Freitag, 14. November 2014

Stefan Klein, Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit, Frankfurt a.M. 2014

S. Fischer Verlag, 19,99 €, 283 S.

1. Prolog zur Hirnforschung
2. Methoden
3. Denken in Bildern
4. Sinneswahrnehmungen im Traum
5. Grenze zwischen Innen und Außen
6. Bewußtseinszustände der mystischen und der meditativen Art
7. Zeitreisen
8. Gedächtnis und Semantik
9. Narrativität

Stefan Klein meint, daß das „Aha-Erlebnis“ des Klarträumers, wenn er gewahr wird, daß er nur träumt, dem „Satori“ gleiche, dem „plötzlichen und intuitiven Erfassen der Realität“. (Vgl. Klein 2014, S.213) Auch sonst erinnern Stefan Klein bestimmte Phasen des Tiefschlafs an christliche und buddhistische Meditationserfahrungen: „Noch lange werde ich mich an das wunderbare, silbrige Licht erinnern, das ich sah, als mich ein Assistent im Schlaflabor aus einer solchen Schlafphase herausriss. Die Strahlen waren reine Helligkeit, pure Schönheit, doch sie beschienen keinen Gegenstand. Solche Erfahrungen mögen christliche Mystiker als Gottes Abglanz gedeutet haben, buddhistische Lehren brachten den Tiefschlaf seit jeher mit dem Nirwana in Verbindung.“ (Klein 2014, S.58)

Auch mich erinnerte die Verdopplung des Klarträumers, der sich selbst beim Träumen – und übrigens auch beim Schlafen! – zusieht, an Beschreibungen der Hellwachmeditation, in der wir uns ebenfalls ‚neben uns‘ befinden und die inneren Bilder und Gedanken mit unserem Atem kommen und gehen lassen. Diese Verdopplung ist beim Klarträumer übrigens ganz wörtlich zu nehmen. Der Körper des Klarträumers verdoppelt sich, und vielleicht ist das ja auch der Grund, daß manche Menschen die Erfahrung machen, daß sie gleichsam über ihrem Körper schweben und sich selbst beim Schlafen zusehen: „Es kommt ihnen so vor, als würde das Wach-Ich den physischen Körper im Bett, das heraufdämmernde Traum-Ich einen Traumkörper in der Traumwelt bewohnen.“ (Klein 2014, S.218)

Abgesehen davon hat aber der Traumkörper auch die Funktion, den Träumer dazu in die Lage zu versetzen, sich in einer virtuellen Welt in allen ihren drei Dimensionen räumlich zu orientieren: „Er (der Doppelgänger – DZ) ermöglicht es uns, in REM-Träumen Bewegungen zu lernen. Wie ein Pilot den Umgang mit einer neuen Maschine zunächst nicht im Cockpit, sondern im Flugsimulator trainiert, so kann der Traumkörper in der virtuellen Innenwelt einfach und risikolos üben, bei neuen Bewegungsfolgen Muskeln und Wahrnehmung richtig zu koordinieren.“ (Klein 2014, S.220)

Es geht also nicht nur um paranormale Erfahrungen, sondern auch um ganz handfeste, realitätstaugliche Lernprozesse: um das Training von neuen motorischen Fähigkeiten, wie beim Beispiel mit dem Flugsimulator; aber auch um die Therapie von belastenden traumatischen Erlebnissen. Was die Therapie betrifft, geht diese interessanterweise oft mit Augenbewegungen einher; wie wir wissen, sind schnelle Augenbewegungen ein wesentlicher Bestandteil der REM-Phase. In der REM-Phase werden unsere im Wachzustand gemachten Erfahrungen mit Emotionen verbunden. Zugleich können bestimmte belastende Erlebnisse auch neu bewertet werden bzw. sie können von den mit ihnen verbundenen bedrückenden Gefühlen befreit bzw. entkoppelt werden. (Vgl. Klein 2014, S.199)

In gewisser Weise gleicht die Folge der Schlafphasen der Subjekt-Prädikat-Struktur von Sätzen. Im Tiefschlaf, insbesondere in der ersten und tiefsten Tiefschlafphase der Nacht, verarbeiten und ordnen wir nur das tagsüber gesammelte ‚Wissen‘. Das gleicht dem, was die Sprachwissenschaftler als propositionalen Gehalt bezeichnen. Die Bewertung dieses Wissens, also seine Kopplung mit Emotionen (Prädikaten), findet im weiteren Verlauf der Nacht in den REM-Schlafphasen statt. Diese REM-Schlafphasen ermöglichen auch das Abkoppeln und Neuverknüpfen von traumatischen Erlebnissen und tragen so zum Heilungsprozeß bei: „Heute gilt das Einüben neuer Traumbilder als Therapie erster Wahl für alle, die unter wiederkehrenden Albträumen leiden, sei es als Opfer von Gewalt, Katastrophen oder aus anderen Gründen.“ (Klein 2014, S.205) – Diese Therapie bezeichnet man auch als „Imagery Rehearsal Therapy“. (Vgl. ebenda)

Es sind übrigens gerade die bizarren Träume, die besonders zur Neuverknüpfung belastender Erfahrungen beitragen. Je stereotyper und realitätsnäher traumatische Erlebnisse im Traum nacherlebt werden, umso weniger heilsam sind sie. Im Gegenteil: Sie prägen uns das Trauma nur immer tiefer ein, und wir werden es am Ende nicht mehr los. (Vgl. Klein 2014, S.198)

Sich bewegende Augäpfel bilden auch außerhalb des REM-Schlafs ein Therapeutikum, um belastende Erfahrungen zu verarbeiten. So hat Francine Shapiro das EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) entwickelt, eine Therapie, bei der der Therapeut einen Finger vor den Augen des Klienten hin und herbewegt. (Vgl. meinen Post vom 13.01.2014) Der Klient folgt den Bewegungen des Fingers mit seinen Augen und denkt dabei an sein Trauma. Mit der Zeit reduziert sich das Trauma immer mehr auf seinen ‚propositionalen Gehalt‘, während sich die belastenden ‚Prädikate‘ (Gefühle) verflüchtigen.

Einen ähnlichen Effekt kennen wir auch von der Hypnose: der Hypnotiseur läßt einen Pendel vor den Augen des Klienten hin und herschwingen. Während dieser Klient nun in Hypnose fällt, kann der Hypnotiseur ihm bestimmte Anweisungen einflößen, die sich mit der inneren Welt des Klienten assoziieren (verkoppeln). Im Wachzustand wird der Klient diese Anweisungen als seine eigenen Motive wahrnehmen und entsprechend handeln.

In allen diesen Fällen greifen die Therapeuten auf das Mittel der Augenbewegungen zurück, was sich auch angesichts dessen, was man inzwischen über den REM-Schlaf weiß, ganz einfach erklären läßt.

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