„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Donnerstag, 5. Juni 2014

Andreas Bernard, Kinder Machen – Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie. Samenspender, Leihmütter, künstliche Befruchtung, Frankfurt a.M. 2014

(S. Fischer Verlag, 543 S., 24.99 €)

1. Halbierte Kopulation
2. Zum biologischen Ursprung der klassischen Bildungstheorie
3. Der Einfluß des Individuums auf die Vererbung
4. Konkurrenz oder Symmetrie der Geschlechter?
5. Der Samenspender als Kulturstifter?
6. Selbsteugenisierung
7. Bedrohte Menschlichkeit?

Die Einbildungskraft gilt nicht nur bei Wilhelm von Humboldt als Ausdruck einer physisch-moralischen Natureinheit des Menschen. Vorstellungen vom Einfluß insbesondere der weiblichen Imagination auf die eigene und auf die fötale Physiologie, als einer auf neun Monate befristeten Natureinheit von Mutter und Kind reichen bis ins alte Testament zurück. Man denke nur an Jakobs langjährige Werbung um Rahel, während der er Labans Ziegen und Schafe hütet. Aufgrund eines Abkommens mit Laban, daß alle neugeborenen Lämmer mit geschecktem Fell ihm gehören sollen, greift Jakob zu dem Trick, an der Viehtränke in Querstreifen geschälte Stöcke auszulegen, so daß sich deren fleckiger Eindruck auf die Muttertiere überträgt und sie in der Folge ausschließlich gescheckte Lämmer zur Welt bringen.

Ein anderes Beispiel bringt Lévi-Strauss, der den ‚primitiven‘ Aberglauben beschreibt, wie der Blick schwangerer Frauen, der zufällig auf einen beliebigen Gegenstand fällt, das Schicksal ungeborener Kinder beeinflussen kann. (Vgl. meinen Post vom 18.05.2013) Bernard selbst verweist auf eine auch in der deutschen Sprache geläufige Redensart: „Im deutschen Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts wird diese Übertragung zwischen Mutter und Fötus mit dem Verb ‚sich versehen‘ bezeichnet. Im betreffenden Eintrag des Zedler-Lexikons ist von ‚den schwangeren Weibern‘ die Rede, sie sich ‚bey Anschauungen eines und des anderen Dinges einen solchen starcken Begriff und Einbildung machen‘, dass ‚der sich bildenden Frucht etwas mit anklebet und zueignet‘.“ (Bernard 2014, S.290f.) – Noch der heute gebräuchliche Begriff des „Muttermals“ verweist auf diesen Zusammenhang.

So wie die Vorstellung, die der Einbildungskraft der Frau eine solche Macht über das ungeborene Leben einräumt, sieht Bernard auch generell den Einfluß des individuellen Organismusses und des individuellen Verhaltens auf die Vererbung, wie ihn Lamarck behauptet, in dem Augenblick als endgültig widerlegt an, wo sich im Laufe des 19. Jhdts. herausstellt, daß sich der eigentliche Träger der Erbinformationen im vom Rest des Organismus getrennten, vor dessen Einflüssen geschützten Zellkern befindet: „Das Geheimnis der Zeugung, dessen Unergründlichkeit im 17. und 18. Jahrhundert so häufig betont wurde, geht auf zwei exakt bestimmbare und extrahierbare Materialien in den Testikeln und Ovarien von Mann und Frau zurück. Wie tief diese Einsicht in die Vorstellungen von Empfängnis eingreift, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass um 1840 noch immer Reste einer Zeugungstheorie kursieren, die den gesamten Organismus einbeziehen.“ (Bernard 2014, S.61f.)

Weder das individuelle Verhalten noch der individuelle Organismus können sich also nach Bernards Auffassung auf die biologische Entwicklungslinie des Menschen auswirken. Es reichen Laborbedingungen, um einen Menschen zu machen, wie es schon 1840 in einem Handbuch der Physiologie angedeutet wird, indem darin ausgeschlossen wird, „dass der ganze Mensch an der Zeugung beteiligt sei“: „Samenflüssigkeit und Eier ... reichen für die Entstehung neuen Lebens aus.“ (Vgl. Bernard 2014, S.62) – Mit dieser neuen Erkenntnis in die chromosomale Struktur der Entstehung menschlichen Lebens entbehren also klassische Bildungstheorien wie die von Wilhelm von Humboldt jeder biologischen und damit wissenschaftlichen Grundlage. Kein Wunder, daß im Zeitalter der Reproduktionsmedizin an unseren Schulen und Universitäten die Menschenbildung abgeschafft und durch eine Modularisierung und Kapitalisierung der individuellen employability ersetzt worden ist.

Daß sich überhaupt noch „Reste einer Zeugungstheorie“ gehalten haben, „die den gesamten Organismus einbeziehen“, führt Bernard auf die in der Mitte des 19. Jhdts. entstandene Hygienebewegung mit ihren Diätenvorschriften und Verhaltensregeln für Schwangere zurück. (Vgl. Bernard 2014, S.61f.) Die „pränatale Psychologe“ ordnet Bernard von vornherein dem „Umfeld“ von Sekten wie der „Scientology“ zu. (Vgl. Bernard 2014, S.300)

Die Reproduktionsmedizin bildet die logische Konsequenz eines wissenschaftlichen Erkenntnisgangs, der von der biologischen Entwicklungslinie (Deszendenz) des Menschen zunehmend abstrahiert hat bzw., wie sich Bernard ausdrückt, „immer tiefere und abstraktere Wissensschichten über die Anfänge des Lebens“ freigelegt hat. (Vgl. Bernard 2014, S.35) Das öffentliche ‚Zeugungswissen‘ hat sich von einer Verwandtschaftsgenealogie, die sich an dem jedermann sichtbaren, ‚evidenten‘ „Phänomen der Ähnlichkeit“ orientiert, ab- und den „abstrakten Gesetze(n) der Genetik“ zugewandt. (Vgl. Bernard 2014, S.324) Die Genetik hat sich „längst als Leitwissen etabliert“ und beherrscht die „kollektive Gewissheit“ darüber, daß der Inhalt eines „Plastikhalms“ alle notwendigen Ingredienzen enthält, um einen Menschen zu machen. (Vgl. Bernard 2014, S.105)

Im Eifer der Reduktion übersehen die Molekularbiologen aber eine wichtige Einsicht der Zelltheoretiker, die darin besteht, daß es keinen ursprünglichen Anfang des Lebens aus einem Nullpunkt oder Nichts heraus gibt. Der Übergang zwischen den Generationen ist ungebrochen: „Hundert Jahre nach Bonnet wird Rudolf Virchow, in seiner Variante der Zelltheorie, den Grundsatz aufstellen, dass jede Zelle aus einer bereits vorhandenen entstehen müsse – ein ganz anderes, gleitendes Konzept vom ‚Anfang‘ des Lebens, seine unaufhörliche Verschiebung und letztendlich vielleicht seine Eliminierung. Wo Leben ist, muss immer schon Leben gewesen sein: eine Vorstellung, die Mitte des 18. Jahrhunderts unmöglich ist.“ (Bernard 2014, S.40) – Virchows Feststellung gilt noch heute, wo bei der Herstellung künstlichen Lebens auf Mikrobenebene lediglich genetische Informationen in die Zellkerne schon vorhandener Zellen transportiert werden. Die Zellhülle ist nach wie vor nicht technisch reproduzierbar.

Auch Bernard selbst übergeht diese fundamentale Erkenntnis, daß es keinen Anfang des Lebens gibt, wenn er unterschiedslos beide Zellkerne, den des Spermiums und den der Eizelle, als „Bausteine des Lebens“ bezeichnet, als „Kern des Kerns, der das Erbgut von Vater und Mutter auf das Embryo überträgt.“ (Vgl. Bernard 2014, S.73f.) Wie leicht wird in dieser Dichte des Übergangs vom Lebensbaustein zum Erbgut im Zellkern übersehen, daß das Leben ganz und gar auf der Seite der Hülle liegt und nicht auf der Seite des Kerns, eine Einsicht, die schon Goethe in dem Grundsatz zum Ausdruck gebracht hat, daß alles, „was lebendig wirken soll, eingehüllt sein (muss)“. (Vgl. Bernard 2014, S.19)

Dort, wo wir die letzten ‚Hüllen‘ beiseite schieben und uns ganz auf den Kern konzentrieren, entgeht uns, daß das Spermium selbst keine vollwertige Zelle mehr ist. Es gleicht in seiner biologischen Reduktion auf den Transport des Erbguts eher einem Virus, das einen Wirtskörper braucht, um leben zu können. Georg Reischel hat in seinem Reproduktionsblog diese Thematik ausführlich diskutiert und mit logischer Stringenz offengelegt, daß Spermium und Eizelle keineswegs ‚symmetrische‘, also gleichwertige Beiträge zur Reproduktion des Menschen liefern. In diesem Sinne haben die „Ovisten“ tatsächlich recht behalten; zwar nicht im Sinne ihrer Präformationslehre, aber doch in dem Sinne, daß der Eizelle ein besonderer Status als in der ungebrochenen mütterlichen Deszendenz liegender Trägerin des „Gut(s) des Lebens“ (Bernard 2014, S.439) gebührt.

Wenn aber die Zellebene mit ihren Funktionen nicht auf den „Kern des Kerns“ reduzierbar ist, dann ist es vielleicht auch nicht der individuelle Organismus. Bernard weist zwar zu Beginn und am Ende seines Buches auf die heutige Epigenetik hin, verwickelt sich dabei aber in Widersprüche, und es gelingt ihm nicht, sich zu ihr zu positionieren. So weist er darauf hin, daß die „junge Wissenschaft der ‚Epigenetik‘“ die „Häufung mancher Gendefekte bei Neugeborenen auf die Verfahren der Reproduktionsmedizin“ zurückführt. (Vgl. Bernard 2014, S.18) So ist es z.B. überhaupt nicht geklärt, wie im zellreduzierten Spermium epigenetische Mechanismen der Dechiffrierung des genetischen Codes mittransportiert werden können. Werden Spermien zunächst extrahiert und dann direkt, unter Umgehung des natürlichen Wegs, in die Eizelle injiziert, scheint sich das auf die Dechiffrierung des genetischen Codes auszuwirken, wie Bernards Hinweis auf die „chromosomalen Prägungsfehler()“ nahelegt.

Aber kurz danach kann man in demselben Absatz lesen, daß es „zahlreiche Folgestudien über Gesundheit und Wachstumsprozess von Kindern und Jugendlichen“ gegeben habe und daß keine von ihnen „eine statistische Abweichung ihrer Entwicklung von den konventionell gezeugten Altersgenossen“ aufweise. (Vgl. Bernard 2014, S.18) Auf den offensichtlichen Widerspruch dieser Feststellung zu den Einsichten der Epigenetik geht Bernard nicht weiter ein.

Am Schluß seines Buches verweist Bernard ein zweites Mal auf Erkenntnisse der Epigenetik hinsichtlich der eingangs erwähnten Prägungsfehler: „Der Essener Genetiker Bernhard Horsthemke etwa hat in verschiedenen Studien nachgewiesen, dass Imprinting-Fehler und dadurch verursachte chromosomale Erkrankungen verstärkt bei Kindern nach IVF- und ICSI-Behandlungen eingetreten sind ...“ (Bernard 2014, S.459) – Bernard gesteht an dieser Stelle ein, daß diese „Erkenntnisse() der Epigenetik“ einen „wichtige(n) Bruch“ in der „jüngeren Geschichte der Vererbungslehren“ darstellen: „Denn sie stellen den über ein Jahrhundert lang unbestrittenen ‚Essentialismus‘ der Weitergabe von geschützten Erbanlagen in Frage.“ (Ebenda)

Aber auch an dieser Stelle geht Bernard nicht weiter auf diese Erkenntnisse der Epigenetik ein. Tatsächlich beschränkt er sich darauf, nur die Imprinting-Fehler selbst zu thematisieren und dann noch summarisch von den „ungünstige(n) Effekten“ der „Umweltfaktoren (Hormone und Kulturmedien)“ zu sprechen. (Vgl. Bernard 2014, S.459) Als Umweltfaktoren zieht Bernard also nur Hormone und Kulturmedien in Betracht. Das Wort ‚Kulturmedium‘ könnte man aber auch einfach mit den Petrischalen gleichsetzen, in denen Spermien und Eizellen zusammengeschüttet werden. Daß sich darüber hinaus aber auch die Lebensumstände und Lebensweisen der Eltern selbst, also ihr individuelles Verhalten auf die Ausleseprozesse im Erbgut ihrer künftigen Kinder auswirken, wird von Bernard nur mit dem Hinweis auf den „Neolamarckismus“ angedeutet, aber ansonsten nicht weiter diskutiert.

Dennoch zieht Bernard – etwas verschämt in einer Klammer – eine Linie zwischen der heutigen Epigenetik und der Epigenese Ende des 18., Anfang des 19. Jhdts., und das ermöglicht es mir, ihm für diesen Post das Schlußwort zu überlassen: „(Vor diesem Hintergrund ist es auch kein Zufall, dass der Begriff ‚Epigenetik‘ an jene frühe Zeugungstheorie namens ‚Epigenese‘ erinnert. Denn die heutigen Imprinting-Analysen stehen zur statistischen Vererbungslehre des 20. Jahrhunderts in ganz ähnlicher Opposition wie zweihundert Jahre zuvor die Kritik Caspar Friedrich Wolffs an den Vorstellungen der Präformation. Beide Theorien, die neue Epigenetik und die alte Epigenese, wenden sich gegen eine essentialistische Vorstellung von Übertragung: die eine gegen die Reduktion des Vererbungsprozesses auf den bloßen Transfer der geschützten DNS, die andere gegen die Reduktion des Zeugungsprozesses auf die bloße Auswicklung vorgeformter Lebewesen.)()“ (Bernard 2014, S.460)

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Kommentare:

  1. Dort, wo ich im Unterschied zum Genom (tot) von der Zelle (lebend) spreche, verwendest du oder Bernard das Wort Hülle. Ich weiß jetzt nicht, ob das Gleiche damit gemeint ist.

    Spermium und Eizelle sind zwei völlig verschiedene biologische Einheiten und lediglich ihre genetischen Beiträge sind miteinander vergleichbar oder gar qualitativ gleichwertig. Das beide unterschiedslos Keimzellen genannt werden, wobei das Spermium nicht einmal einen Zellcharakter (von der Qualität her) hat, ist äußerst verräterisch. Was geht uns das Leben, sprich die Zelle an!

    Die Eizelle hat ein voll ausgeprägtes Zytoplasma mit allen notwendigen Bestandteilen und befindet sich zwischen dem Kern (Genom) und der Zell-Hülle. Und dieses Zytoplasma benötigt ein Genom für seine Wirksamkeit in allen Belangen.

    Das Genom transportiert nicht das Leben, was ja auch, wenn auch komplett unbewußt, zugegeben wird, da man beim Genom nur von den Erbinformationen spricht.
    Das Leben selber, als völlig allgemeine Eigenschaft aller lebenden Organismen kann nur von einer Zelle (man kann sagen zytoplasmatisch) übertragen werden (siehe Zelltheorie) und nicht vom Genom.
    Das Genom ist ein essentieller Bestandteil einer Zelle, was allerdings für alle Bestandteile der Zelle gilt.
    Ich unterscheide schlicht die Erbinformationen (Genom) vom Leben (Zelle). Die Frau liefert nicht nur die genetische Hälfte, sondern auch die dafür absolut notwendige Zelle.

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  2. Herzlichen Dank für die Klarstellung!

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