Montag, 28. Juli 2014

Klaus Mainzer, Die Berechnung der Welt. Von der Weltformel zu Big Data, München 2014

(Verlag C.H. Beck, mit zahlreichen farbigen Abbildungen, geb. 24,95 €, S.352)

1. Methode und These I
2. Methode und These II
3. Sätze und Formeln
4. Zelluläre Automaten und der Strukturalismus
5. Superpositionen, Metaphern und Intuitionen
6. Semantik
7. Anthropologie

In einer zentralen Aussage zum angeblichen „Ende der Theorie“, an deren Stelle es genügen soll, riesige Datenmengen (Big Data) mit Algorithmen nach Mustern zu durchsuchen (vgl. Mainzer 2014, S.13f., vgl. auch S.17, 232ff., 247), widmet Klaus Mainzer sein Buch der „Stärkung unserer Urteilskraft“, und er plädiert für die Beibehaltung einer Grundlagenforschung, die sich weiterhin für die „Grundlagen, Theorien, Gesetze und Geschichte, die zu der Welt führen, in der wir heute leben“, interessiert (vgl. Mainzer 2014, S.14).

Diese ‚These‘ ist äußerst gehaltvoll und impliziert einige Konsequenzen, die die Gesellschaft und die Politik betreffen. So führt der mit „Big Data“ verbundene  technologische Prozeß in zwei sich gegenseitig ausschließende Richtungen, für die zum einen die Praktiken der NSA (und Google, Amazon, Facebook etc.) stehen; und für die andere Richtung steht eine, wie Mainzer sich ausdrückt, „partizipative() Demokratie“ (Mainzer 2014, S.185), die Al Gore auch als „Weisheit der Menge“ bezeichnet (vgl. meinen Post vom 25.06.2014). Für diese Entwicklungsrichtung setzt sich auch Klaus Mainzer ein: „Technische Möglichkeiten schaffen neue Begierden. Das verständliche Sicherheitsbedürfnis nach einem furchtbaren Terrorangriff darf nicht zu einer schleichenden Veränderung politischer Einstellungen und Strukturen führen. Reduktion von Risiken darf nicht zur Reduktion von Freiheit werden. Um die Freiheit zu schützen, darf die Freiheit nicht aufgegeben werden.“ (Mainzer 2014, S.257)

Mainzer vertritt also, wie gesagt, eine äußerst gehaltvolle These, die, so meine Gegenthese, mit mathematischen Mitteln nicht begründet werden kann. Von Friedrich Kittler wissen wir, daß in seinen Gleichungen der „Faktor Mensch“ (Mainzer 2014, S.220) längst nicht mehr vorkommt. Und Vertreter der Tea Party (USA) denken bei partizipativer Demokratie vor allem an Kommunismus. Hier stellt sich also eine „Warum-Frage“, die über die „Symmetrie, Regelmäßigkeit und Harmonie“ mathematischer Formeln (vgl. Mainzer 2014, S.19) weit hinausreicht. Es bedarf einer anthropologischen Fundamentalreflexion, die die qualitative Differenz zwischen ‚NSA‘ und partizipativer Demokratie klärt.

Das Fehlen einer solchen Anthropologie wirkt sich aber nicht nur auf die Klärung dieser Differenz aus. Das Fehlen einer entsprechenden Fundamentalreflexion macht sich auch bemerkbar, wenn es darum geht, den politischen Gehalt dessen zu bestimmen, was Mainzer als partizipative Demokratie bezeichnet. So spricht Mainzer von der Notwendigkeit von „nachhaltigen Innovationen“, die die „ökologische(n), ökonomische(n) und gesellschaftliche(n) Dimensionen miteinbeziehen“, um so die „Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft erst möglich“ zu machen. (Vgl. Mainzer 2014, S.185) Diese nachhaltigen Innovationen sollen dazu beitragen, daß trotz größerer Bürgerbeteiligung „soziotechnische Großprojekte realisierbar bleiben“ und so der „Innovationsstandort“ Deutschland nicht gefährdet wird. (Vgl. ebenda)

Unüberhörbar schwingt bei dieser Sorge der Gedanke an „Stuttgart 21“ mit. Der mit diesem Großprojekt assoziierte „Wutbürger“ soll also Mainzer zufolge vermieden werden. Wie immer man zu solchen Großprojekten stehen mag, stellt sich hier doch die Frage, ob Mainzer bei „Human Factor Engineering“ (Mainzer 2014, S.183) nicht vielleicht eher an eine Art gelenkter Demokratie denkt als an wirklicher demokratischer Partizipation. Es bedarf also auch an dieser Stelle einer anthropologischen Klärung dessen, was er „Faktor Mensch“ nennt.

Zu einer anthropologischen Fundamentalreflexion gehört auch eine Verhältnisbestimmung von Mensch und Maschine. So kommt die menschliche Intuition bei Mainzer nicht so gut weg. Wo andere einen Grund für die Verläßlichkeit menschlicher Intuitionen sehen, als Ergebnissen der „Lerngeschichte unserer Spezies“, sieht Mainzer ganz im Gegenteil einen Anlaß, ihnen zu mißtrauen. (Vgl. Mainzer 2014, S.87) Warum die menschliche Spezies keine gute Quelle für Einsichten aller Art ist, „Orakelmaschinen“ hingegen schon (vgl. Mainzer 2014, S.86ff.), wird von ihm nicht weiter erläutert.

Klaus Mainzer berichtet, wie ihn ein biographisches Erlebnis aus der Schulzeit dazu brachte, sich für „Mathematik, Physik und Philosophie“ zu interessieren. (Vgl. Mainzer 2014, S.260) Er lernte 1965 auf einer Lesung den Physik-Professor Wilhelm Fucks kennen, der sein Buch „Formeln der Macht“ vorstellte: „Beeindruckend war das Buch für den damaligen Schüler“ – also für Klaus Mainzer – „deshalb, da es historische Prozesse mit mathematischen Formeln behandelte und zu bemerkenswerten Voraussagen kam: China würde in absehbarer Zeit zur Supermacht aufsteigen und die USA mit Abstand verdrängen.“ (Mainzer 2014, S.259)

Ich erlaube mir, mich an dieser Stelle auf meine Biographie zu beziehen. Ich war in den 70ern ein begeisterter Biologieschüler. An diesem Fach interessierten mich vor allem die vielfältigen Erscheinungsformen des Lebens. Eines Tages lieh mir mein Biologielehrer ein Buch von Konrad Lorenz aus seinem Privatbesitz aus: „Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“ (1949). Ich las dieses Buch mit solcher Andacht und Anteilnahme, daß ich es sogar, noch während ich es las, mir selber in der Buchhandlung kaufte, und ich machte mich daran, die feinen Markierungen, die mein Lehrer in seinem Exemplar hinterlassen hatte, Stück für Stück von seinem Buch in mein Buch zu übertragen.

Dieses Buch war für mich damals die Quintessenz von Biologie überhaupt. Es geht nicht darum, Tiere zu sezieren und zu zerschneiden, sondern darum, sie in ihrer lebendigen Umwelt zu beobachten und zu studieren! Als dann später, in der Oberstufe, der Zitronensäurezyklus unterrichtet wurde, wandte ich mich von dem Fach ab. Diese abstrakten, chemischen Formeln hatten für mich nichts mehr mit Biologie zu tun. Die bisherigen Einsernoten rutschten auf ein mühsam aufrechterhaltenes drei bis vier herab.

Zur Ehrenrettung der menschlichen Intuitionen möchte ich jetzt deshalb noch einmal Konrad Lorenz selbst bemühen. In „Der Abbau des Menschlichen“ (1983) spricht Lorenz von der Gestaltwahrnehmung als einem aus der biologischen Evolution hervorgegangenen Rechenapparat, im Sinne von Mainzers Orakelmaschine:
„Wer davon überzeugt ist, daß der Weltbildapparat des Menschen, der ‚perceptive apparatus‘ Karl Poppers, in äonenlanger Entwicklung und in Anpassung an eine reale Außenwelt entstanden ist und im Zuge dieses Werdens gewaltige Mengen von Information gespeichert hat, die es ihm erlauben, die äußere Realität tatsächlich einigermaßen adäquat abzubilden, kann keinem der beiden hier diskutierten reziproken Irrtümer“ – nämlich der an Meßwerten glaubenden ‚Szientisten‘ und ihrer Kritiker – „verfallen. Schon Charles Darwin hat das klar gesagt: Erstaunlich ist nicht, wie viele Dinge sich der Erkenntnis entziehen, sondern wie viele höchst komplizierte und dem praktischen Leben fernstehende Dinge sich immerhin von unserem Weltbildapparat abbilden lassen. Für den evolutionären Erkenntnistheoretiker ist die Frage nach der Kluft zwischen den zwei Kulturen Lord Snows und den zwei Straßen Herbert Pietschmanns ein Scheinproblem, das vor allem daraus entsteht, daß selbst diese Gegner des szientistischen Reduktionismus den Gültigkeitsbereich von Logik und Mathematik überschätzen. Wenn man diese Erkenntnisfunktionen nicht für die einzig legitimen hält und den nichtrationalen Leistungen unseres Erkenntnisapparates, einschließlich der Gestaltwahrnehmung, die Bedeutung beimißt, die ihnen zukommt, wundert man sich nicht mehr über die Widersprüche zwischen den verschiedenen Ergebnissen unserer vielfachen kognitiven Leistungen. Werner Heisenberg hat gesagt, daß die Gesetze der Mathematik nicht Gesetze der Natur, sondern solche eines ganz bestimmten Mechanismus menschlichen Erkennens seien.“ (Lorenz 1983, S.92f.)
Dabei verweist Lorenz einerseits auf den physiologischen Unterschied, auf die „psycho-physiologische Andersartigkeit“ zwischen den „abstrahierenden Leistungen, die von der Gestaltwahrnehmung einerseits und der logisch-rationalen Schlußfolgerung andererseits vollbracht werden“. Zum anderen sieht er aber in ihrer „funktionellen Ähnlichkeit“ einen Grund, ihren Leistungen zu vertrauen. Beide Erkenntnisquellen ergänzen einander und ergeben so die volle Urteilskraft, auf die wir angewiesen sind, um in dieser Welt zu bestehen: „Eine kognitive Leistung zu vernachlässigen bedeutet einen Wissensverzicht – und das ist der größte Verstoß gegen den Geist der Wahrheitssuche, den ein Forscher begehen kann.“ (Lorenz 1983, S.96ff.)

Es ist also eher irrational, sich allein auf die „Sprache der Mathematik“ (Mainzer 2014, S.260) zu verlassen. Auch heute noch und wohl auch künftig noch einige Zeit leben wir in einer Welt, die, wenn wir sie verstehen wollen, einer Balance aus beiden Kognitionsformen bedarf, oder, wie ich es lieber formuliere: einer Balance aus Naivität und Kritik.

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