Mittwoch, 10. Dezember 2014

Nicholas Evans, Wenn Sprachen sterben und was wir mit ihnen verlieren, München 2014 (2010)

(Verlag C.H. Beck, 416 S., 29,95 €)

1. Zusammenfassung
2. Methoden
3. Synchronismus und Diachronismus in der Sprachwissenschaft
4. Sprache als Weitergabe von Information
5. Sprache als Expressivität
6. Gestaltwahrnehmung
7. Verschobene Exzentrik
8. Phylogenese und Ontogenese
9. Wortkunst
10. Rekursivität
11. Plastizität

Wie ich schon in meinem Post vom 05.12.2012 festgestellt habe, bildet die Rekursivität ein wesentliches Moment der Expressivität. Die Verbindung von Expressivität und Rekursivität scheint mir sogar fundamentaler zu sein, als die von Tomasello und Evans hervorgehobene Verbindung der Rekursivität mit der sprachlichen Funktion der Informationsübermittlung. So beschreibt Evans z.B. die Rekursivität als ein Mittel, sicherzustellen, inwieweit eine Information auch beim Gesprächspartner angekommen ist. Das setze „Fertigkeiten“ im Bereich „‚Gedankenlesen‘ oder ‚Absichtszuerkennung‘“ voraus. (Vgl. Evans 2014, S.240)

Ich verstehe Rekursivität immer als einen ‚Umlauf‘ zwischen dem, was ‚ego‘ denkt, und was ‚alter‘ denkt, wobei ‚alter‘ sowohl ein ‚Du‘, also ein anderes ‚Ich‘, wie auch ein ‚Wir‘, also eine soziale Identität meinen kann. Evans’ formelhafte Definition der Rekusivität als die Gleichheit von „Eingabestruktur“ und „Ausgabestruktur“ einer Regel lenkt von diesem fundamentalen Sachverhalt nur unnötig ab und reduziert die komplexe Bewußtseinsleistung auf die Speicherkapazität einer „zur Erzeugung solcher (rekursiven – DZ) Sätze nötige(n) Rechenleistung“. (Vgl. Evans 2014, S.340) Das expressive Moment der Rekursivität geht durch solche Definitionen völlig verloren.

Allerdings ist die Grenze zwischen bloßer Informationsübermittlung und Expressivität nicht wirklich trennscharf. Denn um sicherzustellen, daß „unsere Wörter sicher an Land kommen“, wie Evans einen Sprecher des Kuikuró (Brasilien) zitiert, sind „Klarheit und Ausdruck“ nötig (vgl. Evans 2014, S.21), und im Bemühen um diese Klarheit und Ausdruck geht es nicht einfach nur um die Konstruktion einer möglichst logischen, mögliche Mißverständnisse vermeidenden Struktur, sondern allererst um die Differenzierung zwischen bloßen subjektiven Befindlichkeiten und objektiven Sachverhalten, also um das Herausarbeiten dessen, was die Linguisten den propositionalen Gehalt nennen.

Dabei spielen die subjektiven Befindlichkeiten aber keineswegs nur die zweite Geige, so als würde man vom guten ‚Fleisch‘ der Sachverhalte die schlechten, allenfalls noch zum Verwursten tauglichen Sehnenstücke abschneiden. In der „Wortkunst“ bilden diese Befindlichkeiten vielmehr das eigentliche Thema und schärfen mit dem Ausdrucksvermögen auch das Urteilsvermögen der Menschen, weil sie uns darin übt, beliebige Vordergründe aus den gegebenen Hintergründen herauszulösen und zu fokussieren, wie es Evans sehr schön an einer Zeigegeste veranschaulicht. Wenn jemand auf ein Fenster zeigt, könnte das, wie Evans schreibt, vielerlei bedeuten: „‚Könnten Sie bitte das Fenster öffnen?‘, ‚ist das nicht ein schönes Fenster?‘, ‚was ist, wenn wir durch das Fenster fliehen?‘, ‚oh nein, was passiert, wenn sie durch das Fenster kommen?‘, ‚sehen Sie, sie haben tatsächlich das hässliche Fenster eingesetzt, von dem sie gesprochen haben‘ oder ‚schauen Sie, es schneit draußen.‘“ (Evans 2014, S.119)

Vor dem Hintergrund ein und desselben Fensters lassen sich also quasi beliebig viele verschiedene Vordergründe fokussieren. Und es ist Sache des rekursiven Denkens, also der Anteilnahme von Gesprächsteilnehmern an einem gemeinsamen Kontext, der sie dazu befähigt – zumindestens relativ oft –, die richtigen Rückschlüsse auf das, was der Sprecher gerade meint, zu ziehen. In dieses Wechselspiel der Implikationen, die der Sprachphilosoph Pual Grice (1913-1988) auch als „Implikaturen“ bezeichnet hat, übt uns die „Wortkunst“ ein: „Genauso wie beim Zeigen auf ein Fenster können wir uns auch bei Wörtern darauf verlassen, dass der Gesprächspartner das, was wir tatsächlich gesagt haben, mit zusätzlicher Interpretation ergänzt. Diese stützt sich auf eine begründete Schlussfolgerung über das, was wir seiner Ansicht nach ausdrücken wollen. Diese Fertigkeit spielt eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von immer ausdrucksstärkeren Sprachen in der Geschichte des Menschen, und zwar durch die Erschaffung neuer Zeichen, womit gemeint ist, dass wir immer neue Wörter schaffen, die mehr ausdrücken können, als zuvor möglich war.“ (Evans 2014, S.119)

Mehr ausdrücken zu können – wie es im letzten Satz des Zitats heißt –, als wir es vor dem Erfinden neuer Wörter gekonnt hatten, meint nichts anderes als die geschärfte Sensibilität für bzw. Aufmerksamkeit auf bislang unbemerkte Details von Hintergründen, die jetzt fokussierbar werden.

So gehen also Expressivität und Informationsübermittlung Hand in Hand. Aber es ist nicht die gelungene Informationsübermittlung, die unser Selbst- und Weltverhältnis erweitert und empfänglich macht für neue Offenheiten und Weiten. Der ‚Weg‘ der Informationsübermittlung bildet nur einen geschlossenen Regelkreis, in dem der Strom durch vorverlegte Leitungen fließt. Bei der Expressivität haben wir es eher mit einer Induktionsspannung zu tun, die sich in magnetischer Resonanz mit einem Kontext befindet. Denn erst im singulären Kontext einer konkreten Situation öffnet sich das ‚Fenster‘ des Verstehens.

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