Samstag, 23. August 2014

Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne, Berlin 2014

(Vorbemerkung: Von Erbe, Sünde und Moderne (S.9-29) / Kapitel 1: Die permanente Flut. Über ein Bonmot der Madame de Pompadour (S.31-53) / Kapitel 2: Dasein im Hiatus oder: Das moderne Fragen-Dreieck De Maistre – Tschernyschweski – Nietzsche (S.54-74 / Kapitel 3: Dieser beunruhigende Überschuß an Wirklichkeit. Vorausgreifende Bemerkungen zum Zivilisationsprozeß nach dem Bruch (S.75-94) / Kapitel 4: Leçons d’histoire. Sieben Episoden aus der Geschichte der Drift ins Bodenlose: 1793 bis 1944/1971 (S.95-221) / Kapitel 5: Das Über-Es: Vom Stoff, aus dem die Sukzessionen sind (S.222-311) / Kapitel 6: Die große Freisetzung (S.312-481) / Ausblick: Im Delta (S.483-489))

Zum Teil geht es in dem Kapitel über die permanente Flut, die Sintflut, um die Umkehrung des Generationsverhältnisses als einer neuen Form der Orientierung in der Zeit, in der nicht mehr die Deutungsmacht der Vorfahren für die Gegenwart das Primat hat, sondern die Deutungsmacht der Nachkommen, die darüber bestimmen, „was das Heutige, das Gestrige und das Alte davor bedeutet haben werden“. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.34) Mit dem Verlust des „Primat(s) des Geschehenen vor dem Kommenden“ geht Sloterdijk zufolge auch ein Bedeutungsverlust von „allen Sammlungen exemplarischer Erzählungen“ einher. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.33) Das wäre ein „Ende des Mythos“, wie es Blumenberg nicht vorhergesehen hatte. Allerdings konstatiert Sloterdijk auch nüchtern, „daß aus gewesener Geschichte zu keiner Zeit etwas gelernt wurde“ (ebenda), was nicht nur die Geschichtswissenschaft, sondern letztlich auch jede Art von Kasuistik, für die ich in diesem Blog schon mehrfach eingetreten bin (vgl.u.a. meine Posts vom 07.09. bis 10.09.2013), gegenstandslos machen würde.

Da aber die Mythodynamik dennoch ungebrochen bleibt und „(j)ede Erzählung ... besser (ist) als keine Erzählung“ (vgl. Sloterdijk 2014, S.19), so vermutet der Rezensent, sind an die Stelle der alten Mythen von Göttern und Titanen Science-Fiction-Serien getreten wie Star Trek oder Star Wars; wobei Star Wars moderne Technophantasien mit alten Mythenelementen (Mythologemen) kombiniert. So verleiht sich eine Generation, die von der technologischen Entwicklung aus dem kulturellen Kontinuum, das frühere Generationen miteinander verbunden hatte, herausgebrochen worden ist, Sinn. Das Exemplarische der Beispielerzählungen lockt also von der Zukunft her, anstatt uns von unserer Vergangenheit aus anzutreiben.

Ganz ähnlich hatte schon Günther Anders das Generationenverhältnis bestimmt. (Vgl. meinen Post vom 26.01.2011) Auch Anders spricht von einem ‚Hiatus‘, von einer ‚Kluft‘ zwischen den Generationen (vgl. meinen Post vom 28.01.2011), – dem anderen Thema, mit dem sich Sloterdijk in diesem Kapitel befaßt. Allerdings fehlt bei Anders die sinnstiftente Neuorientierung auf die Zukunft. Der intergenerationelle Hiatus ist zwar technologisch insbesondere durch die Atombombe motiviert; aber daraus ergibt sich für Anders nur ein negativer Zukunftsbezug, der keinen Sinn mehr zu stiften vermag.

Zur Erläuterung der temporalen Verlagerung von Deutungsmacht erzählt Sloterdijk übrigens eine Geschichte, betreibt also Kasuistik; und die ist nun wirklich lehrreich. Protagonistin dieser Geschichte ist Madame de Pompadour (1721-1764). An ihr veranschaulicht Sloterdijk einerseits den erwähnten intergenerationellen Hiatus, der sich andererseits mit einer „narzißtische(n) Disposition der Psyche“ (Sloterdijk 2014, S.16) der Madame de Pompadour verbindet, was beides paradigmatisch für die Korruption der menschlichen Substanz in Pompadours Spruch: „Nach uns die Sintflut!“ zum Ausdruck kommt. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.32)

Ausgesprochen hatte Madame de Pompadour diesen bemerkenswerten Satz bei der Benachrichtigung über die Niederlage der französischen Armee gegenüber der „zahlenmäßig unterlegenen Streitmacht Friedrichs II. von Preußen“ (1757) während einer Festivität am Hof von Fontainebleau. Man ließ sich von dieser Nachricht nicht die Stimmung verderben und feierte weiter. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.31)

Anhand der Geschichte von Madame de Pompadour befaßt sich Sloterdijk mit gleich zwei Themenbereichen: der Anthropologie auf dem Niveau eines Helmuth Plessner und der Medientheorie auf dem Niveau von Friedrich Kittler, den Sloterdijk übrigens in einer Fußnote als einen herausragenden Überbrücker zwischen Geisteswissenschaft und (technologisch verkürzter) Naturwissenschaft würdigt. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.70)

Der Begriff des Hiatus wird von Plessner auf die biologische Anatomie des Menschen bezogen: auf die Gegenüberstellung von Kopf (Gehirn) und Körper als sinnfälligem Ausdruck der fundamentalen, bewußtseinsstiftenden Unterbrechung des Reflexbogens. Diese Unterbrechung führt Plessner zufolge zu einem permanenten „Streit“, in dem sich der Mensch mit seinem Körper befindet. (Vgl. Helmuth Plessner, Anthropologie der Sinne, in: Gesammelte Schriften III: Anthropologie der Sinne. Frankfurt a.M. 1980/1970, S.317-393: 369) Das ist die anthropologische Grundbefindlichkeit des Menschen, die Plessner auch als exzentrische Positionalität bezeichnet.

Ganz ähnlich beschreibt Sloterdijk den Bruch (Hiatus) zwischen den Generationen, also den zwischen uns und unseren Nachkommen, als eine „permanente Sintflut“, die er mit der „permanenten Revolution“ (Trotzki), der „permanenten Improvisation“ (Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933), der „permanente(n) Kompensation“ (Freud), der „permanenten Mobilisation“ (Mao Tse-tung), der „permanente(n) Konversion“ (Sartre), der „permanente(n) Insurrektion“ (Camus), der „permanente(n) Innovation“ (Neoliberalismus) und der „permanente(n) Usurpation“ (ästhetische Kritik) assoziiert. (Vgl. Sloterdijk 2014, S.40f.) Alle diese modernen Zeitbestimmungen sieht Sloterdijk in Pompadours „Nach uns die Sintflut“ vorweggenommen und antizipiert. Mit der Permanenzstellung erhält dieser Bruch mit der Vergangenheit, insbesondere vor der Folie des Plessnerschen Körperleibs, eine anthropologische Qualität.

Interessanterweise exteriorisiert Pompadour mit dieser Verlagerung des Bruchs auf die Nachkommen – nicht sie und ihre Gäste haben darunter zu leiden: sie feiern einfach weiter – den individuell-singulären Bruch zwischen Körper und Leib. Madame de Pompadour selbst ist über jeden ‚Streit‘ zwischen sich und ihrem Körper, zwischen sich und der Realität erhaben. Hatte Plessner noch die Unterbrechung des Reflexbogens als Scheitern der individuellen Intentionalität an der widerspenstigen Realität gedeutet, so ist Pompadours Werdegang vom vaterlosen Bastard zur Geliebten des Königs und zur heimlichen Regentin Frankreichs von beeindruckender, ungebrochener Gradlinigkeit: „Direkt war sie auf den leuchtenden Körper des Königs zugegangen und hatte in Besitz genommen, was ihr nach innerster Überzeugung gehörte. Der Strahl ihres Wunsches hatte sich nie im Durchgang durch ein fremdes Medium gebrochen.“ (Sloterdijk 2014, S.51)

Seit ihr als neunjährigem Mädchen geweissagt worden war, daß sie einmal das Herz des Königs erobern würde (vgl. Sloterdijk 2014, S.46f.), ging sie, wie Sloterdijk schreibt, mit „somnambulischer Sicherheit ... auf ihre Berufung zu“ (vgl. Sloterdijk 2014, S.48). Allein schon das Somnambulische, Schlafwandlerische ihres Werdegangs erinnert an Friedrich Kittlers Medienanalysen. Der „Strahl ihres Wunsches“ wurde nur deshalb nicht „durch ein fremdes Medium gebrochen“, weil sie selbst ein Medium war: „Sie trug die Krone der Königin eines Reichs, in dem die Wünsche in Erfüllung gehen. ... Der jungen Frau war ein Staatsstreich im Reich des Begehrens gelungen. Ihr Lächeln, ihr Schauspiel, ihr Gespräch verzauberten den König, weil sie das einzige Wesen war, bei dem er je Gelegenheit hatte, zu beobachten, wie es sein mußte, wenn man am Ziel war.“ (Sloterdijk 2014, S.49)

Das „Reich“, von dem sie die „Krone“ trug, war nicht das reale Frankreich, sondern ein Traumland a la Hollywood. Und Pompadour spielt bravurös mit den „Traumkräften“ (Sloterdijk 2014, S.48), die keine Brechung durch irgendwas, schon gar nicht in oder durch Medien kennen. Denn Medien leisten Kittler zufolge genau das: die umfassende Täuschung unserer Sinnesorgane, ihre fundamentale Irrealisierung.

Madame de Pompadour verschiebt also den inneren Hiatus des Körperleibs auf eine ferne Zeit nach ihrem Tod. Aber so ganz entkommt sie ihm doch nicht. Was ihrer mentalen Verfassung entgeht, wirkt sich letztlich auf ihren Körper aus. Die Nachricht von der Niederlage der französischen Truppen endet letztlich doch noch, nach dem Fest, in einem körperlichen Zusammenbruch: „Das Bluthusten wurde häufiger, Phasen der Unpäßlichkeit dehnten sich aus. Für weitere sechs Jahre sollte ihr Elan ausreichen, um das hohe Spiel zu animieren, zunehmend kränkelnd, zuletzt gebrochen.“ (Sloterdijk 2014, S.52) – Zuletzt ist sie dem Bruch also doch nicht entkommen.

Sloterdijk überträgt Madame de Pompadours Inszenierung eines gelingenden Lebens, der ungebrochenen Wunscherfüllung, auf unser Verhältnis zur Technik und zu diesem Planeten. Er fragt sich, was geschehen würde, „wenn die unzügelbaren Prätentionen der Raumforderer, der Projektemacher, der umwälzungsfreudigen Weltplaner nach dem Staat und dem Erdball griffen?“ (Sloterdijk 2014, S.53)

Das ist erstaunlich gut gefragt für einen Autor, der an anderer Stelle auch schon mal nach einer Reparaturanleitung für das Raumschiff Erde gesucht hatte. (Vgl. meine Posts vom 29.09. bis 30.09.2011) Ich hätte nicht damit gerechnet, daß dieser Autor sich angesichts der technologischen Möglichkeiten auch gruseln kann: „Wenn die erste Märchenzeit jene war, in der das Wünschen noch geholfen hat, ehe härtere Wirklichkeiten den Traum zerrieben, so wird die zweite, die moderne und postmoderne Märchenzeit jene sein, in der das Wünschen wieder helfen wird – wenn helfen heißt: dafür sorgen, daß manche Traumansprüche sich durch das Entgegenkommen des Realen erfüllen. Die moderne Welt gehört dem Mysterium verwirklichter Aspirationen. Sie wird sich als eine Zeit erweisen, in der die Wünsche durch ihr Wahrwerden das Fürchten lehren.“ (Sloterdijk 2014, S.53)

Letztlich ist es wohl nicht falsch, wenn man die Technologie als Ausdruck einer Verweigerungshaltung bezeichnet. Indem unsere Generation sich beharrlich weigert, an der Wirklichkeit zu scheitern, verurteilen wir unsere Nachkommen dazu, dies an unserer Stelle zu tun.

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