Freitag, 11. Juli 2014

J. Derrida/F. Kittler, Nietzsche – Politik des Eigennamens: wie man abschafft, wovon man spricht, Berlin 2000

(Jacque Derrida (1982), Otobiographien – Die Lehre Nietzsches und die Politik des Eigennamens (S.7-63) / Friedrich Kittler (1980), Wie man abschafft, wovon man spricht (S.65-99))

1. Doppelgänger, Differänz und ewige Wiederkehr
2. Autoren und Menschen

Derridas Kritik am Strukturalismus trifft insbesondere Friedrich Kittler, der so gerne den Humanismus endgültig verabschieden möchte, aber diesbezüglich vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus gerade als Deutscher dem Vorwurf der Menschenvernichtung ausgesetzt ist. Es ist also kein Wunder, daß er sich dagegen zur Wehr zu setzen versucht, in eine Reihe mit irgendeiner „Nazi-Politik“ (Derrida 2000, S.53) des Genozids gestellt zu werden.

Einerseits will Kittler also am Strukturalismus mit seinen „Stellenwert(en)“ festhalten, die den ‚Menschen‘ über seine Position in einem System definieren und wie bei einem Schachspiel mit „ausdrückliche(n) Einsetzungsregel(n)“ verbunden sind, wann wer jeweils was ist (vgl. Kittler 2000, S.85); andererseits aber versucht er, den Nationalsozialismus – den er in seinem Text mit keinem Wort erwähnt – aus diesem Verschiebegüterbahnhof, in dem jeder mit jedem austauschbar ist, grundsätzlich wegzudenken: Hitler – auch ihn erwähnt er mit keinem Wort – kann niemals Nietzsche sein! Letzteres begründet Kittler vor allem damit, daß Nietzsche ein System errichtet hat bzw. Texte geschrieben hat, in denen er selbst zwar alle möglichen anderen ist, aber niemand anderes er.

Zunächst einmal zeigt Kittler, wie der herkömmliche Literaturbetrieb auf Autorennamen nicht verzichten kann: „Die Diskursivität, deren Merkmal der obligate Autorname ist, heiß(t) Literatur.“ (Vgl. Kittler 2000, S.66f.) – „Deutungs- und Archivierungstechniken von Literatur, Literaturmagazine also“, so Kittler, „suchen die Wahrheit über Wörter seitdem beim Sprecher oder Schreiber. Was ein Witz ist.“ (Kittler 2000, S.67)

Mit anderen Worten: der Literaturbetrieb beruht auf einem Mißverständnis, und das ist witzig. Kittler findet es erheiternd, wie sich die ‚Leute‘ irren, wenn sie glauben ‚Menschen‘ zu sein. Denn Autoren wie Menschen tragen Namen, und Kittler weist deshalb nochmal ausdrücklich auf die Pointe des Witzes hin: „Als ob Eignnamen nicht Wörter wie alle anderen wären.“ (Kittler 2000, S.67) – Literatur besteht aus Wörtern, und Wörter bilden einen Text, eine Struktur. In diese Struktur geht der Name des Autors ein, wie wir ja schon bei Derrida gesehen haben: mit seiner Unterschrift.

Die Selbsttäuschung des Literaturbetriebs betrifft nun nicht nur die Fixierung auf den Autor, als ginge der Text aus ihm hervor bzw. von ihm aus und nicht umgekehrt, sondern auch den Leser. Die Leser, die einen spannenden Abenteuerroman lesen oder eine sentimentale Liebesgeschichte, versetzen sich in die Protagonisten, als wären sie mit ihnen identisch. Dazu verleitet der Text, weil alle seine Wörter, mit denen er die Personen ausstattet, so allgemein und abstrakt sind – oft reicht es schon, nur den Namen des Protagonisten zu nennen und eventuell noch sein Geschlecht –, daß man ihn in seiner Phantasie so aussehen lassen kann, wie man selbst aussieht. Das nennt sich dann das „individuelle() Allgemeine()“: „... jene() seltsame() Wesenheit, die Foucault als Den Menschen beschrieben und verspottet hat.“ (Vgl. Kittler 2000, S.85f.) – ‚Der‘ (großgeschrieben) Mensch ist also ein Produkt unserer Phantasie, das wir umso farbiger ausschmücken, je blasser und vager seine Definition ausfällt.

An dieser Stelle argumentiert Kittler wie ein Phänomenologe, und nicht wie ein Strukturalist. Denn er überrascht uns mit der Bemerkung: „Es gibt (in den Texten – DZ) keine Bilder, die alle und jeden, Den Menschen und jeden einzelnen porträtieren.“ (Kittler 2000, S.86) – Denn was Worte nicht leisten können, das können Bilder sehr wohl: einen Gegenstand oder eine Person so genau zur Darstellung bringen, daß wir sie nicht mit etwas oder jemand anderem verwechseln können! Aber diese Bilder gibt es in den Texten eben nicht, sondern nur Wörter.

Trotz dieses phänomenologischen Anflugs wird Kittler seinem Anliegen, den Strukturalismus zu retten, nicht untreu. Er hat zunächst einmal nichts anderes getan, als zu klären, wie der ganze Verschiebebahnhof des Literaturbetriebs funktioniert. Die Texte enthalten zwischen den Wörtern und zwischen den Zeilen keine Bilder, sondern Lücken, sozusagen die Maschen des Netzes, die der Leser mit seinem Sinn, mit sich selbst, füllen kann. Er tritt lesend in den Text ein und nimmt an seiner Bewegung teil. Das strukturelle Spiel kann also beginnen.

Nun aber kommt Nietzsche mit seinem „Ecce Homo“. Er macht den ganzen Literaturbetrieb kaputt, indem er die Lücken mit sich selbst füllt. Nirgendwo mehr Raum für ein individuelles Allgemeines! Dieser olle Narzißt, wie die Psychologen rufen: „Der psychiatrische Diskurs ist die tiefste Ironie des Nietzscheschen. Die Klassifikation Größenwahn schreibt einem Menschen als wahnsinniges Begehren zu, was nur ein Effekt der Funktion Autorschaft war.“ (Kittler 2000, S.95)

Eben drum!, entgegnet Kittler den Psychologen. Nietzsche spricht nur Klartext! Was der Literaturbetrieb sonst so gerne macht, Texte auf die Biographie eines Autoren zurückzuführen, zwischen den Zeilen zu lesen und Wörter zu deuten, macht der Autor Nietzsche einfach selbst, und gleichzeitig schafft er damit das, was man ‚Literatur‘ nennt, ab. (Vgl. Kittler 2000, S.68) Was z.B. ein gewisser Hippolyte Taine zu Lebzeiten Nietzsches getan hatte, als er die „Gewalttätigkeit und Melancholie der Germanen ... auf ihre rauhen feuchten Wälder, Trunksucht und grobe Ernährung“ und die „Lebenslust und Kulturerfindung der Romanen auf ihr lichtes Meer und trockenes Klima“ zurückführte (vgl. Kittler 2000, S.77), machte nun auch Nietzsche, wenn er „die deutsche Bildung als Alkoholismus“ beschrieb (vgl. ebenda) und die „materialistische Gleichung von ‚ist‘ und ‚ißt‘“ auf sein eigenes Leben anwandte (vgl. Kittler 2000, S.76): „Nur die ‚Ecce homo‘-Redaktion von Peter Gast hat verschleiert, daß der Autor Nietzsche seiner Rasse und seinen geschichtlichen Umständen in strenger Taine-Anwendung gleichen Rang wie dem Klima und der Ernährung gibt.“ (Kittler 2000, S.77)

Nietzsche ließ also seinen Interpreten (und Lesern) nicht mehr viel zu tun übrig, wenn er sich selbst so genau sezierte und katalogisierte. Noch weniger ließ er ihnen übrig, wenn er wiederum selbst die Einsetzungsregeln festlegte, nach denen in seinen Schriften immer nur von ihm selbst die Rede gewesen sein soll, statt von Schopenhauer, Wagner oder Zarathustra. Das weist auch den Leser in seine Grenzen. Nirgendwo ist von ihm die Rede, nirgends kann er sich identifizieren: „Sie können und sie dürfen sich mit Namen wie Zarathustra nicht identifizieren, denn ‚sechs Sätze daraus verstanden, das heißt: erlebt haben, hebt auf eine höhere Stufe der Sterblichen hinaus, als ‚moderne‘ Menschen erreichen könnten‘ ().“ (Kittler 2000, S.87)

Die Stellenwerte sind alle schon vergeben. Auch die Phänomenologie – das Erleben und das nachvollziehende Miterleben – wirkt sich nur auf einer Ebene aus, die dem Leser prinzipiell entzogen ist. Nietzsche ist sich selbst genug und braucht keine Leser, um ewig wiederzukehren. Er hat sich auf eine Weise in seine Schriften eingezeichnet, eingeschrieben, daß sich kein anderer Name mehr an seine Stelle setzen kann. Er unterbricht den Strukturalismus! Und damit wird auch der Nationalsozialismus, der sich an Nietzsches Stelle setzen wollte, enterbt bzw. seiner Legitimität beraubt. Es kommt zum „Kurzschluß zwischen Autor und Interpret“, was zu einer „sinnlosen und endlosen Wiederkehr“ führt. (Vgl. Kittler 2000, S.92) – Damit hat Kittler Derrida widerlegt.

Das denkt zumindestens Kittler.
Überall nur Nietzsche, kein Hitler.

Der Strukturalismus hat Grenzen, d.h. er grenzt die Menschen aus; sie bleiben außen vor, so wie auch der Hitler mit seiner Empirie. Kittler kann beruhigt und unbelästigt weiter Antihumanist bleiben. Nietzsche war halt der letzte Mensch. Was bleibt ist Highfidelity.

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