Donnerstag, 26. März 2015

Lew Semjonowitsch Wygotski, Denken und Sprechen. Mit einer Einleitung von Thomas Luckmann, Stuttgart 1964/1969 (1934)

1. Prolog: Tomasello und Rousseau
2. Zusammenfassung
3. Experimentelle Methode
4. Innerer Dialog und Egozentrismus
5. Strukturen der Verallgemeinerung
6. Folien und Meridiane
7. Rekursivität?
8. Wortbedeutung
9. Situationsbegriff
10. Subjekte und Prädikate
11. Gesetz der Bewußtwerdung

Es gibt viele Stellen in Wygotskis Buch, die Tomasellos Überlegungen zur Rekursivität nahestehen, in denen es darum geht, daß wir nur dann ein Motiv haben, miteinander sprachlich zu kommunizieren, wenn wir uns wechselseitig für die Intentionen des potentiellen Gesprächspartners interessieren und wenn wir jeweils schon gut begründete Annahmen darüber haben, was der Andere gerade denkt und weiß. Wygotski beschreibt diesen Sachverhalt sehr treffend als „Gemeinsamkeit der Apperzeption“ (Wygotski 1964/1969, S.340), eine Formulierung, die Kants Apperzeptionsformel des „Ich denke“ auf ein „Ich denke, daß Du denkst“ ausdehnt, also eine wechselseitige Hinzuwahrnehmung (Apperzeption) des eigenen Denkens zum Denken des Anderen.

Dem entspricht auch Wygotskis Hinweis auf die Notwendigkeit einer individuellen „Selbstbewegung“ des kindlichen Bewußtseins, ohne die es keine innere Entwicklung des Kindes geben würde, weil es nicht auf die Anregungen seiner sozialen Umwelt zu ‚antworten‘ vermag: „Wo es keine Selbstbewegung gibt, ist auch kein Platz für die Entwicklung, dort verdrängt eins das andere, aber es entsteht nicht aus diesem anderen.“ (Wygotski 1964/1969, S.62) – Dazu reicht es nicht, daß man wie Piaget dem Kind eine ‚eigene‘ biologische Natur zuspricht, die eigenständig auf Umwelteinflüsse zu reagieren vermag (vgl. Wygotski 1964/1969, S.25f.), denn eine eigene biologische Natur haben auch die Tiere.

Eine Zweigleisigkeit von Phylogenese und sozialer Ontogenese erklärt also noch nicht, inwiefern es eine eigene individuelle Entwicklung des Kindes geben kann: „Daß das Biologische und das Soziale in der Entwicklung des Kindes bei Piaget als zwei äußere mechanisch aufeinander einwirkende Kräfte dargestellt sind, ist aus den Folgerungen ersichtlich, zu denen seine Untersuchungen führen. Die wichtigste besagt, daß das Kind in einer doppelten Wirklichkeit lebt. Die eine Welt bildet sich für das Kind auf der Grundlage seines eigenen, für seine Natur kennzeichnenden Denkens, die andere auf Grund des ihm von den Menschen seiner Umgebung aufgezwungenen logischen Denkens. Zwei verschiedene Webstühle – zwei verschiedene Gewebe: zwei Denkweisen – zwei Wirklichkeiten. Diese Zwiespältigkeit muß um so schärfer und stärker in Erscheinung treten, als jede der zwei Ebenen, in denen das Denken des Kindes webt, ihre eigene Logik besitzt.“ (Wygotski 1964/1969, S.54f.)

Piagets Zwei-Welten-Theorie setzt nur zwei Entwicklungslinien einander entgegen. Das Kind selbst, das in dieser „doppelten Wirklichkeit“ lebt, kommt dabei gar nicht in den Blick. Seine individuelle Entwicklung muß also selbst noch einmal nach ihrer eigenen Logik als einer individuellen „Selbstbewegung“ befragt werden. Erst der Dreiklang aus biologischer, kultureller und individueller Entwicklung, so anachronistisch er auch jeweils erscheint, ergibt einen ganzen, rekursiv auf alle natürlichen und sozialen Einflüsse reagierenden Menschen.

Wygotski steht sich aber einer entsprechenden Einsicht letztlich selbst im Weg. So wirft er z.B. William Stern (1871-1938) eine „metaphysische Auffassung vom Individuum“ vor, nur weil dieser „alle Entwicklungsprozesse aus der eigenwertigen Zielstrebigkeit der Persönlichkeit“ ableiten will. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.73) Außerdem trägt Wygotskis ablehnende Haltung zur Gestaltpsychologie seiner Zeit dazu bei, daß er die innere Rekursivität der verschiedenen Bewußtseinsebenen eines Menschen, also die dynamischen Prozesse zwischen den verschiedenen unbewußten, unterbewußten und bewußten Schichten seines inneren Erlebens, nicht in den Blick bekommt. (Vgl. meine Posts vom 20.04.2012 und vom 17.08.2012) Da er die unterbewußten, spontanen Prozesse des kindlichen Denkens strikt vom bewußten, wissenschaftlich kontrollierten Begriffsdenken des Erwachsenen trennt, kann es hier zu keinen Wechselwirkungen kommen.

Diese innere Rekursivität funktioniert metonymisch durch Sinnverschiebungen über verschiedene Bewußtseinsebenen hinweg. Die Basis dieser Metonymien bildet die Gestaltwahrnehmung. Gäbe es sie nicht, könnten Metaphern niemals zu Begriffen werden. Es gäbe also auch keine Begriffe. Ein Prozeß, der übrigens auch umkehrbar ist, insofern – wie Wygotski selbst an anderer Stelle festhält – auch Begriffe wieder zu Metaphern werden können, also in das spontan unbewußte Milieu des dunklen Seelenlebens zurückkehren können. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.313f.) Darauf werde ich in einem der folgenden Posts noch zu sprechen kommen.

Anstatt also die Metonymie als einen Rekursivität ermöglichenden Mechanismus entsprechend aufzuwerten, verwirft er sie zusammen mit der Gestaltpsychologie. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.193f.) Sie widerspricht seiner strukturalistischen Vorstellung von der Begriffsentwicklung, derzufolge die neue Struktur durch des Erlernen eines neuen Begriffs blitzartig das gesamte Bewußtsein verändert. Für die Vorstellung eines dunklen, kontinuierlichen Geschiebes und Gedränges von schattenhaften Intuitionen unterhalb der Bewußtseinsebene ist da kein Platz. Tatsächlich richtet sich also Wygotskis Kritik an Piaget, daß „der Begriff der Entwicklung in Piagets Untersuchungen“ verschwindet (vgl. Wygotski 1964/1969, S.61f.), auch gegen Wygotski selbst.

Das Ersetzen der einen Struktur durch eine andere stellt sich Wygotski letztlich auch nicht anders als Piaget vor, dem er vorwirft, es ginge bei ihm nur um die „Verdrängung einer in einem Gefäß enthaltenen Flüssigkeit durch eine andere, von außen in das Gefäß gedrückte“. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.179) Da mag sich Wygotski noch so sehr um solche organischen Bilder wie das wechselseitige von unten und oben Aufeinander-zu-Keimen der Alltagsbegriffe und der wissenschaftlichen Begriffe bemühen (vgl. Wygotski 1964/1969, S.255): letztlich verdrängen auch hier die wissenschaftlichen Begriffe die Alltagsbegriffe schlagartig und vollständig. Einen organischen Zusammenhang zwischen beiden gibt es nicht.

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen