Donnerstag, 14. August 2014

Mythos und Lebenswelt

(Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos, Frankfurt a.M. 3/1984 (1979))

1. Dabei sein ist alles: Apperzeption
2. Bedeutsamkeit als Verzicht
3. Das Ende des Mythos und dessen Erbe: der Strukturalismus

Immer wieder geht es in Blumenbergs „Arbeit am Mythos“ darum, wie dem Mythos ein Ende gesetzt, sprich: wie er ‚überwunden‘ werden könnte. (Vgl. Blumenberg 3/1984, S.31, 45, 53f., 60f., 92, 166, 269, 291-326, 679-689) Die verschiedenen diesbezüglichen Überlegungen werden aber auch immer wieder gerahmt von gegensätzlichen Feststellungen bezüglich seiner Unüberwindbarkeit: „Wir haben ‚Überwindungen‘ von diesem und jenem mit Mißtrauen zu betrachten gelernt, vor allem seitdem es die Vermutung oder den Verdacht von Latenzen gibt.“ (Blumenberg 3/1984, S.61)

An anderer Stelle heißt es über die vergeblichen Versuche der Aufklärung, den Mythos zu überwinden: „Vernünftig sollte das sein, was übrigbliebe, wenn die Vernunft als Organ zur Aufdeckung der Illusionen und Widersprüche die Sedimente abgetragen hätte, die von Schulen und Dichtern, von Magiern und Priestern, von Verführern aller Art also, aufgelaufen waren. Beides sollte ‚Vernunft‘ heißen: das Organ kritischer Destruktion und das von ihm freigelegte Residuum. Der Verdacht es gebe keine Gewähr dafür, daß überhaupt etwas übrigbliebe und was, wenn jene abgelagerten Trübungen der Zeiten abgetragen wären, hatte keine Chance auf Gehör, bevor er sich in der krassen Bestreitung durch die Romantik durchsetzte. Sie war die verspätete Anwendung der Zwiebelschalenmetapher auf die Anstrengungen der Aufklärung.“ (Blumenberg 3/1984, S.54)

Die Zwiebelschalenmetapher impliziert ein weiteres Mal den in den letzten Posts mehrfach angesprochenen Nihilismus: nirgendwo ein Kern, überall nur Schale.

Die Unbeendbarkeit des Mythos hat mit seiner Verwandtschaft mit der Lebenswelt zu tun. Ein wesentliches Merkmal der Lebenswelt ist ihr Immer-so-weiter. Und wie beim Mythos stellt sich ihr die Frage nach ihrem Anfang nicht, aber „nach der nächsten Geschichte kann gefragt werden, danach also, wie es weitergeht, wenn es weitergeht.“ (Blumenberg 3/1984, S.287) Punktuelle ‚Überwindungen‘ der Lebenswelt münden immer nur in ihre Neukonstitution, wie der Phönix aus der Asche. So bildet auch das „Zuendebringen des Mythos“ nur ein Moment im Übergang in einen „neuen Aggregatzustand“. (Vgl. Blumenberg 3/1984, S.166)

Wenn Blumenberg also dennoch von einem Ende des Mythos spricht, so deshalb, weil dieses allenfalls hypothetisch denkbare Ende eine hohe Affinität zu seinem Anfang hat, der sich irgendwo im unbefragbaren Dunkel nicht erzählter Geschichten befindet. Hier spielt nun, trotz seiner „Anstößigkeit“ (Blumenberg 3/1984, S.144), der Zufall eine zentrale Rolle. Blumenberg imaginiert so etwas wie einen gesättigten, pränarrativen Urzustand. Dieser Urzustand ist in einem hohen Maße instabil, wie ein See kurz bevor er zufriert. Es reicht ein hineingeworfener Stein, um ihn gefrieren zu lassen. Dieser pränarrative Urzustand der menschlichen Psyche bildet eine Art Chaos am Rande der Ordnung. Alles befindet sich in gespannter Erwartung, daß etwas passiert: „Das schiere Minimum von Überhaupt-Etwas selbst muß in Erscheinung treten.“ (Blumenberg 3/1984, S.681f.)

Was in Erscheinung treten muß, entspricht dem Schmetterlingsflügelschlag der Chaostheorie: „der winzige Ausschlag des Zufalls“ (Blumenberg 3/1984, S.684), der als „schiere(s) Minimum“ dem messianischen Minimalismus gleicht, von dem Blumenberg in seiner „Matthäuspassion“ (1988) spricht; wenn der Messias kommt, wird er die Welt nur um ein winziges Etwas zurechtrücken, und alles wird gut sein, ohne daß irgendjemand es bemerkt.

So stellt sich Blumenberg, wie schon angedeutet, nicht nur den Anfang, sondern auch das Ende des Mythos vor. Wenn Prometheus sich seiner Fesseln entledigt und von der Felswand herabsteigt, tut er dies aus einer Laune heraus, wie jemand, der aus einem tiefen Schlaf erwacht und jetzt aus dem Bett aufsteht. All die Leiden und Martyrien, die er erlitten hatte, sind völlig vergessen. Nicht einmal Zeus interessiert sich mehr dafür. Die Selbstbefreiung des Prometheus geschieht unbeobachtet und wird nicht einmal von ihm selbst als eine solche wahrgenommen. Was geschehen ist, ist vergangen, und es war zutiefst grundlos gewesen: „umsonst“. (Vgl. Blumenberg 3/1984, S.682) Das Wort ‚umsonst‘ gehört zum Wortfeld der Gabe und wird von Blumenberg auch in seiner „Matthäuspassion“ in seiner mehrfachen Bedeutung verwendet: Jesu Tod war gleichermaßen grundlos, nutzlos und gratis.

Das imaginierte Ende des Mythos ist also wie sein imaginierter Anfang. So wie man nicht weiß, welchem für sich belanglosen Zufall wir die Emergenz des Mythos verdanken, steht es auch um sein hypothetisches Ende: „Man weiß gar nicht mehr, worum es ging.“ (Blumenberg 3/1984, S.680)

Diese Blumenbergsche Pointe ist für mich der Anlaß, das Ende des Mythos als einen Strukturalismus zu verstehen. War es im Mythos nie um den Menschen selbst gegangen, sondern um die Götter, so sehr, daß die Götter nicht einmal um die Existenz des Menschen wußten, so kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß er weniger von der Ästhetik und der Literatur als vielmehr vom Strukturalismus beerbt worden ist. Das zeigt sich einerseits darin, daß die Literatur selbst immer schon einen Strukturalismus bildet, insofern sie gehobeneren Ansprüchen genügen und zwischen den Zeilen gelesen werden will. Das zeigt sich andererseits aber auch daran, daß der Strukturalismus ähnlich dem Mythos am Menschen nicht interessiert ist.

Allerdings ist der Strukturalismus auch an den Göttern nicht interessiert. Aber noch dieses Desinteresse an Göttern und Menschen ist gleichsam mythisch motiviert. Denn die mythischen Götter haben weder eine Geschichte noch eine Identität: „Mythische Götter sind typische Götter. Nicht ihre moralische Identität, die Identität mit vergangenen Handlungen und auf zukünftige hin, sondern die Gleichartigkeit der mit einer Zuständigkeit verbundenen Eigenschaften und Wirkungen macht ihre Bezugsfähigkeit aus. Sie ist immer auf die jeweilige Episode beschränkt.“ (Blumenberg 3/1984, S.147)

Was aber bleibt, wenn wir von allem abstrahieren, was das Drama des endlichen Lebens prägt, und wenn man alles auf Zuständigkeit reduziert? – Struktur und Funktion.

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