Donnerstag, 3. Juli 2014

Al Gore, Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern, München 2014

(Siedler Verlag, 624 S., 26.99 €)

(Einleitung, S.11-31; Die Welt AG, S.35-76; Das Weltgehirn, S.81-131; Machtfragen, S.135-193; Auswüchse, S.197-272; Die Neuerfindung von Leben und Tod, 277-370; Am Abgrund, S.375-476; Schluss, S.479-496)

1. Noch einmal: Die Natur des Menschen
2. Transhumanismus und Singularität
3. Ansätze zu einer Wissenschaftskritik
4. Fragen nach dem politischen Subjekt
5. Das Mikrobiom

Angesichts der besonders krassen politischen Verhältnisse in den USA, in denen die Republikaner unter dem Druck einer, wie Gore sich ausdrückt, „antireformistischen konterrevolutionären Allianz“ mit ihren „zumeist verzerrten ‚Berichten‘ und ‚Studien‘“, „Gerichtsverfahren“, „parteiische(n) Gutachter(n)“, in Medien und Büchern lancierten „Meinungsbeiträgen“ jeden Versuch, angemessene Antworten auf den Klimawandel zu finden, torpedieren (Gore 2014, S.423), fragt sich Gore nach dem politischen Subjekt, das sich der globalen Herausforderung zu stellen vermag: „Wenn den gewählten Vertretern des Volkes nicht zugetraut werden kann, ganz offenkundige Fragen im Sinne des öffentlichen Gemeinwohls zu entscheiden – wie beispielsweise bei den Abstimmungen über das Gesetz gegen den Verkauf von BSE-Rindern oder die Unterwürfigkeit, mit der im Profitinteresse der Tierhaltungsindustrie zugelassen wird, dass immer mehr Krankheitserreger Resistenzen gegen Antibiotika ausbilden –, wo können diese Entscheidungen dann getroffen werden? Wer sonst sollte sie treffen?“ (Gore 2014, S.308)

In dem Kapitel zu den Machtfragen hatte Gore schon eine mögliche Antwort auf diese Frage gegeben. (Vgl. Gore 2014, S.135-193) Dort hatte er einen nicht-ökonomischen Begriff einer global agierenden Mittelschicht entwickelt, die sich über das Internet in der Form einer „Weisheit der Menge“ den Fragen der politischen Ungleichheit und der katastrophalen Auswirkungen eines unbegrenzten ökonomischen Wachstums stellt. (Vgl. meinen Post vom 20.06.2014) Das Fundament einer solchen ‚Weisheit‘ bilden dabei der individuelle Verstand und das individuelle Gewissen des einzelnen Menschen. Eine solche Definition der ‚Mittelschicht‘ ist sicher politisch und ökonomisch naiv, insbesondere wenn man dabei nicht vergißt, daß das Internet selbst für erhebliche Verzerrungen in der menschlichen Kommunikation verantwortlich zu machen ist. Die gefährlichste Versuchung des Internet besteht darin, daß es im Sinne eines Mediums wie eine eigene, künstliche Form von Intelligenz fungiert – bei der zudem noch im Verborgenen viele andere Player mitmischen (von Google bis NSA) – und auf diese Weise gerade den individuellen Verstand bedroht, auf den es so sehr ankommt.

Dennoch ist Gores Versuch, auf so eine ethisch gefaßte Mittelschicht zu rekurrieren, ein erster Schritt. Hier wären dann aber weitere Analysen nötig. Schon Hans Jonas hatte insbesondere die Eltern ins Auge gefaßt, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen und deshalb Druck auf die Politik machen. Aber gerade die Eltern selbst bilden ein ambivalentes politisches Subjekt. Auf der einen Seite haben wir die jungen Familienväter, die sogenannten Prepper, die haltbare Lebensmittel horten, um ihren Familien über die nächste Wirtschaftskrise und über den nächsten Kollaps der Infrastruktur hinwegzuhelfen. Auf der anderen Seite haben wir die mehr oder weniger jungen Paare und Singles mit ihrem unüberwindlichen Kinderwunsch, die ‚Himmel und Hölle‘ der modernen Reproduktionsmedizin in Bewegung setzen, um sich ‚fortzupflanzen‘ und sich dabei offensichtlich gar nicht mehr fragen, mit was für einer Zukunft es ihr Nachwuchs einmal zu tun haben wird. Deren Vorsorge für ihre Kinder reduziert sich allenfalls darauf, ihnen ein möglichst erfolgreiches genetisches Design mitzugeben.

Wir haben es also mit zwei Arten von Eltern zu tun: die Vorsorgeeltern und die Kinderwunscheltern. Wenn man Elternschaft schon primär intentional definieren möchte, dann sollte man dabei nicht so sehr an die Kinderwunscheltern denken, sondern an die Vorsorgeeltern. Sie sind es vor allem, die bereit wären, für die Zukunft ihrer Kinder ihren eigenen Lebenswandel zu ändern.

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen