Freitag, 27. Juni 2014

Al Gore, Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern, München 2014

(Siedler Verlag, 624 S., 26.99 €)

(Einleitung, S.11-31; Die Welt AG, S.35-76; Das Weltgehirn, S.81-131; Machtfragen, S.135-193; Auswüchse, S.197-272; Die Neuerfindung von Leben und Tod, 277-370; Am Abgrund, S.375-476; Schluss, S.479-496)

1. Entweder Nachhaltigkeit oder Wachstum!
2. Grenzen des Glücks
3. „... keine Kultur, die bei klarem Verstand ist ...“

In dem Kapitel „Auswüchse“ verwendet Gore den Begriff der Nachhaltigkeit endlich eindeutig im ökologischen Sinne. Ich weiß nicht, ob es am englischen Wort ‚sustainable‘ liegt, das vielleicht gleichzeitig ökologisch auf den Erhalt von Gleichgewichtszuständen und neutral auf alle möglichen Prozesse angewendet werden kann, möglicherweise sogar auf ‚nachhaltige‘ Auswüchse. Aber diese verwirrende Doppeldeutigkeit sollte vermieden werden, weil sie für politische Demagogie mißbraucht werden kann. Wenn dann von einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum die Rede ist, wie in der Agenda 21, assoziiert man damit unweigerlich so etwas wie eine ökologisch vertretbare, unbegrenzte Vermehrung des Wohlstands.

Auch das Wort ‚Auswüchse‘ hat eine lebensweltliche Konnotation: es suggeriert, daß unsere Lebensweise so weit ganz in Ordnung ist und wir sie im Grunde gar nicht verändern müssen, wie es in Sloterdijks paradox betiteltem Buch „Du mußt dein Leben ändern“ (2009) verkündet wird. (Vgl. meinen Post vom 30.09.2011)

In dem aktuellen Kapitel läßt Al Gore jedenfalls in aller wünschenswerten Klarheit keinen Zweifel daran, daß wir einen „peak everything“, ein „Förder- und Produktionsmaximum in allen Bereichen“, erreicht haben (vgl. Gore 2014, S.201), und uns vor einem „Wendepunkt im planetaren Ausmaß“ befinden (vgl. Gore 2014, S.199): „Das rasche Wachstum der menschlichen Zivilisation – es wachsen die Zahl der Menschen, die Macht der Technologie, der Umfang der Weltwirtschaft – kollidiert mit der näher rückenden Erschöpfung wichtiger natürlicher Ressourcen, von denen Milliarden von Menschenleben abhängen, zum Beispiel vom Mutterboden und vom Süßwasser. Außerdem gefährdet es ernsthaft den Bestand wichtiger Ökosysteme des Planeten. Aber ‚Wachstum‘ auf die ganz besondere und unsinnige Art, in der wir es definieren, bleibt nahezu ausnahmslos das wichtigste und vorrangige Ziel in der nationalen und weltweiten Wirtschaftspolitik und in fast allen Unternehmen.“ (Gore 2014, S.197)

Die weltweite, täglich neu anfallende „Abfallmenge“ ist mittlerweile größer als das „Gesamtkörpergewicht“ aller „sieben Milliarden Menschen“. (Vgl. Gore 2014, S.221) Allein diese Zahl sagt, glaube ich, mehr aus über die ganze Absurdität unserer Lebensweise, als all die Statistiken und Daten, die Gore darüber hinaus noch in seinem Kapitel versammelt. Leider scheint es so zu sein, daß man diese Absurdität als dauerhaft und ‚nachhaltig‘ bezeichnen kann. Das Bruttoinlandsprodukt, mit dem der ‚Wohlstand‘ einer Nation gemessen wird, trägt zu dieser Sichtweise jedenfalls bei. (Vgl. Gore 2014, S.197f., 223f., 233, 251f.)

Der erklärte Optimist Al Gore kommt in diesem Kapitel ausführlich auf die verschiedenen Faktoren zu sprechen, die eine lebenswerte Zukunft des Menschen auf seinem Planeten äußerst zweifelhaft machen: auf die „Erosion von fruchtbarem Mutterboden“, auf den „Verlust der Bodenfruchtbarkeit“, auf die „Desertifikation von Grasland“, auf die „Nutzungskonkurrenz beim in der Landwirtschaft benötigten Wasser durch Städte und Industriebetriebe“, auf den „verlangsamte(n) Produktivitätszuwachs in der Landwirtschaft“, auf „zunehmende Resistenzen bei Schädlingen“, auf den „Verlust“ an „genetischer Vielfalt der Pflanzenwelt“, auf die „Klimaerwärmung“, auf das „Bevölkerungswachstum“, auf die „Umstellung“ „vom Anbau von Nahrungspflanzen auf Pflanzen, aus denen sich Biotreibstoff gewinnen lässt“ und auf die „Zersiedlung der Landschaft“. (Vgl. Gore 2014, S.205f.)

Und Al Gore verweist auf den mit diesem Ressourcenverbrauch einhergehenden Kollaps der Zivilisation: „Wir wissen heute schon, dass eine extreme Knappheit von Nahrungsmitteln, fruchtbarem Boden und Süßwasser in Ländern mit wachsender Bevölkerung zum völligen Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung und zu einer starken Zunahme der Gewalt führen kann.“ (Gore 2014, S.206) – Zu ergänzen bleibt da nur, daß das alles schon längst begonnen hat und Europa seine Grenzen auf dem Mittelmeer gegen die andrängenden Flüchtlingsboote verteidigt.

Das Wachstumsdenken, das hinter allen diesen deprimierenden Zahlen steckt, die Gore penibel auflistet, ist auf ein ‚wissenschaftliches‘ Instrument zurückzuführen, das der Hinhaltetaktik der Politik als Argumentationshilfe dient, wenn sie Wahl für Wahl und Legislaturperiode für Legislaturperiode nichts anderes zu bieten hat, als die ewig gleiche Wachstumsrhetorik: das Bruttoinlandsprodukt. Sein Erfinder, Simon Kuznets, hatte schon 1937 darauf hingewiesen, daß es sich „um eine potenziell gefährliche übermäßige Vereinfachung (handele), die sich als irreführend erweisen könne ...“ (Vgl. Gore 2014, S.197) – Al Gore ergänzt, daß diese „gefährliche Illusion, vor der Kuznets einst warnte, ... heute im Mittelpunkt des Versagens einer Welt (steht), die die doppelte Gefahr einer nicht nachhaltigen Erschöpfung von Mutterboden und Grundwasser nicht erkennt.“ (Vgl. Gore 2014, S.251f.)

Mutterboden und Grundwasser sind nämlich nicht Bestandteil des Wohlstands, den das Bruttoinlandsprodukt mißt. Die Zerstörung des Mutterbodens und die Entnahme von nicht erneuerbarem Grundwasser wird nicht als „Kapitalentnahme“ (Gore 2014, S.249) verbucht. Dafür wird aber die Beseitigung der Umweltverschmutzung als positiver Ertrag bilanziert. Wie Gore einen Wirtschaftswissenschaftler zitiert: „Das ist asymmetrische Bilanzierung.“ (Gore 2014, 224) Angesichts der aufmerksamkeitslenkenden Funktion des Bruttoinlandsprodukts – über nichts wird mehr blind und gedankenlos dahergeredet als in den Wahlkämpfen; Schäuble ist ja so stolz auf seinen ersten ausgeglichenen Haushalt seit wer weiß wie vielen Jahrzehnten! –, kann man nur sagen: „... ein klassischer Fall von ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘“. (Gore 2014, S.253) – Was im Bruttoinlandsprodukt nicht vorkommt, wie eben der Verlust an Mutterboden und Trinkwasser, kommt auch in unserem Denken nicht vor und wirkt sich also auch nicht auf unsere Lebensweise aus.

Das Wort ‚Kapitalentnahme‘ könnte übrigens noch einmal eine Umdeutung des Wortes ‚Kapitalismus‘ veranlassen: nicht das Geld ist das eigentliche Kapital, um das es in einer postkapitalistischen Ära geht, sondern die Ressourcen unseres Planeten. Ich weiß allerdings nicht, ob es hilfreich ist, die Naturressourcen in Geld umzurechnen, wie das viele Umweltorganisationen versuchen. ‚Geld‘ will sich vermehren, endlos und grenzenlos. Das ist der Kern des Kapitalismus. Naturressourcen aber vermehren sich nicht. Basta!

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