Montag, 7. Juli 2014

Al Gore, Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern, München 2014

(Siedler Verlag, 624 S., 26.99 €)

(Einleitung, S.11-31; Die Welt AG, S.35-76; Das Weltgehirn, S.81-131; Machtfragen, S.135-193; Auswüchse, S.197-272; Die Neuerfindung von Leben und Tod, 277-370; Am Abgrund, S.375-476; Schluss, S.479-496)

1. Variationen zur Lebenswelt
2. Die ‚Guten‘ und die ‚Bösen‘

An dieser Stelle geht es ein weiteres Mal um die Natur des Menschen, wie schon in einigen vorangegangenen Posts im Rahmen dieser Besprechung. (Vgl. meine Posts vom 21.06., 24.06. und vom 30.06.2014) Al Gore neigt dazu, mit der menschlichen ‚Natur‘ die verschiedenen Entwicklungslogiken, Biologie, Kultur und Individualität, miteinander zu vermengen. Eine solche Vermischung der Ebenen geht immer auf Kosten des individuellen Verstandes, was dann natürlich wiederum die Frage nach dem politischen Subjekt belastet.

Am individuellen Verstand hebt Gore immer wieder den Makel des kurzfristigen Denkens hervor, worin dann wiederum die, gewissermaßen in seiner ‚Natur‘ liegende, Unfähigkeit zu rationalem Denken begründet sein soll: „Wir haben im letzten Jahrhundert viel über die menschliche Natur herausgefunden. Wir wissen zum Beispiel, dass der ‚rationale Mensch‘, den die Denker der Aufklärung postulierten – und die Vorstellung menschlichen Verhaltens, das aus den Arbeiten Adam Smiths und anderer klassischen Ökonomen hervorgegangen ist und heutzutage im Begriff des Homo oeconomicus mitschwingt –, keineswegs dem entspricht, was beziehungsweise wie wir wirklich sind. Ganz im Gegenteil, wir sind die Erben von Verhaltensmustern, die sich über einen langen Zeitraum der Entwicklung unserer Spezies hinweg herausgebildet haben. Neben unserer Fähigkeit zur Vernunft sind wir auch fest darauf programmiert, unmittelbare und instinktive Faktoren stärker zu beachten und heftiger darauf zu reagieren als auf langfristige Bedrohungen, die von uns verlangen, unsere Fähigkeit zu rationalem Denken zu nutzen.“ (Gore 2014, S.419f.)

Diese Irrationalität eines kurzfristigen Denkens verknüpft Gore dann noch mit einer angeblich genetisch begründeten Neigung des Menschen zu Fraktionsbildungen, die wie „Stammesidentität(en)“ fungieren. (Vgl. Gore 2014, S.422f.) Dabei hat Gore das ausgeprägte Freund-Feind-Denken zwischen Republikanern und Demokraten vor Augen, das sich in den letzten Jahren in den USA, vor allem auf Seiten der Republikaner, herausgebildet hat.

Aber der Hinweis auf den homo oeconomicus im letzten Zitat zeigt, daß es hier eigentlich um etwas anderes geht als um biologische Zwangsläufigkeiten. Die angebliche ‚Rationalität‘ des ökonomischen Menschen, von der Adam Smith spricht, besteht ja nicht in irgendeinem individuell zurechenbaren Verstand, sondern in der Vorstellung von einer hinter dem individuellen Handeln wirksamen, dieses Handeln steuernden „unsichtbaren Hand“. Wenn man irgendeiner Instanz im Gefüge gesellschaftlicher Praktiken kurzfristiges Denken vorwerfen kann, dann ist es diese unsichtbare Hand, die nichts anderes berücksichtigt als den jeweils aktualisierten Durchschnittspreis von Kauf- und Tauschaktionen. Die diesem Durchschnittspreis wie ein Schatten folgenden sozialen und ökologischen Folgekosten – Habermasens Kolonialisierung der Lebenswelt – gehen in diesen Durchschnittspreis prinzipiell nicht ein. Sie liegen auf anderen Ebenen, die wiederum anderen Rationalitätskriterien unterliegen.

Mit der ‚Lebenswelt‘ hat die ‚unsichtbare Hand‘ gemeinsam, daß sie im Verborgenen, hinter unserem ‚Rücken‘, also unbemerkt vom individuellen Verstand, fungiert. Von der ‚Lebenswelt‘ unterscheidet sich die ‚unsichtbare Hand‘ darin, daß sie in einer ökonomischen Abstraktion des gesellschaftlichen Handelns besteht. Die Lebenswelt ist in erster Linie eine Bewußtseinsfunktion, gerade auch des individuellen Bewußtseins, also auch des individuellen Verstandes. Als gesellschaftliches bzw. kulturelles Unterbewußtsein bildet sie ein wichtiges Moment des individuellen Denkens. Sie liefert uns die Motive unseres Denkens. Ohne lebensweltliche Intuitionen, ohne ihre körperleibliche Einbettung, gäbe es auch kein rationales Denken. Das rationale, individuelle Denken hebt sich immer vor dem Hintergrund lebensweltlicher Intuitionen ab. Deshalb haben Vorurteile und ‚Praktiken‘ so eine Macht über unser Denken. Aber wir sind fähig, uns im Denken über diese Lebenswelt zu erheben. Beides, Naivität und Kritik, gehören zusammen.

Die ‚unsichtbare Hand‘ hingegen besteht in einer Form des abstrakten Rechnens, wie es Frank Engster beschrieben hat. (Vgl. meine Posts vom 15.02. bis 25.03.2014) Das abstrakte Rechnen, das hier an die Stelle des individuellen Verstandes tritt, wird vom Geld übernommen, das wie ein Supercomputer funktioniert. Zu diesem Rechnen bedarf es keines Bewußtseins mehr. Das können tatsächliche Computer übernehmen, was ja an den Börsen auch geschieht.

Andere Formen einer unterbewußt bzw. unbewußt fungierenden ‚Lebenswelt‘ bilden die Gruppenintelligenz bzw. die soziale Intelligenz, die Al Gore als „Weisheit der Menge“ bezeichnet. (Vgl. meinen Post vom 25.06.2014) Diese Weisheit entfaltet ihre Wirkung nur auf der Grundlage eines intakten individuellen Verstandes und Gewissens. Wieder andere Formen kollektiver ‚Intelligenz‘ wie die Schwarmintelligenz oder – beim Menschen – die ‚Masse‘ haben ähnlich wie die unsichtbare Hand überhaupt nichts mit dem individuellen Bewußtsein zu tun. Sie lösen dieses Bewußtsein vollständig auf. Im Unterschied zur ökonomischen ‚Intelligenz‘ des Geldes haben wir es hier mit einer biologischen ‚Intelligenz‘ zu tun, die ausschließlich auf Affekten basiert.

Ein weiterer ‚Feind‘ des menschlichen Bewußtseins ist das Heideggerische „Gestell“. Hier haben wir es mit einer technischen Lebenswelt zu tun, mit einer Exteriorisierung des menschlichen Unterbewußtseins in die Maschinenwelt. (Vgl. meinen Post vom 22.06.2014)

Ich bin tatsächlich der Meinung, das der Mensch nicht mehrere hunderttausend Jahre auf diesem Planeten überlebt hätte, hätte er nicht von Anfang an ein nachhaltiges Denken an den Tag gelegt, also ein Denken, das das Wohl mehrerer Generationen berücksichtigt und nicht nur das aktuelle Wohl egoistischer Bedürfnisse. (Vgl. hierzu auch: Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, München 2010) Jedenfalls ist eine Analyse, die das derzeitige Verhalten der globalen Menschheit auf deren ‚Natur‘ bzw. auf ihre ‚Gene‘ zurückführt, freundlich gesagt, unterkomplex und wenig zielführend.

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