Mittwoch, 25. März 2015

Lew Semjonowitsch Wygotski, Denken und Sprechen. Mit einer Einleitung von Thomas Luckmann, Stuttgart 1964/1969 (1934)

1. Prolog: Tomasello und Rousseau
2. Zusammenfassung
3. Experimentelle Methode
4. Innerer Dialog und Egozentrismus
5. Strukturen der Verallgemeinerung
6. Folien und Meridiane
7. Rekursivität?
8. Wortbedeutung
9. Situationsbegriff
10. Subjekte und Prädikate
11. Gesetz der Bewußtwerdung

Man kann die zwei verschiedenen Standpunkte zur Begriffsbildung, um die es in diesem Post gehen soll, anhand verschiedener Metaphern beschreiben: der Folienmetapher und der Meridianmetapher. Der Folienmetapher bin ich erstmals bei Michael Tomasello in seinem Buch zur „Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ (2014) begegnet. (Vgl. meinen Post vom 30.10.2014) Ich verbinde diese Metapher mit Hans Blumenbergs Theorie der Unbegrifflichkeit. (Vgl. meine Posts vom 06.09. bis 10.09.2011) Auch Wygotski verwendet diese Metapher, um sich von den gängigen Vorstellungen der traditionellen Psychologie seiner Zeit abzusetzen: „Von diesem Standpunkt aus erfolgt die Begriffsbildung in gleicher Weise, wie aus einer Typenphotographie von Galton ein Familienporträt aus verschiedenen Personen ein und derselben Familie entsteht. Bekanntlich entsteht diese Photographie dadurch, daß die Bilder der einzelnen Mitglieder der betreffenden Familie übereinanderkopiert werden, so daß die ähnlichen und sich oft wiederholenden Züge, die vielen dieser Familienmitglieder gemeinsam sind, mit reliefartiger Prägnanz hervorgehoben werden ...“ (Wygotski 1964/1969, S.160)

Ähnlich wie bei Tomasellos Stapel übereinandergelegter Folien, durch die hindurch die verschiedenen Aspekte einer Situation zu einer neuen Perspektive auf diese Situation verschmelzen, ergeben also die verschiedenen photographischen Porträts von Individuen eine Familienähnlichkeit, die so am einzelnen, isolierten Individuum nicht sichtbar werden kann. Wygotski wendet sich damit gegen die Gestaltpsychologie bzw. Gestalttheorie seiner Zeit. Neue  Begriffe entstehen seiner Ansicht nach nicht durch die Überblendung von Ähnlichkeiten, sondern entweder durch Ableitung aus einem bestehenden System oder, in der Entwicklung des Kindes, durch die Errichtung neuer Systeme.

Dabei macht Wygotskis Einspruch gegen die Folienmetapher noch einmal deutlich, daß es sich dabei keineswegs um eine Typenphotographie zwecks Sichtbarmachung von Familienähnlichkeiten handeln kann. Man muß sich vielmehr vorstellen, daß es sich bei den verschiedenen ‚Folien‘ um völlig verschiedene ‚Bilder‘ handelt, deren Herkunft völlig heterogen ist, die aber dennoch durch Überlagerung ein neues Bild erzeugen, wie in jenem „Lachen einer Wiese“, von dem Blumenberg spricht. (Vgl. meinen Post vom 09.09.2011) Das Lachen eines Menschen und die Wiese sind in völlig verschiedenen Bedeutungskontexten beheimatet. Dennoch können sie durch Überlagerung ein neues Bild erzeugen, daß nicht etwa aus ihrer ‚Familienähnlichkeit‘ hervorgeht, sondern gerade aus ihrer Heterogenität. Solche Metaphern stehen Blumenberg zufolge am Anfang neuer Begriffsbildungen.

Wygotski hingegen bevorzugt eine andere Metapher. Um zu verdeutlichen, wie ein Begriffssystem funktioniert, verwendet er eine ‚geographische‘ Metapher: „Wenn wir uns zum Zweck der Veranschaulichung vorstellen, daß alle Begriffe ähnlich wie alle auf einem bestimmten Längengrad zwischen dem Nord- und Südpol liegenden Punkte der Erdoberfläche zwischen dem Pol des unmittelbaren, anschaulichen Erfassens eines Dings und dem des maximal verallgemeinerten, extrem abstrakten Begriffs angeordnet sind, dann kann als ‚Länge‘, eines gegebenen Begriffs der Ort angegeben werden, den er zwischen dem extrem anschaulichen und dem extrem abstrakten Pol einnimmt. Die Begriffe werden sich dann hinsichtlich ihrer ‚Länge‘ in dem Maß unterschieden, in dem die Einheit des Konkreten und des Abstrakten in jedem gegebenen Begriff dargestellt ist. Wenn wir uns ferner vorstellen, daß die Oberfläche der Erdkugel für uns die ganze Vielfalt der in den Begriffen repräsentierten Wirklichkeit symbolisieren kann, dann wird als ‚Breite‘ eines Begriffs der Ort angegeben werden können, den er unter den anderen Begriffen der gleichen ‚Länge‘ einnimmt, die sich aber auf andere Punkte der Wirklichkeit beziehen, so wie die geographische Breite einen Punkt der Erdoberfläche in Breitengraden angibt.“ (Wygotski 1964/1969, S.266)

Zwischen den „extrem abstrakten“ (Nordpol?) und den „extrem anschaulichen“ (Südpol?) Polen des begrifflichen Globus können wir also nun den genauen Ort jedes einzelnen Begriffs angeben und damit, wie Wygotski es nennt, das „Maß seiner Allgemeinheit“ bestimmen. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.267) Auf diesem Globus sind natürlich alle geographischen Orte unverrückbar fixiert. Wenn sich hier etwas ‚bewegt‘, dann nur mit der Geschwindigkeit von Kontinentalverschiebungen. Damit widerspricht Wygotski aber seiner Feststellung, daß die Beziehung zwischen Gedanke und Wort nicht starr ist, sondern einem beständigen Veränderungsprozeß unterliegt: „Die Beziehung des Gedankens zum Wort ist keine Sache, sondern ein Prozeß, diese Beziehung ist eine Bewegung vom Gedanken zum Wort und umgekehrt – vom Wort zum Gedanken. Diese Beziehung stellt sich in der psychologischen Analyse als ein Entwicklungsprozeß dar, der eine Reihe von Phasen und Stadien durchläuft.“ (Wygotski 1964/1969, S.301)

Wygotski versucht mit dem Begriff der „Äquivalenz der Begriffe“ die Beweglichkeit des ‚Systems‘ aus Längen und Breiten zum Ausdruck zu bringen: von jedem Begriff innerhalb eines Systems soll es Übergänge zu anderen Begriffen im System geben können. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.267ff.) Ich verstehe das so, daß es in einem vollständig definierten System keine isolierten Begriffe gibt, sondern alle mit allen in Verbindung stehen. Man kann sich bildlich ein Koordinatenkreuz mit einem beweglichen Nullpunkt vorstellen. Dieser Nullpunkt ermöglicht den Fokus auf einen bestimmten Begriff, und die beiden sich senkrecht kreuzenden Achsen bilden die dazugehörige Länge und Breite. Nun kann man mit dem Koordinatenkreuz über die Oberfläche des Globus hin- und herfahren, wobei kontinuierlich das aktuelle Beziehungsnetzwerk des jeweils fokussierten Begriffs aufleuchtet.

Das suggeriert natürlich im höchsten Maße Dynamik und Beweglichkeit, verdeckt aber nur die tatsächliche Starrheit und Unbeweglichkeit des Gesamtsystems. Einmal zu einem System gefügt, entwickeln sich die Begriffe nicht mehr. Sie haben sich vom fruchtbaren Boden, ihr „inneres unterirdisches Netz“ (Wygotski 1964/1969, S.235) aus lebendigen Metaphern, getrennt und sind nun tot. Die Entwicklung hat zwar stattgefunden, aber jetzt ist sie zu Ende. Das Kind ist erwachsen.

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