„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 22. September 2014

Oskar Negt, Philosophie des aufrechten Gangs. Streitschrift für eine neue Schule, Göttingen 2014

Steidl Verlag, 18,00 €, 127 S.

1. Generationenverhältnis
2. Zeitstrukturen
3. Pädagogische Begriffe
4. Mit Kindern experimentieren
5. Macht und Verantwortung
6. PISA contra Bologna?
7. Anthropologie
8. Bildung und Lernen

Oskar Negts Buch „Philosophie des aufrechten Gangs“ (2014) ist die Antithese zu Peter Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ (2014), so wie die Pädagogik eine Antithese zum Filiarchat ist. (Zum ‚Filiarchat‘ vgl. meine Posts vom 22.08. bis 08.09.2014) Geht es Sloterdijk mit den schrecklichen Kindern um die Beschreibung eines bis in die Ursprünge des Christentums zurückreichenden Prozesses der Abwendung der ‚Söhne‘ von den Ahnen und Eltern, um mit ihrer eigenen individuellen Existenz einen radikalen Neuanfang zu setzen, so besteht die Pädagogik seit Rousseau und Humboldt darin, die Not dieses Neuanfangs in eine Neugründung des Generationenverhältnisses umzuwenden.

Dieses Generationenverhältnis ist aus pädagogischer Sicht kein Traditionsverhältnis mehr, in dem die Älteren den Jüngeren ein Erbe übertragen. Vielmehr verwandelt sich das Generationenverhältnis in ein gesellschaftliches und menschheitliches Projekt, in dem Ältere und Jüngere sich im Umgang miteinander an „Gesellschaftsentwürfen“ versuchen (vgl. Negt 2014, S.53), die einen kollektiven Lernprozeß ermöglichen sollen, etwa im Sinne eines, wie Negt es formuliert, „friedfertige(n) und solidarisch vereinigte(n) Europa(s)“ (vgl. Negt 2014, S.9).

Entsprechend der Sloterdijkschen „Filiation“ steht dabei das Kind für kollektive Projektionen eines ‚besseren‘, letztlich sich von der verderbten Gegenwart abwendenden Lebens. Auch Oskar Negt führt diese Entwicklungslinie auf den Ursprung des Christentums zurück: „Die Idee des Erlöserkindes, eines voraussetzungslosen Neuanfangs, in dem die schöpferische Naturkraft noch verschlossen ist, reicht weit in den Mythos und in die Geschichte zurück. In der christlich-abendländischen Tradition ist sie durch die Geburt des Erlöserkindes Jesus, mit dem die leere Zeitkontinuität unterbrochen wird, kulturgeschichtlich besonders fundiert.“ (Negt 2014, S.41)

Interessanterweise bezeichnet Negt nicht  etwa den Neuanfang als ‚leer‘, sondern die Genealogie („leere Zeitkontinuität“), aus der das Erlöserkind Jesus heraustritt. Das hat etwas mit dem Naturbegriff („schöpferische Naturkraft“) zu tun: Das Kind wird als ein natürlicher Mensch wahrgenommen, das sich vom ‚unnatürlichen‘ Erwachsenen dadurch unterscheidet, daß es noch im Zustand der Unschuld, also noch nicht korrumpiert ist. Das impliziert in der Pädagogik eine latente, stets empörungsbereite Erwachsenenfeindlichkeit und eine Ablehnung der bestehenden Gesellschaftsordnung. So beginnt auch Negt bezeichnenderweise seine Vorrede zum Buch mit einem Hinweis auf Stéphane Hessel (2010): „Empört euch!, so heißt eine Schrift, die in den letzten Jahren vielfache spontane Zustimmung fand. Ein ehemaliger französischer Widerstandskämpfer hat sie verfasst – kraftvoll in der Aufforderung, endlich mit der Gleichgültigkeit und dem geduldigen Einverständnis gegenüber den als drückend, ja unerträglich empfundenen Verhältnissen zu brechen.“ (Negt 2014, S.7)

Negt berücksichtigt nicht, daß es in Zeiten der social media an allgemeiner Empörungsbereitschaft keineswegs mangelt. Das Problem ist vielmehr die Ziellosigkeit und Willkürlichkeit des stets empörungsbereiten Cybervolks. Wie unterscheidet man zwischen emanzipativer Empörung und repressivem Mobbing? (Vgl. meine Posts vom 05.09. vom 07.09.12)

Negt findet die Parteinahme für das Kind und gegen die Erwachsenen schon im Nibelungenlied ausformuliert. Dort wendet sich der tragische Held Siegfried von seinem Erzieher ab: „Alles, was Siegfried, was seinem Heldendasein nützt, ist ihm durch Erziehung und Vorbild der Erzieher nicht beigebracht worden. Zum Leidwesen Mimes, der stolz darauf ist, ihn als Kind gepflegt und versorgt zu haben, ist alles missglückt, was Erziehung ausmachen könnte ...“ (Negt 2014, S.42f.)

Das erinnert ein wenig an Rousseaus Konzept der negativen Erziehung. Auch im „Émile“ haben die Erwachsenen zur Entwicklung des Kindes nichts Positives beizutragen. Doch gilt das nur für das Kind. Denn Rousseau macht einen Unterschied zwischen der Erziehung von Kindern und von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen. Negt, der ebenfalls auf die Parallele zum „Èmile“ verweist, macht diesen Unterschied nicht. Die spezifisch soziale Dimension der Jugendphase entgeht ihm, so daß er Siegfried und Èmile letztlich in einen Topf schmeißt und beide gleichermaßen als gesellschaftlich und sozial unterentwickelt bezeichnet. (Vgl. Negt 2014, S.45) Darauf wird im folgenden Post noch zurückzukommen sein.

Jedenfalls wird der Siegfried des Wagnerschen Rings zum Opfer von für ihn undurchschaubaren Intrigen: „Er arbeitet, ohne es zu wissen, im Interesse anderer.“ (S.43) – Dieses traurige Fazit hindert Oskar Negt aber nicht daran, dem „anthropologischen Pessimismus“, der, wie er selber festhält, mit „intellektueller Redlichkeit“ einhergeht – dabei verweist er auf Adorno und die Kritische Theorie – (vgl. Negt 2014, S.30f.), eine Absage zu erteilen. Auf der „praktischen Ebene“, also in der pädagogischen Praxis, sind wir auf einen lebbaren „pädagogischen Optimismus“ angewiesen. (Vgl. Negt 2014, S.31 und 46)

Dieses Argument habe ich schon einmal vor etwa 19 Jahren von einer damaligen Kollegin an der Universität Erfurt gehört. Sie leitete damals die Pädagogische Werkstatt, während ich in einem Forschungsprojekt zur Reformpädagogik arbeitete. Ich hatte ihr immer viel von der Kritischen Theorie und von Erziehung nach Auschwitz erzählt. Und ich hatte mich darüber beklagt, daß bei all der Unmenge von Literatur zur Reformpädagogik niemals über das alltägliche Scheitern in der reformpädagogischen Praxis geschrieben worden sei. Immer nur die angeblichen ‚Erfolge‘, die, wenn man genauer hinsehe, nur die elende Praxis verkleisterten und schönredeten. Mit Bezug auf Adorno sagte meine Kollegin damals, mit so einer pessimistischen Weltsicht könne man nicht mit Kindern arbeiten. Und mit Bezug auf die Reformpädagogik meinte sie, daß sie die einzige ‚Waffe‘ im Kampf der Erzieher gegen die Behörden sei, die sie haben. Die dürfe man ihnen nicht nehmen, indem man die Reformpädagogik schlechtrede.

Die Einwände meiner Kollegin hatten mir damals zu denken gegeben. Ich glaube bis heute, daß sie damit sehr recht gehabt hatte. Und so argumentiert jetzt also auch Oskar Negt, dem ja ebenfalls als Alternativschulgründer (Glocksee) die pädagogische Praxis sehr am Herzen liegt. So will er sein Buch nicht als eine Kritik der pädagogischen Praxis bzw. der Lehrerschaft verstanden wissen, sondern als eine Kritik der gesellschaftlichen Institution. (Vgl. Negt 2014, S.75)

Trotzdem trägt seine Kritik nicht dazu bei, das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern in der pädagogischen Praxis zu klären. Vielmehr mythologisiert er dieses Verhältnis mit seinen Verweisen auf den Stauferkönig Friedrich II. und auf den Nibelungenhelden Siegfried. Er bürdet dem Kind, ob nun Wunderkind oder Normalo, auf, Probleme zu bewältigen, an denen die Erwachsenen selbst bislang gescheitert sind: „Nicht Erlösung ist also das Thema bürgerlicher Aufklärung, sondern Befreiung, Herstellung von Autonomie. Die säkularisierte Gestalt der Erlösungsverheißung ist das Wunderkind; dieses bringt am meisten von der Natur mit, aber ohne sorgsame und frühzeitige Bildung wird aus ihm: nichts. Wunderkinder sind die glücklichen Grenzfälle.“ (Negt 2014, S.45)

Dabei beruft sich Negt übrigens auf John Locke. Ausgerechnet! (Vgl. meine Posts vom 15.03. bis 17.03.2012)

Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit des pädagogischen Optimismusses finde ich doch, daß Sloterdijk die Situation mit seinem Filiationspessimismus gegenüber Negts Projektionen klarer beurteilt. Es liegt weder in der pädagogischen Verantwortung des Erwachsenen, den Kindern irgendeine Art von Zukunft aufzubürden, noch, sie sich selbst und ihren Naturanlagen zu überlassen, nach dem Motto: nun entwickelt euch mal schön! Es muß also allererst geklärt werden, was denn die pädagogische Verantwortung des Erwachsenen überhaupt ist. Darum soll es in den folgenden Posts gehen.

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