Mittwoch, 12. November 2014

Stefan Klein, Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit, Frankfurt a.M. 2014

S. Fischer Verlag, 19,99 €, 283 S.

1. Prolog zur Hirnforschung
2. Definitionen und Methoden
3. Denken in Bildern
4. Sinneswahrnehmungen im Traum
5. Grenze zwischen Innen und Außen
6. Bewußtseinszustände der mystischen und der meditativen Art
7. Zeitreisen
8. Gedächtnis und Semantik
9. Narrativität

Leserinnen und Leser der Sandman-Comics werden wissen, daß das Schloß von Dream, einer der acht Mächte, die älter sind als die Götter, von Torwächtern bewacht wird, die keine unangemeldeten Besucher in Dreams Schloß eindringen lassen. Interessanterweise gibt es im Gehirn eine Region, den Thalamus, das griechische Wort für ‚Tor‘, die eine ähnliche Aufgabe erfüllt: „Wenn dieses Tor sich schließt, geht die Sinneswahrnehmung verloren. Das geschieht jede Nacht: Im Schlaf sind wir fast vollständig taub und blind. Obwohl Auge und Ohr noch funktionieren und Reize empfangen, kommen im Großhirn keine Signale an.“ (Vgl. Klein 2014, S.43)

Im Schlaf werden also alle Bilder und Bildfolgen, von denen wir träumen, intern erzeugt. Dabei dominieren die visuellen Wahrnehmungen. Nur in fünfzig Prozent unserer Träume hören wir auch Stimmen und sogar nur in einem Prozent unserer Träume riechen und schmecken wir auch. (Vgl. Klein 2014, S.75) In Klarträumen hingegen können unsere Träume sinnlich sogar überaus scharf konturiert und detailliert sein. Klarträumer befinden sich in einem Zustand auf der Grenze zwischen Wachen und Schlafen. Dabei handelt es sich nicht um das dämmrige „Zwielicht“ beim Einschlafen und Aufwachen (vgl. Klein 2014, S.236), sondern um eine Art von Hellwachheit, in der wir uns unserer Träume bewußt sind und sie sogar steuern können:
„Die Erlebnisse im Klartraum sind so intensiv, als ob sie Wirklichkeit wären. Das unterscheidet den luziden Zustand vom Tagtraum, dessen Fantasiebilder blasser als echte Sinneseindrücke erscheinen, und von einem Kinofilm, der nur auf einem Stück Leinwand zweidimensional an uns vorüberzieht, und auch von einem Computerspiel, das wir ebenfalls in einem Ausschnitt unseres Blickfelds erleben. Im Klartraum dagegen taucht man mit allen Sinnen in eine selbst erzeugte Realität ein.“ (Vgl. Klein 2014, S.210f.)
Ansonsten sind unsere Traumeindrücke weniger deutlich und verschwommener. Dabei wirkt sich interessanterweise auch die technologische Qualität von im Wachzustand erlebten Phantasiebildern auf die sinnliche Qualität der im Traum wahrgenommenen Bilder aus. Ältere Menschen, die in der ersten Hälfte des 20. Jhdts. aufgewachsen sind, erleben ihre Träume vorwiegend in Schwarz-Weiß, aus dem einfachen Grund, weil zunächst das Kino und dann das Fernsehen bis in die fünfziger und sechziger Jahre hinein schwarz-weiß waren. (Vgl. Klein 2014, S.26ff.) Ansonsten dominierte in der Menschheitsgeschichte beim Träumen das Farbensehen.

Angesichts dieser Auswirkungen von Technologien auf die Wahrnehmungen im Traum fragt man sich, was wohl die neueste technologische Revolution, das Oculus Rift, einem Head-Set, das es uns erlaubt, eine virtuelle Welt sensorisch und motorisch im vollen Umfang zu erleben, mit unserem Traumbewußtsein anrichten wird.

Übrigens träumen auch blindgeborene Menschen in Bildern. Über diese Traumwahrnehmung täuschen sich sogar die Blinden selbst, die oft genug selbst davon überzeugt sind, auch im Traum nicht sehen zu können: „Wer nämlich Blinde erst am Morgen interviewt und fragt, ob sie im Traum etwas gesehen hätten, bekommt fast immer eine negative Antwort. Denn wer blind geboren wurde, kann sich kaum vorstellen, dass er im Schlaf Bilder sieht.“ (Klein 2014, S.76) – Erst wenn man sie im Laufe der Nacht aus dem Schlaf weckt, ist die Erinnerung an die Traumwahrnehmungen frisch genug, daß die Blinden sogar in der Lage sind, die Traumbilder zu zeichnen. (Vgl. Klein 2014, S.77) Sie zeichnen also Bilder, die sie mit ihren Sinnen niemals wahrgenommen haben und die ausschließlich ‚intern‘ erzeugt worden sind. Aber Blinde können anscheinend auch tagsüber, im Wachzustand, mit Hilfe des Tastgefühls interne Bildwahrnehmungen erzeugen. (Vgl. Klein 2014, S.82f.)

Das wirft natürlich viele Fragen hinsichtlich der Realitätshaltigkeit unserer Wahrnehmungen auf. Denn wenn blindgeborene Menschen Traumbilder erzeugen, die der Außenwelt, die sie nicht wahrnehmen können, entsprechen, deutet das auf einen generellen Bilderzeugungsmechanismus hin, den wir mit den Assoziationsfeldern der Sehrinde in Verbindung bringen können. (Vgl. Klein 2014, S.68) Diese Assoziationsfelder greifen offensichtlich auf Erinnerungen zurück, die älter sind als wir selbst, älter möglicherweise auch als die Menschheit. Stefan Klein verweist hier auf Kants Anschauungsformen von Raum und Zeit, die vorgeben, wie wir die Welt sehen können. (Vgl. Klein 2014, S.83) Diese Anschauungsformen sind unabhängig von individuellen Erfahrungen. Im nächsten Post wird es darum gehen, was das für das Verhältnis von Innen- und Außenwelt bedeutet.

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