 1964/1969, S.303)

Zweierlei muß in diesem Zitat hervorgehoben werden: zum einen die Maßanfertigung der Wörter, zum anderen daß die Sprache selbst keine einfache Widerspiegelung, kein Ausdruck des Gedankens ist. In der ersten Formulierung steckt ein Hinweis auf das Indviduell-Allgemeine der Wörter, die zwar eine erste Verallgemeinerung von Wahrnehmungen und Vorstellungen darstellen, aber noch so an den ersten konkreten Wahrnehmungseindruck gebunden sind, daß beides eine Einheit bildet: eben eine Maßanfertigung. Das Aussprechen des Wortes ruft unmittelbar den Eindruck der damit verbundenen Wahrnehmung bzw. des Gegenstandes hervor.

Dennoch – und darum geht es in der zweiten Formulierung – ist die Sprache, nämlich in ihrem syntaktischen Aufbau, kein 1:1-Ausdruck des Gedankens, im Sinne einer Prägeform. Es gibt eine Differenz zwischen Denken und Sprechen, zwischen Meinen und Sagen. Das ist ein neuer Tonfall in Wygotskis bisheriger Argumentation. Bisher hatte er immer die Verallgemeinerungstendenz des Sprechens hervorgehoben, in dem Sinne, daß „Verallgemeinerung und Wortbedeutung“ „Synonyme“ seien. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.293) Die zunehmende Entfernung vom konkreten Gegenstand, der am Ende zur bloßen Zahl wird, zu einem Buchstaben innerhalb einer algebraischen Struktur (vgl. Wygotski 1964/1969, S.225), wird hier von Wygotski nicht weiter problematisiert.

Jetzt heißt es aber plötzlich, es gäbe eine Differenz zwischen Sprechen und Denken und zwischen Gedanken und Wörern, dahingehend, daß das Denken im Sprechen nicht ‚fertig‘ wird; also auch nicht in der Verallgemeinerungsfunktion der Wörter. Es scheint ein Denken zu geben, das über das Sprechen hinausgeht: „Die Beziehung des Gedankens zum Wort ist keine Sache, sondern ein Prozeß, diese Beziehung ist eine Bewegung vom Gedanken zum Wort und umgekehrt – vom Wort zum Gedanken.“ (Wygotski 1964/1969, S.297) – Das Denken bildet also einen Prozeß, der nicht mit dem Sprechen endet, sondern zwei Richtungen hat: nach innen und nach außen! Das Gedachte muß nicht nur ausgesprochen werden, sondern das Ausgesprochene muß auch wieder gedacht werden. Beide Bewegungen gehören zum sprachlichen Denken. Und diese Bewegung beginnt mit den kindlichen Einwortsätzen, und sie endet nicht mit den wissenschaftlichen Begriffen der Erwachsenen.

Wygotski geht jetzt sogar so weit, das innere Denken dem ausgesprochenen Wort regelrecht entgegenzusetzen: „Jedes Wort nimmt im inneren Gebrauch allmählich andere Nuancen, andere Sinnschattierungen an, die sich allmählich zu einer neuen Wortbedeutung wandeln. Die Versuche zeigen, daß die Wortbedeutungen in der inneren Sprache immer Idiome sind, die nicht in die äußere Sprache übersetzt werden können. Es sind immer individuelle Bedeutungen ... Im Grunde stellt die Verschmelzung eines vielfältigen Sinngehalts zu einem einzigen Wort jedesmal die Bildung einer individuellen, unübersetzbaren Bedeutung, d.h. eines Idioms dar.“ (Wygotski 1964/1969, S.348)

Indem Wygotski den inneren Gedanken den Charakter von Idiomen gibt, von Redensarten, und dabei ihre Unübersetzbarkeit hervorhebt, bewegt er sich schon sehr in die Richtung des Metaphernbegriffs. Was nicht übersetzbar ist, ist auch nicht verallgemeinerbar. Es gibt also ein inneres, nicht verallgemeinerbares Denken! Das innere Denken enthält immer schon mehr, als sich sagen läßt.

An dieser Stelle macht Wygotski eine interessante Unterscheidung zwischen ‚Sinn‘ und ‚Bedeutung‘. Die Bedeutung gehört zum Wort. Diese Verbindung zwischen Wort und Bedeutung ist relativ stabil. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.343) Man kann die Wörter und ihre Bedeutung in einem Lexikon zusammentragen und für jedermann verfügbar machen. Am Beispiel von Napoleon als Sieger von Jena und als Besiegter von Waterloo zeigt Wygotski aber nun, daß zwei völlig verschiedene Wortverbindungen dieselbe ‚Bedeutung‘ haben können. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.144) Mit seiner Unterscheidung von Sinn und Bedeutung könnte man also sagen, daß Napoleon der Sinn dieser Worte ist: er ist gleichermaßen der Sieger von Jena und der Besiegte von Waterloo.

Wygotski trennt also den Sinn von der Wortbedeutung: „Der Sinn stellt immer etwas Ganzes, etwas in seiner Ausdehnung und seinem Umfang Größeres dar als ein einzelnes Wort. ... Was im Denken simultan enthalten ist, entfaltet sich in der Sprache sukzessiv.“ (Wygotski 1964/1969, S.353)

Damit sind wir aber nun endgültig bei der Gestaltwahrnehmung angelangt. Simultanes Enthalten von Aspekten und Perspektiven gibt es nur in unserer dreidimensionalen Wahrnehmung von Gegenständen und auf Bildern! Wenn unser inneres Denken also simultan zusammendenkt, was durch äußeres, sprachliches Denken Schritt für Schritt und Glied für Glied aufgeschlüsselt und artikuliert wird, also in einer eindimensionalen, linearen Aneinanderreihung auseinandergezogen wird, dann heißt das nichts anderes, als daß dieses innere Denken vor allem bildhaft und intuitiv stattfindet. Indem Wygotski dafür den Sinnbegriff reserviert, entspricht das von der Struktur her einem Sinn-von-Sinn, einer simultanen Überlagerung von Sinnebenen, oder – um Wygotskis Metapher nochmal aufzugreifen – einer Regenwolke, die sich ausregnet, um anschließend die Tropfen zu verdampfen und wieder in sich aufzunehmen.

Es ist also nicht einfach nur das kleine, sprechen lernende Kind, das mit Einwortsätzen beginnt, um dann auf dem Höhepunkt und dem Endpunkt seiner Entwicklung zu wissenschaftlichen Begriffen überzugehen. Vielmehr setzt sich diese Entwicklung in einer individuellen Denkbewegung fort, in der das ständige Ausschwitzen von Wörtern durch einen Aufsaugprozeß wieder rückgängig gemacht wird, nur um sie aufs Neue auszuschwitzen. Oder etwas weniger schweißtreibend: Denken und Sprechen bilden ein ständiges Ein- und Ausatmen unseres Geistes: „Die Sinneinheiten fließen gleichsam ineinander und beeinflussen einander, so daß die vorangehenden im letzten enthalten sind oder ihn modifizieren. ... Hier saugt das Wort gleichsam den Sinn der vorhergehenden und der folgenden Wörter in sich auf  und erweitert seinen Bedeutungsumfang fast ins Grenzenlose. In der inneren Sprache ist das Wort viel stärker mit Sinn geladen als in der äußeren.“ (Wygotski 1964/1969, S.346f.)

Diese Differenzierung zwischen ‚Sinn‘ und ‚Bedeutung‘, zwischen einem inneren Denken und einem äußeren Sprechen passen nicht zu Wygotskis anderen Ausführungen zur Identität von Wortbedeutung und Verallgemeinerung, wie ich sie in meinen vorangegangenen Posts diskutiert habe. Das ganze letzte Kapitel zu „Gedanke und Wort“ paßt nicht zu den anderen fünf Kapiteln seines Buches. Vielleicht erklärt sich diese Ungereimtheit durch den Zeitdruck, unter dem der Autor gestanden hatte, der im selben Jahr gestorben ist, in dem sein Buch erschien. Möglicherweise wären sie ihm selbst aufgefallen, wenn er mehr Zeit gehabt hätte, seine äußerst einfühlsamen und intelligenten Beobachtungen mit seiner Theorie zu vergleichen. Dann wäre es ihm sicher gelungen, seine Theorie so zu modifizieren, daß sie zu seinen Beobachtungen gepaßt hätte. Das ist zumindestens meine Vermutung.

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