Dienstag, 12. August 2014

Mythos und Lebenswelt

(Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos, Frankfurt a.M. 3/1984 (1979))

1. Dabei sein ist alles: Apperzeption
2. Bedeutsamkeit als Verzicht
3. Das Ende des Mythos und dessen Erbe: der Strukturalismus

Schon mit meinem letzten Post (vom 06.08.2014) habe ich meine Kommentare zu Blumenbergs „Präfiguration“ (2014) (vgl. meine Posts vom 03.08. und vom 04.08.2014) fortgesetzt und ergänzt. Mit diesem und den nächsten zwei Posts schließe ich ein weiteres Mal an diese Kommentare an, indem ich auf den engen Zusammenhang von Mythos und Lebenswelt eingehe und noch einmal auf eine frühere These von mir zurückkomme, daß es sich bei Blumenbergs Phänomenologie um eine Form des aufgeklärten Nihilismus handelt. (Vgl. meinen Post vom 11.07.2012)

Mythen, so Blumenberg, interessieren sich für den Menschen nur am Rande: „Homer und Hesiod sind gegen jede magische Einstellung zu Göttern, und sie können es sein, weil der Mythos nicht anthropozentrisch ist. Den Menschen verwickelt er nur am Rande in die Geschichte der Götter. Der Mensch ist Nutznießer dieser Geschichte, weil er von der Zustandsänderung, die sie involviert, begünstigt wird; aber er ist nicht ihr Thema. Auch hierin sind die Götter Epikurs die letzte Konsequenz: sie wissen nicht einmal vom Menschen.“ (Blumenberg 3/1984, S.136)

Dieses „am Rande“ der Geschichten sich aufhalten kann man zweifach deuten: einerseits kommen Menschen in den Göttergeschichten nur am Rande vor, andererseits befinden sie sich als Zuschauer bzw. als Zuhörer dieser Geschichten am Rande eines um einen „Rhapsoden“ versammelten Kreises, der seine Geschichten an den nächtlichen Lagerfeuern in den zehntausenden von Jahren der Mündlichkeit (vgl. Blumenberg 3/1984, S.183) an der kritischen Aufmerksamkeit des Publikums erprobt: „Der Rhapsode des frühgriechischen Epos erscheint mir durchaus als ein Anbieter von Lust und Belustigung, der sich mit Genauigkeit und Nachgiebigkeit auf sein Publikum und dessen Wünsche einstellt. ... Für die Selektion und die Einstellung darauf gibt es begünstigende Faktoren, so die Verbindung von Mündlichkeit und nächtlicher Dunkelheit. ... Diese Nacht ist nur eine der unendlich vielen langen Nächte, die es gab, bis die Technik von der Angewiesenheit auf den Vortrag anderer befreite. ...“ (Blumenberg 3/1984, S.172)

Dieser doppelten Bedeutung des ‚am Rande mit Dabeiseins‘ kann man noch eine weitere Bedeutung hinzufügen, die der exzentrischen Positionalität von Plessner entspricht: in der Geschichte vorzukommen und sich gleichzeitig an ihrem Rand zu befinden, entspricht dem menschlichen Weltverhältnis mit seiner gleichzeitigen Mitte- und Peripheriebestimmung, allerdings um ein Winziges verschoben. Denn das mythische Weltverhältnis läßt den Menschen gleich zweifach am Rande stehen und entlastet ihn so von der letztlich ja nicht ungefährlichen Protagonistenrolle. Alles, was den Göttern widerfährt, bis hin zur Götterdämmerung, verfehlt den Menschen und bewahrt ihn vor der letzten Konsequenz.

So gesehen üben die Mythen den Menschen am Beispiel der Götter auf ein Weltverhältnis ein, in das er am Ende der Mythen – so sie denn ein Ende haben – selbst eintreten wird, um beides selbst zu sein: Mitte und Peripherie in einer Person. Was er im Dabeisein der mythischen Geschichten und in der Gemeinschaft der Zuhörer beim Vortrag des Rhapsoden vor allem gelernt hat, ist, auf die rechte Weise bei sich selbst zu sein, sich selbst zuzuhören, sich selbst zu beobachten. Im Beisein der Gemeinschaft der Zuhörer an den nächtlichen Lagerfeuern in der Frühzeit der Menschheit lernte der Mensch, sich selbst bei seinem Leben und bei seinem Handeln zuzuschauen.

Mythentechnisch gesehen endete diese Frühzeit mit der Erfindung der Schrift. Die Gleichzeitigkeit des Dabeiseins am nächtlichen Lagerfeuer mit ihren unmittelbaren Effekten der gemeinschaftlichen Zustimmung und Ablehnung auf den Vortrag des Rhapsoden wich der einsamen Lektüre eines abwesenden Autors, der seine Wirkungen auf eine abwesende Nachwelt hin konzipiert: was ihm die Gegenwart an Zustimmung verweigert, wird der Verehrung späterer Lesergenerationen gewidmet. So kann ein James Joyce die Odyssee bis zur Unkenntlichkeit verändern, bis nichts mehr von den Abenteuern des homerischen Odysseus, die die nächtlichen Zuhörer bei der Stange gehalten hatten, übrigbleibt: „Mit Joyce beginnt eine Literatur, in der noch die Schwächen der klassischen Fertigkeiten zu dichten, zu erfinden, zu konstruieren, zu erzählen in Meisterschaft des Schreibens für Eingeweihte umgesetzt worden sind: eine Produktionsindustrie für eine Rezeptionsindustrie. Dieses professionelle Publikum hat seine Bereitschaft zu etwas, was nur unter kultischen Bedingungen in der Geschichte der Menschheit akzeptiert worden ist: zur Langeweile. ... Seine (Joycens) Leserverhaltenserwartung war die derselben gequälten Anstrengung, die er an das Werk gewendet hatte: ‚Für mich ist es so schwer zu schreiben wie für meine Leser zu lesen.‘() Und: ‚Ein so beschwerliches Buch hat es bestimmt noch nie gegeben.‘“ (Blumenberg 3/1984, S.93f.)

Das nächtliche Dabeisein beim mündlichen Vortrag, diese ursprünglichste Form der Apperzeption, differenzierte sich in zwei verschiedene Formen der Lebensführung aus. Oder anders: der Mythos wurde einerseits durch Literatur ästhetisiert – siehe Joyce –, und andererseits degenerierte er zu einer Vollzugsform, d.h. der Mythos wurde zur Lebenswelt. Ästhetisierung meint das, was Goethe „Aperçu“ nannte (vgl. meinen Post vom 07.04.2014), also die Fähigkeit des Menschen, um es mit und gegen Kittler zu sagen, bei seinen eigenen Worten zu weinen (vgl. meinen Post vom 20.11.2013).

Die Lebenswelt wiederum übernimmt die mythische Funktion, den Menschen davor zu bewahren, durch allzu genaues Nachfragen in einen Abgrund der Grundlosigkeit abzustürzen: „Ihre (der Lebenswelt) Rationalität besteht nicht darin, nach Gründen nicht fragen zu wollen oder zu sollen oder zu können, sondern nach ihnen nicht fragen zu brauchen.“ (Vgl. „Theorie der Lebenswelt“ (2010), S.85) – Ganz ähnlich heißt es auch, kurz und knapp, über die Mythen: „Mythen antworten nicht auf Fragen, sie machen unbefragbar.“ (Blumenberg 3/1984, S.142)

Bei allem Gewinn, der mit dem Bei-sich-selbst-Sein für das Bewußtsein des Menschen mit diesem Ende des Mythos auch verbunden sein mag, so geht hier im Übergang zur Lebenswelt doch auch etwas unwiederbringlich verloren. Denn jener nächtlichen Beiwohnung der Gemeinschaft der Zuhörer stellte sich etwas gegenüber bzw. wurde etwas sichtbar, was uns mit der Lebenswelt nur noch hinterrücks bestimmt. Wo der Mythos noch eine gemeinschaftliche Feier, eine Andacht war, oder schlichter formuliert: eine „Denkform“ (vgl. Blumenberg 3/1984, S.31, 142, 185, 245f. u.ö.), ist die Lebenswelt bloß noch eine Vollzugsform: sie geschieht ohne unser Dabeisein.

Insofern ist der Mythos eben doch noch nicht zu Ende. Er ist und bleibt die einzige Möglichkeit, uns mit unserer Lebensweltlichkeit auseinanderzusetzen, indem wir an ihm ‚arbeiten‘. ‚Arbeit‘ am Mythos bedeutet, die mythischen Geschichten weiterzuerzählen, aber unter den jeweiligen Bedingungen aktueller Zeitgenossenschaft. An die Stelle der Rhapsoden ist eine Rezeptionsgeschichte getreten. Was uns interessiert, so Blumenberg, ist nicht der „Urmythos“: „Vielmehr ist der kraft seiner Rezeptionen variierte und transformierte Mythos in seinen geschichtlich bezogenen und bezugskräftigen Gestaltungen schon deshalb der Thematisierung würdig, weil diese die geschichtlichen Lagen und Bedürfnisse mit hereinzieht, die vom Mythos affiziert und an ihm zu ‚arbeiten‘ disponiert waren. ... Der Grundmythos ist nicht das Vorgegebene, sondern das am Ende sichtbar Bleibende, das den Rezeptionen und Erwartungen genügen konnte.“ (Blumenberg 3/1984, S.192) – Kurz: was die Gemeinschaft der Zuhörer im nächtlichen Dabeisein bewirkte, soll nun die Rezeptionsgeschichte leisten, nämlich eine fortwährende Selbstprüfung der Menschheit hinsichtlich ihrer Erwartungen und Bedürfnisse.

Blumenberg deutet so etwas wie eine reflexive Verknüpfung von Mythos und Lebenswelt an, in der die nicht thematisierbare Lebenswelt via Arbeit am Mythos flüssig gehalten wird: „Geschichten dieser Art (Mythen) dürfen irgendwo aufhören, aber sie müssen in der Lebenswelt anfangen.“ (Vgl. „Theorie der Lebenswelt“ (2010), S.138) – Denkbar wäre es also, daß die Arbeit am Mythos verbunden werden könnte mit einer Arbeit an der Lebenswelt. Weiter gefaßt könnte man, ausgehend von der „Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit“, die Blumenberg als wesentliche Ausdrucksform der mythischen Denkweise bezeichnet (vgl. Blumenberg 3/1984, S.145), die Arbeit am Mythos auch als eine Art Metaphorologie bezeichnen, in der alles, was sich uns zu denken gibt, auch des Denkens würdig ist. Die Sprache ist dann allererst eine solche Art des Bei-sich-Seins, die an der Grenze der Lebenswelt darauf lauscht, was zur Sprache kommen will. Der Mythos war eine Befreiung von der Angst davor.

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