Samstag, 15. November 2014

Stefan Klein, Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit, Frankfurt a.M. 2014

S. Fischer Verlag, 19,99 €, 283 S.

1. Prolog zur Hirnforschung
2. Definitionen und Methoden
3. Denken in Bildern
4. Sinneswahrnehmungen im Traum
5. Grenze zwischen Innen und Außen
6. Bewußtseinszustände der mystischen und der meditativen Art
7. Zeitreisen
8. Gedächtnis und Semantik
9. Narrativität

Stefan Klein beschreibt zwei Zeitreisen mit gegensätzlich ausgerichtetem Zeitpfeilen, die wir in den einander abwechselnden Schlafphasen einer Nacht machen, beginnend mit dem ersten Tiefschlaf und den darauf folgenden REM-Schlaf- und Spindelschlafphasen. (Vgl.Klein 2014, S.67f. und S.94f.) Diese Zeitreisen haben eine evolutionsbiologische und eine ontogenetische Dimension.

Der Zeitpfeil der ontogenetischen Dimension zeigt Richtung Schlafbeginn: der erste Tiefschlaf beginnt mit den jüngsten Erlebnissen des Tages, um sie zu ordnen und dem Gedächtnis einzuprägen, und die darauffolgenden Schlafphasen befassen sich mit immer weiter zurückreichenden Erlebnissen aus der individuellen Vergangenheit des Schläfers, die, je später die Nacht, „Monate, Jahre, oftmals sogar Jahrzehnte“ zurückliegen können. (Vgl. Klein 2014, S.94)

Der Zeitpfeil der evolutionsbiologischen Zeitreise zeigt Richtung Schlafende und entspricht Klein zufolge der Entwicklung des Gehirns vom Reptil über das Säugetier bis zum modernen Menschen. Im ersten Tiefschlaf bewegt sich das Schlafbewußtsein an der Grenze zum Traumbewußtsein entlang, und wir sind immer nur kurz dazu in der Lage, einzelne Traumbilder wahrzunehmen, bevor wir wieder in die völlige Bewußtlosigkeit absinken. (Vgl. Klein 2014, S.121f.) Im Laufe der Nacht werden diese Phasen der Traumbewußtheit immer länger, bis wir schließlich in der späten Nacht und am frühen Morgen lange, inhaltsreiche Traumszenen träumen können, die dem Wachbewußtsein gleichen: „Im Lauf einer Nacht hangeln wir uns von rudimentären zu immer umfassenderen Formen von Bewusstsein. ... So gesehen, nehmen wir in einer einzigen Nacht den Weg, den die Evolution im mindestens 350 Millionen Jahren durchlief. Als auf dem Weg der Entwicklung der Reptilien, Vögel und Säugetiere die Gehirne immer komplexer wurden, dämmerte in der Natur das Bewusstsein herauf. Ähnelt das innere Erleben der Echsen oder Vögel unseren Traumfetzen der frühen Nacht?“ (Klein 2014, S.130)

Im Schlaf dominiert das limbische System, das wir mit Reptilien gemeinsam haben. Diesem limbischen System entspringen unsere Emotionen. Deshalb regieren im Schlaf diese Gefühle unsere Träume. Da das Stirnhirn wie auch die Sinneswahrnehmungen ausgeschaltet sind, springen unsere Traumbilder von emotionaler Stimmung zu emotionaler Stimmung, zu der sich jeweils die passenden Traumbilder einstellen. Eine rationale Logik gibt es dabei nicht: „Wenn wir tagsüber etwas befürchten, wissen wir, dass es sich nur um eine Möglichkeit handelt, die nicht eintreten muss. Der Traum hingegen kennt kein ‚vielleicht‘. Wach können wir Pläne machen, wie wir unsere Wohnung am besten vor Einbrechern schützen; im Traum sehen wir den Räuber schon vor uns stehen. Wie Aladins Wunderlampe lässt das träumende Gehirn jeden Einfall sofort als Realität erscheinen.“ (Klein 2014, S.110)

Das erinnert ein wenig an Brain-Computer-Interfaces. (Vgl. DLF, „Die Gedankenübersetzungsmaschine“, 07.10.2012) Auch hier werden innere Zustände ohne Umweg über den Körper in die ‚Realität‘ einer Maschine umgesetzt, auf den Monitor bei Locked-in-Patienten, in das Abfeuern einer Rakete bei Kampfpiloten. Denn auch die Maschinen kennen kein ‚Vielleicht‘. Schon der bloße Gedanke an eine Tätigkeit wird als Handlungsanweisung verstanden.

Im Traum ist das also unser natürlicher Zustand: ein Gefühl taucht auf und sofort stellt sich eine Traumwahrnehmung dazu ein. Daß es nicht zur Ausführung kommt, ist allein dem Umstand zu verdanken, daß unsere Motorik heruntergefahren ist. Bei einem Experiment, in dem bei Katzen der entsprechende Nerv, der die Motorik unterdrückt, durchtrennt worden ist, wurden diese Katzen im Schlaf zu wilden Raubtieren, so daß sie sogar die Wissenschaftler in Schrecken versetzten. (Recht geschieht ihnen! Die armen Katzen!) Klein resümiert: „Der REM-Schlaf ließ Aggressionen aufsteigen und setzte offenbar Jagdroutinen in Gang. Sehr eindrücklich demonstrierten die operierten Katzen, warum die Muskeln im REM-Schlaf normalerweise außer Betrieb sind: Allein diese natürliche Lähmung verhindert, dass ein Träumer seine enthemmten Impulse in die Tat umsetzt. Sie bewahrt schlafende Tiere und Menschen davor, sich oder andere zu verletzen.“ (Klein 2014, S.66)

Bei Menschen gibt es insbesondere bei älteren Männern eine „REM-Verhaltensstörung“, die man gemeinhin auch als Schlafwandeln bezeichnet: „Heute ist bekannt, dass die sogenannte REM-Verhaltensstörung fast ausschließlich Männer über 60 heimsucht. Ursache ist offenbar der Abbau bestimmter Hirnzellen, denn so gut wie alle Patienten leiden Jahre später auch an der Parkinson-Krankheit oder einer bestimmten Demenz.“ (Klein 2014, S.66f.)

Klein bespricht in diesem Zusammenhang besonders ausführlich den Fall von Kenneth Parks (vgl. Klein 2014, S.131-136 und S.142), der im Schlaf seine Schwiegereltern ermordete. Inwiefern dieser Fall trotz zahlreicher psychiatrischer Gutachten tatsächlich authentisch oder nur der Verhandlungsstrategie der Anwälte geschuldet ist, will ich hier offenlassen. (Vgl. hierzu die Diskussion zu „Anachronismen“ in meinem Blog „Auf der Grenze“) Vielleicht ist da die Geschichte von Rowena Popes Ehemann weniger verdächtig. (Vgl. Klein 2014, S.69f.) Nach einem langen, glücklichen Eheleben – so erzählt Stefan Klein die Geschichte – fing Rowenas Mann plötzlich an, sie in der Nacht anzugreifen und zu verprügeln. Nach so einer Nacht erinnerte sich Rowenas Mann an einen Traum, in dem er einen Einbrecher gestellt und versucht habe, ihn zu verjagen.

Diese nächtlichen Vorfälle wiederholten sich, und die Eheleute benutzten nun getrennte Schlafzimmer, womit Rowena, die nachts ihren Mann vermißte, aber sehr unzufrieden war. Einmal beobachtete sie, „wie Cal bei einem Nickerchen von der Couch fiel. Statt zu erwachen, brüllte er wie ein verwundetes Tier und kroch in den Raum zwischen Sofa und Wand, als ob er sich in einen Bau zurückziehen würde“. (Vgl. Klein 2014, S.68)

Als Rowena ihren Mann in eine Klinik brachte, wo man ihm ein Beruhigungsmittel verschrieb, das die Erregungen während der Traumphasen so weit dämpfte, daß er nicht mehr während des Schlafs gewalttätig wurde, konnten die Eheleute die Nächte wieder zusammen verbringen. Stefan Klein resümiert: „... der Traum führt uns immer wieder zurück in eine archaische, wilde Vergangenheit: Daran erinnern die Jagdszenen von Lascaux ebenso wie die Erzählungen der australischen Aborigines von einer mythischen Traumzeit. Und genau das erlebte Rowena Pope, als sie ihren Mann sich wie ein Tier verkriechen sah.“ (Klein 2014, S.69)

Ich verstehe die von Stefan Klein beschriebenen Zeitreisen als eine Bestätigung für mein Konzept der verschiedenen Entwicklungslogiken – Biologie, Kultur und Individualität –, die zusammen einen Anachronismus bilden: ‚Anachronismus‘ zum einen deshalb, weil diese verschiedenen Entwicklungslogiken heterogenen Chronologien unterworfen sind. Die einzelnen Entwicklungslinien ringen in den verschiedenen Lebenssituationen um die Vorherrschaft über das Individuum, wobei das Individuum das Schlachtfeld bildet, auf dem dieser Kampf ausgetragen wird. An dieser Stelle stimme ich mit psychoanalytischen Konzepten vom Ich, Es und Über-Ich überein.

‚Anachronismus‘ zum anderen deshalb, weil das Individuum auf diese Weise aus der Zeit herausfällt und sich exzentrisch zu ihr positioniert. Das unterscheidet mein Konzept von den diversen psychoanalytischen Varianten. Das Individuum lebt gleichermaßen in der Zeit und außerhalb der Zeit, ähnlich der von Plessner beschriebenen exzentrischen Positionalität, derzufolge der Mensch in seinem Verhältnis zur Welt gleichzeitig Mitte und Peripherie ist. Es liegt an unserer Lebensführung, wie sich biologische und kulturelle Einflüsse in unserer individuellen Persönlichkeit ‚brechen‘ bzw. mit anderen Worten: wer wir sind.

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