Freitag, 5. September 2014

Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne, Berlin 2014

(Vorbemerkung: Von Erbe, Sünde und Moderne (S.9-29) / Kapitel 1: Die permanente Flut. Über ein Bonmot der Madame de Pompadour (S.31-53) / Kapitel 2: Dasein im Hiatus oder: Das moderne Fragen-Dreieck De Maistre – Tschernyschweski – Nietzsche (S.54-74) / Kapitel 3: Dieser beunruhigende Überschuß an Wirklichkeit. Vorausgreifende Bemerkungen zum Zivilisationsprozeß nach dem Bruch (S.75-94) / Kapitel 4: Leçons d’histoire. Sieben Episoden aus der Geschichte der Drift ins Bodenlose: 1793 bis 1944/1971 (S.95-221) / Kapitel 5: Das Über-Es: Vom Stoff, aus dem die Sukzessionen sind (S.222-311) / Kapitel 6: Die große Freisetzung (S.312-481) / Ausblick: Im Delta (S.483-489))

1. Iterative Individualisierungen
2. Entdopplung der Aspekte
3. Rhizom und Internet
4. Futurum II

Sloterdijk thematisiert die Individualisierung nicht als Ontogenese, sondern als Iteration. Der Beginn des Individualisierungsprozesses wird also nicht an der Geburt eines Menschen festgemacht, sondern, im Rahmen der individuellen Genese, erst relativ spät, nämlich wenn er in der Lage ist, sich durch eine bewußte ‚Geste‘ von seiner Familie und seinen Vorfahren loszusagen. Als Beispiel für so eine Geste bringt Sloterdijk den heiligen Franziskus, der vor seinem Vater und anderen Zeugen in Assissi alle seine Kleider ablegt: „Francesco, damals 26jährig, seit kurzem zu einem Leben in evangelischer Selbstverbrennung entschlossen, legte vor dem assisischen Gericht, seinem entsetzten Vater, dem sprachlosen Bischof und der gaffenden Bürgerschaft sämtliche Kleider ab und sagte sich vom familiären Herkommen los.“ (Sloterdijk 2014, S.341)

Solche ‚Gesten‘ sind es, die ihre Nachfolger finden und die ‚iteriert‘ werden. Mit diesen Gesten – Sloterdijk bezeichnet sie als „Nullpunkt-Geste(n)“ (Sloterdijk 2014, S.134) – werden keine spezifischen Inhalte übernommen und tradiert, sondern es wird lediglich eine ‚vertikale‘ Unmittelbarkeit zu ‚Gott‘ beansprucht, die das neue Glaubens-‚Subjekt‘, qua „Umbeseelung“ (Sloterdijk 2014, S.289f.u.ö.), in seiner Einzigartigkeit aus der genealogischen Reihe ‚heraussetzt‘: „Aus der Sicht des Genealogen implizierte die christliche Mystik die Option, von linearer auf vertikale Deszendenz umzustellen.“ (Sloterdijk 2014, S.363)

Deshalb darf Sloterdijks Nullpunkt-Geste auch nicht mit Günter Duxens „kultureller Nullage“ verwechselt werden, mit der dieser die Situation des Menschen nach der Geburt beschreibt, um dann das Wechselverhältnis zwischen biologischer und kultureller Phylogenese des Menschen auf der einen Seite und seiner individuellen Ontogenese auf der anderen Seite zu rekonstruieren. (Vgl. meinen Post vom 10.09.2012) Wenn Sloterdijk von ‚Iterationen‘ spricht, die an die Stelle der ‚Generationen‘ treten (vgl. Sloterdijk 2014, S.138), so geht es ihm hier hauptsächlich um die kulturelle Genese des „okzidentalen Individualismus“ (Sloterdijk 2014, S.307), und nicht um dessen biographische Gestalt.

Individuelle Biographien haben etwas mit Sinnfindung zu tun, damit, was Plessner ‚ein Leben führen‘ nennt. (Vgl. „Stufen des Organischen“ (1975/1928), S.310; vgl. auch meinen Post vom 29.10.2010) Das Leben mag zwar, wie Günter Dux meint, mit einer kulturellen Nullage beginnen. Aber innerhalb dieses intergenerationellen Bruchs bzw. Hiatus ist der Mensch mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich zu den biologischen und kulturellen Zugriffen – gleichviel ob wir sie erst mit der Geburt oder schon früher ansetzen wollen – zu verhalten, d.h. letztlich eine Haltung zu finden. Diese ‚Haltung‘ mag zwar selbst wiederum, mit Plessner gesprochen, exzentrisch im Nichts positioniert sein. Aber anders als jene „heroisch-exzentrische Positionalität“, wie sie Sloterdijk der Bastard-Königin Elisabeth I. zuspricht (vgl. Sloterdijk 2014, S.409) – ‚Bastard‘, weil aus der genealogischen Linie herausgefallen (ihr Vater ließ ihre Mutter hinrichten) –, und wiederum noch einmal ganz anders als die exzentrischen Söhne und Töchter (vgl. Sloterdijk 2014, S.283), die an Jesu bzw. Francescos Vorbild gleichermaßen iterierend wie irritierend anknüpften, hat Plessners exzentrisch positionierter Mensch den Bezug zur Welt nicht verloren. Und dieser Bezug ist selbstverständlich ein ‚genealogischer‘, nämlich gleichermaßen biologisch wie kulturell evolviert und ontogenetisch transformiert.

Die exzentrische Positionalität bei Plessner ist kein Nichts der Sinn- und Bedeutungslosigkeit, sondern ein Nichts der Ebenentranszendenz. Der Freiraum unseres Denkens kommt zu unserer biologischen und kulturellen Mitgift hinzu: als eine freie Apperzeption. Sloterdijks Überblick über die verschiedenen historischen Individualisierungsschübe von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit gibt keine wirkliche Auskunft über die Zwangsläufigkeiten und Notwendigkeiten eines individuellen Selbst- und Weltverhältnisses. Die verschiedenen, zum Teil massenhaften, aber dennoch immer nur punktuellen Übernahmen und Anknüpfungen an vorangegangene anti-genealogische Revolten, bei denen, wie Sloterdijk es formuliert, immer nur „Alt-Letzte“ und „Neu-Letzte“ ohne Fortpflanzungsabsichten einander die Hand reichen (vgl. Sloterdijk 2014, S.354), führen zu einem geschichts- und biographielosen ‚Ich‘, das an Damasios „Kernselbst“ erinnert. (Vgl. meine Posts vom 21.07.2011 und vom 19.08.2012) Sloterdijk beschreibt es als „stroboskopisch“, weil es kein zeitliches Kontinuum bildet, sondern immer nur in punktförmigen, ausdehnungslosen Hier-und-Jetzt-Zuständen aufflackert, immer nur gerade dort und jeweils dann seiend, wo es sich aktualisiert, ohne Vergangenheit und Zukunft. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.460)

Diesem stroboskopischen ‚Ich‘ erzählt der Körperleib keine ‚Geschichten‘ mehr. Damasio zufolge erweitern sich nämlich die punktuellen Wahrnehmungen des Kernselbsts mit Hilfe dieser ‚Geschichten‘ zu einem autobiographischen Selbst. Bei den stroboskopischen Individuen hingegen, die Sloterdijk beschreibt, würde Damasio eher einen neurophysiologischen Defekt diagnostizieren, eine Amnesie, die sie nicht etwa befreit, sondern desorientiert. Letztlich sind es solche anterograden Amnesien, die die täglichen Wiederholungen, die Iterationen eben, erzwingen. Der unmittelbare Bezug zu Gott wäre also eher einem Gehirnschaden zu vergleichen, als auf ein Bekehrungserlebnis zurückzuführen.

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen