Sonntag, 1. Februar 2015

Hermann Parzinger, Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, München 2/2015

(Verlag C.h. Beck, 848 Seiten mit 120 Abbildungen, davon 60 in Farbe, und 19 Karten, Leinen 39,95 €)

1. Zusammenfassung
2. Methode I: Lückenhaftigkeit der Befunde
3. Methode II: kulturelle Moderne
4. Körperleib und Bruch

Die zentrale Botschaft von Parzingers Buch „Die Kinder des Prometheus“ (2/2015) besteht darin, daß es schon eine Geschichte der Menschheit vor der Schrift gegeben hat; eine Jahrmillionen umfassende Geschichte, „mit der verglichen“, wie es in der für den Rezensenten verfaßten Handreichung des Verlags heißt, „die Zeit der Schriftkultur nur als ein Wimpernschlag der Evolution erscheint“. Dabei geht es Parzinger vor allem um eine Neubewertung dessen, was man üblicherweise „Vorgeschichte“ nennt und was schon allein mit dieser Bezeichnung aus dem Fokus des wissenschaftlichen Interesses herausgerückt wird: „Immer dann, wenn der Mensch schöpferisch tätig wird, nimmt er sein Geschick in die Hand und gestaltet Geschichte. Insofern ist es verfehlt, dem Leben und der Zeit unserer frühesten Vorfahren den Status der Geschichtlichkeit abzusprechen und sie als Vor-Geschichte abzutun.“ (Parzinger 2/2015, S.12)

Dieses Anliegen ist sehr berechtigt. So sehr der Mensch ein Wesen der Grenze ist, ein Pionier der Grenzüberschreitung, so ist es doch auch richtig und notwendig, dies nicht nur als Drang ins Weite und noch Unbekannte hinaus zu thematisieren, sondern auch den Blick zurückzuwenden auf jene andere Grenze, von der her das Menschliche allererst in Erscheinung tritt: als Übergang vom Tier zum Menschen. Die Etappen und Wendepunkte dieses Prozesses der Menschwerdung liegen nicht einfach hinter uns, sondern bedingen nach wie vor unsere Schritte auf dem Weg in eine uns unbekannte Zukunft: eine Zukunft, die uns nur dann nicht mit erneuter, diesmal – aufgrund fortgeschrittener Technologien – endgültiger Auslöschung bedroht, wenn wir bereit sind, aus dem bislang zurückgelegten Weg zu lernen: „Es bleibt zu hoffen, dass sie (die Menschheit – DZ) künftig ihr Ingenium nicht vorzugsweise darauf ausrichtet, die Zerstörung ihrer über so unermessliche lange Zeiträume und mit so unendlichen Mühen erarbeiteten Lebensgrundlagen zu betreiben.“ (Parzinger 2/2015, S.732)

Doch gerade aus diesem Grund ist es doch sehr fraglich, ob es so sinnvoll ist, die Erfindung der Schrift vor 5000 Jahren als eine bloße Marginalie im großen Kontinuum von Geschichte und Vorgeschichte zu verstehen. Dabei gerät aus dem Blick, was Parzinger mit dem Begriff der „Achsenzeit“ anspricht, aber nicht weiter ausführt. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.13) Der Begriff stammt von Karl Jaspers und meint die Zeit um 800 bis 200 v. Chr., in der weltweit wichtige historische Ereignisse in gebündelter Form parallel auftreten. Auf kultureller Ebene ist diese Achsenzeit mit Persönlichkeiten wie Konfuzius, Buddha, Sokrates, Zarathustra und den biblischen Propheten verbunden. Christina von Braun verbindet die Achsenzeit mit der Erfindung des griechischen Alphabets und der Einführung des nominalistischen Geldes. (Vgl. meine Posts vom 09.11. bis 22.12.2012)

Von Brauns Hinweis auf die Bedeutung der Alphabetschrift wird durch Jan Assmanns These ergänzt, daß es vor allem die weitere zweitausend Jahre vor die Alphabetschrift zurückreichende Erfindung der Hieroglyphen gewesen sei, die einen erheblichen Innovationsschub auslöste, weil die Menschen jetzt ein regelrechtes Bedürfnis nach Innovation entwickelten, während sie in den langen Jahrzehntausenden und Jahrhunderttausenden zuvor sich ausschließlich am Leben ihrer Vorfahren orientiert hatten. (Vgl. meinen Post vom 05.02.2011) Dieser Bruch zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit reicht sogar noch in die Schriftlichkeit selbst hinein, wie André Leroi-Gourhan mit seinen Analysen zu den verschiedenen Formen des Graphismus nahelegt. (Vgl. meinen Post vom 01.03.2013) Die dreidimensionale Bilderschrift mit ihren Wurzeln in der eiszeitlichen Höhlenmalerei ist noch sehr durch Mündlichkeit geprägt, wohingegen erst die griechische Alphabetschrift jenen eindimensional linear ausgerichteten Graphismus schuf, den von Braun mit der Einführung des nominalistischen Geldes korreliert.

Parzingers berechtigtes Anliegen, die Vorgeschichte des Menschen und mit ihr den Tier-Mensch-Übergang in den Fokus wissenschaftlicher Forschung zu rücken geht also mit einer Nivellierung jenes entscheidenden Epochenbruchs einher, mit der die bisherige evolutionäre Kontinuität der menschlichen Stammesgeschichte in eine labile, bis heute andauernde Revolutionierung der menschlichen Kultur- und Lebensverhältnisse mündet, deren katastrophaler Ausgang der gegenwärtigen globalisierten Menschheit als so absehbar erscheint.

Eine weitere wichtige These von Parzinger besteht in der Hervorhebung der Bedeutung regionaler Entwicklungen für das Ganze der Menschheitsentwicklung. Mit Alexander von Humboldt betont Parzinger, „dass auch das für eine abgelegene Region Spezifische für das Verständnis dieser einen ganzen Welt von Bedeutung ist.“ – Und Parzinger ergänzt, daß in dieser Erkenntnis „einer der Kerngedanken dieses Buches“ besteht. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.13) Dreizehn von insgesamt sechzehn Kapiteln befassen sich deshalb in aller Ausführlichkeit mit den regionalen Entwicklungslinien des Menschen, mit den Fundorten und mit den Veränderungen von Geographie, klimatischen Bedingungen und von Fauna und Flora.

Das ist eine gewichtige anthropologische Festlegung. Der Fokus wird damit nicht so sehr auf das vermeintlich Universale eines bestimmten kulturellen ‚Fortschritts‘ gelegt, auf den hin alle spezifischen Kulturprozesse orientiert werden. Eine solche Universalität wird ja immer mit dem europäischen ‚Projekt‘ verbunden. Vielmehr soll der keine regionale Kulturform ausblendende „Vergleich“ aller „Einzelphänomene“ eine „tiefere Einsicht in grundlegende Bewegungsgesetze früher Menschheitsgeschichte“ ermöglichen können. Was diese grundlegenden Bewegungsgesetze betrifft, setzt Parzinger sehr tief an. Er führt sie letztlich auf die Notwendigkeiten der „Versorgung mit Nahrung“ zurück, also aufs physisch-leibliche Überleben. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.14) Auf dieser Ebene unterscheidet sich der Mensch aber nicht vom Tier, und so gerät genau jener Tier-Mensch-Übergang aus dem Blick, den eine Ausweitung der Geschichtlichkeit des Menschen auf seine Vorgeschichte hätte ermöglichen sollen.

Zugleich bewahrt Parzinger diese theriomorph fundierte ‚Anthropologie‘ nicht davor, mit der eiszeitlichen Höhlenmalerei eine europäische Singularität auf dem Weg der kulturellen Menschwerdung zu behaupten, die gewissermaßen stellvertretend für andere Kulturregionen einen „ersten großen Auftritt des Menschen in einer alle Zeiten und Räume umfassenden Weltkunstgeschichte“ darstellt. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.106) – Parzingers ‚Vergleich‘ wird an dieser Stelle komparativ, d.h. er orientiert sich an einer Steigerung von Leistungsniveaus, mit der europäischen Eiszeitkunst an der weltweiten Spitze. Die gemeinsamen anthropologischen Wurzeln des weltweiten Kunstschaffens im menschlichen Selbst- und Weltverhältnis, wie sie Leroi-Gourhan an der europäischen Eiszeitkunst herausgearbeitet hat, fallen dabei unter den Tisch.

Weitere bewertende Komparationen finden sich bei Parzinger überall dort, wo er auf das verhältnismäßig lange Festhalten einzelner Regionen am Wildbeutertum an den ‚Rändern‘ Nordafrikas (vgl. Parzinger 2/2015, S.378f.) und Eurasiens (vgl. Parzinger 2/2015, S.423f.) eingeht. Obwohl Parzinger der Regionalisierung der Menschheitsentwicklung eine so große Aufmerksamkeit zuwendet, daß er sie sogar als einen „Kerngedanken“ seines Buches bezeichnet, beinhaltet die Überschrift des siebten Kapitels – „Retardierende Entwicklungen im subsaharischen Afrika“ (vgl. Parzinger, 2/2015, S.355-379) – eine kaum verhohlene Wertung zu einer Reihe von regionalen Kulturen, die so nur aus einem entsprechenden Vergleich mit anderen Entwicklungen im Norden Afrikas und in Europa hervorgehen kann. Im Kapitel selbst fehlt aber eine entsprechende Erläuterung zu dieser Überschrift. ‚Retardiert‘, also ‚verzögert‘, erinnert an ‚zurückgeblieben‘. Was damit gemeint sein könnte, erschließt sich nur indirekt in einer Bemerkung Parzingers, derzufolge sich vor zweieinhalb Jahrtausenden „in weiten Teilen Afrikas“ Kulturverhältnisse entwickelt hatten, „die letztlich in ihren Grundzügen bis zum Beginn der Kolonialisierung des Kontinents durch die Europäer fortbestanden“. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.364) – Das erweckt doch sehr den Eindruck, als hätte es dieser europäischen Kolonialisierung bedurft, um den südafrikanischen Kulturen, die sich immer noch mit dem Wildbeuten begnügten und denen der „kulturelle() Druck“ fehlte, „Leben und Wirtschaften fundamental zu verändern“  (vgl. Parzinger 2/2015, S.379), einen Entwicklungsschub zu geben.

Die Leistungsfähigkeit einer regionalen Differenzierung der Menschheitsgeschichte zeigt sich vor allem an der Aufdeckung des dem europäischen Blickwinkel geschuldeten Mythos von der „neolithischen Revolution“: „Während man lange Zeit dachte, die Einzelmerkmale des sogenannten neolithischen Bündels (Sesshaftigkeit, Ackerbau, Viehzucht und Keramikherstellung) seien gleichzeitig und ursächlich miteinander verbunden aufgetreten, so hat die Forschung der letzten Jahre ein deutlich komplexeres Bild gezeichnet.“ (Parzinger 2/2015, S.706; vgl. auch S.118ff.)

Das Neolithikum war immer als ein Beispiel für die noch vor der Einführung der Schrift um 3000 vor unserer Zeitrechnung liegende explosionsartige Beschleunigung der menschlichen Kulturentwicklung gedeutet worden: gleichsam über Nacht habe demnach die Experimentierfreudigkeit des neolithischen Menschen so komplexe kulturelle und technologische Leistungen hervorgebracht wie die Domestikation von Pflanzen und Tieren und die Keramikherstellung. Parzinger rückt hier die Zusammenhänge in ein etwas anderes Licht. Demnach lagen im Gebiet des fruchtbaren Halbmonds im südöstlichen Mittelmeerraum zwischen der Domestikation von Getreide und Tieren und zwischen der Domestikation von Tieren und der Keramikerstellung jeweils mindestens ein Jahrtausend.

Jedes dieser Merkmale des keramischen Bündels, so Parzinger, besitzt „seine eigene Geschichte, und die ist in den unterschiedlichen Kulturräumen der Welt in mancherlei Hinsicht sehr unterschiedlich verlaufen.“ (Parzinger 2/2015, S.118) – In anderen Weltregionen, in Indien (Ganges-Ebene) und China (Jangtse-Tal), war die Reihenfolge dieses Kulturwandels eine ganz andere. Und was die Keramikherstellung betrifft, beherrschten diese Technik sogar schon Wildbeutergesellschaften, die noch zum Jungpaläolithikum zählen. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.710) Von einer spezifisch neolithischen ‚Revolution‘ kann also keine Rede sein.

Tatsächlich betont Parzinger immer wieder, daß die längste Phase der Menschheitsgeschichte, die 2,5 Millionen Jahre umfassende Steinzeit, nicht etwa durch große Sprünge gekennzeichnet gewesen sei, sondern durch das Vorherrschen einer evolutionären Kontinuität: „So wenig wie die Natur sich in Sprüngen entwickelte, so allmählich ging auch die kulturelle Entwicklung des Menschen als eines Teils der Natur vonstatten.“ (Parzinger 2/2015, S.67) – Wir haben es hier also tatsächlich mit einer der biologischen Evolution entsprechenden kulturellen Stammesgeschichte des Menschen zu tun, weshalb es durchaus sinnvoll ist, auch weiterhin von einer Vorgeschichte des Menschen zu sprechen.

Parzinger verhält sich hier argumentativ zwiespältig. So will Parzinger trotz der vorwiegenden Kontinuität in der Entwicklung des Menschen aufs Ganze gesehen – „mit Blick auf die gesamte Menschheitsgeschichte“ – am „große(n) Sprung“, also an der Diskontinuität im Tier-Mensch-Übergang festhalten. (Vgl. Parzinger 2/2015, S.106) Wir hätten es also mit vielen, kontinuierlich aufeinanderfolgenden Entwicklungsschritten zu tun, die sich zu einem großen Sprung addieren. Auf dieses seltsame Konstrukt wird nochmal zurückzukommen sein.

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