„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Freitag, 7. September 2012

Bernhard Pörksen/Hanne Detel, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, Köln 2012

1.    Gegenstand und Methode
2.    Simulation und Evidenz
3.    Kollaps der Kontexte
4.    Lebenswelt: Grenzen der Digitalisierung

Die zentraleThese der Untersuchung von Bernhard Pörksen und Hanne Detel besteht in der Diagnose des durch die Digitalisierung verursachten allgemeinen Kontrollverlustes. Damit berühren Pörksen/Detel eine anthropologische Thematik, die ich in diesem Blog mehrfach unter dem Stichwort der ‚Rekursivität‘ diskutiert habe. (Vgl.u.a. meine Posts vom 07.06.2012 und vom 14.04.2012) Mit Rekursivität ist – um mit Blumenberg zu sprechen – eine Art „Zwiebelschalenuniversum“ („Höhlenausgänge“ (1989), S.708) gemeint, in dem sich Zwiebelschalen wie Sphären um einen nicht vorhandenen Kern wölben. Diese Sphären bilden rekursiv aufeinander bezogene, auch die unterbewußten Ebenen umfassende Bewußtseinsschichten, deren Gesamtdynamik sich dem Kontext bzw. der Situation, in der wir uns befinden, anpaßt.

Aufgrund des Fehlens eines inneren Kerns ist diese Sphärendynamik instabil. Sie droht jederzeit abzustürzen, was einem unendlichen Regreß entsprechen würde: unendlich, weil unbeendbar; unbeendbar, weil unkontrollierbar. Woher kommt also die Kontrolle, die die Sphärendynamik stabil hält? Zunächst einmal besteht sie in dem ‚Ich denke‘ bzw. in dem ‚Ich fühle‘, das die bewußten Zustände der Sphärendynamik begleitet. Eine weitere Kontrollebene eröffnet sich in der zwischenmenschlichen Kommunikation über die kommunikative Absicht, die den Bezug zum alter ego, zum Anderen wie Ich, ermöglicht und aufrechterhält.

Für die unterbewußten Zustände der Sphärendynamik bedarf es weiterer Kontrollinstanzen. Eine besteht in der durch Erziehung und Bildung erworbenen ‚Haltung‘, die genau das gewährleistet, was das Wort sagt: uns im primordialen und im zwischenmenschlichen Raum zu ‚halten‘, also zu stabilisieren. Darüberhinaus begründet die Haltung unsere Praxistauglichkeit. Sie befähigt uns zum Handeln, indem sie die bewußten und unterbewußten Momente des Handelns koordiniert. Eine weitere Kontrollinstanz bildet die Realität, die Außenwelt. Georg Northoff beschreibt mithilfe seiner These von der Umwelt-Gehirneinheit, wie das funktionierende Gehirn den Bezug zur Außenwelt braucht, um seine nervösen Funktionen stabil zu halten. (Vgl. meinen Post vom 29.07.2012)

Zusammengefaßt kann man also sagen: wir funktionieren nur, wenn wir uns in stabilen Kontexten bewegen. Stabile Kontexte bei Menschen bestehen aber in ihrer leiblichen Konstitution und in sozialen Nähebeziehungen. Nur diese beiden Faktoren gewährleisten, daß wir nicht – im wahrsten Sinne des Wortes – das Bewußtsein verlieren, was entweder beim Verlust des Körpers den Tod oder bei der digitalen Entgrenzung von Nähebeziehungen die individuelle Auflösung im kybernetischen Schwarm bedeutet. Ich betone noch einmal das Wort ‚Schwarm‘; denn das Wort ‚Netzwerk‘ würde die hier gemeinte existentielle Dramatik nur verharmlosen. So verwandeln sich dann in der sozialen Nahwelt sich angepaßt verhaltende, sympathische Einzelne im Internet in rücksichtlose, wütende Agenten eines Cybermobs. Wenn die realen Kontexte kollabieren, emergiert der Schwarm. (Vgl. meinen Post vom 16.08.2011)

Als Ursachen eines solchen Kontrollverlustes benennen Pörksen/Detel allererst die „Digitalisierung von Dokumenten/Materialien“, deren Möglichkeiten hinsichtlich der Datenspeicherung, des Datentransfers und der Datenverknüpfung den Zugriff für jedermann extrem erleichtern. „Ursprüngliche Äußerungskontext(e)“ können „aufgesprengt, verschoben, verändert“ werden: „die Folge derartiger Kontextverletzungen: Äußerungen und Handlungen werden skandalisierbar.“ (Vgl. hierzu und die folgenden Zitate: Pörksen/Detel 2012, S.237)

Als weitere Ursachen des Kontrollverlustes zählen Pörksen/Detel das allgemeine Fehlen von Medienkompetenz, den Geltungsdrang, die Nachlässigkeit, den Geheimnisverrat, Datendiebstahl und die öffentliche Bloßstellung auf.

Die zum Kontrollverlust führenden Kontextverletzungen beschreiben Pörksen/Detel als entgrenzende Globalisierung von bislang geschützten „Informationsräume(n)“ und als Auflösung des Zeitflusses in einer dauerhaften Gegenwart (vgl. hierzu auch meine Posts zu Mayer-Schönberger). Das Publikum wird so zum „potenziellen Weltpublikum“. Durch Digitalisierung wird die Grenze von Intimität und Privatheit aufgehoben. Kulturell bedingte Wertdifferenzen prallen im entgrenzten digitalen Raum aufeinander und führen zu völlig disparaten Empörungsdynamiken. Wenn man von einem „clash of civilizations“ sprechen kann: hier findet er statt!

Schließlich verweisen Pörksen/Detel noch auf den ungewissen Modus digitaler Medien: wir haben es hier mit einer eigenartigen Form von Mündlichkeit zu tun, die in der ganzen bisherigen Menschheitsgeschichte vor allem durch die Flüchtigkeit des Mediums gekennzeichnet gewesen war. „Flatus vocis“, hatte es einmal geheißen: die Stimme ist nur ein Hauch und genauso unbeständig. Jetzt haben wir es aber mit einer Mündlichkeit zu tun, die ihre digitalen Spuren hinterläßt, so daß jedes leichtfertig ausgesprochene Wort jederzeit wieder abgerufen werden kann, um jemanden darauf festzunageln. Nicht länger gilt jener Politikerspruch: Was schert mich mein Wort von gestern?

Alle diese von Pörksen/Detel zusammengetragenen Befunde scheinen mir deutlich genug darauf hinzuweisen, daß wir es bei den digitalen Medien nicht einfach nur mit einem verwendungsneutralen Werkzeug zu tun haben, sondern daß es der größten Aufmerksamkeit darauf bedarf, wie die Digitalisierung unsere Menschlichkeit verändert.

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