„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Donnerstag, 22. Mai 2014

Ariadne von Schirach, Du sollst nicht funktionieren. Für eine neue Lebenskunst, Stuttgart 2014

(Klett-Cotta, Tropen Sachbuch, 184 S., 17.95 €)

1. Kultur, Verantwortung, Genuß
2. Vom Terror des Bildes
3. Menschen und Märkte

Ariadne von Schirach lockert ihre philosophischen Betrachtungen mit zahlreichen erfundenen Portraits und fingierten Lebensläufen von Menschen auf, die sich entweder dem digitalen Mainstream stromlinienförmig anzupassen versuchen oder die sich ihre eigenen kleinen Widerstandsräume schaffen, in denen sie sich gelassen ihren persönlichen Unvollkommenheiten stellen, um sich mit ihnen nicht einfach nur abzufinden, sondern um das zu sein, was sie sind.

Dabei fällt vor allem auf, daß von Schirach an einer „Idee vom Menschen“ (von Schirach 2014, S.173) festhält, der noch wählen kann (vgl. von Schirach 214, S.17 und 125). Von Schirach glaubt an eine Freiheit der Wahl, die weder durch Neurophysiologie – obwohl der einzige wirklich ärgerliche Satz in ihrem Buch mit den Worten beginnt: „Neurowissenschaftler haben nachgewiesen ...“ (von Schirach 2014, S.162) – noch durch die Psychologie wegerzählt werden kann. Dem „psychologisch total auserzählten Menschen“ (von Schirach 2014, S.128) wird kein Geheimnis mehr zugestanden. Alles Menschliche wird mit einem „Netz aus Erklärungsmodellen“ (von Schirach 2014, S.78) überzogen, weil wir es nicht ertragen können, uns selbst nicht zu verstehen. Aber unter all diesem Erklärungszwang geht die Freiheit der Wahl verloren, weil keine Wahl, die wir treffen, mehr unbegründet bleiben darf. Weil nichts einfach so „um des Guten willen“ geschehen darf, „das keine andere Begründung braucht“. (Vgl. von Schirach 2014, S.178) – Eine schöne Definition des Guten übrigens: ‚gut‘ ist, was der Begründung nicht bedarf.

Von Schirach zufolge besteht die Freiheit der Wahl in eben dieser Undurchschaubarkeit des Menschen für andere und für sich selbst: „Ein freier Mensch ist unbestimmbar.“ (von Schirach 2014, S.135; (vgl. auch S.63) Letztlich geht es, wie in Plessners Seele, nicht um das, was sich zeigt, sondern um das, was sich im Zeigen verbirgt.

Es ist wirklich erfreulich, wenn wieder vom Menschen nicht nur die Rede sein darf, sondern auch soll, und wenn sich dieses Wortes nicht nur die Politiker in ihren Regierungserklärungen bedienen. Ich bin sie so leid, diese ach so wissenschaftlichen Experten alias Friedrich Kittler, Niklas Luhmann etc., die sich im Verabschieden und Totreden des Menschen nicht genug tun können! Dabei ist es so einfach und klar, wem sie das Wort reden, wenn sie sich dem Humanismus verweigern: den Märkten und dem Geld.

Auch von Schirach weiß vom Wertverlust, allem voran der Würde, wenn alles einen Preis hat und dadurch vergleichbar wird:  „Deshalb ist der Marktwert, also der Preis einer Sache, immer relativ – während menschliche Werte als absolute Werte, also Werte an sich definiert und gesetzt werden müssen. ... weil Marktnormen dabei andere Normen verdrängen. Oder besser gesagt: andere Normen korrumpieren.“ (von Schirach 2014, S.13f.)

Das ist exakt der von Habermas beschriebene Tatbestand einer durchgehenden Kolonialisierung unserer Lebenswelten durch die Systemimperative der Macht und der Bürokratie; oder noch deutlicher auf den Punkt gebracht: der „Preis des Geldes“. (Vgl. meine Posts vom 09.11. bis 22.12.2012) Ähnlich wie Frank Engster beschreibt von Schirach den Preis als das Errechnen von Durchschnittswerten, als eine „blitzschnell kalkulierte() Kosten-Nutzen-Rechnung“, der das Denken des Menschen mit seiner ganzen Körperschwere nicht zu folgen vermag. (Vgl. von Schirach 2014, S.15; vgl. auch meine Posts vom 15.02. bis 25.03.2014) Zwar versuchen wir uns diesem auf „Profit“ angelegten Geldvermehrungsdogma durch „unablässige() Selbstoptimierung“ anzupassen (vgl. von Schirach 2014, S.16), indem wir als „Unternehmer“ unsrer selbst (vgl. von Schirach 2014, S.17) unser „Humankapital“ entwickeln und vermehren (vgl. von Schirach 2014, S.23; vgl. auch meine Posts vom 16.08. bis 23.08.2013), aber: „So brauchbar diese Überlegungen vielleicht beim Schrotthandel sein mögen, so falsch erscheinen sie, wenn es um die Natur, uns Menschen oder unsere kulturellen und sozialen Institutionen geht.“ (von Schirach 2014, S.15)

Durchdringen die monetären Systemimperative der Ökonomie auch unsere privatesten und intimsten Lebensverhältnisse, so von Schirach, „verschwinden die Liebe und Achtsamkeit des Gebens“. (Vgl. von Schirach 2014, S.14) Mit der „Liebe und Achtsamkeit des Gebens“ stellt von Schirach das Wortfeld der „Gabe“ gegen das von „Preis“ und „Geld“. Wo wir immer noch vom ‚Menschen‘ sprechen, auch gegen Kittlers verächtlichem Beharren darauf, daß wir es immer nur mit ‚Leuten‘ zu tun haben, schwingt in diesem Wort ein Humanum mit, das der Begründung nicht bedarf und sich jeder preislichen Relativierung entzieht: Würde. –  Würde ist „gegeben“, eine Gabe, die „nicht errungen werden (kann). Deshalb ist sie unverlierbar. Eine Zeit, die den Wert eines Menschen mit seiner Leistungskraft gleichsetzt, ist eine würdelose Zeit.“ (Vgl. von Schirach 2014, S.75)

Die Frage, so von Schirach, „wofür es sich zu leben lohnt“, ist deshalb keine Frage, die kalkuliert werden kann. Sie bezieht sich auch auf kein Kapital, das vermehrt werden könnte. Trotz aller transatlantischen Freihandelsabkommen, die auch Kultur und Bildung zu umfassen beanspruchen: die Lebensqualität schlägt nicht in Quantität um, weil sie keine Ware ist. Die „einfache Antwort“ auf die Frage nach dem Wofür des Lebens lautet: „für das Leben.“ (Vgl. von Schirach 2014, S.179) Das entspricht der Einsicht von Hans Blumenberg: „(D)es Grundes nicht zu bedürfen, ist die Genauigkeit des Lebens selbst.“ (Höhlenausgänge (1989), S.168)

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Kommentare:

  1. Ein einzigartiges Buch, welches mit Kurzgeschichten wunderbar zum Nachdenken anregt

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  2. Ein schönes Buch voll Weisheit in wunderbaren Geschichten verpackt....

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  3. Ein Buch, dass sein Geld auf jeden Fall wert ist...

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