„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Dienstag, 1. Juli 2014

Al Gore, Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern, München 2014

(Siedler Verlag, 624 S., 26.99 €)

(Einleitung, S.11-31; Die Welt AG, S.35-76; Das Weltgehirn, S.81-131; Machtfragen, S.135-193; Auswüchse, S.197-272; Die Neuerfindung von Leben und Tod, 277-370; Am Abgrund, S.375-476; Schluss, S.479-496)

1. Noch einmal: Die Natur des Menschen
2. Transhumanismus und Singularität
3. Ansätze zu einer Wissenschaftskritik
4. Fragen nach dem politischen Subjekt
5. Das Mikrobiom

Ich hatte in meinem gestrigen Post von einem neuen Problem gesprochen, das sich mit der Bestimmung der menschlichen Natur als perfectibilité auftut. Das betrifft insbesondere unser Verhältnis zur Technik. Schon Günther Anders hatte von der prometheischen Scham gesprochen, die der krankheitsanfällige, sterbliche Mensch angesichts der technischen Perfektion seiner selbstgeschaffenen Geräte empfindet. (Vgl. meinen Post vom 25.01.2011) Das ist ein weiterer Hinweis darauf, daß wir es bei den modernen Technologien nicht einfach nur mit einer Fortsetzung des Gebrauchs von Werkzeugen zu tun haben, mit denen wir Leroi-Gourhan zufolge unsere organischen Fähigkeiten exteriorisieren. (Vgl. meine Posts vom 06.03. und vom 24.03.2013)

Nachdem wir, wie in diesem Blog schon mehrfach angemerkt, inzwischen auch unsere ‚Intelligenz‘ exteriorisiert haben – zumindestens eine Form der Intelligenz, die wir mit der menschlichen Intelligenz gleichsetzen –, und nachdem wir auch unser Unterbewußtes in Form des Heideggerschen ‚Gestells‘ bzw. in Form des Internets der Dinge exteriorisiert haben, sind wir nun auch dabei das Leben selbst, unsere Lebendigkeit, zu exteriorisieren bzw., wie Gore sich ausdrückt, zu ‚robosourcen‘: „Was, wenn wir das Leben selbst ‚robosourcen‘ und Lebensformen synthetisieren, die unseren Vorstellungen mehr entsprechen als diejenigen, die nach dem Muster entstanden sind, dem das Leben in den vergangenen dreieinhalb Milliarden Jahren gefolgt ist? Wie wird diese neue Fähigkeit unsere Beziehung zur Natur verändern? Wie wird sie die Natur selbst verändern?“ (Gore 2014, S.299)

Das sind gewichtige Fragen, insbesondere was die eingangs erwähnte perfectibilité, Humboldts ‚Bildung‘, betrifft. Das ‚Leben‘ bzw. die Evolution gilt als eine Art Ingenieur, der über Hunderte von Millionen Jahren hinweg technische Lösungen für Probleme gefunden hat, die menschliche Ingenieure, um es mit Anders zu sagen, ‚beschämen‘. Die Bionik ist deshalb ein Wissenschaftszweig, der biologische Lösungen in neue Technologien umwandelt.

Die Rousseausche Perfektibilität steht also längst nicht mehr im Dienste der menschlichen Selbstvervollkommnung. Statt uns selbst zu vervollkommnen, vervollkommnen wir unsere Technologien. Damit aber treten diese Technologien an die Stelle des Menschen. Dafür stehen die Worte „Transhumanismus“ und „Singularität“: „Einige Theoretiker sagen seit Langem voraus, dass die Entwicklung einer brauchbaren Methode zur Übersetzung menschlicher Gedanken in digitale, von Computern entschlüsselbare Muster unweigerlich zu einer umfassenderen, weit über alle herkömmlichen Vorstellungen von einem Cyborg hinausgehenden Konvergenz zwischen Menschen und Maschinen führen würde. Das Tor zu einer neuen Ära würde aufgestoßen werden, zu einer Ära, die vom, wie sie dazu sagen, ‚Transhumanismus‘, geprägt sein wird.“ (Gore 2014, S.321)

Auch an dieser Stelle macht Gore eine irritierende Anmerkung zur menschlichen Natur: „Der Mensch bleibt Mensch, aber transzendiert sich, indem er neue Möglichkeiten aus seiner und für seine menschliche Natur realisiert.‘()“ (Gore 2014, S.322) – Wieder einmal fehlt jede weitere Erläuterung dazu, wie der Mensch Mensch bleiben kann, während er sich doch angeblich gleichzeitig ‚transzendiert‘. Im Rahmen der Rousseauschen Perfektibilität würde diese Aussage durchaus Sinn machen. Auch der Gedanke an Nietzsches „Übermenschen“, der ja im wörtlichen Sinne einen Transhumanismus beinhaltet, läge hier nahe. Aber Gore bleibt entsprechende Hinweise schuldig.

Der Begriff der Singularität wiederum beschreibt eine „zukünftige Schwelle“, „jenseits derer die künstliche Intelligenz die des Menschen übersteigt“. (Vgl. Gore 2014, S.322) Wie man in der letzten Woche hören konnte, sind wir an dieser Grenze nahe dran, denn angeblich hat ein Computer inzwischen den Turing-Test bestanden. Bei der Kommunikation zwischen Computern und realen Menschen konnten die Computer nicht mehr von den Menschen unterschieden werden. Interessant ist, was ein Kommentator dazu anmerkte: in Zeiten des Twitterns und des SMS, so der Kommentator, fällt es Computern leichter, die menschliche Kommunikation zu simulieren. Mit anderen Worten: Wir Menschen haben längst selbst damit angefangen, wie Maschinen zu kommunizieren.

Singularität und Transhumanismus stehen also dafür, daß die Perfektibilität der Maschine die des Menschen ersetzt und sogar übertrifft. Insofern ist es vorstellbar, daß irgendwann Technologien entwickelt werden, „die eine reibungslose und vollständige Übertragung menschlicher Gedanken in eine Form ermöglichen werden, sodass sie von weiterentwickelten Computern nicht nur verstanden, sondern auch auf sie übertragen werden können.()“ (Vgl. Gore 2014, S.322)

In einer Ära der „Post-Singularität“, zitiert Al Gore einen „Universalgelehrten“, wird es deshalb möglicherweise „keinen Unterschied mehr geben zwischen Mensch und Maschine oder zwischen physischer und virtueller Realität“. (Vgl. Gore 2014, S.323)

An dieser Stelle wird es nun tatsächlich noch einmal richtig interessant, was den Unterschied zwischen Mensch und Maschine und damit die Natur des Menschen betrifft. Denn was genau wäre denn der Grund für die mangelnde Unterscheidungsfähigkeit zwischen physischer und virtueller Realität in einer künftigen Maschinenwelt? Das Problem liegt hier bei der „Übersetzung menschlicher Gedanken  in digitale, von Computern entschlüsselbare Muster“  (vgl. Gore 2014, S.321), bei der „reibungslose(n) und vollständige(n) Übertragung menschlicher Gedanken“ (vgl. Gore 2014, S.322). Schon im gestrigen Post hatte ich angemerkt, daß die digitale Informationstechnologie gegenüber der Differenz von Leben und Tod gleichgültig ist. Tatsächlich aber ist sie prinzipiell unfähig, diese Differenz in einen Algorithmus zu transformieren. Das behaupte ich hier einfach mal so.

Warum? Es gibt ein Realitätsprinzip, mit dem jeder normal intelligente Mensch begabt ist, und das ist der Körper. Er ist es, mit dessen Hilfe wir zwischen physischer und virtueller Realität differenzieren. Nehmen wir beispielsweise die Brain-Computer-Interfaces (BCI), mit deren Hilfe es Locked-In-Patienten ermöglicht wird, mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren. Hier haben wir es mit einer Gedankenübertragungstechnologie zu tun, bei der die Gedanken des Patienten auf einem Computermonitor sichtbar gemacht werden können. (Vgl. DLF, „Die Gedankenübersetzungsmaschine“, 07.10.2012) Für diese segensreiche Technologie interessieren sich nun auch die Militärs, weil sie theoretisch die körperliche Reaktionszeit beim Abfeuern einer Waffe auf Null reduzieren können.

Interessanterweise ist genau diese Ausschaltung des Körpers auch das Problem. Denn ein Brain-Computer-Interface ist nicht dazu in der Lage, zwischen der bloßen Vorstellung, einen Knopf zu drücken, und der tatsächlichen Ausführung zu unterscheiden. Beides erzeugt im Gehirn dieselben Muster. Der Informationsgehalt ist für die Maschine also derselbe. Das entspricht der Unfähigkeit, zwischen physischer und virtueller Realität zu unterscheiden.

Kurz gesagt: Es ist der Körper, der den Unterschied macht, ob ein Gedanke nur gedacht wird oder ob er auch ausgeführt wird. Der Körper ist das Realitätsprinzip unseres Gehirns. Mir fällt momentan auch kein Algorithmus ein, der diese Fähigkeit ersetzen bzw. simulieren könnte. Nehmen wir an, ein Computerprogramm hätte das Vorhandensein aller potentiellen Umstände, die seinem Programm gemäß zur Auslösung einer Handlung führen sollen, festgestellt. Und nehmen wir weiter an, ein Mensch hätte sich vorgenommen, gemäß eines genau festgelegten Plans, in einer bestimmten Situation sich in einer bestimmten Weise zu verhalten. Nehmen wir weiterhin an, beide Situationen, die des Computerprogramms und die des Menschen, sind identisch.

Das Computerprogramm würde nun unweigerlich seinem Programm gemäß die vorgesehene Handlung ausführen. Wie sicher können wir aber sein, daß auch der Mensch seinen Plan unweigerlich umsetzen würde?

Die Differenz zwischen dem planenden Denken und der körperlichen Ausführung läßt, solange man noch nicht gehandelt hat, immer auch die Möglichkeit offen, sich nochmal anders zu entscheiden. Im Grunde ist das genau die Wesensdifferenz zwischen Maschine und Mensch: beim Menschen sind es nur die Taten, die er nicht mehr zurücknehmen kann. Sein Denken aber kann er jederzeit ändern. Bei der Maschine ist aber das programmierte Denken selbst unveränderlich. Das gilt so auch für adaptive Programme, die nur im Rahmen vorgegebener Parameter lernfähig sind.

Selbst evolutionäre Lernprogramme, die nur die eine Lernvoraussetzung machen, daß die Maschine ihr Überleben sicherstellen muß, würden keine Differenz zwischen dem, was die Maschine ‚denkt‘, und dem, was sie ‚tut‘, eröffnen. Es wären dieselben, nur durch eine Ausführungsbedingung voneinander getrennten informativen ‚Muster‘. Dem Handeln wäre kein Körper vorgeschaltet, als eine Grenze, an der sich entscheidet, ob ich etwas wirklich tun will.

Diese Differenz zwischen Computer und Mensch wird kein Algorithmus überbrücken können. Es würde auch nicht reichen, ein stochastisches Moment in die Ausführungsbedingungen des Computerprogramms einzubauen. Damit würde die Differenz nur simuliert, aber nicht überbrückt. Die maschinelle Unfähigkeit, zwischen physischer und virtueller Realität zu unterscheiden, bliebe erhalten.

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Kommentare:

  1. Ich brauche nur an meine zuckersüße Faulheit zu denken, dann an das Denken, aus denen ich keine Verhaltensanweisung ziehe.
    All die Mankos im Denken, Fühlen und Verhalten, zumal jene, die mir erst später bewußt werden. Kann eine künstliche Intelligenz wochenlang abwägen oder am Ende alles verwerfen? Oder in Jähzorn geraten? Oder gar an Gott zweifeln?

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  2. Oder sich langweilen? Blumenberg zufolge eine wesentliche Eigenschaft des Menschen!

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