Freitag, 26. September 2014

Oskar Negt, Philosophie des aufrechten Gangs. Streitschrift für eine neue Schule, Göttingen 2014

Steidl Verlag, 18,00 €, 127 S.

1. Generationenverhältnis
2. Zeitstrukturen
3. Pädagogische Begriffe
4. Mit Kindern experimentieren
5. Macht und Verantwortung
6. PISA contra Bologna?
7. Anthropologie
8. Bildung und Lernen

In diesem Post muß ich nochmal auf Rousseaus Konzept der Kindheit als einem Zustand der Schwäche zurückkommen. ‚Schwäche‘ meint die weitgehende Unfähigkeit des sich entwickelnden Menschen, seine Bedürfnisse selbst zu befriedigen. Da diese Schwäche mit der Zahl der Bedürfnisse zunimmt, kommt es Rousseau zufolge unter anderem auch darauf an, sie möglichst gering zu halten und sich auf die lebensnotwendigen Bedürfnisse zu beschränken. Mit einer solchen Selbstbeschränkung haben schon wir Erwachsenen in der Konsumgesellschaft so unsere Schwierigkeiten. Um wieviel mehr unsere Kinder!

Um so wichtiger ist das Verhältnis zwischen den Erwachsenen und den Kindern. Da Kinder sich in ihrer eigenen Selbstwahrnehmung vor allem als schwach erweisen und deshalb Erwachsene spiegelbildlich als ‚stark‘ wahrnehmen – ausgehend von der einfachen Gleichung groß = stark (vgl. Kohlbergs „Psychologie der Lebensspanne“ (2000)) – nehmen sie jede Machtverringerung der Erwachsenen als Schwäche wahr. Ich habe mir mal den Spaß gemacht, mich beim Armdrücken mit einem Knirps von vielleicht fünf Jahren – an das genaue Alter kann ich mich nicht mehr erinnern – von dem Kleinen besiegen zu lassen. Danach platzte er vor Stolz, lief herum und verkündete allen seinen Sieg und wollte immer wieder mit mir Armdrücken, um seinen Sieg zu bestätigen. Was mich daran irritierte, war, daß der kleine Junge tatsächlich fest daran glaube, stärker zu sein als ich.

Rousseau zufolge sind solche Fehleinschätzungen unbedingt zu vermeiden. Seiner Ansicht nach muß das Kind wissen, daß es schwach ist, weil es nur so zu einer realistischen Selbsteinschätzung kommen kann und vor allem – das ist das Allerwichtigste dabei – weil es nur dann den Wunsch verspürt, über sich hinauszuwachsen! Das Bewußtsein der eigenen Schwäche ist der wichtigste Entwicklungsmotor der Kindheit. Sobald Kinder das Gefühl haben, mit Hilfe der Erwachsenen alles durchsetzen zu können, was sie wollen, hören sie auf, sich zu entwickeln.

Hinzukommt, daß das ganze Vertrauen, das Kinder den Erwachsenen entgegenbringen, gerade auf dem Bewußtsein beruht, daß diese Erwachsenen stark sind. Nur starke Erwachsene können Kinder beschützen. Sobald Kinder anfangen, an dieser Stärke zu zweifeln, verlieren sie ihren Halt und ihre Orientierung. Interessanterweise kann man das gerade in den Spielfilmen von Steven Spielberg sehr schön beobachten. In „Jurassic Park“ suchen zwei Kinder, die von einem Raubsaurier verfolgt werden, Schutz bei einem Erwachsenen, der aber nichts anderes im Sinn hat, als sich selbst in Sicherheit zu bringen. Als ihnen ein anderer Erwachsener heldenhaft zur Hilfe kommt, wiederholt das ältere Mädchen immer wieder fassungslos den Satz: „Er hat uns im Stich gelassen!“ – Eindringlicher kann man wohl kaum auf den Punkt bringen, was die Erwachsenen ihren Kindern schuldig sind.

Ein wiederum elf- oder zwölfjähriges Mädchen, dem ich einmal bei seinen Hausaufgaben zusah, fragte mich nach der Lösung einer Mathematikaufgabe. Ich wußte die Lösung nicht und meinte entschuldigend: „Auch Erwachsene müssen nicht alles können.“ – Das Mädchen erwiderte ernsthaft: „Doch! Erwachsene müssen alles können!“

Ein wirklich trauriges, mich zutiefst erschütterndes Beispiel ist das von einem elfjährigen Jungen in dem Dokumentarfilm „Weil ich länger lebe als Du!“, der mit der Vorstellung, in einer Welt leben zu müssen, in der es keine Wälder mehr geben wird, in Begleitung seines Vaters um die Welt reist, Vorträge vor Wirtschaftsgrößen und Politikern hält, um für den Schutz der Wälder zu werben, und der außerdem an einem Kinder-Netzwerk arbeitet, das überall auf der Welt die Erwachsenen dazu bringen soll, endlich ihrer Verantwortung für ihre Kinder gerecht zu werden. Hier wird das Versagen der Erwachsenenwelt besonders krass deutlich. Die Kinder müssen tun, was die Aufgabe der Erwachsenen ist!

Deshalb finde ich das Thema „Kinderrechte“ im hohen Maße ambivalent. So heißt es z.B. bei Oskar Negt: „Selbst wenn diese Rechte von den Kindern nicht in eigener Regie wahrgenomen werden können, können sie im Prozess der Erziehung und Bildung nur dann wirksam vertreten werden, wenn die Erwachsenen einen Teil ihrer Macht aufgeben.“ (Negt 2014, S.39)

Wenn die Erwachsenen „einen Teil ihrer Macht aufgeben“, geben sie auch einen Teil ihrer Verantwortung ab. Und ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, daß sie das klammheimlich auch ganz gerne tun. Sie können an ihrer kinderfeindlichen Lebensweise festhalten, gerade dadurch, daß sie den Schutz der Kinder vor Erwachsenenwillkür rechtlich stärken! Jedenfalls beinhaltet der berechtigte Schutz der Kinder vor den Erwachsenen eine bedenkliche Dialektik, die sich gegen die Möglichkeit von Pädagogik überhaupt richtet. Da Kinder immer mitdenken, haben wir es auch hier nicht nur mit einem bürokratischen Akt zu tun, sondern mit einer subtilen Vertrauensstörung im Verhältnis von Kindern und Erwachsenen. Wenn der Erwachsene vom Kind nicht mehr im vollem Umfang als Erziehungsberechtigter bzw. Erziehungsverantwortlicher wahrgenommen werden kann, wird jede pädagogische Maßnahme zu einem Machtkampf.

Es ist noch gar nicht so lange her, daß eine Kollegin und Mutter mir erzählte, wie ihre elf- oder zwölfjährige Tochter ihr bei einer Auseinandersetzung mit dem Anwalt drohte. Auch im Schulalltag sind solche Drohungen von Schülern ihren Lehrern gegenüber immer wieder zu hören. Lehrer, die mit ihren Schülern auf Klassenfahrt sind und den institutionellen Schutz der Schule verlassen, wissen, daß sie von diesem Moment an mit einem Bein im Gefängnis stehen. Ihre Aufsichtspflicht ist praktisch unbegrenzt, denn alles, was die Schüler in der Öffentlichkeit anstellen, unterliegt ihrer Verantwortung. Zugleich aber bekommen die Schüler dem Lehrer gegenüber Rechte zugesprochen, die diese Verantwortung begrenzen.

Die Tage sah ich im Fernsehen ein Interview mit Andreas Schleicher, dem internationalen Koordinator der PISA-Studien. In diesem Interview meinte Schleicher doch tatsächlich, daß die Schule dazu da sei, die Probleme der Gesellschaft zu lösen! Und er fügte sogar noch hinzu, als wollte er die diesbezügliche Begrenztheit seiner Vorstellungskraft noch einmal besonders hervorheben: „Was denn sonst?“

So wie die Kinder dazu da sind, die Probleme der Erwachsenen zu lösen, Herr Schleicher?

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