Montag, 4. August 2014

Hans Blumenberg, Präfiguration. Arbeit am politischen Mythos, hrsg.v. Angus Nicholls und Felix Heidenreich, Berlin 2014

(Suhrkamp Verlag, geb. 22,95 €, S.147)

(I Präfiguration, S.7-49; II Ein Umweg, S.53-58; III Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Götz Müller, S.59-65; IV Götz Müller: Rezension von Arbeit am Mythos (1981), S.67-78; Editorische Notiz, S.79-81; Nachwort der Herausgeber, S.83-146)

1. Platonismus und Strukturalismus
2. Umwege als Verzicht: aufgeklärter Nihilismus

Schon bei Plessner habe ich die Problematik der Gestaltwahrnehmung in Bezug auf biologische und historische Entwicklungsphänomene diskutiert. (Vgl. meinen Post vom 29.10.2010) Es geht dabei immer um das Verhältnis, in das wir Individuen zu ihren Gattungen setzen, bei denen es sich in der Biologie um Arten handelt und in der Kulturgeschichte um Ideen und Epochen. Was die Kulturgeschichte betrifft, ist das zentrale Kriterium dieser Verhältnisbestimmung aus phänomenologischer Perspektive immer das subjektive Sinnbedürfnis, das Nicholls und Heidenreich treffend pointieren: „Die Gleichgültigkeit des Kosmos gegenüber dem Leben des einzelnen berechtigt den Menschen dazu, Sinn zu produzieren.“ (Blumenberg 2014 (Nicholls/Heidenreich), S.131)

Diese Feststellung formuliert einen aufgeklärten Nihilismus, der sich vom Menschen nicht abwendet, sondern sich um ihn sorgt. Kein Gott und kein Platonismus vermag eine diesseitige oder jenseitige Rechtfertigung des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses zu liefern. Diese Rechtfertigung liegt allein in der Lebensführung des Menschen. Und zu dieser Lebensführung bedarf er des Potentials, das ihm die Mythen liefern.

Gegenüber „dogmatischen Denkformen(en)“ („Arbeit am Mythos“ (3/1984), S.301) wie etwa dem Monotheismus haben Mythen den Vorteil, daß sie keine Letztbegründungen liefern; oder anders: daß sie uns dabei helfen, auf Letztbegründungen zu verzichten. Die Vielfalt ihrer Antworten hilft uns dabei, das Fehlen einer letzten Wahrheit zu ertragen. Mythen sind, um es ein weiteres Mal mit Nicholls und Heidenreich auszudrücken, ‚erträglicher‘ als Dogmen: „Bedeutsamkeiten sind dann erträglich, wenn sie die Beantwortung letzter Fragen unnötig machen oder zumindest vertagen.()“ (Blumenberg 2014 (Nicholls/Heidenreich), S.107)

Blumenberg verbindet mit Mythen eine Denkform, die ‚Umwege‘ macht und damit verhindert, daß wir uns allzuschnell mit scheinbar letzten Antworten zufrieden geben. Genau das ist es wohl, warum Blumenberg das einzige aktuelle und politische Kapitel seines Buches „Arbeit am Mythos“ (1979) wieder zurückgezogen hatte. Er hatte wahrscheinlich ein erhebliches Unbehagen empfunden an einem Gegenstand, der so sehr auf Endgültigkeit und Singularisierung menschlichen Handelns drängt; also letztlich auf ein Ende der Geschichte. Hitler war für ihn der „Idealtypus einer wahnhaften Überproduktion von Bedeutsamkeit“, der alles darauf anlegte, „Lebenszeit und Weltzeit“ in seiner Person konvergieren zu lassen, also mit seinem Tod die Welt untergehen zu lassen. (Vgl. Blumenberg 2014 (Nicholls/Heidenreich), S.145)

Dieser wahrscheinlich geradezu körperliche „Widerwille“ (Blumenberg 2014 (Nicholls/Heidenreich), S.128) gegenüber einem solchen „Absolutismus des Ich“ (Blumenberg 2014 (Nicholls/Heidenreich), S.116) führte dazu, daß Blumenberg sich fast nur metonymisch mit Hitler befassen konnte, indem er sich stattdessen mit Napoleon beschäftigte: „Napoleon ist der Mann, der mich mehr und mehr beschäftigt, je weniger ich über Hitler nachdenken kann.“ (Blumenberg 2014, S.55)

Politische Mythen, insbesondere ihre Nutznießer, die mit ihnen Politik machen, neigen in Blumenbergs Vorstellung allzusehr dazu, mit der Geschichte ein Ende zu machen und sich selbst an ihr Ende zu stellen. Das erinnert ein wenig an Kittlers Analysen zu Nietzsches „Ecce Homo“. (Vgl. meinen Post vom 11.07.2014) Auch Nietzsche, der Erfinder der „ewigen Wiederkehr“, unterbricht das ständige Substituieren des Einen durch den Anderen, des Hitler durch Nietzsche durch Napoleon durch Friedrich den Großen durch Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser und so bis ins Unendliche der Menschheitsgeschichte. Nietzsche erklärt die Menschheitsgeschichte in seiner Person für beendet. Niemand darf in seiner Person ‚wiederkehren‘ als er selbst.

Dieses Bedürfnis, Geschichte zu singularisieren, also in ihrer Person konvergieren und enden zu lassen, haben anscheinend alle großen ‚Männer‘ der Geschichte: „Ein schon gebahnter Weg wird benutzt, und nichts schließt aus, daß er in umgekehrter Richtung begangen werden kann. Die Furcht, daß dies im Hin und Her nicht nur ein einziges Mal und damit nicht für immer geschehen sein könnte, wird durch die Wendung an die stärkeren Götter zur magischen Zusatzannahme.“ (Blumenberg 2014, S.17) – Was Blumenberg an Alexander zeigt, der auf Xerxes’ Spuren die Ägäis überquert, aber mit Berufung auf die stärkeren Götter vermeiden will, daß ein weiterer, diesmal wiederum persischer Nachfolger auf Alexanders Spuren die Ägäis, diesmal wieder Richtung Griechenland, überquert, ad infinitum, läßt sich wohl verallgemeinern. Was man(n) historisch geleistet hat, soll irreversibel sein, und in jeder Präfiguration liegt die Gefahr unbegrenzter Wiederholung.

Blumenberg hingegen sympathisiert genau mit dieser Unabschließbarkeit mythischer Denkfiguren. Sie sind offen für ihre ‚Bearbeitung‘ in den verschiedenen Epochen, und sie erfüllen genau mit dieser Offenheit das eigentlich mythische Grundbedürfnis des Menschen: „Hier wie dort, in ihren weltweiten wie zeitweiten Übereinstimmungen, zeigt der Mythos die Menschheit dabei, etwas zu bearbeiten und zu verarbeiten, was ihr zusetzt, was sie in Unruhe und Bewegung hält. Es läßt sich auf die einfache Formel bringen, daß die Welt den Menschen nicht durchsichtig ist und nicht einmal sie selbst sich dies ist.“ („Arbeit am Mythos“ (3/1984), S.303)

Mythen wiederholen sich nicht einfach nur; sie wiederholen sich vielmehr auf immer wieder neu modifizierte Weise: „Es kann schlichter als Unmöglichkeit ausgesprochen werden, einen vorgegebenen Inhalt jederzeit in derselben Weise vorzutragen oder als verstanden zu denken. Die Negation dieser Unmöglichkeit ist wiederum das, was in der dogmatischen Denkform unterstellt wird.“ („Arbeit am Mythos“ (3/1984), S.301)

Die „Präfiguration“ (Blumenberg 2014 (Nicholls/Heidenreich), S.137f.) ist Blumenbergs Gegenbegriff zu Lévi-Straussens Begriff der Klassifikation. Während die Klassifikation immer mit zwei Reihen arbeitet, von denen die eine Reihe, die Natur, die andere Reihe, die Kultur, stabilisiert und synchronisiert, also jede zeitliche Dynamik stillzustellen versucht (vgl. meinen Post vom 18.05.2013), arbeitet die Präfiguration nur mit einer Reihe: der Geschichte. Während im klassifizierenden Denken des Totemismus Nachrichten von der primären Reihe in die sekundäre Reihe geschickt werden, senden in der Geschichte frühere Ereignisse ‚Nachrichten‘ an eine jeweilige Gegenwart, die sich zu orientieren versucht und „Entscheidungshilfe“ braucht: „Zunächst aber ist die Präfiguration nur so etwas wie eine Entscheidungshilfe: was schon einmal getan worden ist, bedarf unter der Voraussetzung der Konstanz der Bedingungen nicht erneuter Überlegung, Verwirrung, Ratlosigkeit, es ist durch das Paradigma vorentschieden.“ (Blumenberg 2014, S.9)

Präfigurationen funktionieren ähnlich willkürlich wie die Klassifikationssysteme des Totemismus. Wenn die schwangere Frau den Anblick einer Melone auf das Schicksal ihres ungeborenes Kindes bezieht, handelt es sich um den gleichen Dezisionismus, wie wenn Hitler sich mal auf Friedrich den Großen, mal auf Cäsar, mal wieder auf jemand oder etwas anderes bezieht, so daß Nicholls und Heidenreich die letzten Wochen Hitlers im Führerbunker als eine Zeit des „delirierende(n) Analogisieren(s)“ beschreiben. (Vgl. Blumenberg 2014 (Nicholls/Heidenreich), S.145)

Gegen diesen gleichermaßen sprunghaften wie willkürlichen Dezisionismus politischer Mythenbildungen setzt Blumenberg den „langen, indirekten, zahllose Vermittlungen durchlaufenden Prozeß der Arbeit“. (Vgl. Blumenberg 2014 (Nicholls/Heidenreich), S.96) Diese Arbeit besteht im Neuerzählen von Narrativen, und sie ist zwar ebenfalls strukturell, wie jede Arbeit am Text; aber sie ist subjektiv motiviert. Im Wiedererzählen und im Neuerzählen von Mythen setzen sich nicht ungebrochen und unmittelbar verborgene „Latenzen“ durch, wie im Totemismus. Diese Arbeit macht vielmehr Umwege, verursacht Verzögerungen im rationalen Durchgriff der Vernunft, setzt Entschleunigung an die Stelle der Beschleunigung und gewährt uns so einen Zeitgewinn, der es uns ermöglicht, dem latenten Gedränge und Geschiebe zu widerstehen: „Nicht nur die Elemente aus ‚Wirklichkeitsbegriff und Staatstheorie‘, auch die anthropologisch begründete Verteidigung der Rhetorik, des Zögerns, des Vermittelns, der Distanz sind in Arbeit am Mythos präsent. Im Gegensatz zu Cassirer deutet Blumenberg Rhetorik damit nicht etwa als Vehikel der Beschleunigung, sondern als ein Medium der Retardierung, das die eigene Funktionsweise transparent macht und daher Reflexion ermöglicht ...“ (Vgl. Blumenberg 2014 (Nicholls/Heidenreich), S.106)

Damit aber bilden die vielgestaltigen, umwegigen Mythen notwendige Mittel einer Bewußtseinsbildung, wie sie Plessner an der Unterbrechung des Intentionsstrahls festmacht. „Retardierung“ meint auf narrativer Ebene nichts anderes, als was Plessner auf der Ebene des Körperleibs, der sinnlichen Wahrnehmung, als „Hiatus“, als Unterbrechung des „Reflexbogens“ beschreibt. (Vgl. meinen Post vom 24.10.2010)

Die „Entscheidungshilfe“, die Blumenberg zufolge Präfigurationen leisten, besteht also nicht etwa in so etwas wie einer ‚raschen Kognition‘, mit der wir instinkthaft bestimmte angeborene oder erworbene, oft eigens eingeübte Automatismen abspulen. Wir haben es vielmehr mit einer Art ‚Kasuistik‘ zu tun. (Vgl. meine Posts vom 07.09. bis 10.09.2013; vgl. auch meinen Post zu Assmann vom 05.02.2011) Historische Vorbilder bilden so etwas wie Beispielerzählungen, die offen sind für die unterschiedlichsten Anwendungen. Der Mythologe, wie ihn Blumenberg versteht, ist deshalb kein Historiker, der professionsgemäß seinen Quellen immer mißtraut und gegebenenfalls, wie Herfried Münkler, lieber auf literarische Vorlagen zurückgreift, weil diesen Quellen der historisch-autoritäre Gestus fehlt. (Vgl. meinen Post vom 29.03.2014) Der Mythologe ist der „historisch-archäologische() Zuschauer()“, der die „bedeutsame Vorgabe“ aus dem kontingenten historischen Geschehen herausselektiert. (Vgl. Blumenberg 2014, S.11)

Das von Blumenberg letztlich zurückgehaltene Kapitel über den politischen Mythos hätte in seinem Buch tatsächlich einen „Fremdkörper“ gebildet, wie auch Götz Müller Blumenberg gegenüber in seinem Antwortschreiben zugesteht. (Vgl. Blumenberg 2014 (Müller 1981), S.64) Damit nimmt Müller die in seiner Rezension von „Arbeit am Mythos“ geäußerte Kritik (Blumenberg 2014 (Müller 1981), S.76) wieder zurück. Politische Mythen sind etwas völlig anderes, und zu ihrer Aufarbeitung hätte es tatsächlich eines anderen Buches bedurft.

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