Samstag, 1. November 2014

Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, Berlin 2014

1. Zusammenfassung
2. Vom kreativen Sprung zum abduktiven Sprung
3. Algorithmen und Metaphern
4. Subjekt-Prädikat-Strukturen
5. Brechung des Intentionsstrahls
6. Ontogenese und Phylogenese
7. Externe Kommunikationsvehikel
8. Von individueller Kooperation zur Konkurrenz der Gruppen
9. Modularisierung der menschlichen Intelligenz

Tomasello beschreibt die Primatenkognition ausschließlich in instrumentellen Kontexten wie der Nahrungssuche. Beim Übergang zur spezifisch menschlichen Kognition versäumt er es, den Bruch zwischen instrumentell mutualistischen Kommunikationsakten und spezifisch kooperativen und altruistischen Kommunikationsakten zu thematisieren, was er im Unterschied zu seinem aktuellen Buch in seinen früheren Büchern zu den Ursprüngen der menschlichen Kommunikation (2009) und „Warum wir kooperieren“ (2008/2010) durchaus tut. (Vgl. Tomasello (2009), 183f., 187, 195f., 199, 202f., 205, 213f., 233 und zu Tomasello (2008/2010) meinen Post vom 08.06.2012)

Aufgrund dieses Versäumnisses bleibt die Perspektive auf den sozialen Kontext instrumentell. So spricht er hier tatsächlich von einem ‚Bruch‘, nämlich vom „perspektivischen Sprung im Ei der Erfahrung“ (Tomasello 2014, S.111 und S.181), aber dieser Bruch stellt anders als der Plessnersche Hiatus nicht das Selbst- und Weltverhältnis des Menschen in Frage, sondern mündet in eine den Kommunikationsnotwendigkeiten geschuldete pragmatische Perspektive. (Vgl.u.a. Tomasello 2014, S.14, 149) Der perspektivische Sprung entsteht nämlich, wenn der Sprecher merkt, daß seine Kommunikationsversuche von seinen Zuhörern nicht verstanden werden. Dann bemüht er sich um bessere Verständlichkeit: „Das menschliche Denken bei der kooperativen Kommunikation beinhaltet auch eine neue Art der Selbstbeobachtung, bei der der Kommunizierende sich vorstellt, welche Perspektive der Empfänger auf seine Intentionen hinsichtlich der Intentionen des Empfängers einnimmt – und sich daher vorstellt, wie letzterer diese Intentionen verstehen wird.“ (Tomasello 2014, S.93)

Bei Plessner hingegen wird der Bruch nicht unmittelbar zum Anlaß, den mißlungenen Kommunikationsakt nachzubessern. Das pragmatische Versagen bei der Umsetzung einer kommunikativen Absicht ist vielmehr Teil jenes viel fundamentaleren Versagens bei der instrumentellen Befriedigung unserer Bedürfnisse. (Vgl. meinen Post vom 24.10.2010) Wo ich Hunger und Durst nicht unmittelbar, von der Hand in den Mund, sättigen und löschen kann, wird nicht nur ein Reiz-Reaktionsmechanismus unterbrochen, sondern mit der Brechung des Intentionsstrahls wird das menschliche Selbst- und Weltverhältnis in Frage gestellt; und zwar derart, daß wir uns dieses Selbst- und Weltverhältnisses allererst bewußt werden. Die ‚Kluft‘, die sich aus diesem Bruch eröffnet, bildet den Spielraum, in dem menschliches Bewußtsein möglich wird.

Hier haben wir das eigentliche Gattungsmerkmal von homo sapiens: Wo bei allen anderen Tieren nur die instrumentellen Perspektiven dominieren, wendet sich der Mensch von der Welt ab und seinem eigenen Bewußtsein zu, was Plessner als exzentrische Positionalität beschreibt. Dieser Akt ist so fundamental, daß er sogar als vorsozial gekennzeichnet werden kann. Die soziale Welt verschleiert diesen zutiefst persönlichen, individuell erlebten Bruch und versöhnt uns mit unserem Dasein so sehr, daß die meisten ihn die meiste Zeit über völlig vergessen; ein Zustand, den die Phänomenologen als Lebenswelt beschreiben.

Der Bruch bzw. Hiatus ist ein wesentlicher Teil der individuellen Intentionalität und besteht in der Erfahrung einer Grenze zwischen Innen und Außen. Das ‚Innen‘ sind die inneren Zustände von Individuen, das ‚Außen‘ bildet die physische und die soziale Welt. Das von Tomasello beschriebene pragmatische Bemühen um Verständlichkeit mit all den damit verbundenen sozialen und normativen Implikationen (vgl.u.a. Tomasello 2014, S.91 und S.117) bewegt sich – paradox formuliert – auf der ‚Basis‘ eines ‚Abgrunds‘: „Als Ich, das die volle Rückwendung des lebendigen Systems zu sich ermöglicht, steht der Mensch nicht mehr im Hier-Jetzt, sondern ‚hinter‘ ihm, hinter sich selbst, ortlos, im Nichts geht er im Nichts auf, im raumzeithaften Nirgendwo-Nirgendwann.“ („Stufen des Organischen“ (1928/1975), S.292) – Tomasello kommt dem sehr nahe, wenn er die individuelle Perspektive als einen „nichtperspektivische(n) Blick von nirgendwo“ beschreibt. (Vgl. Tomasello 2014, S.181) Aber ich befürchte, er meint mit dem „von nirgendwo“ nur den akteursneutralen Standpunkt der Gruppe.

Das macht die individuelle Intentionalität so fundamental. Sie ist nicht einfach eine dem gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und Menschen zuzuschreibende Besonderheit, sondern ein für das Selbst- und Weltverhältnis des modernen Menschen wesentliches Moment. Diese spezifisch menschliche Qualität im Erleben seiner inneren Zustände zeigt sich beim Menschen als Expressivität. (Vgl. meinen Post vom 26.10.2010) Diese Expressivität ist nicht instrumentell durch die Befriedigung von Bedürfnissen, sondern ambivalent durch die Doppelaspektivität der Grenze zwischen Innen und Außen bestimmt. Plessner beschreibt diesen expressiven Zustand als „Seele“, die sich gleichzeitig verbergen und zeigen will und dabei von der ständigen Sorge begleitet wird, allzu sichtbar zu werden, was Plessner als Noli-me-tangere beschreibt. (Vgl. meinen Post vom 14.11.2010)

Tomasellos evolutionsbiologische Trennung zwischen der individuellen Intentionalität der Menschenaffen und der geteilten Intentionalität des modernen Menschen führt nun auch zu einer Loslösung des sich verbergenden vom sich zeigenden Moment der menschlichen Intentionalität und damit zu einer Auflösung der Seele. Jetzt sind es nur noch die Menschenaffen, die im Rahmen ihrer konkurrenzorientierten Kognition ihre Absichten vor ihren Mitaffen zu verbergen versuchen, während die menschliche Kommunikation fundamental dadurch gekennzeichnet ist, daß wir wollen, daß unsere Mitmenschen unsere Absichten und Gedanken mit uns teilen, weshalb wir alles dafür tun, so ‚verständlich‘ bzw. für unsere Mitmenschen so ‚durchsichtig‘ wie nur möglich zu sein: „Im Unterschied zu anderen Primaten nutzen Menschen ihre Kommunikationsakte, um andere regelrecht (zu) ermuntern, ihr Denken zu erkennen ... Menschen, aber keine anderen Primaten arbeiten also bei ihrer Kommunikation zusammen, um es den anderen zu erleichtern, ihre Perspektive einzunehmen und diese sogar zu beeinflussen, wenn sie es wünschen.“ (Tomasello 2014, S.118f.)

Die Tomasellosche Anthropologie läuft also auf eine Antithese zur Plessnerschen Anthropologie hinaus, was nicht schlecht sein muß. Diese Kontraposition zwischen Tomasello und Plessner erweitert den Denkraum über das Menschliche. Man muß sich nur dessen bewußt bleiben, was bei den jeweiligen Perspektiven auf den Menschen möglicherweise verloren geht.

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