Donnerstag, 10. Juli 2014

J. Derrida/F. Kittler, Nietzsche – Politik des Eigennamens: wie man abschafft, wovon man spricht, Berlin 2000

(Jacque Derrida (1982), Otobiographien – Die Lehre Nietzsches und die Politik des Eigennamens (S.7-63) / Friedrich Kittler (1980), Wie man abschafft, wovon man spricht (S.65-99)

1. Doppelgänger, Differänz und ewige Wiederkehr
2. Autoren und Menschen

Das kleine, 99 Seiten umfassende Bändchen „Nietzsche – Politik des Eigennamens: wie man abschafft, wovon man spricht“ (2000) beinhaltet zwei Texte: von Jacques Derrida, „Otobiographien“, der in einer Übersetzung von Friedrich Kittler 1980 und dann nochmal in einer erweiterten französischen Fassung 1982 erschienen ist, und von Friedrich Kittler, „Wie man abschafft, wovon man spricht“, der erstmals 1980 erschienen ist.

Den ersten Text von Jacques Derrida lese ich als eine wunderbar prägnante, kurzgefaßte Kritik des Strukturalismus, zu der Friedrich Kittler eine Gegenkritik schreibt, in der er Derridas Kritik zu entkräftigen versucht. Am Beispiel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung beschreibt Derrida, wie sich ein Staat und ein Volk gründen, indem dessen Vertreter eine Gründungsurkunde, eben die Unabhängigkeitserklärung, unterschreiben. Diese Vertreter bzw. Repräsentanten verteilen sich auf verschiedene Ebenen und ‚verschieben‘ dabei die letztgültige Berufungsinstanz bis hin zu den Naturrechten und zu Gott: „Unterzeichnend sagt das Volk – und tut, was es zu tun sagt, freilich nur verschoben, vermittels seiner Vertreter, deren Vertreterschaft voll und ganz nur durch die Unterschrift, also nachträglich, legitimiert wird ...“ (Derrida 2000, S.14)

Der Einstieg in dieses Spiel der Verschiebungen von Instanzen – von denen Derrida insgesamt etwa fünf aufzählt: Thomas Jefferson als den „‚Redakteur‘ des Entwurfs“, den Kongreß, die United States of America bzw. das us-amerikanische Volk, die „Naturgesetze“ und zuletzt den „Namen Gottes“ – geschieht durch die Unterschrift selbst, mit der die „Empirie“ der unterzeichnenden Individuen (vgl. Derrida 2000, S.11) gegenstandslos gemacht wird. Die Individuen treten nur als Stellvertreter – Kittler wird später von „Stellenwerten“ sprechen (vgl. Kittler 2000, S.85) – des Volkes auf, und sie treten so in den Text der Unabhängigkeitserklärung ein, der nun, via „Rückkopplung“, sein strukturelles Spiel mit ihnen treibt: „Die Unterschrift erfindet den Unterzeichner. Dieser kann sich erst dann zur Unterzeichnung ermächtigen, wenn er, wenn man so sagen kann, mit seiner Unterzeichnung mittels einer wundersamen Rückkopplung ans Ende gekommen ist.“ (Derrida 2000, S.14)

Man kennt das schon aus der Sprechakttheorie: es gibt Sprechakte, die ‚performativ‘ sind, insofern sie das, was sie behaupten, auch tun, etwa wenn Frau und Mann sich das Eheversprechen geben oder wenn der Rektor einer Universität das neue Semester eröffnet oder eben wenn sich ein Staat, den es vorher nicht gegeben hat, neu gründet. Das entspricht übrigens dem, was Gore beschreibt, wenn er auf die Geschichte von Körperschaften bzw. von juristischen Personen zu sprechen kommt. (Vgl. meinen Post vom 23.06.2014) Solche Körperschaften treten qua Unterschrift ans Licht der Welt. Derrida spricht diesbezüglich sogar von der „großen Aktiengesellschaft Nietzsche“. (Vgl. Derrida 2000, S.53)

Dabei hat die „Stiftungssprache“ eine eigene „Struktur“, und eben darin besteht der „Strukturalismus“. Diese Struktur besteht Derrida zufolge interessanter Weise in einem Zeitverhältnis, das er als „Futurum exactum“ bezeichnet: „Fortan habe ich das Recht“ – nämlich im Namen der neu gegründeten Institution – „zu unterzeichnen, mithin werde ich es schon gehabt haben, da ich es mir ja gegeben habe.“ (Derrida 2000, S.14) – Dieses „Futurum exactum“ entspricht dem deutschen Futurum II, das ja wiederum, folgt man der Argumentation von Frank Engster, der Funktionsweise des Geldes entspricht. (Vgl.u.a. meinem Post vom 23.03.2014) Das bestätigt meine Vermutung, daß es sich auch beim Geld – wie auch bei der Hegelschen Dialektik (vgl. meinen Post vom 15.02.2014) – um einen Strukturalismus handelt.

Das Futurum II verweist auf die entscheidende Differenz, die das strukturalistische Spiel der diversen Verschiebungen, in denen etwas nie das ist, was es ist, sondern immer etwas anderes, eröffnet wird. Es handelt sich nämlich um eine temporale Differenz, die von Derrida als différance bzw. in der deutschen Übersetzung als „Differänz“ bezeichnet wird. Die Differenz des ‚a‘ bzw. des ‚ä‘ erschließt sich nur dem Leser, also demjenigen, der in das strukturelle Spiel des Textes eingestiegen ist. Dem Hörer des gesprochenen Wortes entgeht diese Differänz. Dabei fungiert das ‚a‘ bzw. das ‚ä‘ als ein Doppelgänger des ortographisch korrekten ‚e‘, so wie ja auch die Unterschrift als Stellvertreterin der unterzeichnenden Person fungiert.

Die spezifische temporale Differenz besteht darin, daß sich die unterzeichnende Person verpflichtet, das Versprechen der Unterschrift zu erfüllen. Was immer die Unterschrift behauptet, wird von dem Unterzeichnenden erfüllt werden. Und was Stiftungsakte betrifft, ist es im Grunde schon erfüllt worden! „Feststellung und Vollzug“ sind „untrennbar vermischt“ (vgl. Derrida 2000, S.15): Futurum II.

Mit dieser Gleichzeitigkeit bzw. Performativität von Stiftungsakten spielt der Text, in den wir durch Unterzeichnung eintreten, und die Differänz des Verschiebens wird zur „ewigen Wiederkehr“ unserer selbst als Doppelgänger. Damit sind wir bei Nietzsche angelangt: „Die frohe Botschaft der ewigen Wiederkehr ... ist unzeitgemäß, differänt und achronisch. Aber weil diese Botschaft eine Bejahung (ja ja) wiederholt, weil sie die Wiederkehr, den Wiederbeginn und eine bestimmte, das Wiederkehrende bewahrende Reproduktion bejaht, muß ihre Logik selber einer bestimmten Lehrinstitution Raum geben.“ (Derrida 2000, S.40)

Wer etwas unterschreibt, stiftet nicht nur einen Text, und er stiftet nicht nur eine Institution, sondern er stiftet auch eine „Botschaft“. Und diese Botschaft will verkündet werden. Sie wird zur „Lehrinstitution“. Ihre Lehre besteht in der Wiederholung bzw. der ewigen Wiederkehr der Struktur des Textes, in den der Unterzeichner eingetreten ist. In Nietzsches „Ecce Homo“ kommt das ganz explizit zum Ausdruck. In seinem letzten Buch erklärt Nietzsche alle seine bisherigen Bücher zu Autobiographien. Er hat niemals über Schopenhauer, Zarathustra oder Wagner geschrieben, sondern immer nur über sich selbst. Alle seine Texte sind nur Wiederholungen seiner selbst. (Vgl. Derrida 2000, S.29) Alle diese Namen, denen er sich in seinen Büchern widmet, sind nur „Gegenzeichnungen“ (Derrida 2000, S.15) bzw. „Gegenname(n)“ (Derrida 2000, S.29) des eigentlichen Unterzeichners, Nietzsches, der selbst aber auch nur einen Namen trägt, nämlich den seines Vaters. Er selbst ist also nicht er selbst, sondern nur eine Verschiebung seines Vaters.

So viel zum strukturalistischen Prinzip der Differänz. Kommen wir nun zur Kritik. Derrida fragt sich, wie es kommt, daß die einzige Politik, die sich jemals auf Nietzsche berufen hat, die nationalsozialistische gewesen ist: „Aber wenn in den noch offenen Umrissen einer Epoche die einzige nietzscheanisch genannte (sogenannte) Politik eine Nazi-Politik gewesen ist, ist das notwendig signifikant und muß in seiner ganzen Tragweite befragt werden.“ (Derrida 2000, S.54)

Den Grund für diese Mißbrauchbarkeit Nietzsches sieht Derrida im strukturalistischen Prinzip der Doppelgängerschaft, der Stellvertretung, des ‚etwas für etwas anderes‘. Nehmen wir als Beispiel den Begriff der „Art“, der ja gerade bei Claude Lévi-Strauss zentral ist. (Vgl. meinen Post vom 19.05.2013) Auch hier haben wir das Spiel der Differänz, der Gegenzeichnungen, die sich letztlich auf einen binären Code reduzieren lassen: auf 0 und 1, auf ‚Nein‘ und ‚Ja‘. Entweder ein Individuum gehört zu einer Art oder ein Individuum gehört nicht zu einer Art. Gehört es nicht zu einer bestimmten Art, gehört es wahrscheinlich zu einer anderen Art oder – und hier beginnt der Nationalsozialismus – es ist ‚entartet‘ und deshalb der Vernichtung preisgegeben.

In solchen Untergangsphantasien schwelgt ja auch Nietzsche. Derrida bringt es auf den Punkt: „Die Vernichtung vernichtet nur, was schon entartet ist und sich der Vernichtung vorzugsweise anbietet. Der Ausdruck ‚Entartung‘ bezeichnet zugleich den Verlust der genetischen oder generösen Lebenskraft und den des Typs, den der Art oder Gattung, die Ent-artung. ... Die Entartung führt nicht zum Lebensverlust durch regelmäßigen und kontinuierlichen Verfall, nach einem homogenen Prozeß. Sie beginnt mit einer Wertumwertung, wenn ein feindliches und reaktives Prinzip eigens zum aktiven Feind des Lebens wird. Das Entartete ist keine mindere Vitalität, sondern dem Leben feindlich, ein dem Leben feindliches Lebensprinzip.“ (Derrida 2000, S.49)

Verbunden mit der ewig wiederkehrenden Botschaft des Textes als Struktur, die ja die Funktion einer „Lehrinstitution“ einnimmt, etwa in der Verkündigung Zarathustras, wird diese Botschaft der Entartung Teil der Vernichtungsbotschaft des Führers, d.h. jener empirischen Person, die wir als Hitler kennen. Hier mündet der Name Nietzsches doch noch in einem anderen Namen. Und das innerste Geheimnis des Strukturalismus enthüllt sich: nicht die Schrift ist es, die gelesen sein will, sondern es ist die Botschaft, die gehört werden will. Die Botschaft ist an ein Ohr gerichtet, das gehorchen soll. Der Text wird zur „Programmiermaschine“ (Derrida 2000, S.52), und die ‚Autobiographie‘ wird zur ‚Otobiographie‘, ein phonetischer Gleichklang in der französischen Sprache.

Das ist Derridas gnadenlose Kritik am Strukturalismus. Es geht im Strukturalismus nicht um Individuen, sondern um Arten. Es geht ihm um die Vernichtung der Individuen. Und wer Friedrich Kittler gelesen hat und sein Gerede über Doppelgänger und Phantome kennt, sein systematisches Ersetzen von ‚Menschen‘ durch ‚Leute‘, liest auch aus folgendem Zitat, das ich hier an den Schluß dieses Posts setzen will, eine Kritik an dessen glühendem Fanatismus für technische Medien wie Radio und Grammophon heraus:
„Der Heuchelhund spricht Ihnen ins Ohr durch seine Schulapparate, die akustische oder akroamatische Maschinen sind. Ihre Ohren wachsen, Sie werden Langohren, wenn Sie, statt mit kleinem Ohr dem besten Lehrer und besten Führer zuzuhören und zu gehorchen, sich frei und autonom dem Staat gemäß glauben, wenn Sie ihm die Ohrmuscheln auftun, ohne zu wissen, daß er schon von den reaktiven und entarteten Kräften kontrolliert und zur Vernunft gebracht wird (arraisonné). Sie werden ganz Ohr für diesen Hund von Phonographen und verwandeln sich in einen Highfidelity-Empfänger; Ihr Ohr, das das des anderen ist, nimmt an Ihrem Körper den unverhältnismäßigen Platz eines ‚umgekehrten Krüppels‘ ein.“ (Derrida 2000, S.58)
Der „Heuchelhund“, von dem hier die Rede ist, war früher auf vielen Schallplatten abgebildet, wie er vor einem Schalltrichter sitzt und der auf der Schallplatte verewigten Stimme seines Herrn lauscht, der längst gestorben ist. Und das Ohr als „umgekehrte(r) Krüppel()“ erinnert wohl nicht von ungefähr an die Kinoleinwand, die Edgar Morin zufolge als nach außen gestülpte Netzhaut fungiert. (Vgl. meinen Post vom 29.04.2012)

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