Donnerstag, 11. Dezember 2014

Nicholas Evans, Wenn Sprachen sterben und was wir mit ihnen verlieren, München 2014 (2010)

(Verlag C.H. Beck, 416 S., 29,95 €)

1. Zusammenfassung
2. Methoden
3. Synchronismus und Diachronismus in der Sprachwissenschaft
4. Sprache als Weitergabe von Information
5. Sprache als Expressivität
6. Gestaltwahrnehmung
7. Verschobene Exzentrik
8. Phylogenese und Ontogenese
9. Wortkunst
10. Rekursivität
11. Plastizität

Der Neurophysiologe Stanislav Dehaene geht in seinem Buch über das Lesen (2009/2010) von einer so begrenzten Plastizität des Gehirns aus, daß er sogar die Hypothese aufstellt, daß bestimmte neurologische Netzwerke, deren bisherigen Funktionen nicht mehr gebraucht werden, beim Erlernen neuer Fähigkeiten ‚recycelt‘ werden müssen. (Vgl. meine Posts vom 05.03., 06.03. und 09.03.2011) So funktionierte das ‚Gehirn‘ – wie die meisten Neurophysiologen setzt Dehaene das Gehirn als Handlungssubjekt – seine ‚Schaltkreise‘, die bislang für das Spurenlesen zuständig gewesen waren, für das Buchstabenlesen um. Wer also einmal lesen und schreiben gelernt hat, kann nicht mehr spurenlesen lernen; jedenfalls nicht mehr so gut.

Allerdings sind die verschiedenen Belege, die Dehaene für seine Hypothese liefert, mehrdeutig. Ich jedenfalls hatte den Eindruck, daß sie eher das Gegenteil belegen: nämlich die enorme Plastizität des Gehirns, dessen ‚Begrenztheit‘ bei der Anpassung an kulturelle Kontexte noch lange nicht ausgemacht ist. Beim Lesen von Evans’ Buch über die ‚Artenvielfalt‘ der Sprachen gewann ich außerdem den Eindruck, daß die ‚Sprache‘ – analog zum ‚Gehirn‘ – ein ähnlich plastisches kulturelles ‚Organ‘ bildet. Es gibt keine strukturellen oder semantischen Universalien, die dem Erlernen einer Sprache und dem sprachschöpferischen Hervorbringen neuer Strukturen und Wörter Grenzen ziehen würden. Erst das Erlernen der Sprache führt zu einer Art des ‚Priming‘, wie es auch der individuellen Entwicklung des Gehirns entspricht. Beides läßt sich unter dem Stichwort der ‚Ontogenese‘ fassen: die kulturelle Phylogenese der Sprache und die biologische Phylogenese des Gehirns brechen sich in der individuellen Ontogenese des Menschen. (Zum Verhältnis von Phylogenese und Ontogenese vgl. meinen Post vom 08.12.2014)

Das legt die Vermutung nahe, daß das, was die Neurophysiologen so gerne bewußt schwammig und ideologisch mißbrauchbar ‚Korrelation‘ nennen, keine 1:1-Korrelation von bestimmten Fähigkeiten und Bewußtseinsmomenten mit lokalisierbaren neuronalen Mustern meint. Wir haben es vielmehr mit einer funktionellen Korrelation zwischen ‚Sprache‘ und ‚Gehirn‘ zu tun. Der funktionellen Plastizität des Gehirns auf biologischer Ebene entspricht die funktionelle Plastizität der Sprache auf kultureller Ebene. In gewisser Weise könnte man sagen, daß die ‚Sprache‘ so etwas wie der kulturelle Schatten des Gehirns ist. Allerdings bildet sie kein Epiphänomen. Sie funktioniert parallel zum Gehirn, ist aber nicht von einzelnen neurophysiologischen Mustern oder gar Neuronen ‚abhängig‘.

Die ‚Sprache‘ ist auch nicht vom Fox P2-Gen abhängig. Auch wenn wir ohne dieses Gen nicht sprechen könnten, bestimmt dieses Gen doch noch lange nicht, wie wir sprechen. Es bestimmt nicht unser Selbst- und Weltverhältnis. Es gäbe keine 6000 Sprachen auf der Welt, wenn das Fox P2-Gen auf unser Selbst- und Weltverhältnis irgendeinen Einfluß hätte. Und dasselbe gilt vom Gehirn.

Von all den Korrelationen, die die Neurophysiologen also gefunden haben und noch zu finden glauben, bleibt letztlich doch nur die Einsicht in und das Erstaunen über die Plastizität von Sprache und Gehirn.

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Kommentare:

  1. Da denke ich vor allem daran, dass es doch vielsprachige Menschen gibt, die beispielsweise sieben Sprachen sprechen. Wenn die jedes Mal, wenn sie eine neue Sprache lernen würden, die alte wieder verlernten... aber zum Glück ist das Gehirn doch besser

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  2. Vielleicht könnte man ja sagen: wer viele Sprachen spricht hat viele Gehirne. Wie Prof. Abdul Nachtigaller.

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