Montag, 30. Juni 2014

Al Gore, Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern, München 2014

(Siedler Verlag, 624 S., 26.99 €)

(Einleitung, S.11-31; Die Welt AG, S.35-76; Das Weltgehirn, S.81-131; Machtfragen, S.135-193; Auswüchse, S.197-272; Die Neuerfindung von Leben und Tod, 277-370; Am Abgrund, S.375-476; Schluss, S.479-496)

1. Noch einmal: Die Natur des Menschen
2. Transhumanismus und Singularität
3. Ansätze zu einer Wissenschaftskritik
4. Fragen nach dem politischen Subjekt
5. Das Mikrobiom

An verschiedenen Stellen hatte Gore schon in den vorangegangenen Kapiteln auf die menschliche Natur hingewiesen. (Vgl. Gore 2014, S.108f. und 187) Ich habe auch schon meine Unzufriedenheit darüber zum Ausdruck gebracht, daß Gore den Begriff der Natur nicht näher erläutert. (Vgl. meinen Post vom 21.06.2014) Wer sich Gedanken über die Zukunft des Menschen macht, braucht eine vernünftige systematische Grundlage, d.h. eine Anthropologie, um alle die Fakten und Daten, zu denen er sich äußert, angemessen bewerten zu können.

Insbesondere hatte mich verwundert, daß Gore zufolge das Internet zwar die „Struktur unseres Denkens und auch unserer Beziehungen“ verändern, aber davon unsere „menschliche Natur“ unbeeinflußt bleiben soll. In dem aktuellen Kapitel kommt Gore nun zu einer dazu völlig gegenteiligen Einschätzung: „Zum ersten Mal in der Geschichte haben wir mit der Digitalisierung des Menschen die Möglichkeit, das Sein im Menschsein zu verändern. Die Annährung der digitalen Revolution und der Revolution in den Biowissenschaften verändert nicht nur, was wir wissen und wie wir miteinander kommunizieren, und nicht nur, was wir tun und wie wir es tun – sie ist auch im Begriff, uns selbst zu verändern.“ (Gore 2014, S.277)

Dieses Hin und Her, das Gore bezüglich einer mal unveränderlichen, mal veränderlichen ‚Natur‘ bzw. ‚Sein‘ des Menschen an den Tag legt, zeigt, daß Gore die systematische Grundlage für die Unmenge an Fakten und Daten, die er in seinem Buch versammelt, fehlt. Dabei wäre eine solche systematische Klärung gerade in einem Kapitel, das der „Neuerfindung von Leben und Tod“ gewidmet ist, besonders dringlich. Aber schauen wir trotzdem, was Gore an anthropologisch relevanten Daten zu bieten hat.

Wenn von der ‚Natur‘ die Rede ist, dann sind damit immer wieder sehr unterschiedliche Inhalte verbunden. Zum einen verbindet sich damit der Gegensatz von Natur und Kultur bzw. Technik, zum anderen ist damit die Frage nach dem Wesen des Menschen verknüpft. Es gibt noch andere Bedeutungsnuancen; aber das sind die wichtigsten. Die Frage nach dem Wesen des Menschen richtet sich wiederum entweder auf ein Sein bzw. auf eine Identität oder auf eine Differenz. Die Differenz besteht entweder in der zum Tier oder in der zur Maschine.

Auf die Differenzen zum Tier und zur Maschine verweist Gore, wenn er die wissenschaftliche Tendenz zur Aufhebung der Artgrenzen thematisiert: „Wir sind dabei, seit Menschengedenken geltende Grenzen zu überschreiten: die Grenzen, die zwischen verschiedenen Arten verlaufen, die Schranke zwischen Mensch und Tier und die Unterscheidung zwischen lebenden Wesen und vom Menschen erschaffenen Maschinen.“ (Gore 2014, S.277)

Auf der Basis einer umfassenden Digitalisierung, der die Differenz zwischen Leben und Tod entgeht (vgl. Gore 2014, S.332), entsteht parallel zur „Welt AG“ so etwas wie eine „Leben AG“: „So wie die Welt AG aus der Vernetzung vieler Milliarden Computer und intelligenter Geräte entstanden ist, die quer über alle Grenzen hinweg problemlos miteinander kommunizieren, entsteht die Leben AG aus der Fähigkeit, quer über alle Artgrenzen hinweg den Fluss genetischer Informationen zwischen lebenden Zellen miteinander zu verbinden.“ (Gore 2014, S.284f.) – Wir haben es gewissermaßen analog zum Internet der Dinge mit einem Internet des Lebens zu tun. Wie man da noch an der Redeweise von einer Natur bzw. einem Sein des Menschen festhalten will, ist in der Tat kaum noch zu begründen.

Interessant ist deshalb ein Wortspiel von Gore, bei dem ich nicht entscheiden will, ob er es bewußt so ausformuliert oder ob es ihm unabsichtlich unterläuft. Er spricht von einer „Hybris“ der menschlichen Natur: „Die Hybris ist Teil der menschlichen Natur und in ihrem Kern gehört dazu das hochmütige und übersteigerte Selbstvertrauen darauf, die Folgen von Machtausübung in einem Feld (des Wissens und seiner Anwendung – DZ) ganz und gar erfassen zu können – auch wenn es mit einiger Wahrscheinlichkeit Komplexitäten birgt, welche den Horizont eines jeden Menschen nach wie vor übersteigen.“ (Vgl. Gore 2014, S.293)

Zum Wortfeld der ‚Hybris‘ gehören auch die ‚Hybride‘ aus Mensch und Tier und aus Mensch und Maschine, die der Mensch beim Mißachten und Überschreiten der Grenzen produziert. Ob Gore nun an diese Verbindung von Hybris und Hybrid gedacht hat oder nicht: indem er die Hybris zum Inbegriff der menschlichen Natur erklärt, bewegt er sich auf dem Niveau der Plessnerschen Exzentrizität. Die ‚Anmaßung‘ der Hybris stellt den Menschen aus dem natürlichen Maß der Dinge heraus. Sie stellt ihn neben sich und ‚überhebt‘ ihn, – hebt ihn über die Welt. Schon Rousseau hatte davon gewußt, daß eine Folge dieser ‚Hybris‘ der ständige Zwang des Menschen ist, sich selbst zu optimieren. (Vgl. hierzu auch Gore 2014, S.277) Rousseau nannte das „perfectibilité“. Wilhelm von Humboldt sprach in diesem Zusammenhang von „Bildung“.

Mit dieser Perfektibilität hätten wir schon mal einen guten Kandidaten für das, was man die menschliche Natur nennen könnte, eine Natur, die nicht festliegt, sondern die darin besteht, sich immer wieder allererst verwirklichen zu müssen. – Das wirft aber, was die Differenz zu den Maschinen betrifft, ein neues Problem auf. Darauf komme ich im nächsten Post zu sprechen.

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