„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 29. Juli 2013

Edith Stein, Der Aufbau der menschlichen Person. Vorlesung zur philosophischen Anthropologie, in: Edith Stein Gesamtausgabe, hrsg.v. Internationales Edith-Stein-Institut Würzburg, Bd.14: Sachschriften zur Anthropologie und Pädagogik 2, Freiburg/Basel/Wien 2/2010 (1932/33)

1. Christliche Anthropologie
2. Interdisziplinarität
3. Embryogenese als Beispiel einer teleologischen Entwicklungsdynamik
4. Geist und Kraft
5. Expressivität und Exzentrizität

Den menschlichen Geist beschreibt Edith Stein nicht in Abhängigkeit von der menschlichen Anatomie, wie Helmut Plessner (vgl. meine Posts vom 21.06. bis 15.07.2010 und vom 21.10. bis 08.12.2010) und André Leroi-Gourhan (vgl. meine Posts vom 01.03. bis 08.03.2013), sondern aus der exklusiven, über das katholische Glaubensbekenntnis vermittelten Kenntnis der Trinitarität. (Vgl. Stein 2/2010, S.9) Der Fülle an diffizilen, logischen Bestimmungen des göttlichen Geistes, die die Scholastik aus dem Axiom der Trinitarität – gewissermaßen ‚more geometrico‘ – abgeleitet hat, entnimmt Edith Stein Hinweise auf die Verfassung des menschlichen Geistes: „Im strengen Sinn ist ... nur Gott reiner Geist. Darum ist an ihm das Wesen des Geistes am reinsten zu erfassen und alles andere geistige Sein vom göttlichen Sein her zu begreifen.“ (Stein 2/2010, S.101)

Von der Autorität dieser Quelle getragen weiß Edith Stein zu berichten, daß es drei verschiedene Ebenen des Geistes gibt: den menschlichen Geist, die Engel und Dämonen und Gott als den einzigen reinen Geist. Gott ist als reiner Geist:
„... unendlich, nicht in Grenzen des Seins eingeschlossen und in diesem Sinn unfixiert: Er ist nicht eine begrenzte Substanz, die etwas ist und anderes nicht ist; nichts positiv Seiendes ist von ihm auszuschließen. Er ist ferner unfixiert, sofern alles, was er ist, aktuell ist; es ist nicht in ihm in ‚gebundener Form‘, d.h. in Form von Potenzen, die nur unter bestimmten Umständen in aktuelles Sein übergehen. (Er ist ‚actus purus‘().) Diese reine Aktualität ist zugleich ein Ausgehen von sich selbst, wie es vorhin genannt wurde: Gottes Sein ist ein dauerndes Sichverströmen. Hier kommen wir aber zu dem Punkt, von dem aus eine falsche Auffassung der Unfixiertheit auszuschließen ist: Das Ausgehen von sich selbst ist kein Sichselbstverlassen, das Sichverströmen kein Sichverlieren. Gott bleibt bei sich, indem er von sich ausgeht. Er bewahrt sich, indem er sich verströmt. ... Dieses Sichbewahren ist einmal ein intellektuelles Sichbesitzen, sich ganz und gar erkenntnism äßig durchmessen haben (ohne daß ein .Durchmessen. als zeitlicher Prozeß stattgefunden hätte), sich durch und durch kennen, für sich ganz durchsichtig sein, sich ganz und gar in der Hand haben und im Sein bejahen. Gottes Geist ist Intellekt und Wille: sich selbst erkennender Intellekt, sich selbst wollen der Wille, beides nicht getrennt, sondern in dem einen Geistwesen beschlossen. ...“ (Stein 2/2010, S.101)
Die Darstellung der verschiedenen Bestimmungen des göttlichen Geistes geht noch weiter. Ich habe lediglich einen recht umfangreichen Bruchteil davon zitiert, um einen Eindruck davon zu vermitteln, was man alles wissen kann, wenn man sich auf die Autorität eines „überlegenen Geist(es)“ berufen kann. (Vgl. Stein 2/2010, S.160)

Es ist jedenfalls interessant, was Edith Stein aus diesen Vorgaben der Scholastik macht. So differenziert sie z.B. zwischen dem menschlichem Geist und den Engeln dahingehend, daß Engel (und Dämonen) ihre Lebenskraft nicht verbrauchen. Gebunden an den menschlichen Leib ist die Lebenskraft des Menschen begrenzt. Er muß mit seiner Lebenskraft haushalten, wenn er sie nicht vor der Zeit verbrauchen will. (Vgl. Stein 2/2010, S.107ff.) Dennoch sind Engel und Dämonen keine reinen Geister. Auch sie sind an Materie gebunden; aber ihre Materie ist von anderer Art.

Edith Stein differenziert zwischen „Stoff“ und „Kraft“ (vgl. Stein 2/2010, S.116), was an die physikalische Differenzierung zwischen ‚Materie‘ und ‚Energie‘ erinnert: „Ich sprach davon, daß die körperlosen Geister als geschaffene, endliche Wesen einer ‚Materie‘ bedürfen, die als Quantum zu begrenzen sei, und ich bezeichnete diese Materie als ‚geistige Kraft‘. Wenn man von ‚höheren‘ und ‚niederen‘ Geistern spricht, denen man eine verschiedene, und zwar wiederum höhere und niedere Erkenntnisweise zuschreibt, so muß es sich dabei nicht nur um etwas qualitativ Einzigartiges und darum Unvergleichliches handeln, sondern um vergleichbare Intensitätsgrade.“ (Stein 2/2010, S.107)

Geister wie Engel und Dämonen kennen zwar keine ‚Entwicklung‘ wie der menschliche Geist, weil bei ihnen alles Aktualität und nichts nur Potenz ist, aber sie können höhere Seinsstufen bzw. höhere Aktualitätsstufen erreichen. (Vgl. Stein 2/2010, S.103) Diese Fähigkeit zur „Seinssteigerung“ hat Edith Stein zufolge auch der Mensch. (Vgl. Stein 2/2010, S.108f.)

Diese Seinssteigerung besteht darin, daß der menschliche Geist, ähnlich wie die Engel und Dämonen, die Fähigkeit besitzt, andere Kraftquellen wie etwa andere Menschen oder positive gesellschaftliche Institutionen als „Reich der positiven Werte“ (Stein 2/2010, S.113) in sich aufzunehmen. (Vgl. Stein 2/2010) Anders als feste, dingliche „Stoffe“, die immer eindeutige, unaustauschbare Raum-Zeit-Koordinaten einnehmen, kann der menschliche Geist sich von einem anderen Geist durchdringen lassen. (Vgl. Stein 2/2010, S.100, 102f., 112) Das führt zu der erwähnten Seinssteigerung.

Spätestens hier wird man bei der Beschreibung der Kraft als nach Quantum und Intensitätsgrad differenzierbare Größe, mit ihrer Nicht-Fixiertheit und ihrem Nicht-Gebunden-Sein an materiellen Körpern an den physikalischen Feldbegriff erinnert und darüber hinaus auch an Sheldrakes morphogenetische Felder, die gewissermaßen in der spiritistischen Tradition der Scholastik stehen. (Vgl. meinen Post vom 01.02.2013) Auch bei Sheldrake ist – ähnlich wie im folgenden Zitat von Edith Stein – von einer kosmischen Wechselwirkung der morphogenetischen Felder die Rede:
„Physische Kraft ist Potenz, die in Bewegungen aktualisiert wird. In den Bewegungen ist sie geformt, d.h. bestimmt qualifiziert. Aber auch die ‚gebundene Potenz‘ ist nicht völlig formlos, sie kann nicht in beliebigen Bewegungen aktualisiert werden, sondern grenzt einen Bereich von Möglichkeiten ab. Die Kraft, die einem stofflichen Gebilde innewohnt, gehört zu seinem Gesamtgefüge und entspricht seinem Sinn: Daß es so oder so sich auswirken kann, damit hängt seine Rolle im Kosmos zusammen. ... sie (die materiellen Dinge – DZ) stehen in Symbol- und Zweckbeziehungen zu Personal-Geistigem und sind in dieser Symbol- und Zweckhaftigkeit dem Menschengeist zugänglich.“ (Stein 2/2010, S.118)
Wenn die materiellen Dinge und mit ihnen der Kosmos einen Symbol- und Zweckzusammenhang bilden, dann entspricht Edith Steins Verbindung von Materie und Geist im Kraftbegriff den Effekten, die Sheldrake den morphogenetischen Feldern zuspricht, die er als eine von Materie unabhängige Gedächtnisform beschreibt, in der individuelle Lebenserfahrungen mittels „Resonanz“ (also wechselseitiger Durchdringung) über den körperlichen Verfall hinaus bewahrt und weitergegeben werden können.

Letztlich kann man festhalten, daß wir es hier wieder mit einem der vielen Monismen zu tun haben, wie sie Marcus Knaup beschrieben hat. (Vgl. meinen Post vom 14.07.2013) Wir können sowohl bei Sheldrake als auch bei Stein von einem spirituellen Monismus sprechen. Denn auch der Sheldrakesche Feldbegriff stellt letztlich nur eine physikalische Transformation des Geistes dar. Der sicher nicht geringfügige Unterschied besteht darin, daß sich Sheldrake für seine morphogenetischen Felder nicht auf eine göttliche Offenbarung beruft.

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