Donnerstag, 26. Juni 2014

Al Gore, Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern, München 2014

(Siedler Verlag, 624 S., 26.99 €)

(Einleitung, S.11-31; Die Welt AG, S.35-76; Das Weltgehirn, S.81-131; Machtfragen, S.135-193; Auswüchse, S.197-272; Die Neuerfindung von Leben und Tod, 277-370; Am Abgrund, S.375-476; Schluss, S.479-496)

1. Unternehmenspersonen
2. Die Natur des Menschen
3. Die „Weisheit der Menge“
4. Geschichtsverläufe

Al Gores Darstellungen historischer Prozesse und seine geschichtlichen Herleitungen aktueller politischer und kultureller Konstellationen sind von einer bemerkenswerten Schlichtheit und beinhalten nicht selten auch allzu große Verkürzungen komplexerer historischer Zusammenhänge. Dabei gefallen mir aber insbesondere seine Darstellungen zur ‚Buchdruckrevolution‘ (vgl. Gore 2014, S.179) und seine Herleitung des Massenkonsums und des damit verbundenen „Massenmarketings“ zu Beginn der 1920er Jahre aus der Verbindung von Fließbandproduktion und Freudscher Psychoanalyse (vgl. Gore 2014, S.214ff.; vgl. auch meinen Post zu den Grenzen des Glücks vom 18.06.2014).

Ärgerlich finde ich so eindeutig parteiische Geschichtsklitterungen, in denen die USA als eine politische Organisation dargestellt werden, die seit ihrer Gründung andere Nationen inspirierte und weltweit für die Verbreitung und Popularisierung der „Ideologie des demokratischen Kapitalismus“ (Gore 2014, S.142) eingetreten ist. Das geschah, so Gore, „seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in drei Wellenbewegungen über die Welt“. (Vgl. Gore 2014, S.143) Gore zählt insgesamt „29 Demokratien“, die aus der Inspiration durch die Gründung der USA hervorgegangen sind. (Vgl. Gore 2014, S.143f.) Simón Bolivar trug, so Al Gore, bei den „demokratischen Revolutionen in Südamerika“ „ein Bild George Washingtons in der Brusttasche bei sich.“ (Vgl. Gore 2014, S.144)

Eine zweite Welle der Demokratisierung setzt Gore mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs an, aus dem die USA siegreich hervorgingen, so daß ihr politisches Modell in der Folge für viele moderne Nationen besonders attraktiv wurde. Eine dritte Welle breitete sich Gore zufolge „Ende der 1970-er Jahre“ aus „und beschleunigte sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus im Jahr 1989.“ (Vgl. Gore 2014, S.144) Gore malt insbesondere die zweite und die dritte Welle des demokratischen Einflusses der USA auf die Welt in leuchtenden Farben: „Als die Länder Westeuropas ihren Kolonien in Übersee nach und nach die Unabhängigkeit gewährten und sich aus den Einflusssphären zurückzogen, die sie in der Zeit des Imperialismus aufgebaut hatten, füllten die Vereinigten Staaten das dadurch entstandene Machtvakuum teilweise wieder aus. Sie erweiterten ihre Hilfeleistungen und nahmen wirtschaftliche, politische sowie militärische Beziehungen zu vielen der eben erst unabhängig gewordenen Nationen auf.“ (Ebenda)

Dabei führt Gore den Vietnamkrieg auf eine „tragische() Fehleinschätzung“ zurück, und die Hinterhofpolitik der USA in Lateinamerika, die meines Wissens mindestens seit den 1960er Jahren keine wirkliche Demokratie in irgendeinem lateinamerikanischen Land zugelassen hatte und praktisch ausnahmslos nur brutale, korrupte und menschenfeindliche Despoten unterstützte, verniedlicht Gore als „ungeschickte() Militärinterventionen“. (Vgl. Gore 2014, S.144)

Damit will ich keineswegs die positive Rolle der USA in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg schmälern. Aber Gores patriotische Neigung, die außenpolitischen Aktivitäten der USA zu idealisieren, ist so nicht hinnehmbar.

Die ebenfalls verkürzte, aber durchaus lesenswerte Darstellung der menschlichen Kulturgeschichte von den „Steintafeln über Papyrus und Pergament bis hin zu Papier, von Piktogrammen über Hieroglyphen bis hin zum phonetischen Alphabet“ (vgl. Gore 2014, S.87) gefällt mir hingegen ganz gut. Dabei beschreibt Gore, wie gesagt auf extrem verkürzende Art und Weise, das phonetische Alphabet als Vorläufer binärer Programmiersprachen des Computerzeitalters: „Verglichen mit den Hieroglyphen, den Piktogrammen und der Keilschrift verbirgt sich in den abstrakten Formen des griechischen Alphabets (wie denen aller modernen westlichen Alphabete) nicht mehr inhärente Bedeutung als in den Einsen und Nullen des Dualsystems.“ (Gore 2014, S.87)

Dabei gefällt mir insbesondere, daß Gore von einem „Gestaltsinn“ spricht, der zu den „immer neuen Kombinationen“ aus Buchstaben bzw. aus Nullen und Einsen hinzukommen muß, um ihnen Bedeutung zu verleihen. (Vgl. Gore 2014, S.87) Er hebt also das qualitative Merkmal des menschlichen Bewußtseins hervor, das das sinnverstehende Lesen von der maschinellen Informationsverarbeitung unterscheidet.

Die Erfindung des Buchdrucks und die mit diesem technischen Medium einhergehende Alphabetisierung der Bevölkerung führte Gore zufolge zu einem ersten virtuellen Begegnungsraum der lesenden Menschheit: „Ein virtueller ‚Marktplatz‘ entstand, auf dem Ideen Einzelner ausgetauscht wurden. Waren die Agora im alten Athen und das Forum in der Römischen Republik noch physische Orte, an denen ein Austausch von Ideen stattfand, so ahmte das größere virtuelle Forum, das durch die Druckerpresse entstand, dennoch zentrale Merkmale seiner antiken Vorgänger nach.“ (Gore 2014, S.89) – Der Buchdruck als Erbe von Agora und Forum und als Vorläufer des Internets: diese Parallelen haben etwas im positiven Sinne Suggestives.

Aus der Buchdruckrevolution gingen Gore zufolge die modernen repräsentativen Demokratien hervor. (Vgl. Gore 2014, S.91) Sie führte zu einer Vereinheitlichung der Nationalsprachen, zu einem allen lesenden Menschen zugänglichen, freien Informationsfluß und so zu einem gemeinsamen nationalen Bewußtsein mit einem Anspruch auf politische Partizipation: „Die Selbstverwaltung im Rahmen einer repräsentativen Demokratie war ebenfalls eine Folge dieses neuen öffentlichen Marktplatzes, der im Informations-Ökosystem der Druckerpresse entstanden war. Individuen, die frei lesen und mit anderen kommunizieren konnten, waren in der Lage, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und ihr Schicksal selbst zu gestalten.“ (Gore 2014, S.90)

Diese in der Buchdruckrevolution sich bündelnde, zu digitalen Kommunikationsmedien hinführende kulturelle Entwicklungslinie ist auf jeden Fall einleuchtender als die durchweg positive politische Rolle der USA bei der weltweiten Verbreitung demokratischer Systeme.

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