Donnerstag, 13. November 2014

Stefan Klein, Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit, Frankfurt a.M. 2014

S. Fischer Verlag, 19,99 €, 283 S.

1. Prolog zur Hirnforschung
2. Definitionen und Methoden
3. Denken in Bildern
4. Sinneswahrnehmungen im Traum
5. Grenze zwischen Innen und Außen
6. Bewußtseinszustände der mystischen und der meditativen Art
7. Zeitreisen
8. Gedächtnis und Semantik
9. Narrativität

Wenn das Gehirn, wie im letzten Post beschrieben, in der Lage ist, von allen Sinneswahrnehmungen abgeschirmt im Traum Wahrnehmungsbilder zu erzeugen und wenn sogar blindgeborene Menschen im Traum visuelle Wahrnehmungen haben, dann ist es kein Wunder, wenn Klein zu solchen Statements kommt, daß sich das Bewußtsein „allein durch die Verarbeitung gespeicherter Information einstellen“ kann. (Vgl. Klein 2014, S.130) In so einer Feststellung klingt nichts mehr von dem an, was Plessner als Körperleib beschrieben hat, und auch nichts vom menschlichen Selbst- und Weltverhältnis, das die klassische deutsche Bildungstheorie seit Wilhelm von Humboldt geprägt hatte und von der ja auch in unserem heutigen Bildungssystem nicht mehr viel übrig geblieben ist.

Die Ergebnisse der Neurowissenschaften scheinen jedenfalls eindeutig zu sein. Von 10 Milliarden visueller Bits pro Sekunde gelangen nur 100 Bits „in das Bewusstsein“, also, glaubt man Kleins Rechnung, „gerade ein Zehnmillionstel dessen, was Ihre Augen sehen“. (Vgl. Klein 2014, S.77f.) Wenn man nochmal nachrechnet, handelt es sich sogar nur um ein Hundertmillionstel. So oder so ist Kleins Feststellung, daß nur „ein winziger Bruchteil“ der Neuronen im Großhirn „überhaupt mit der Außenwelt in Verbindung“ steht, korrekt. (Vgl. Klein 2014, S.47) Klein erhöht das erkenntnistheoretische Gewicht dieser Daten noch mit einigen Hinweisen aus der Physik:
„Wenn Sie in diesem Moment auf die Buchstaben vor Ihnen schauen oder die Geräusche der Straße hören, kommt es Ihnen so vor, als würden Sie einfach Eindrücke von außen empfangen. Da allerdings täuschen sie sich: Um Sie herum gibt es weder Farben noch Formen noch Töne, nur elektromagnetische Wellen und Schall. Alles andere entsteht offenbar in Ihnen selbst: Irgendwie verwandelt sich eine physikalische Erregung von Augen und Ohren in ein bewusstes Erlebnis – ein Bild oder den Klang einer vertrauten Stimme. Sie erleben so etwas wie einen Film, der in Ihrem Kopf spielt.“ (Klein 2014, S.124)
Die Sache scheint also so klar zu sein, daß sich eine weitere Diskussion gar nicht mehr lohnt. Kann man also die differenzierteren Stellungnahmen von Chris Frith, Georg Northoff und Antonio Damasio – allesamt in diesem Blog erwähnte und besprochene Autoren (Damasio wird von Klein immerhin an zwei Stellen (vgl. Klein 2014, S.124 und S.126) ebenfalls erwähnt) – zum menschlichen Selbst- und Weltverhältnis vergessen? Chris Frith hebt hervor, daß das ‚Gehirn‘ ein meßbar größeres Interesse an der Außenwelt zeigt als an seiner eigenen Innenwelt (vgl. meinen Post vom 05.05.2010), – ungeachtet dessen, daß nur so wenige Informationen überhaupt bis zu ihm vordringen. Damasio weist ebenfalls daraufhin, daß das Gehirn aufmerksam alles beobachtet, was im Körper – der ja mit seinen Sinnesorganen ebenfalls zur Außenwelt gehört – vor sich geht. (Vgl. meine Posts vom 25.03.2011, vom 10.02., und vom 16.08.2012) Das Gehirn gehört Damasio zufolge zum Körper und läßt sich nicht von ihm trennen. Für Georg Northoff ist das von der Umwelt isolierte ‚Gehirn‘ überhaupt kein Gehirn. (Vgl. meinen Post vom 28.07.2012) Ein voll funktionsfähiges Gehirn – und nur ein solches kann man legitimerweise als Gehirn bezeichnen – bedarf der Außenwelt. Deshalb spricht Northoff vom Gehirn als einer Umwelt-Gehirn-Einheit.

Kann man alle diese Erkenntnisse also vergessen? – Stefan Klein selbst bringt einige Hinweise dafür, daß das nicht so ist. So heißt es z.B. an einer Stelle: „Wir müssen zunächst sehen und hören, dann erst können wir wissen.“ (Klein 2014, S.102) – Die Sinnesorgane leisten also schon mal zumindestens auf der Ebene des Wissens einen unverzichtbaren Beitrag zu unserem Bewußtsein. In diesem Sinne heißt es einige Seiten weiter über die „innere(n) Bilder und Stimmen“: „... tagsüber gleicht das Gehirn sie fortwährend mit den Signalen ab, die es von Augen und Ohren empfängt. Nur wenn sich eine Vorstellung mit den aktuellen Sinneseindrücken verträgt, nimmt man diese als Wirklichkeit wahr.“ (Klein 2014, S.109) – Das Bewußtsein für sich selbst ist also noch nicht realitätshaltig. Das ist zwar noch keine Aussage, die an Plessners Körperleib heranreicht, derzufolge sich das Bewußtsein überhaupt erst über seinen Realitätsbezug definiert, aber immerhin schon mal ein Schritt in diese Richtung hin.

Wenn man also überhaupt eine Vorstellung von der Wirklichkeit haben soll, reicht es nicht, daß wir ein intensives Gefühl der Gewißheit hinsichtlich dessen haben, daß das, was wir gerade erleben, tatsächlich wirklich ist, wie etwa im Klartraum. (Vgl. Klein 2014, S.210) Auch die anderen Traumbewußtseinszustände sind von solchen ‚Gewißheiten‘ gekennzeichnet, da ja das kritische Stirnhirn ausgeschaltet ist. (Vgl. Klein 2014, S.113) Zu einem ‚erwachenden‘ Wirklichkeitsbewußtsein kommt es erst, wenn „Auge und Sehsystem“ dafür sorgen, „dass unsere Vorstellungen zu dem passen, was wir von der Außenwelt wahrnehmen“ und wenn das Stirnhirn prüfen kann, „wie plausibel diese Vorstellungen sind.“ (Vgl. Klein 2014, S.234)

Es bedarf also einer Unterbrechung des Reflexbogens, wie sie Plessner mit dem Körperleib auf den Begriff gebracht hat. Und diese Unterbrechung findet im Schlaf definitiv nicht statt, – es sei denn, wir wechseln in den Klartraum.

Wie sehr es bei der Bestimmung des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses auf eine Differenzierung zwischen Innenwelt und Außenwelt ankommt – und zwar als dem wesentlichen Bewußtsensmoment schlechthin –, zeigt Stefan Klein sehr schön am Beispiel von Helen Keller. Helen Keller hatte im Alter von ein bis zwei Jahren aufgrund einer Gehirnhautentzündung Augenlicht und Gehör verloren und lebte viele Jahre lang in einer Welt der Stille und der Dunkelheit. Die übriggebliebenen Sinneseindrücke konnten ihr keinen Eindruck davon vermitteln, daß es noch eine Welt außerhalb dieser umfassenden Dunkelheit geben könnte: „Dass sich Innenwelt und Außenwelt unterscheiden, merkte sie erst, als es ihr gelang, den Panzer des Schweigens zu brechen. Die Botschaften, die sie mit ihrer Lehrerin durch Buchstabenzeichnen auf den Handflächen austauschte, offenbarten ihr die Grenze zwischen Träumen und Wachen. Und doch blieb Keller ihr Leben lang überzeugt, dass zwischen beiden eine untrennbare Verbindung besteht.“ (Klein 2014, S.85)

In Helen Kellers Erfahrung kommt beides zusammen: die Gewißheit einer Außenwelt und deren innige Verbindung mit der Innenwelt, – Plessners Körperleib. Erst durch die Erfahrung der Differenz kommt es zur Erkenntnis der Verbindung.

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Hinweis auf die „Grenze zwischen Träumen und Wachen“. Wir haben es hier mit demselben Sachverhalt zu tun: der Klarträumer, der sich auf dieser Grenze zwischen Träumen und Wachen entlang bewegt, befindet sich zugleich auf der Grenze zwischen Innen und Außen, was der Plessnerschen Definition der Seele entspricht. Träumen und Wachen bilden also Momente des gleichen Bewußtseins. Auch hier bringt Plessner die Sache auf den Begriff, wenn er von der Doppelaspektivität des menschlichen Bewußtseins spricht.

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen