„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 23. März 2015

Lew Semjonowitsch Wygotski, Denken und Sprechen. Mit einer Einleitung von Thomas Luckmann, Stuttgart 1964/1969 (1934)

1. Prolog: Tomasello und Rousseau
2. Zusammenfassung
3. Experimentelle Methode
4. Innerer Dialog und Egozentrismus
5. Strukturen der Verallgemeinerung
6. Folien und Meridiane
7. Rekursivität?
8. Wortbedeutung
9. Situationsbegriff
10. Subjekte und Prädikate
11. Gesetz der Bewußtwerdung

Wenn Wygotski Piagets Begriff des kindlichen Egozentrismusses kritisiert, dann nur hinsichtlich seiner Ausdehnung auf das kindliche Denken. Letztlich ist das egozentristische Sprechen des Kindes bei Piaget nur Ausdruck eines das kindliche Denken prägenden Autismusses. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.54) Anders als Piaget geht Wygotski hingegen von einer von Anfang an sozial eingestellten Natur des Kindes aus, aus der heraus es auch zu sprechen beginnt. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.42f.) Wygotski kehrt also die von Piaget behauptete Entwicklungsrichtung vom egozentrischen Denken des Kindes zum sozialisierten Denken des Erwachsen um, demzufolge die „Entwicklung des kindlichen Denkens ... nicht vom Individuellen zum Sozialisierten, sondern vom Sozialen zum Individuellen (verläuft).“ (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.44)

Wygotskis Kritik betrifft also nicht das egozentrische Sprechen, das er als ein „Übergangsphänomen“ () von der äußeren kommunikativen Sprache zur inneren Sprache beschreibt. Obwohl es sich bei der egozentrischen Sprache immer noch um eine – mehr oder weniger laut – gesprochene Sprache handelt, hat sie es doch schon mit der lautlosen inneren Sprache gemeinsam, daß sie sich an niemanden richtet, also im Prinzip schon eine schweigende Sprache ist: „... denn alles, was wir schweigend überlegen, ist vom Standpunkt der funktionellen Psychologie eine solche egozentrische, aber keine soziale Sprache.“ (Wygotski 1964/1969, S.44)

Letztlich weiß Wygotski es aber besser, und insofern ist es nicht so recht nachvollziehbar, warum er am Begriff einer egozentrischen Sprache festhält. Um Piaget zu widerlegen, macht er verschiedene Untersuchungen, in denen er Kinder in verschiedenen Situationen mit mehr oder weniger Kontakt zu anderen Kindern beim Spielen beobachtet. Dabei geht er von der Annahme aus, daß ein Kind, wäre sein Denken wirklich egozentrisch, gerade in solchen Situationen, in denen es sich allein glaubt, noch viel mehr mit sich selbst sprechen müßte als in der Gesellschaft mit anderen. Wäre es allein, müßte sich sein egozentrisches Denken unbehindert durch die anderen viel besser entfalten können.

Wygotski arrangiert also Situationen, in denen das Kind mal mit anderen Kindern zusammen ist, die eine andere Sprache sprechen, die es nicht versteht, oder von denen es annimmt, daß sie taub sind, oder wo es in einem größeren Raum von den anderen Kindern so weit entfernt ist, daß es sich außer Hörweite befindet. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.322ff.) Das Ergebnis dieser Untersuchungen war, daß der Koeffizient der egozentrischen Sprache bei den Kindern, die glaubten allein zu sein, „steil abfiel, meist bis auf Null und in allen übrigen Fällen durchschnittlich um das Achtfache“. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.324)

Wygotski resümiert, daß diese Versuche keinen Zweifel darüber lassen, „daß die Illusion, verstanden zu werden, keine zufällige und belanglose Nebensache der egozentrischen Sprache darstellt, sondern funktionell unlösbar mit ihr verbunden ist.“ (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.324) Damit aber formuliert er eine Einsicht in das von Tomasello beschriebene grundlegende Prinzip der Rekursivität, ohne das es keine Sprache geben würde: nur wenn ich weiß, daß mich jemand hört – und daß dieser Jemand davon ausgeht, daß ich mit ihm sprechen will –, werde ich auch ein Motiv haben zu sprechen. Ohne diese rekursive Annahme der wechselseitigen Kommunikationsbereitschaft gäbe es keine Sprache. Das bedeutet aber, daß es so etwas wie eine egozentrische Sprache nicht gibt!

Das zeigen drei Momente der ‚egozentrischen‘ Sprache, auf die Piaget selbst schon hingewiesen hatte, die er aber nicht erklären konnte, und von denen ich hier jetzt schon zwei erwähnt habe: sie tritt nur im „Kinderkollektiv“ auf, also „bei Anwesenheit anderer Kinder“; das Kind selbst glaubt, es befinde sich im Gespräch mit den anderen Menschen in seiner Umgebung (auch wenn diese tatsächlich mit etwas anderem beschäftigt sind und ihm gar nicht zuhören); es glaubt an das Gespräch auch dann, wenn es tatsächlich leise und fast unhörbar vor sich hin brabbelt. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.323f.) Das soll es übrigens auch unter Erwachsenen geben, die miteinander aneinander vorbeireden, ohne zu bemerken, daß sie von ganz verschiedenen Dingen reden.

Indem Wygotski am von Piaget eingeführten Begriff der egozentrischen Sprache festhält, entgeht ihm der spezifische Dialogcharakter auch der inneren Sprache. Den Begriff des Dialogs will er nur für die gesprochene Sprache gelten lassen. (Vgl. Wygotski 1964/1969, S.334f., 337) So kommt es, daß er letztlich nur eine Form des sozialen Sprechens kennt: das Sprechen im sozialen Kollektiv. Alles andere, vom Kollektiv isolierte Sprechen ist egozentrisch.

Tatsächlich gibt es aber noch eine andere Form des sozialen Sprechens, die auch mehr dem Dialogbegriff entspricht, der ja eigentlich auf der einer Zweiheit, auf Ich und Du beruht. Es gibt keinen kollektiven, eine gesichtslose, undifferenzierte Masse einbeziehenden ‚Dialog‘. Obwohl Tomasello in seinem neuesten Buch zur „Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ (2014) ebenfalls die soziale Dimension des Sprechens so sehr aufwertet, daß die individuelle Ebene des Sprechens und Denkens  nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, weist er an einer Stelle doch bemerkenswerterweise darauf hin, daß die sozialen Interaktionen von Kindern vor allem durch Zweitpersonalität geprägt sind und nicht durch ein kollektives Wir. (Vgl. meinen Post vom 02.11.2014) Es gibt also eine soziale Dimension neben der sozialen Gruppe bzw. dem Kollektiv, und es ist genau diese Ich-Du-Perspektive, die das innere Sprechen zu einem Dialog mit sich selbst macht. Indem wir uns, wie bruchstückhaft und fragmentarisch auch immer, etwas mit Worten mitzuteilen versuchen, entreißen wir dem amorphen Gemenge schattenhafter Intuitionen geformte Gedanken.

Wie wichtig dieses innere Aussprechen von Gedanken für uns ist, darauf hat schon Kleist in seiner Schrift „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (1805-1806) hingewiesen. Was er dort über das tatsächliche Sprechen mit einem realen Gesprächpartner schreibt, gilt so auch für unsere inneres, lautloses Sprechen. Es ist eben nicht so einfach, wie Wygotski meint, wenn er festhält: „In der inneren Sprache besteht nie die Notwendigkeit, das Wort bis zum Ende auszusprechen. Wir verstehen schon von der Absicht her, welches Wort wir aussprechen müssen.“ (Wygotski 1964/1969, S.334f., S.342)

Tatsächlich ist dies nur ein Sonderfall, wenn uns eine plötzliche Einsicht durchzuckt und wir in dieser Einsicht schon alles verstanden haben, bevor wir es tatsächlich zuende denken. Oft genug ist es aber so, daß wir manche Gedanken lieber nicht zuende denken wollen und sie vor uns selbst lieber ‚unausgesprochen‘ lassen, weil wir uns sonst für uns unangenehme Wahrheiten eingestehen müßten oder weil sie uns einfach als so bedrohlich erscheinen, daß wir uns lieber nicht weiter mit ihnen befassen wollen.

Wir befinden uns also uns selbst gegenüber ständig in einer Gesprächssituation, in der wir uns aufmerksam zuhören oder eben nicht. Dieses innere Denken und Sprechen funktioniert aber nur in dieser Ich-Du-Perspektive. Sobald wir es kollektivieren und es an einem Wir orientieren, denken wir nicht mehr, sondern wir überlassen uns bereitwillig den Suggestionen eines Kollektivs, einer Masse, eines Schwarms. Diese Perspektive hat mit Denken nichts mehr zu tun.

Deshalb gilt Tomasellos Hinweis auf die Zweitpersonalität nicht nur für das kindliche Bewußtsein, sondern für jedes Denken schlechthin.

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Kommentare:

  1. Das ist ein wichtiger Gedanke, dass das Sprechen und somit auch das Denken sich an der ich-du Perspektive orientiert und expressiv ist. Ein "Wir" kann ja nicht antworten. Frage: Kann man obiges verifizieren, dingfest machen?

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  2. Tomasello verweist auf die Wildbeuter (Jäger und Sammler), die sich vor allem dyadisch untereinander abstimmen, und auf die Kleinkindentwicklung, die ebenfalls vor allem dyadisch strukturiert ist. Allerdings müßte man in diesen Fällen tatsächlich von einer Triade sprechen, weil es unter Zweien immer ein Drittes gibt: den gemeinsamen Gegenstand, über den sie sich verständigen. Ansonsten aber braucht man sich ja nur selbst zu beobachten. Da sieht man dann, was der Fall ist. Mehr Empirie braucht es nicht.

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